Gedichte zur Geschichte

Dieses Thema im Forum "Geschichtsmedien und Literatur" wurde erstellt von Rafael, 2. Dezember 2004.

  1. Cassandra

    Cassandra Neues Mitglied

    Die Kreuzzüge

    Es wälzte sich lawinengleich
    durch Land und Meer der Kriegesruf,
    hell funkelte das Christenschwert,
    es kang des Christenrosses Huf
    wie Judas Wolkensäule zog
    das Kreuz den Streitern hoch voran,
    bis sie vom Ölberg Zions Burg
    im Morgenrote schimmern sahn.

    Das waren Helden, ob am Gaum`
    der letzte Tropfen war verdorrt,
    sie achteten des Durstes nicht,
    sie hielten fest und kämpften fort,
    die Wüste trank der Schlachten Blut,
    auf fahlen Flügeln kam die Pest,
    der Sandwind grub die Leichen ein,
    sie kämpften fort und hielten fest.

    O große Zeit des Heldentums,
    o Zeit von Ruhm und Taten voll,
    als von der Andacht mächtgem Hauch
    hoch flatternd jedes Banner schwoll,
    als, wo es Gottes Sche galt,
    der Greis der Narben nicht gedacht
    und froh sein sechzehnjährig Blut
    der blonde Knabe dargebracht.

    Emanuel Geibel
     
  2. Cassandra

    Cassandra Neues Mitglied

    Die Weiber von Weinsberg

    Wer sagt mir an, wo Weinsberg liegt?
    Soll sein ein wackres Städtchen,
    Soll haben, fromm und klug, gewiegt,
    Viel Weiberchen und Mädchen.
    Kömmt mir einmal das Freien ein,
    so werd` ich eins aus Weinsberg frein.

    Einsmals der Kaiser Konrad war
    Dem guten Städtlein böse
    Und rückt heran mit Kriegesschar
    Und Reisigengetöse,
    Umlagert` es mit Roß und Mann
    Und schoß und rannte drauf und dran.

    Und als das Städtlein widerstand
    Trotz allen seinen Nöten,
    Da ließ er, hoch von Grimm entbrannt,
    Den Herold `nein trompeten:
    Ihr Schurken, komm ich `nein, so wißt,
    Soll hängen, was die Wand bepißt.

    Drob, als er den Avis also
    Heinetrompeten lassen,
    Gab`s lautes Zerermordio
    Zu Haus und auf den Gassen.
    Das Brot war teuer in der Stadt;
    Doch teurer noch war guter Rat.

    "O weh, mir armem Korydon!
    O weh mir! die Pastores
    Schrien: Kyrie Eleison!
    Wir gehn, wir gehn kapores!
    O weh, mir armem Korydon!
    Es juckt mir an der Kehle schon"

    Doch wann`s Matthä`am letzten ist,
    Trot RAten, Tun und Beten,
    So rettet oft noch Weiberlist
    Aus Ängsten und aus Nöten.
    Denn Pfaffentrug und Weiberlist
    Gehn über alles, wie ihr wißt.

    Ein junges Weibchen lobesam,
    Seit gestern erst getrauert,
    Gibt einen klugen Einfall an,
    Der alles Volk erbauet;
    Den ihr, sofern ihr anders wollt,
    Belachen und beklatschen sollt.

    "Die Weiber sollten Abzug han
    Mit ihren besten Schätzen,
    Was übrig bliebe, wollte man
    Zerhauen und zerfetzen."
    Mit der Kapitulation
    Schleicht die Gesandschaft trüb davon.

    Drauf, als der Morgen bricht hervor,
    Gebt Achtung! Was geschiehet?
    ES öffnet sich das nächste Tor,
    Und jedes Weibchen ziehet,
    Mit ihrem Männchen schwer im Sack,
    So wahr ich lebe! huckepack. -

    Manch Hofschranz suchte zwar sofort
    Das Kniffchen zu vereiteln;
    Doch Konrad sprach: "Ein Kaiserwort
    Soll man nicht drehn noch deuteln.
    Ha bravo!" rief er, "bravo so!
    Meint unsere Frau es auch nur so!"

    Er gab Pardon und ein Bankett,
    Den Schönen zu gefallen.
    Da ward gegeigt, da ward trompet`t.
    Und durchgetanzt mit allen,
    Wie mit der Burgenmeisterin,
    So mit der Besenbinderin.

