Francos Erinnerungspolitik

Dieses Thema im Forum "Sonstiges in der Neuzeit" wurde erstellt von iamNex, 20. Februar 2012.

  1. iamNex

    iamNex Aktives Mitglied

    Vom Thema Franco komm ich irgendwie nicht mehr los..
    Ein autoritäres Regime, in Phasen faschistoid, für fast 40 Jahre bestehend. Im Gegensatz zu vielen anderen autoritären, faschistoiden oder totalitären Regimen speiste sich Francos Macht bzw. Legitimation fast ausschließlich aus dem Sieg im Spanischen Bürgerkrieg.
    Ohne Bürgerkrieg kein Franco.
    Und so blieb der Bürgerkrieg im Grunde während der gesamten franquistischen Periode der zentrale Bezugspunkt des "Neuen Staates".
    Aber wie wurde sich von offzieller Seite erinnert, um eben jene Legitimation auch in die Öffentlichkeit zu tragen?*

    Während des Krieges in den eroberten Gebieten, nach dem Krieg in ganz Spanien folgten massive Repressionen gegen die Anhänger der Republik (ich vereinfache in diesem Fall: "Republikaner" meint hier Republikaner, Sozialisten, Kommunisten, Anarchisten, etc.)
    Es kam zu Massenverhaftungen, Erschießungen und es entstanden schnell Internierungslager bzw. Konzentrationslager. Hier herrschte Hunger, Demütigung und Misshandlung. Es kam zu abertausenden Todesurteilen.
    Aber auch nach einer möglichen Haftentlassung bestanden Schikanen fort. In vielen Fällen erfolgte die Vergabe von Arbeitsplätzen danach, auf welcher Seite man im Bürgerkrieg gestanden hatte.
    Insgesamt kam es also zu einer Aufteilung der spanischen Gesellschaft in Sieger und Besiegte. In Francos Jagon: Glorreiches Nationalspanien vs "Anti-Spanien"

    Wichtig für die spanische Erinnerungskultur bzw. -politik ist also, dass es nun kein System gab, in dem eine objektive wissenschaftliche Aufarbeitung des Bürgerkriegs möglich gewesen wäre. Anstattdessen herrschten Zensur und eine von oben aufoktroyierte Geschichtspolitik. Die einzige offizielle Erinnerung war die der Sieger. So wurde der Bürgerkrieg zum Ursprungsmythos des Regimes.

    Kreuzzugsmotiv
    Die meisten der katholischen Bischöfe unterstützten bereits 1936 Franco und einige segneten den Bürgerkrieg sogar als "Kreuzzug", womit es zu einer Sakralisierung des Konfliktes kam. Der Bischof von Salamanca beschrieb den Krieg 1936 als "Kreuzzug für Religion, das Vaterland und die christliche Zivilisation."
    Die nationalistischen Aufständischen unter Franco sahen die gottgewollte Ordnung in Spanien gefährdet und wollten diese unbedingt wieder herstellen, in dem sie die, wie sie es empfanden, "unchristlichen" und "unspanischen" Teile aus der Gesellschaft entfernten.
    Somit tauchen in der offiziellen Erinnerungspolitik an den Bürgerkrieg häufig Bezeichniungen wie cruzada (Kreuzzug), guerra de liberacion (Befreiungskrieg) oder sogar neue Reconquista auf.

    Märtyrer und Helden
    Dieses religiöse Motiv wurde auch dahingehend weitergeführt, dass man die für Franco gefallenen Soldaten nun konsequent als Märtyrer bzw. Helden verehrte. So ordnete die neue Regierung an, dass an allen Kirchen des Landes Tafeln angebracht werden sollten, auf welchen die Namen aller nationalistischen Gefallenen standen. Hinter den Namen stand der Schriftzug "Presentes!" Des weiteren kam es zu staatlich initiierten Prozessionen und Gedenkfeiern sowie du Exhumierungen und feierlichen Bestattungen.
    Spektakulär war hier vor allem die Exhumierung des Leichnams von Jose Antonio Primo de Rivera, dem 1936 von Republikanern hingerichteten Gründer der Falange-Partei. Um Primo de Rivera wurde von Anfang an ein rießiger Personen- und Totenkult aufgebaut.

