Friedrich II. - ein moderner Herrscher?!

Dieses Thema im Forum "Persönlichkeiten im Mittelalter" wurde erstellt von McGörk, 30. Dezember 2007.

  1. McGörk

    McGörk Neues Mitglied

    Holleroh liebe Forumsgemeinde,

    ich habe mich in den letzten Tagen etwas über Friedrich II. informiert. Dabei bin ich immer wieder auf Sätze gestoßen wie "Friedrich II. war ein moderner Herrscher" oder - das wohl bekannte Burkardsche Zitat - "FII. war der erste moderne Herrscher auf dem Throne". Doch was macht FII. zu diesem modernen Menschen? Ist es sein breites Interesse, das ihn auf vielen Ebenen wirken lässt, mit Sicherheit ist es die Verwaltung Siziliens (Konstiution von Melfi und Wirtschaftspolitik), aber was noch? Im Buch, das ich geschenkt bekommen habe, kommt das meiner Meinung nach nicht so wirklich durch. Habe auch das Problem, nicht abschätzen zu können, was revolutionär modern und neu war, da mir das mittelalterliche Wissen etwas fehlt.

    Ein Begriff ist mir aber geläufig, nämlich der des Reisekönigtums. Trifft dies auch auf FII. zu? Habe gelesen, dass er lange Zeit in Sizilien verbrachte...

    VIelen Dank im Voraus für Eure hIlfe und einen guten Rutsch wünscht
    McGörk
     
  2. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Ich will nur ein paar Stichworte liefern:

    1) Religionstoleranz
    An seinem Hof spielte der Glaube, ob Christ,Moslem oder Jude keine Rolle. Er hielt sich eine sarazenische Leibwache.

    2) Aufgeschlossenheit gegenüber der Wissenschaft
    Er förderte diese nach Kräften. Friedrich hat selbst ein Buch über die Haltung, Abrichtung und Nutzung von Falken zur Jagd verfasst. Das gilt heute als das früheste Standardwerk der Ornithologie und wird auch jetzt noch zitiert.

    3) Aus heutiger Sicht moderne Verwaltung

    Kein Wunder, dass er mit dem Papst kollidierte...

    Edit: In Sizilien ist er aufgewachsen, angeblich (weil nicht primär als Thronfolger geplant) als "Strassenkind" unter Romanen und Sarazenen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 30. Dezember 2007
  3. McGörk

    McGörk Neues Mitglied

    Vielen Dank für Deine schnelle Antwort!

    Eine Anschlussfrage ist mir eben noch eingefallen: In wie fern spiegelt sich diese Modernität in seiner Herrschaftsausübung wieder? Eine Gleichstellung der Minderheiten mit den Christen fand ja beispielsweise nicht statt, oder?
     
  4. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Zumindest auf Sizilien, wo damals viele Moslems lebten, wohl ja.

    Sicher geben Google und Wikipedia noch mehr her, als ich aus meinem Halbwissen heraus beantworten kann.
     
  5. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Berühmtheit erlangten die "Konstitutionen von Melfi", ein Gesetzteswerk, das Friedrich II. 1231 für das Königreich Sizilien erließ (Constitutiones Regni Siciliae). Sie zeigen die im heutigen Sinn moderne Herrschaftsauffassung des Kaisers, die sich von der anderer europäischer Herrscher durchaus unterscheidet.

    Ein wesentlicher Aspekt der Konstitutionen ist die Konzentration auf die Elemente Recht und Verwaltung, auf den König und seine Beamten, sowie auf die Sicherung der Einnahmen des Staates bzw. des Königs. Die Konstititionen stärkten die Rechte des Adels, wobei Friedrich darauf achtete, dass sie nicht im Widerspruch zum königlichen Machtanspruch standen. Wichtig waren ferner Bestimmungen, die Rechtsprechung und Prozesse beschleunigten.

    Wesentliche Bestandteile des Gesetzeswerks waren das Verbot der Selbstjustiz sowie eine Begrenzung der ständischen Gerichtshoheit. Allein die Justiz der Krone sollte künftig das Recht der Strafverfolgung haben, was auch für Fälle galt, die sich mit dem Kirchenrecht überschnitten. Dazu zählten z.B. Gotteslästerung oder Ehebruch.
     