    Ei! sagt mir doch, wo Weinsberg liegt?
    Ist gar ein wackres Städtchen.
    Hat, treu und fromm und klug, gewiegt,
    Viel Weiberchen und Mädchen.
    Ich muß. kömmt mir das Freien ein,
    Fürwahr! muß eins aus Weinsberg frein.

    Gottfreid August Bürger
     
  3. Babylonia

    Babylonia Neues Mitglied

    Mit Ibbisin endet Sumer.

    Das war um 2000 v. Ch.. Ein sumerischer Dichter hat die Stimmung festgehalten, die sich der Menschen in der Umgebung des zerstörten Ur bemächtigte. (...). Wehmütig, voller Trauer, stellt der Dichter fest, dass die Götter ihre Gunst den Sumerern entzogen haben.

    „Der böse Sturmwind hat, die Zeiten zu ändern
    Und das Gesetz zu tilgen, ein Orkan, gewütet.
    Er stürzte Sumers alte, rechte Ordnung,
    Die Zeit der guten Herrscher ist dahin,
    In Trümmern liegen nun des Landes Städte,
    Und öde sind die Hürden, sind die Pferche.
    Wo sind die schweren Rinder hinterm Gatter,
    Wo sind die Schafe, die hier Lämmer warfen?
    Das Wasser der Kanäle wurde bitter,
    Und schüttres Gras deckt das Getreidefeld;
    Die Steppe bringt nur >Wehkraut< noch hervor.
    Die Mutter heget keine Kinder mehr,
    Nicht ruft der Vater zärtlich nach der Gattin,
    Noch jauchzt die Liebste an des Mannes Brust.
    Das Knie der Mutter wiegt die Kinder nicht,
    Verstummt sind auch der Amme Schlummerlieder.
    An fremdem Ort steht nun der Königssitz,
    Wo mag man da gerechten Schiedsspruch finden?
    Die Herrschaft wanderte in fremdes Land,
    Auf das man mit gebeugtem Rücken schaut.
    Und Enlils Blick fiel huldvoll auf die Feinde.
    Ja, Nintu hat ihr eignes Werk verstoßen,
    Den Strömen gar gab Enki neuen Lauf:
    So haben An und Enlil es bestimmt.
    Man trieb die Menschen aus der Heimat fort
    Und führt’ sie in der Feinde Länder weg,
    Gen Abend höhnt der Subaräer sie,
    Elam im Osten deckt mit Schmach sie zu.
    Weh, Sumers König schied von dem Palaste,
    Ins Elamiterland ging Ibbisin,
    In ferne Zonen hin zu Anschans Grenze
    Und glich dem Vogel, dessen Nest man störte,
    Dem Fremden, der die Heimat nie mehr sieht.
    Des Euphrat und des Tigris öde Ufer,
    Die lassen wachsen nur noch böses Kraut.
    Es wagt kein Mensch, die Straßen zu begehen,
    Verängstigt hockt er in der Trümmerstadt,
    In der nur Not und Tod noch Wohnung hat.
    Die Hacke rastet überm Ackerland,
    Der Hirte führt die Schafe nicht ins Feld,
    Leer sind die Hürden, da die Rinder standen,
    Nicht Milch noch Fett trägt man aus ihnen her,
    Das Mutterschaf vergaß des Werfens ganz.
    Tot ist das Wild, das durch die Steppe sprang,
    Die Tiere finden keine Ruhstatt mehr,
    Der Teich ist ausgeraubt und rings das Rohr.
    Zertreten sind die wohl gehegten Beete,
    Es welkt der Obstbaum und der Gärten Pracht.
    So haben An und Enlil das Geschick bestimmt.
    Das Wort des An – wer stürzte es wohl um,
    Und wer vermöchte Enlils Rat zu ändern!
    O Sumer, Land der Furcht, da Menschen zagen:
    Der König ging und seine Kinder klagen.“

    Entnommen:
    Helmut Uhlig, „Die Sumerer. Ein Volk am Anfang der Geschichte“, Bastei Lübbe, Bergisch Gladbach, 2002
     
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  4. Solidarnosc

    Solidarnosc Neues Mitglied

    Also ich möchte euch auch mal an meinen dichterischen Ambitionen teilhaben lassen und hoffe auf ein mildes Urteil.