    Zeitliche Erinnerungspolitik
    Die Franquisten schufen einen neuen Festtagskalender, dessen Feiertage sich fast ausschließlich am Bürgerkrieg bzw. an den Siegern orientierte. So wurde 1936 zum "Ersten Triumphjahr" und 1939 zum "Siegesjahr".
    Jährlich wurde der 1. April als "Tag des Sieges" mit einer großen Militärparade gefeiert, Beispiele für solche Feiertage gibt es viele. So z.B. den Día del Caudillo, Día de la Raza, etc.

    Räumliche Erinnerungspolitik
    Ähnlich verfuhr man im "Neuen Staat" mit dem öffentlichen Raum bzw. mit Orten. Konsequenz änderte man die Namen von Straßen, Institutionen, Gebäuden, etc. und versah sieh mit Assoziationen zum Krieg und zu den Franquisten.
    So wurde z.B. der "Paseo de la Isla" in Burgos zur "Avenida gel Generalísimo" oder die "Calle del Progreso" zur "Calle General Mola"
    Aber auch ganze Ortsnamen wurden verändert, meist durch ein Suffix. So hieß Alcocero fortan "Alcocero" de Mola oder Francos Geburstort Ferrol wurde als "Ferrol del Caudillo" bezeichnet.

    Wichtig für die franquistische Erinnerungspolitik waren vor allem entsprechende Gedächtnisorte, wobei hier vor allem drei Beispiele hervorstechen. Einerseits das Ruinendort Belchite, welches im Bürgerkrieg von republikanischen Truppen belagert und zerstört wurde. Franco ordnete nach dem Krieg an, dass man die Ruinen genau so stehen lassen sollte, damit Belchite zum "nationalen Denkmal" werden sollte, das an die Grausamkeit der "roten Horden" erinnern sollte.
    Noch bekannter ist wohl der Alcázar von Toledo, dessen erfolgreiche Verteidigung durch Franquisten gegen die republikanische Armee zu einem zentralen Mythos in Francos "Neuem Spanien" wurde. Neben der Grausamkeit der "Roten" sollte der Mythos auch wieder dem religiösen Motiv dienen, indem er die "helfende Hand" Gottes nachweisen sollte. Nach dem Alcázar wurden in Spanien viele Straßen, Plätze, Schulen und sogar Kinos, Militäreinheiten und eine Zeitung benannt.

    Der aber wohl wichtigste Gedächtnisort Franco-Spaniens ist/war das Valle de los Caídos (Tal der Gefallenen) in der Sierra de Guadarrama. An der Planung des riesigen Denkmals war Franco persönlich sehr aktiv beteiligt. Er wollte ein Denkmal, dass von allen Seiten aus sichtbar sein sollte und somit die Größe und Ehre seines neuen Staates verdeutlichen sollte. Die erdrückende Größe des Komplexes (allein das Kreuz ist142 m hoch und 58 m breit) hatte noch eine weitere Aussage: "Widerstand ist zwecklos".
    Aus Mangel an Arbeitskräften setzte man Zwangsarbeiter der republikanischen Seite ein, die hier ihre "Sünden" abarbeiten konnten.
    Im Valle wollte man die im Bürgerkrieg für Franco gefallenen Soldaten bestatten, so ist hier auch das Grab José Antonio Primo de Riveras.
    In diesem Komplex wird die Verbindung von militärischen und religiösen Aspekten wieder sehr deutlich, so befinden sich innerhalb der Basilika Wandmalereien von Heiligenbildern (u.a. Die Heiligen von Heer, Marine und Luftwaffe) neben Malereien von nationalistischen Soldaten.
    Eingeweiht wurde das Valle de los Caidos am 1. April (Dia de la Victoria) 1959.

    Literatur
    Schon während des Bürgerkrieges, aber auch danach entstand eine Reihe von Literatur, die vornehmlich darauf abziehlte, den Krieg und das Regime zu rechtfertigen und zu verherrlichen. Hier dominierten vor allem affirmative Frontromane, wie etwa “Checas de Madrid” von Tomás Borrás oder “Se ha ocupado el kilómetro seis” von Cecilio Benitez de Castro.
    Die Motive waren meist die selben: Ästhetisierung von Krieg und Gewalt, Dämonisierung der republikanischen Seite und das omnipräsente Kreuzzugs- und Märtyrermotiv.
    Oftmals taucht aber auch die Botschaft auf, dass wenn die Besiegten sich ihre Sünde eingestehen würden und sich Franco anschließen würden, man ihnen verzeihen würde.