  6. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Das Problem an der Politik von Friedrich II. ist, dass sie in den unterschiedlichen Herrschaftsgebieten völlig unterschiedlich war.
    Wenn es um Sizilien geht, so kann sie gern als modern gelten. Was er allerdings nördlich der Alpen tat oder auch nicht tat, ist so düsteres Mittelalter, dass es beim besten Willen nicht modern sein kann.
    Während er im Königreich Sizilien mit den Konstitionen von Melfi für eine einheitliche Ordnung sorgt, ermöglicht er den Reichsfürsten mit dem Statutum in favorem principum eine weitgehende Eigenständigkeit, Regalien...
    Damit besiegelte Friedrich II. für die Zukunft die Ohnmacht des Kaisers gegenüber den Fürsten.
    In Teutschland entstand eine Flickenteppich von Fürstentümern mit unterschiedlichen Währungen, Gesetzen...
    Man kann natürlich auch behaupten, dass sei Föderalismus und voll modern.:weinen:
     
    Zuletzt bearbeitet: 19. Januar 2009
  7. zaphodB.

    zaphodB. Premiummitglied

    Das war Föderalismus und voll modern .;)
    Man sollte mit Begriffen wie "modern" im Bezug auf historische Sachverhalte und insbesondere im Bezug auf Herrschaftsstrukturen vorsichtig sein.
    Friedrich konnte vermutlich gar nicht anders reagieren, da die Verhältnisse im Reich völlig anders waren als in Sizilien .
    Im Reich mußte er sich zunächst gegen einen Gegenkönig durchsetzen und das ging nur mit Unterstützung der Fürsten und Städte und nicht gegen sie. Das war aber nur um den Preis größerer Partikularautomie zu haben.Überdies wies das Reich auch bereits lange vor Friedrich starke föderale Strukturen auf.
    In Sizilien dagegen bestand eine eher zentralistische Struktur, die er übernehmen und optimieren konnte.Damit waren dort auch seine Gestaltungsspielräume als Herrscher bedeutend größer und Maßnahmen wie die Tolerierung von Minoritäten dienten letztlich dem Ausbau Siziliens als Machtbasis und auch der Beschränkung des päpstlichen Einflusses . Das war also weniger modern als pragmatisch und im übrigen auch nicht einzigartig. Die Templer duldeten und protegierten in ihren Besitzungen insbesonder auf den Balearen ebenfalls muslimische Enklaven und auch auf der iberischen Halbinsel und in Teilen des Pays d`Óc gab es zeitweise ein Mit-und Nebeneinander von Muslimen,Juden und Christen, das von lokalen Herrschern toleriert wurde.

    Friedrich war allerdings offenbar ein Mensch,der für die damalige Zeit eine relativ umfassende Bildung genossen hatte , vielseitig interessiert war und sich in diesem Punkt wohltuend von der Mehrheit der Herrscherelite der damaligen Zeit abhob.Diese Bildung ermöglichte es ihm u.a. bei der Führung der Staatsgeschäfte,das damalige Wissen optimal und flexibel zu nutzen und für seine jeweilige Situation unabhängig von bestehenden Konventionen die bestmögliche Lösung zu finden.
     
    3 Person(en) gefällt das.
  8. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Sehr modern war der Staufer auch als Wissenschaftler, wovon noch heute sein Falkenbuch zeugt. Er sammelte dabei nicht nur wissenschaftliche Literatur, sondern ergänzte sie durch eigene empirische Beobachtungen. So schrieb Aristoteles, dass beim Formationsflug der Vögel immer der klügste Vogel voranfliegt, was Friedrich widerlegen konnte. Oder man nahm an, dass Geier die Nahrung durch den Geruchssinn auffinden, was der Staufer nicht glauben konnte, worauf er Geiern die Geruchsnerven durchtrennen ließ, und siehe da, sie waren im Stande, Beute zu finden.

    Kein Geringerer, als Konrad Lorenz bescheinigte Friedrich den hohen wissenschaftlichen Wert seiner Beobachtungen, die zum großen Teil von der modernen Ornithologie bestätigt wurden.
     
  9. zaphodB.

    zaphodB. Premiummitglied

    Ja,"Über die Kunst,mit Vögeln zu jagen" ist ein echtes Highlight und seiner Zeit um einiges voraus.
    Das lag vielleicht auch daran,daß Friedrich das Wissen dreier Welten ,nämlich des Okzident, des Orient und der Antike vereinte, da Sizilien im Schnittpunkt dieser drei Kulturhorizonte lag und Traditionen aus allen dreien (und möglicherweise auch aus dem nordisch-normannischen als viertem) waren zu seiner Zeit dort lebendig.Diese Melange mag seine für das damalige mittelalterliche Europa unorthodoxe Betrachtungs- und Herangehensweise an die Dinge geprägt haben.
     
  10. Josephine

    Josephine Neues Mitglied


    Soweit ich weiß, war das Falkenbuch von Friedrich II. von Hohenstaufen bis ins Zwanzigste Jahrhundert ein aktuell.......

    Gruß
     
  11. lynxxx

    lynxxx Neues Mitglied

    Ich zitiere mich mal selber:
    Brockhaus:
    Wie viel von dem arabischen Falknerbuch nun in dem von Friedrich zu finden ist, vermag ich nicht zu sagen. Vielleicht recherchiert das ein anderer mal?

    Interessant, in der Wiki wird mit "staunendem" Schreibstil davon berichtet, wie neu, wie ausserordentlich, wie groß das Novum z.B. das Falkenbuch sei, wie "modern" er sei, usw. Liest man sich ein wenig in die Geschichte der arabischen Naturwissenschaft seiner Zeit und der Zeit zuvor ein, dann erstaunt einen das ganz und gar nicht mehr so stark...

