Frühformen der Globalisierung

Dieses Thema im Forum "Wirtschaftsgeschichte" wurde erstellt von collo, 5. April 2005.

  1. ponzelar

    ponzelar Neues Mitglied

    die schwäche der politik gegenüber dem markt resultiert m.e. vor allem daher, daß politik eben im wesentlichen immer noch nur auf nationaler bzw. einzelstaatlicher ebene agieren kann, was die wirkungsmöglichkeiten der politik begrenzt. so können sich die immer weniger an irgendwelche grenzen gebundenen märkte immer mehr dem zugriff der politik entziehen. auf übernationaler politikebene, sei es eu, un, gat, g7/8, oder meinethalben auch die opec fehlen die voraussetzungen für eine übergreifende politische willensbildung. diese gemeinschaften sind von den partikularegoismen ihrer mitglieder bestimmt und gehemmt.

    "does politics matter?"

    ponzelar

    p.s.
    @mercy: der übersichtlichkeit halber könnte man diese nebendebatte doch in einem eigenen thread unterbringen. oder?
     
  2. Ashigaru

    Ashigaru Premiummitglied

    Wenn man so will, gab es die Globalisierungstendenzen schon im Kolonialismus - nur unter etwas anderen Anzeichen. So sind z.B. mit Ausnahme von Südwest alle deutschen Kolonien in Afrika aus rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten entstanden. Zum einen wollte man sich die Rohstoffe dieser Länder günstig sichern, zum anderen neue Absatzmärkte eröffnen - schlussendlich seine Anteile am Welthandel abstecken. In diesen Kolonien entwickelte sich bald ein massiver Kampf um Handelsmonopole, den die Europäer den einheimischen Zwischenhändlern entreißen wollten, um letztendlich Warenpreise zu senken.

    Eigentlich war sogar geplant, dass z.B. Kamerun eine reine Handelskolonie werden sollte. Das klappte aber nicht, weil die Einheimischen die Prinzipien des Markts sehr wohl verstanden hatten und ihre Monopole - Handel war schon in vorkolonialer Zeit ihre wichtigste Einnahmequelle - nicht freiwillig preisgaben. Die ließen sich nur mit Waffengewalt aufbrechen, was die Firmen aber nicht zu leisten imstande und willig waren. Und da kam dann - das ist wohl der wesentliche Unterschied zu heute- der Staat ins Spiel, der Polizei- und Schutztruppen ausrüstete und sich die Eingeborenen gefügig machte.

    Möglich war das durch eine rassistische Ideologie, die es ermöglichte, die Schwarzafrikaner als rechtlos zu betrachten. Noch entscheidender war vielleicht der Technologie-Vorteil - als Beispiel seien die ersten Maschinengewehre genannt, denen einheimische afrikanische Völker nichts entgegensetzen zu hatten.

    Insgesamt - trotz aller noch bestehenden Ausbeutung und den Nachteilen einer Globalisierung - haben sich die Parameter etwas zugunsten der Staaten der Dritten Welt (und früheren kommunistischen) Länder verschoben. Gleichzeitig aber auch zugunsten der Firmen, die weniger stark auf staatliche Hilfe angewiesen sind, um neue Märkte zu erschließen.
     
  3. collo

    collo Aktives Mitglied

    darf ich ponzelar und mercy daran erinnern, worum es hier geht? auch im 17./18.jhdt. war der einfluss der politik auf die damaligen "konzerne" äusserst bescheiden, diese hatten nicht selten sogar eigene armeen und flotten, waren also in grenzen sogar unabhängig von staatlichem schutz.

    zu früh aufs knöpfchen gedrückt:
    ausserdem, eine echte Wirtschafts-politik gibt es doch erst seit gut hundert jahren, vorher mischte sich der staat doch nicht ein, und wenn, führte dies selten zum erfolg (wie heute wieder).
     
    Zuletzt bearbeitet: 3. Mai 2005
  4. Lukrezia Borgia

    Lukrezia Borgia Moderatorin


    Meiner Ansicht nach gab es sehrwohl schon zuvor "echte" Wirtschaftspolitik. Man denke nur an den Merkantilismus.
     
  5. NicMachiavelli

    NicMachiavelli Neues Mitglied

    Für ein abschließendes Urteil, fehlen hier ganz eindeutig die Fakten.