    Film
    Wie in der Literatur dominierten auch in Film und Kino affirmative Werke mit ähnlichen Motiven wie in den Frontromanen. Eines der hier wichtigsten Propagandainstrumente waren die "NO-DOs" (Noticarios y Documentales), die staatliche Wochenschau. Diese musste in jedem Kino vor Spielfilmen gezeigt werden und trug die Motive somit in breite Teile der Bevölkerung. Gerade in Zeiten, in der die meisten Haushalte keinen Fernseher hatten und die Analphabetenquote in Spanien noch groß war.
    In den Kinos selbst wurden des Öfteren dann aber apolitische Filme gezeigt, mit einfachen, sentimentalen Handlungen. Dies lässt sich eventuell vergleichen mit dem "Boom" von Heimatfilmen in Deutschland und Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg.

    Interessant ist dann noch ein Film namens "Raza" (Rasse) aus dem Jahr 1942. Das Drehbuch stammt von einem Jaime de Andrade, was jedoch nur ein Pseudonym für Franco selbst war. Der Plot des Filmes, die Einzweihung zweier politisch entgegensetzt denkenden Brüder durch den Bürgerkrieg ist relativ simpel. Am Ende sieht der republikanische Bruder seine Sünden ein und läuft über. Nach der Wegorientierung vom Faschismus wurde der Film nochmal überarbeitet, in der zweiten Fassung (Espiritu de una Raza) fehlen viele faschistische Symbole und auch das Amerika-Bashing der ersten Fassung fehlt.

    Personenkult um Franco
    Auch viele Aspekte des Personenkults um den Diktator nahmen Bezug auf den Bürgerkrieg. So wurden im ganzen Land eine Reihe von Reiterstandbildern Francos errichtet, teils mit der Aufschrift "Por la Cruz y por la espada" (Durch das Kreuz und durch das Schwert). Es gibt sogar ein Plakat, das Franco in Kreuzritter-Uniform zeigt, wie über ihm der Heilige Jacobus wacht. (http://wa2.www.artehistoria.jcyl.es/histesp/jpg/HIA19462.jpg)
    Neben der Bezeichnung "Caudillo" (Führer) existierten für Franco auch Bezeichnungen, wie etwa "hijo predilecto de Dios" ("Gottessohn"). Das Franco sich von Gott berechtigt und eingesetzt sah bzw. sehen wollte, wird auch an dieser Münze deutlich: "Francisco Franco. Caudillo de Espana por la G. De Dios"

    http://upload.wikimedia.org/wikipedia/en/1/16/Spanish_peseta_coin_with_Franco_1963.gif

    In ihrem Buch "Kampf der Erinnerungen" (empfehle ich unbedingt zu lesen!) schreiben Bernecker und Brinkmann: „Mit tatkräftiger Unterstützung der Kirche glaubte er schließlich wohl selbst daran, der gottgewollte Retter Spaniens und würdige Nachfolger der Katholischen Könige und Kaiser Karls V. zu sein.“

    Erinnerungspolitik im Spätfranquismus
    Ein langsamer Wandel des Bürgerkriegsbildes begann bereits in den 1950er Jahren, als vor allem im Kreis der Studenten die Idee immer beliebter wurde, sich als bürgerkriegsfremde Generation zu sehen. Vor dem Hintergrund eines wirtschaftlichen Aufschwungs (und später auch wegen den Ergebnissen des 2. Vatikanischen Konzils) kam es dann zu einer "erneuerten" Erinnerungspolitik Anfang der 1960er Jahre. Durch den wirtschaftlichen Erfolg konnte das Regime seine Legitimationsquelle reformieren. Der erreichte materielle Wohlstand sowie der lange Frieden galten nun als Hauptquelle für Francos Machtstellung.
    Statt "Sieg" sprach die staatliche Propaganda nun deshalb immer öfter von "Frieden", der Krieg wurde häufiger als gesellschaftliche Katastrophe oder Bruderkrieg angesehen, als als Kreuzzug.
    Dies wird besonders deutlich im Jahr 1964, dass anstatt als 25. Siegesjahr als 25. Friedensjahr gefeiert wurde, so hieß die alljährliche Militärparade in diesem Jahr auch "Friedensparade".
    Während frühere Briefmarkenserien bewaffnete Engel, den Alcazar, etc. Zeigten, kam 1964 eine neue Serie auf den Markt, die vor allem Motive aus Sport, Bauwesen, Landwirtschaft, etc. Abbildete. Außerdem das Bild des Diktators mit dem Titel „Franco, creador de la paz“ (Franco, Schöpfer des Friedens).
    In diese Zeit fallen auch erste Texte und Dokumentationen, die den Hauch von Objektivität besitzen und von Bürgerkrieg anstatt von "Kreuzzug" sprechen
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. Februar 2012
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  2. iamNex