    Interessant auch: Ich habe mal stichprobenartig einige Vita Curriculae der dortigen Historiker in der Lit.-Liste angeschaut: Keiner konnte arabisch...

    Hier noch eine schöne virtuelle Sonderausstellung:
    The Normans in Sicily


    Andere in dem Link sind natürlich auch interessant... ;)
     
    Zuletzt bearbeitet: 27. Januar 2009
  12. lynxxx

    lynxxx Neues Mitglied

    Das Falken- und Hundebuch des ... - Google Buchsuche

    Zeit mal wieder die (engl.) Wiki umzuschreiben, z.B. "erstes Falken-Buch" usw. :fs: arabische Falknerbücher 8.-9. Jh. Friedrich seines: 13. Jh. Fehler: 400-500 Jahre!

    In der deutschen Wiki auch kein Wort über die arab. Vorlagen...typisch. 1:0 für Brockhaus von vor 10 Jahren!
     
    Zuletzt bearbeitet: 27. Januar 2009
  13. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Es kann als sicher gelten, dass die Beizjagd eine uralte Tradition der orientalischen Völker zwischen Levante und Altai ist, die Europa erst von dort im Mittelalter kennen lernte. Geeignete Falken, die sogar Gazellen schlagen (ohne Training eigentlich völlig wider ihrer Natur) wurden hoch gehandelt und an denen mangelte es im Orient. Die Wikinger verscherbelten diese Vögel (besonders die weiße Spielart des Gerfalken aus Grönland) in alle Welt, sie galten als Königsgeschenk.
    Ein mir bekannter Fall: Um 1980 wurde so ein weißer Gerfalke (ein uraltes mind. 18jähriges Tier) aus dem Rostocker Zoo (damals kein Nachtwächter, Außenvoliere hatte nicht mal ein Vorhängeschloss) geklaut. Es gibt starke Indizien, dass es dieser Vogel war, der kurz darauf in Aleppo (Syrien) für damals 750 000 Dollar an einen Scheich weiter verhökert wurde.

    Überhaupt ist das nicht ohne Risiko. Ich kannte mal einen Jäger, der seinen Falken damit "ruinierte" ihn auf Großmöwen (meine Babys!!!) anzusetzen. Der gemeinsame Absturz beider Vögel war immer ungewiss, daher war nach 4 Monaten Schluss für den teuren Falken. Aber auch für den Menschen und die Geschichte nicht ohne. Maria von Burgund, die Lady Di des ausgehenden Mittelalters, starb nach einem Sturz vom Pferd bei der Falkenbeize, die Folgen für die Politik Europas waren wegen der Erbfolge (Frankreich vs. Habsburg) nachhaltig.
     
    Zuletzt bearbeitet: 27. Januar 2009
    1 Person gefällt das.
  14. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Friedrich hat sich mit dem Falkenbuch unendliche Mühe gegeben. In der Einleitung schreibt er, dass er die Vollendung des Werks fast 30 Jahre verschob, da er glaubte vorher nicht seinen eigenen Ansprüchen genügen zu können. Aristoteles benutzte er nur zum Teil, da er "in vielen Fällen von der Wahrheit abgewichen" und keine Erfahrung in der Beizjagd besaß, während der Staufer sich seit früher Jugend darin geübt hatte. Empirie und sorgfältige Beobachtung zeichnet sein Werk aus- er duldete keine Erkenntnis ohne Erfahrung. Friedrich unterteilte die Vögel in verschiedene Arten, registrierte die Konsistenz der Schwungfedern im Verhältnis der Flügelschläge, beschäftigte sich mit dem wettersinn der Vögel, ihrem Nistverhalten, ihrer Nahrung und versuchte, das Geheimnis des Vogelzugs zu ergründen. Mit Zehntausenden von Einzelbeobachtungen und entworfenen Illustrationen schuf er ein über Jahrhunderte hinausreichendes ornithologisches Fachbuch. Eine Anekdote berichtet, als ihm der Großkhan der Mongolen einen Job bei Hofe im Falle der Unterwerfung anbot, habe der Staufer geantwortet, dass er mit dem Amt des Falkners zufrieden sei.


    Gefährlicher noch, als die Jagd auf Möwen dürfte für den Falken noch die übliche Reiherbeize gewesen sein. Ein später Namensvetter des Staufers, Friedrich II. Landgraf von Hessen- Kassel lud 1764 zur Reiherbeize an der unteren Schwalm bei Wabern ein, wofür er eigens den Hofmaler Tischbein engagierte, der einen Zyklus "Reiherjagd" malte, der heute im Schloss Eichenzell in Fulda hängt. Bei dieser Jagd wurde der kostbare Islandfalke "Landgraf" von einem Reiher getötet.
     
    1 Person gefällt das.

Diese Seite empfehlen