Frühe "Zahnmedizin"

silesia

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Die Untersuchungen an "Fredian 5" sollen nach die Forschungsgruppe den zweitältesten Nachweis einer "Zahnbehandlung" ergeben haben.

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/28345756
Oxilia et. al., The dawn of dentistry in the late upper Paleolithic: An early case of pathological intervention at Riparo Fredian.
Quelle siehe link.

Hier sollen - wenn ich das richtig verstanden habe - zu Lebzeiten (antemortem) von Fredian 5 ca 13.000 BP zwei Zahnwurzeln "anthropogen manipuliert" worden sein, insbesondere mit einer "Verfüllung" von "bitumen, vegetal fibers, and probable hairs".

Ich hoffe, für die Schmerzen hatte man einen dicken Ast griffbereit.:cry:
 
An den Zahn hatte ich noch nicht gedacht. Aber stimmt, der muss auch raus (oder ist rausgefallen).

Bei dem Gedanken an den Wurzelkanal (sicher wurde da mit was Feinem zur "Säuberung" reingestochen) stellen sich die Fußnägel hoch.

Da wird ein dicker Ast für den Hinterkopf gute Dienste geleistet haben.:rofl:
 
Wer weiß, was die damals für ein Schmerzempfinden hatten. Da sind auch heute große Spannen zwischen verschiedenen Menschen. Schwere Arbeit oder Leistungssport z.B. steigern die Schmerztoleranz, in dem Sinne, dass Schmerzen weniger wahrgenommen werden.
 
An den Zahn hatte ich noch nicht gedacht. Aber stimmt, der muss auch raus (oder ist rausgefallen).

Bei dem Gedanken an den Wurzelkanal (sicher wurde da mit was Feinem zur "Säuberung" reingestochen) stellen sich die Fußnägel hoch.

Da wird ein dicker Ast für den Hinterkopf gute Dienste geleistet haben.:rofl:
Ne, nix Ast :)
Das alte Opium ist wirksamer. Ist wohl unser ältestes Schmerzmittel.

Opium, bzw. sein Hauptalkaloid ist nicht nur das älteste, sondern bis heute auch das effektivste Schmerzmittel. Durch die heutigen Retard-Präparate kann auch die Gefahr der Abhängigkeit minimiert werden.

Bis zur Entwicklung von Lokalanästhetika im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts war aber eine Wurzelbehandlung äußerst schmerzhaft und auch nicht ganz ungefährlich.

Mit Morphin ließ sich die Schmerzempfindlichkeit heruntersetzen, der Patient konnte auch in einen Betäubungsschlaf versetzt werden. Äther oder Chloroform hatten heftige Nebenwirkungen und waren nicht ungefährlich.

In Thomas Manns Roman hat Senator Thomas Buddenbrook bei Zahnarzt Brecht wahre Höllenqualen auszustehen, Herr Brecht schwitzt Wasser und Blut, die Krone bricht und Thomas Buddenbrook wenig später auf der Straße zusammen und stirbt.

Auch mit einer Dosis Laudanum und selbst mit einer tüchtigen i. v. Morphininjektion hätte Thomas Buddenbrook nicht völlig schmerzlos die Extraktion überstanden.

Der Wurzelbehandlung nahm erst die Lokalanästhesie ihren jahrhundertealten Schrecken. Kokain war 1860 zuerst isoliert worden, und in den 1870er 1880er Jahren entdeckte man die lokalanästhetische Wirkung.

Kokain hat damals zweifellos großen Nutzen als erstes Lokalanästhetikum in der Medizin gehabt. Bis weit ins 20. Jahrhundert war Kokain das Mittel der Wahl für örtliche Betäubung.

Siegmund Freud hatte darüber gelesen und selbst damit experimentiert, er wurde aber nie abhängig.
 
Eine Wurzelbehandlung kann auch heute und mit lokaler Betäubung noch schmerzhaft sein, besonders bei fortgeschrittener Entzündung wird manchmal erst während der Behandlung der Bedarf einer großräumigeren Anästhesie festgestellt. Als Knirscher hatte ich zweimal das Vergnügen. Äußerlich waren die Zähne absolut okay, aber die Wurzeln durch den steten Druck schwer entzündet. Ohne Betäubung würde ich das nicht machen wollen.

Klar, wenn die Alternative lautet, an dem Infekt unter Schmerzen einzugehen … trotzdem.

Was mich an dem eingangs verlinkten Artikel fasziniert, ist das offenbar profunde anatomische Wissen. Rein äußerlich betrachtet, ohne solches Wissen, ist die Zahnwurzel erst mal bloß eine Verankerung des Zahns im Kiefer. Außerdem ist es wesentlich einfacher und daher naheliegender, einen kranken Zahn zu ziehen und die Wunde heilen zu lassen, als darin herumzupfriemeln. Zumal der Schmerz, der sicherlich Anlass zum Eingriff gab, bei einer solch primitiven Behandlung schwerlich rasch verschwand, sodass der Erfolg für den Arzt nicht absehbar war.
 
Neues von der Zahnmedizin, diesmal die Neanderthaler:
Analysis of Neanderthal teeth grooves uncovers evidence of prehistoric dentistry

Zum Aufsatz:
Prehistoric dentistry? P4 rotation, partial M3 impaction, toothpick grooves and other signs of manipulation in Krapina Dental Person 20.

https://www.researchgate.net/public...s_of_manipulation_in_Krapina_Dental_Person_20
@silesia hatte ja schon 2017 die Zahnbehandlung bei einem Neandertaler vorgestellt: Kratzspuren von Zahnstochern an Zahnschmelz und Dentin, an mehreren Zähnen eines Individuums.

In Bild der Wissenschaft gibt es auf deutsch einen Artikel und ein aussagekräftiges Foto über das Bohrloch im Backenzahn eines Neandertalers, der an Karies litt: vor 59.000 Jahren, in der Chagyrskaya-Höhle im Südwesten Sibiriens.

Der Artikel in Reuters ist etwas ausführlicher:

"Zotkina führte diese Experimente mit einem kleinen Werkzeug aus Jaspis, einer Quarzart, durch. Ähnliche Jaspiswerkzeuge wurden in der Chagyrskaya-Höhle gefunden, die auf die Besiedlung durch die Neandertaler zurückgeht."


Das Foto legt die Verwendung eines Rotationsbohrers nahe, oder eine sehr hohe manuelle Geschicklichkeit bei Rotationsbewegungen mit einem passend zugeschlagenen Stein aus sehr hartem Material:

Ich bin dem Zahnarzt dankbar, der mir vor vielen Jahren die Angst vor Zahnbehandlung genommen hat.

Trotzdem mag ich das Thema weitaus weniger als andere: Lieber doch zahnschmerzfreie Berichte über römische Marschlager und LIDAR-Bilder betrachten.
 
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