    iamNex Aktives Mitglied

    Trotzdem benutzte das Regime die gelenkte Erinnerung nach wie vor für sich und von einer eindeutigen Neuausrichtung kann man meiner Meinung nach nicht sprechen. Nach wie vor galten die "roten Horden" als Ursprung des Übels und Franco hatte wohl bis zu seinem Tod kein ernstahftes Interesse, seine Erinnerung an den Bürgerkrieg aufzugeben.

    Das Gedächtnis der Verlierer?
    Bei diesen ganzen Punkten der offiziellen Erinnerungspolitik bleibt das "Gedächtnis der Verlierer" bisher noch aus. Gerade diesen Punkt finde ich sehr interessant. Offiziell und öffentlich konnten die Besiegten ihre Form der Erinnerung an den Bürgekrieg natürlich nicht machen. Man sah sich gezwungen, sich der offiziellen Version unterzuordnen.
    Der spanische Historiker Carles Santacana beispielsweise schildert seine Kindheit folgendermaßen:
    Jedes Mal, wenn man danach fragte, was vor jenem Datum passiert war, legten die Erwachsenen ihren Zeigefinger auf die Lippen und blickten sich nach allen Seiten um. Wir waren Leute ohne Vergangenheit, ohne Erinnerung.“

    Anhaltspunkte der "Erinnerung der Besiegten" sind meiner Meinung nach aber die Werke der Literaten, die in den internationalen Brigaden gekämpft hatten. So etwa Hemingways "Wem die Stunde schlägt" oder George Orwells "Mein Katalonien".
    Auch Picassos "Guernica" von 1937 würde ich dazu zählen.
    __________

    Irgendwie fasziniert mich das Thema. Vielleicht könnt ihr ja gerade zum Punkt "Gedächtnis der Verlierer" noch etwas beitragen, da die Beleuchtung dieses Aspektes mMn häufig eher mager ausfällt.
    Interessant finde ich, dass Franco wohl bis zum Ende nicht bereit war, die gesellschaftlichen Wunden des Bürgerkrieges konsequent zu schließen.
    Man hätte ja Propagandakationen wie 1964 bereits früher starten können.
    Hätte eine solche "Amnestie" eine Stärkung oder eine Schwächung des Systems bedeutet?

    __
    _______
    [FONT=Times New Roman, serif]*stark gekürzte, ausformulierte Version eines Referats, an dem ich vor ein paar Monaten gearbeitet habe.[/FONT]

    [FONT=Times New Roman, serif]Literatur und Quellen:[/FONT]

    [FONT=Times New Roman, serif]Anderson, Peter: [/FONT][FONT=Times New Roman, serif]I[/FONT][FONT=Times New Roman, serif]n the Name of the [/FONT][FONT=Times New Roman, serif]Martyrs[/FONT][FONT=Times New Roman, serif]. Memory and Retribution in Francoist Southern Spain, 1936-45. In: [/FONT][FONT=Times New Roman, serif]Cultural and Social History 3 (2011), S. 355-370.[/FONT]

    [FONT=Times New Roman, serif]Besier, Gerhard: Das Europa der Diktaturen. Eine neue Geschichte des 20. Jahrhunderts. München 2006.[/FONT]

    [FONT=Times New Roman, serif]Bernecker, Walther L. und Brinkmann, Sören: Kampf der Erinnerungen. Der Spanische Bürgerkrieg in Politik und Gesellschaft. 1936-2008. 4., erw. und überarb. Aufl. Nettersheim 2008.[/FONT]

    [FONT=Times New Roman, serif]Collado Seidel, Carlos: Der Spanische Bürgerkrieg. Geschichte eines europäischen Konflikts. 2., durchges. und aktualisierte Aufl. München 2010.[/FONT]

    [FONT=Times New Roman, serif]Schauff, Frank: Der Spanische Bürgerkrieg. Göttingen 2006.[/FONT]

    [FONT=Times New Roman, serif]Sondergeld, Birgit: Spanische Erinnerungskultur. Die Assmann’sche Theorie des kulturellen Gedächtnisses und der Bürgerkrieg 1936-1939. Wiesbaden 2010.[/FONT]
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. Februar 2012
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  3. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Interessante Beiträge!