    Marie Antoinette

    Du rauschtest von Fest zu Fest,
    An deinem Hofe in Versailles,
    Während dein Mann lag und schlief ganz fest,
    Im Bette schon derweil.

    Prunk und Pracht,
    Das waren deine Süchte,
    Für dein Volk hast du nichts gemacht,
    Doch liebtest immer des Lebens süße Früchte.

    Vom Geiste warst du flatterhaft,
    Gabst dich allen Freuden hin,
    Was Großes hast du nie geschafft,
    Und doch stehst du mir jetzt im Sinn.

    Man sah dich nur in schönen Kleidern,
    Dem Luxus verfallen von Kindheit an,
    Du spürstes so viele von Versailles Leibern,
    Du konntest nicht widerstehen einem schönen Mann.

    Wolltest du Schlechtest oder Gutes?
    Wir wissen es nicht,
    Ob du fandest was du suchtest,
    Steht nicht im Licht.

    Dein Ende, das war königlich,
    Du folgtest dem Vorblid deines Mannes,
    Auf dem Schafott standst du zum Mal im Rampenlicht,
    Den letzten Kampf gegen den Henker nicht gewannest.



    Ich hoffe ihr könnt gefallen daran finden wenn ja kann ich euch noch ein zwei rein schreiben.
     
  5. Mercy

    Mercy unvergessen

    Bilde, Künstler, rede nicht!
    Nur ein Hauch sei dein Gedicht!


    Das gilt natürlich auch für viele andere der hier vorgestellten Gedichte, nur sind die Zeugnisse ihrer Zeit.
     
  6. Solidarnosc

    Solidarnosc Neues Mitglied

    Anne Frank

    Dein Schicksal ist mir stets im Sinn,
    Obwohl schon viele Jahre flossen hin,
    Doch der Unvergesslichkeit gehört dein Leben,
    Dies soll ein Zeichen uns geben.

    Dein Traum ist wahr geworden,
    Es kennen dich die Menschen von Morgen,
    Deine Schrift vergisst man nicht,
    Genau wie dein lachendes Gesicht.

    Dein Leid soll uns warnen,
    Das nie wieder jemand kann sich bahnen,
    Den Weg zur Macht mir Hass,
    Auf Menschen die nie taten böses was.

    Warum nur musstes du so leiden,
    Diese Frage lässt sich nicht vermeiden,
    Warum ein junger Mensch geschickt in den Tod,
    Warum verursacht wurde solch große Not.

    Keiner will beantworten dieses Warum,
    Lieber stellt man sich hier dumm,
    Doch muss die junge Generation immer fragen,
    Was ist geschehen in diesen Tagen.

    Was ist geschehen mit dem jungen Mädchen,
    Das geraten ist in die Maschinerie mit den perfekten Rädchen,
    Das nie die Chance hatte ganz zu leben,
    Diese wichtige Frage muss es immer geben.
     
  7. Mercy

    Mercy unvergessen

    Ein Beitrag zur Vorgeschichte

    Joseph Victor von Scheffel

    Der Ichthyosaurus


    Es rauscht in den Schachtelhalmen,
    Verdächtig leuchtet das Meer,
    Da schwimmt mit Thränen im Auge
    Ein Ichthyosaurus daher.

    Ihn jammert der Zeiten Verderbniß,
    Denn ein sehr bedenklicher Ton
    War neuerlich eingerissen
    In der Liasformation.

    »Der Plesiosaurus, der Alte,
    Er jubelt in Saus und Braus,
    Der Pterodactylus selber
    Flog neulich betrunken nach Haus.

    »Der Iguanodon der Lümmel
    Wird frecher zu jeglicher Frist,
    Schon hat er am hellen Tage
    Die Ichthyosaura geküßt.

    »Mir ahnt eine Weltkatastrophe,
    So kann es ja länger nicht geh'n;
    Was soll aus dem Lias noch werden,
    Wenn solche Dinge gescheh'n?«

    So klagte der Ichthyosaurus,
    Da ward es ihm kreidig zu Muth,
    Sein letzter Seufzer verhallte
    Im Qualmen und Zischen der Flut.

    Es starb zu derselbigen Stunde
    Die ganze Saurierei,
    Sie kamen zu tief in die Kreide,
    Da war es natürlich vorbei.