    Die Not bzw. der Aufstand der Schlesischen Weber hat nicht unbedingt zur massenhaften Migration geführt. Das Beispiel ist zwar in der Neuzeit angesiedelt, aber mehr auch nicht. :)
     
  6. Ashigaru

    Ashigaru Premiummitglied

    "ausserdem, eine echte Wirtschafts-politik gibt es doch erst seit gut hundert jahren, vorher mischte sich der staat doch nicht ein, und wenn, führte dies selten zum erfolg (wie heute wieder)."

    In gewisser Weise mag das für das Heilige Deutsche Reich zutreffen, wegen der permanenten Konkurrenz der Feudalstaaten untereinander.
    Anders sieht es aber zum Beispiel mit dem spanischen Königreich aus, dass seit dem 16. Jahrhundert massiv von seinen Überseeexporten und Importen abhängig war und auch manche Krise durchlebte. Im 18. Jahrhundert gab es in Spanien erste wirtschaftstheoretische Schriften, die als Anregungen an König und Beamtenschaft gedacht waren.
     
  7. ponzelar

    ponzelar Neues Mitglied

    also collo,

    die stadt, in der ich lebe, wäre, wenn es z.b. unter friedrich II keine wirtschaftspolitik gegeben hätte, heute als stadt gar nicht gar nicht vorhanden. natürlich hat es wirtschaftspolitik gegeben, und das auch schon lange vor dem alten/großen fritz.

    ja und? hab ich behauptet, das hätte mit massenhafter wanderung zu tun? ach, egal.

    ponzelar
     
  8. collo

    collo Aktives Mitglied

    ich habe mal gelernt, dass der merkantilismus ein wirtschaftssystem war, in dem der staat als unternehmer auftrat, von mir aus kann man das als "wirtschaftspolitik" bezeichnen. dieser "staatsmonopolistische kapitalismus" (ein ausdruck eines meiner vwl-profs, der damals noch einigermassen bekannt war) führte nicht selten zum staatsbankrott, siehe spanien, siehe frankreich.
     
  9. ponzelar

    ponzelar Neues Mitglied

    wenn die herrscher im absolutismus handwerker und spezialisten in ihr land holten, ihnen sonderkonditionen einräumten und sogar siedlungen stellten, monopole für bestimmte gebiete veriehen usw., war das wirtschaftspolitik, ohne daß der staat dabei als unternehmer auftrat. wenn herrscher glaubensflüchtlingen zuflucht gewährten, um ihr land zu "peuplieren", geschah das auch, vielleicht sogar vor allem, aus wirtschaftlichen erwägungen. man könnte wohl sehr viele weitere beispiele anführen.

    ponzelar
     
  10. collo

    collo Aktives Mitglied

    erstens gings den preussen vor allem um machtzuwachs, den man mit einem menschenleeren land nicht erreichen kann. um menschen anzulocken, muss man ihnen etwas bieten. steuerfreiheit z.b. oder wirtschaftliche privilegien durch monopole, meinetwegen kann man das wirtschaftspolitik nennen.
    zweitens ist der merkantilismus so ziemlich das genaue gegenteil einer globalen wirtschaftsordnung und deswegen in diesem pfad fehl am platze.
    drittens haben die wirtschaftlich erfolgreichsten nationen (holland und england) des 17. und 18. jhdt. kaum eine merkantilistische politik betrieben, sondern sich wohlweislich aus dem welthandel der handelskompanien weitestgehend zurückgehalten.
     
  11. ponzelar

    ponzelar Neues Mitglied

    zurück zum eingangsthema:
    globalisierung entwickelt sich in dem maße, wie die entfernungen für waren- und geldtröme zusammenschrumpfen. natürlich gibt es zahlreiche beispiele, die sich als frühformen der globalisierung deuten lassen. im geldverkehr sind die grenzen durch die entwicklung des bankwesens schon sehr früh überwindbar geworden. aber erst in letzter zeit werden halt immer mehr bereiche des wirtschaftslebens von der grenzenlosigkeit erfasst, weil entfernungen aufgrund sinkender transportkosten eine immer geringere bedeutung haben. begünstigt wird dies zusätzlich durch die weltweite angleichung, vereinheitlichung der materielen lebensvostellungen der konsumenten.

    der norm-container wird künftig sinnbild der globalisierung sein.

    ponzelar
     

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