    Hier spielt mE eine Überlagerung des Spanischen Bürgerkriegs durch den Zweiten Weltkrieg eine Rolle. Diese Einstellungen, Perzeptionen des Ablaufs des Zweiten Weltkrieges, aus dem sich Spanien weitgehend heraushalten konnte, wurden weiter durch den beginnenden Kalten Krieg zementiert.

    Franco verhielt sich diesbezüglich nicht anders als die spanische Katholische Kirche. Das gilt für die "Verlierer", für die angeblichen Bedrohungen Spaniens, für die "Rote Gefahr", für viele Jahre nach 1945. Vielleicht ist das hier für Dich ganz interessant:
    Adelaide Research and Scholarship: War, politics and morality : the Spanish Catholic church and World War II.
    Varley, Gerald: War, politics and morality : the Spanish Catholic church and World War II, 2009.

    Picassos "Guernica" wurde durch die Ereignisse des 2. WK wesentlich verstärkt, internationalisiert, ist mehr prophetisch als ein Erinnerungsstück der Verlierer. Aber auch das mag bei rein spanischer Betrachtung eine andere Wertung erfahren haben.
     
  4. iamNex

    iamNex Aktives Mitglied

    An diesen Punkt hatte ich noch gar nicht so gedacht. Aber macht eigentlich Sinn. Durch die "Neutralität" Spaniens konnte Franco sich als jemand stilisieren, der kein Kriegstreiber war, sondern wirklich als Person, deren einzige Aufgabe es war, Spanien vor der "roten Bedrohung" zu schützen. Der Bürgerkrieg erscheint somit noch mehr als Notwendigkeit, quasi nach dem Prinzip: "Aus dem Weltkrieg hat Franco sich rausgehalten, das zeigt ja, dass er den Bürgerkrieg auch nicht gewollt hat."
     
    Zuletzt bearbeitet: 22. Februar 2012
  5. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Das ist ein Aspekt.

    Zudem sollte man die franco-spanische Perzeption des Weltkrieges, auch unter der Propaganda der Achsenmächte berücksichtigen.

    Der Weltkrieg zeigte in diesem Blickwinkel das Ergebnis: "seht dort, wie sich die 'rote Gefahr' bestätigt!" Die dann die Wehrmacht besiegte, den Balkan überzog und nach Berlin und an die Elbe vorrückte.
     
  6. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    @Nex

    Wirklich klasse Beiträge.

    Ich habe von spanischer Geschichte keine Ahnung, aber ich erlaube mir in Ergänzung zu silesias Hinweis, Überdeckung der Stabilisierungsphase der Diktatur Francos durch den II. WK, noch nachstehende Anregungen zur Überlegung.

    Was interessierte die kriegsführenden Mächte nach dem 1. bzw. 3. September an Spanien?

    - Tritt Spanien an der Seite der Achsenmächte in den Krieg ein oder nicht?
    - Gibraltar.
    - Wie lange war Spanien neutral oder wurde es wieder im Verlauf des Krieges, in welcher Phase des Krieges war es "nichtkriegsführend"? => "Blaue Division" z.B.

    Legitimation.

    - Konservativ, klar, antikommunistisch und katholisch motiviert; totalitäre Ansätze gab es auch, warum wurden die von Franco nicht mit Verve von ihm durchgesetzt?
    - Individuelle monarchistische Grundüberzeugung, wurzelnd im 19. Jh?
    - Antimodernismus?

    Erinnerungskultur.

    - Valle de los Caidos, nur Symbol oder auch Ausdruck innerster Überzeugung von Franco?
    - Personelle Kontinuitäten, nach dem Ende der Diktatur.
    - Gleichsame "Überdeckung" der Franco-Diktatur durch den Kalten Krieg.

    Nur so, als fernes Brainstorming.


    M.
     
  7. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    @ iamNex
    klasse Beiträge!

    Dass Franco seine Prinzipien nicht aufgab, ist - innerhalb seiner Denkstruktur - nachvollziahbar. Er hatte sich mit der Legende von den "roten Horden" jahrzehntelang an der Macht gehalten und konnte - verstärkt nach 1945 - stets auf den kommunistischen Ostblock verweisen, um antikommunistische Affekte zu instrumentalisieren, was zugleich antidemokratische Maßnahmen legalisieren sollte, die angeblich zum "Schutz" der spanischen Bevölkerung ergriffen werden mussten. Dass die katholische Kirche in Spanien ihn dabei unterstützte oder das Regime sprachlos duldete, ist mir unbegreiflich.

