Dieses Bild ist in dem ScineXx-Artikel mit "Was bedeuten diese Kreuzreihen auf der 40.000 Jahre alten Mammutfigur aus der schwäbischen Vogelherdhöhle?" unterschrieben.
Viele Werkzeuge und Skulpturen aus der Altsteinzeit tragen bewusst gesetzte Zeichenfolgen“, erklärt Ewa Dutkiewicz vom Museum für Vor- und Frühgeschichte in Berlin.
Nun, um auf den Verdacht von Proto-Schrift zu kommen, sollte man schon
mehrere unterschiedliche Zeichen haben, die zudem eher noch nicht sehr abstrahiert sind - so, wie die erwähnte Keilschrift in ihren ältesten Formen ja auch noch recht gegenständlich ist, man vergleiche auch ägyptische oder mesoamerikanische Hieroglyphen, die ebenfalls sich noch nicht vom Gegenstand gelöst haben, teilweise ist in Buchstabennamen auch noch die alte Bedeutung erhalten (Futhark: fehu = Vieh..., semitische Schriften 'ayn/'ajin = Auge.....)
Hier wäre aber nichts abstrahiert und zudem ist hier keine Varianz. Ein Text xxxxxxxx ergibt keinen Sinn. (wenn man genau hinschaut sieht man eine Kreuzreihe auch unten am Bauch).
Ich bin nun alles andere als ein Semiotiker, aber glaube behaupten zu können, dass im Stoff stehende Semiotiker diese These bzgl. der Kreuzreihen auf dem Mammut ablehnen würden.
Also: Was sollen die Kreuzreihen, wenn sie keine symbolische Bedeutung haben?
Ich biete dazu zwei Hypothesen an:
Hypothese 1: der Künstler hat hier Partien markiert, die er noch nachbearbeiten sollte.
Hypothese 2: der Künstler wollte hier die Wolligkeit des Mammutfells darstellen.
Hypothese 2 halte ich selber für plausibler als Hypothese 1, würde mich aber auch darauf nicht versteifen wollen, schließe mich gerne besseren Hypothesen an. Finde meine Hypothesen aber immerhin plausibler, als die Kreuzreihen als Protoschrift zu interpretieren.
Hier ist immerhin nur von verzierenden "Reihen von Kerben und Punkten" die Rede.
Vielleicht eine Art Kalender. Wer mich kennt, wird sich jetzt die Augen reiben, weil ich bei Kalenderinterpretationen i.d.R. eher ablehnend reagiere. Aber es hat etwas tabellenartiges - ohne dass ich unterstellen wollte, dass es sich um so etwas handele. Ich kenne zwar aus dem MA HSS, die in Säulen nebeneinander verfasst sind, aber das sind noch keine Tabellen im eigentlichen Sinne, die würde ich erst mit dem SpätMA/der FNZ im Schriftgut von Händlern suchen.
Sollte es sich um etwas kalenderartiges halten, dann wäre der Sinn dahinter für uns kaum nachvollziehbar, ein Lunarkalender wäre es jedenfalls nicht. Also eigentlich verwerfe ich diese Idee schon wieder...
Schon zehntausenden Jahren schufen Eiszeitmenschen nicht nur eindrucksvolle
Höhlenmalereien, sie hinterließen auch geheimnisvolle Symbole und Muster. Dazu gehören Punktgruppen in der berühmten Höhle von Lascaux oder
Doppelreihen roter Punkte in der Hohle Fels-Höhle der Schwäbischen Alb. Noch älter sind Kreuze, Linien und Punkte auf 34.000 bis 45.000 Jahre alten Werkzeugen und Kunstobjekten
aus den schwäbischen Höhlen.
Dominique Görlitz (den ich hier ausdrücklich nicht als Referenz nenne!) wollte ja in derartigen Punkt-Reihen steinzeitliche Kartographie erkennen und mit Schilfbooten von New York nach Europa fahren. Hätte er keine Begleitboote gehabt, wären er und seine Mannschaft elendig dabei drauf gegangen. (Immerhin hätte er dann in Ägypten keine Fresken mehr ankratzen können, um die Farbpigmente - die dem zugrundeliegende "Hypothese" ist mir nicht bekannt - untersuchen zu lassen.)
Was nun Dutkiewicz/Bentz anbelangt, würde ich deren Beobachtungen grundsätzlich ernst nehmen. Schon weil sie Beobachtungen gemacht haben, die vielleicht noch nicht zu überzeugenden Hypothesen und Schlussfolgerungen geführt haben, aber zumindest eine ernsthafte Diskussionsgrundlage sind.
Hier noch eine Darstellung von Dutkiewicz zu unterschiedlichen Zeichen. Nicht alle davon würde ich gleichermaßen ernst nehmen, aber das ist ja auch schon wieder eine Bias.
An dem Artikeltext aus ScinceXx stört mich dann aber doch noch dieser Satz:
Die in der Schwäbischen Alb gefundenen Kunstwerke,
Musikinstrumente und Werkzeuge sprechen zudem dafür, dass diese frühen Vertreter des Homo sapiens in Europa schon ähnlich kognitiv leistungsfähig waren wie wir.
Ich haben diesen Evolutionismus - ich stehe gerade unter dem Eindruck von Zuchtriegel (
Vom Zauber des Untergangs), der sich ähnlich äußert und von einer imaginierten "Einbahnstraße" spricht - noch nie verstanden. Steinzeitmenschen wird implizit häufig eine geringere kognitive Leistungsfähigkeit unterstellt als „uns“. So auch in diesem Text, der den Steinzeitmenschen immerhin zugesteht, kognitiv
ähnlich leistungsfähig, wie
wir - die Krone der Evolution (ha, ha) - zu sein. Dafür sehe ich keinen Grund.
Würde man gedanklich einen Säugling aus der Gegenwart mit einem aus der Steinzeit vertauschen, könnten beide – ihre jeweiligen individuellen Anlagen vorausgesetzt – in der jeweils anderen Welt einen unauffälligen Lebensweg nehmen. Das heutige Kind würde lernen, sich in einer steinzeitlichen Umwelt zu orientieren und die dafür nötigen Fertigkeiten zu erwerben; das steinzeitliche Kind würde umgekehrt seinen Platz innerhalb der Möglichkeiten einer komplexen Gegenwartsgesellschaft finden. Wie geschickt sich ein Mensch dabei anstellt, hängt von individuellen Dispositionen ab – nicht von der Epoche, in die er zufällig hineingeboren wurde. Unter veränderten historischen Bedingungen hätte auch ein in der Steinzeit geborenes Homo-sapiens-Kind grundsätzlich das Potential, sich in hochkomplexe Wissensgebiete einzuarbeiten – warum nicht sogar bis hin zur Atomphysik.