    Ein anderer Faktor ist die Erstarrung des autoritären francistischen Regimes, das nicht zuletzt auf die Ergreisung Francos zurückzuführen ist, der keine Neuerungen mehr durchsetzen wollte und um sein "Lebenswerk" besorgt war. Warum er allerdings gerade in der Monarchie der Bourbonen einen Garanten für die Fortsetzung seiner autoritären antikommunistischen Herrschaft sah, ist mir bis heute schleierhaft geblieben. Ein faschistischer Erbe seiner Anhängerschaft hätte eigentlich näher gelegen - oder ncht?
     
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  8. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Vielleicht noch eine Ergänzung hierzu, weil sich hier noch ein Aspekt wiederfindet, der auch in Raza, wieder auftaucht: Der Versuch einer Versöhnung mit Teilen (das muss ausdrücklich gesagt werden) des republikanischen Spaniens, man mag sagen, der Vereinnahmung dieser.



    El Valle de los Caídos sollte auch die Grabstätte für einige Republikaner werden bzw. ist es geworden - ganz abgesehen von den dort zum Aufbau des Nationalheiligtums gezwungenen, die dort starben - wurden dort auch Gefallene Republikaner des Bürgerkrieges bestattet.

    Nicht zu vergessen La verdadera historia de la muerte de Francisco Franco y otros cuentos (die wahre Geschichte vom Tod Francisco Francos udn andere Erzählungen) von dem spanisch-mexikanischen Schriftsteller, französischer Geburt und deutscher Herkunft Max Aub, die dieser im mexikanischen Exil 1960 veröffentlichte. Es ist eine Geschichte die quasi den Traum der Exilanten in Mexiko wiedergibt und die diesen Traum als Fiktion weiterspinnt. Aub erlebte den Tod Francos realiter dann aber nicht mehr mit, er starb 1972.
    Auch Rafael Alberti, der vor wenigen Jahren starb, hat seinem 1936 ermordeten Freund Lorca, als er das erste Mal nach dem Todes Francos wieder nach Spanien kam und Granada besuchte, ein längeres Gedicht gewidmet.
    Für Historiker interessanter ist vielleicht Ronald Frasers (der vor zwei Wochen verstarb!) Blood of Spain! (1979) Fraser hat wirklich versucht Zeitzeugenberichte aus allen Regionen und von allen politischen Gruppierungen einzufangen.
     
  9. iamNex

    iamNex Aktives Mitglied

    Das stimmt, jedoch merkt Bernecker in einem Aufsatz an, dass viele Familien nationalistischer Gefallener sich dagegen verwährten, ihre Toten ins Valle bringen zu lassen. Um die großen Räume der Anlage zu füllen, griffen die Franquisten schließlich auch auf republikanische Tote zurück. Ursprünglich war der Komplex aber nur für die Bestattung von "Märtyrern" gedacht.
     
  10. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    Davon war in den letzten Zeiten mehrfach die Rede in spanischen Medien.

    Um die Gruften im Valle de los Caidos zu füllen, wurden die Bürgermeister spanischer Gemeinden aufgefordert, die "Gefallenen" aus ihren Gemeinden zur Verfügung zu stellen. Das war aber nun einige Jahre nach dem Krieg und die wenigsten Familien spürten das Verlangen ihre inzwischen Regulär bestatteten Verwandten fern von zu Hause zu verlegen.

    Also griff man auf die Massengräber der Verlierer und verschickte republikanische Tote dorthin. Die Familien wurden selbstverständlich nicht gefragt.

    Damit sollten diese Toten aber keineswegs geehrt oder irgend eine Art Versöhnung gesucht werden sondern es war nur um den Soll zu erfüllen. Zu lebzeiten Francos habe ich auch nie gehört , dass dort auch "rojos" bestattet waren. Die posthume Erniedrigung der Opfer war ein Teil der Siegerjustiz und dauert mit Abstrichen bis heute an. Erst vor kurzem wurde ein Gemeinschaftsgrab geschändet, in das man vor wenigen Jahre Opfer aus einem Strassengraben umgebettet hatte. Die Grabplatte wurde (unter Komplizität des Bürgermeister des Dorfes) zerschlagen und die Knochen in das Osar geworfen.

    Viele der Verwandten von republikanischen Toten aus dem Valle haben dieses erst vor relativ kurzem erfahren und es laufen einige Prozesse, weil die meisten sie dort heraus haben wollen. Es wurde jedoch ein Gutachten erstellt, nach dem dieses technisch nicht mehr möglich ist.
     
  11. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    Dieses Motiv des reuigen republikaners, der seine Fehler eingesteht und überläuft, ist oft bemüht worden und es gibt einige bekannte Fälle.

    Der notorischte dürfte wohl Ramon Franco sein, der republikanische Bruder des Caudillos, der jedoch frühzeitig die Seite wechselte. Einen Cousin der dieses nicht tat, liess er jedoch gleich zu Beginn des Krieges ohne jede Gnade erschiessen. Diese Gefühlskälte des "Caudillo" ist übrigens eines seiner markantesten Eigenschaften: Er unterschrieb bzw. rubrizierte gelegentlich an einem Vormittag Dutzende von Todesurteilen, teilweise von ihm bekannten Menschen, ohne eine Regung oder einen Kommentar.

    Während des Krieges sind nach und nach viele ursprünglich republiktreue Militärs übergelaufen. Denen, die dieses spät taten, blieb der Makel des Verdachts und sie mussten später mit vielen sozialen Nachteilen leben. Es gibt ein interessantes Buch, "Soldado de poca Fortuna", von einem damals jungen Mann aus "guter Familie", der den Krieg als Wehrpflichtiger auf republikanischer Seite begann, um dann kurz vor Kriegsende überzulaufen. Um sich reinzuwaschen, hat er sich dann 1941 bei der "División Azul" gemeldet. Bei einigen wird damals ein ähnliches Motiv vorgelegen haben, besonders bei Menschen aus der Mittelschicht.

    Wenn man jedoch aus dem Arbeiter- oder Bauernmilieu stammte, sah es übel aus, wenn man auf der falschen Seite gestanden hatte.

    Ein guter Bekannter erzählt, dass sein Vater Kraftfahrer beim Transportkorps der republikanischen Armee war. Diese war zwar militärisch gegliedert, war offiziell aber zivil und unbewaffnet. Wegen dieses Dienstes fand er nach dem Krieg lange keine Arbeit und dann nur unter sehr schlechten Bedingungen, seine Famile musste lange hungern und seine Kinder (unter diesen mein Bekannter) üble Misshandlungen in der Schule erdulden.
     
    Zuletzt bearbeitet: 24. Februar 2012
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  12. iamNex

    iamNex Aktives Mitglied

    Danke dafür Bdaian!

    Den Familien republikanischer Gefallener wurde, soweit ich weiß, oft direkt nach dem Bürgerkrieg nichtmal ein Totenschein ausgestellt. Einige Familien erhielten den Totenschein eines im Bürgerkrieg Gefallenen erst nach 1975.
    Da viele tote Republikaner somit offiziell eher als "verschwunden" statt als "im Bürgerkrieg gefallen" galten, war es für die staatliche Seite natürlich auch einfacher, rücksichtslos auf die Leichen dieser Soldaten zurückzugreifen, um das Valle zu füllen.

    Gerade in den ersten Jahren des Regimes kam es auch des öfteren dazu, dass man republikanischen Angehörigen verbot, öffentlich Trauerkleidung zu tragen.
     
  13. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    Das hatte natürlich auch praktische Seiten bei der Verweigerung von Pensionen und Renten, Beschlagnahmung von Eigentum (an Stelle der Erbfolge) etc.

    Dieser wirtschaftliche Aspekt der Reppression wird in Spanien seltsamerweise kaum beleuchtet, dabei haben sich damals sehr viele an dem Eigentum der Opfer bereichert. Sogar der Landsitz Francos, der Pazo de Meiras, war m.E. rechtswidrig enteignet worden und von der Provinz an Franco als "Geschenk" übergeben. Das hat sich bis heute nicht geändert und sogar der Denkmalschutz musste sein Inspektionsrecht einklagen.
     
  14. iamNex

    iamNex Aktives Mitglied

    Ich wurde heute auf darauf hingewiesen, wie paradox es eigentlich von Franco war, den Bürgerkrieg zum Kreuzzug zu deklarieren und gleichzeitig massiv Truppen aus Marokko für das christliche Spanien kämpfen zu lassen...ist mir davor gar nicht aufgefallen.
     
  15. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    Falls Du spanisch liest: Es gibt ein ausgezeichnetes Buch dazu: "Los Moros que trajo Franco" (die Mauren die Franco brachte) von María Rosa Madariaga.

    Dort wird z.B. Thematisiert, dass viele von den Marokkanischen Harkis erst wenige Jahre vorher im Rif gegen die Spanier und Franzosen rebelliert hatten und von diesen brutal reprimiert worden sind (Senfgasangriffe und Bombardierung von Dörfern, massenerschiessungen und Vergewaltigungen), und sich dafür nun prächtig revanchieren durften.

    Es gab kurioserweise auch ein Missionierungsverbot bezogen auf diese Soldaten, um zu vermeiden dass aus religiösen Spannungen heraus die "Bezugsquelle" versiegen könnte. Trotzdem gab es einige notorische Konversionsfälle hauptsächlich von Marokkanern die in spanischen Krankenhäusern gelandet waren und dort von den freiwilligen Pflegerinnen aus der "guten Gesellschaft" missioniert wurden.
     
    Zuletzt bearbeitet: 14. April 2012
  16. Moltke d. Ä.

    Moltke d. Ä. Neues Mitglied

    Wie kam es denn zu dem Bürgerkrieg und warum wurde Spanien nach Francos Tod wieder eine Demokratie. Es ist ja eher üblich, dass ein anderer Diktator an die Stelle tritt.
     
  17. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    In Kurzfassung, die "Volksfront", also die linken republikanischen Parteien gewannen die Wahlen, was Teile der Armee mit Unterstützung einiger rechten Parteien nicht hinnehmen wollten. Sie versuchten einen Putsch der schief ging, teilweise löste es revolutionäre Umstände aus, so dass es zu einem Bürgerkrieg kam.

    Die Langfassung ist etwas komplizierter.

    Er sollte auch einen starken Nachfolger haben, seinen Adlatere Admiral Carrero Blanco. Dieser erlitt jedoch einen Sturz von einem Hausdach, der ihm an diesen Vorhaben hinderte. (Auf das Dach hatte ihn vorher samt Auto eine Bombe der ETA befördert).

    Nach Francos Tod kam dann der jetzige König an die Macht, der eine demokratische Transition einleitete. Der erste Ministerpresident und ein großteil der Minister hatten vorher schon wichtige Posten gehabt.
     
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  18. Moltke d. Ä.

    Moltke d. Ä. Neues Mitglied

    Hier fehlt ein Danke-Button. Daher danke für die Antwort :).

    Es war also eine Gnade der Geschichte, dass dieser demokratische Monarch an die Macht kam und eben keine reine Monarchie einleitete. Ein bewundernswerter Mensch.
     
  19. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    Darüber liesse sich trefflich diskutieren.

    Eine "reine" also absolute Monarchie hätte zu diesem Zeitpunkt wohl keine ausreichende Unterstützung gehabt, gabs damals auch nur noch in Afrika oder Asien. Die Diktatur hatte sich ebenfalls überlebt.

    Trotzdem hatte die Transition ihre Macken, die bis heute ihre Schatten werfen. Da kommt man aber leicht ins Tagespolitische.
     
  20. YoungArkas

    YoungArkas Neues Mitglied

    Den gibt es unten links. Über die Waage kannst du Beiträge bewerten. ;)

    Die Einführung der Monarchie war von Franco schon lange geplant. 1947 wurde zum ersten mal in die entsprechende Richtung geplant, wobei Franco sich auch zwischen den Carlisten und den spanischen Bourbonen, beides Nebenlinen der französischen Bourbonen entscheiden. Nach der entscheidung zugunsten des Hauses Bourbon-Parma stand allerdings der Prätendant des Hauses im Weg. Franco hatte Angst vor dem unabhängigen Charackter des damaligen Thronprätendanten, dem Grafen von Barcelona Juan. Stattdessen sollte dessen Sohn Juan Carlos in Spanien erzogen und somit in Francos Sinne beeinflusst werden. 1969 wurde Juan Carlos zum Nachfolger Francos als Staatschef bestimmt. Allerdings hatte Franco wohl eine autoritäre Monarchie mit starker Kontrolle durch das Militär im Hinterkopf, in der der Monarch mehr oder minder als Objekt der Legitimation genutzt werden sollte.
     

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