    Und der uns hat gesungen
    Dies petrefaktische Lied,
    Der fand's als fossiles Albumblatt
    Auf einem Koprolith.
     
  8. Easy Rider

    Easy Rider Neues Mitglied

    Habe eben "Als die Römer frech geworden" entdeckt und möchte nun hiermit die bayrische Version ergänzen

    Auf der Durchreis' zu den preußen
    hatten sie nichts mehr zu beißen
    darum ham's im Jahre 8
    an der Isar Brotzeit g'macht.
    beim Maximilianeum
    rührten sie ihr'n Tee um.

    Die Bayern ham was andres trunken,
    und die Römer hat ers g'stunken,
    denn die ham sofort entdeckt,
    dass das andre besser schmeckt,
    wollten es probieren,
    wollten es probieren.

    Doch das gute Bier in Bayern
    macht auch Römerbeine bleiern.
    Als man blies zum Weitermarsch
    lüftete kein Mann das Bein.
    Keiner wollte laufen,
    alle wollten saufen.

    Erst im März des Jahres neune
    machten sie sich auf die Beine.
    Doch sie waren nicht auf Draht
    und sie schoben schwer Spinat,
    ließen sich verprügeln
    auf Teutoburger Hügeln.

    Was der Preuß' als Sieg tut feiern,
    dankt er nur den alten Bayern.
    Denn die ham im Jahre 8
    mit Bier die Römer b'suffa g'macht.
    Moral von dem Gedichte:
    Man schreibt mit Bier Geschichte!
     
  9. Cassandra

    Cassandra Neues Mitglied

    Die Gedanken sind frei...

    Text auf süddeutschen Flugblättern aus der Zeit zwischen 1780 und 1800. Der Grundgedanke ist schon in Freidanks mittelhochdeutscher Spruchdichtung "Bescheidenheit" (d. h. Bescheidwissen, Lebensweisheit) vom Jahre 1229 ausgesprochen: "Diu bant mac nieman vinden, diu mine gedanke binden". Walther von der Vogelweide (etwa 1170 bis 1230) singt: "Sind doch Gedanken frei", der österreichische Minnesänger Dietmar von Aist (12. Jahrh.): "Die Gedanken, die sind ledig frei"

    1. Die Gedanken sind frei,
    Wer kann sie erraten,
    Sie fliehen vorbei,
    Wie nächtliche Schatten.
    Kein Mensch kann sie wissen,
    Kein Jäger erschießen
    Mit Pulver und Blei.
    Die Gedanken sind frei!

    2. Ich denke was ich will
    Und was mich beglücket,
    Doch alles in der Still',
    Und wie es sich schicket.
    Mein Wunsch, mein Begehren
    Kann niemand verwehren,
    Es bleibet dabei:
    Die Gedanken sind frei!

    3. Und sperrt man mich ein
    In finsteren Kerker,
    Ich spotte der Pein
    Und menschlicher Werke.
    Denn meine Gedanken
    Zerreißen die Schranken
    Und Mauern entzwei,
    Die Gedanken sind frei!

    4. Drum will ich auf immer
    Den Sorgen entsagen
    Und will dich auch nimmer
    Mit Willen verklagen.
    Man kann ja im Herzen
    Stets lachen und scherzen
    Und denken dabei:
    Die Gedanken sind frei!

    Text und Melodie in "Lieder der Brienzer Mädchen", in Bern zwischen 1810 und 1820 gedruckt; oben ähnlich Hoffmann-Richters "Schlesischen Volksliedern", Leipzig 1842
     
  10. ning

    ning Gesperrt


    oh reimeschmied, ich muss dich rügen!
    dein dichtwerk straft das weib mit lügen.
    ein kraus' gemisch aus unwahrheiten
    sollt niemals den poeten leiten...

    ;)


    (denn das tonerl, antoinetterl
    war nicht in so vielen betterln!!)

    -

    ... aber schon interessant, wie sich das habsburgische rokoko-glamourgirl (das stimmt leider, dass sie schmuck-und-tand recht verfallen war) derzeit durch alle geschichtsforeum.de-seminare "schläft"... *s(ouris)*

    lieber solidarnosc, nix für unggut, zum vorurteil/klischee gewordene rufmordkampagnen sind selbst aus recht versierten geschichtsaufarbeitungen nicht rauszubringen!
    Und freundlich güßt das murmelning
     
    Zuletzt bearbeitet: 3. März 2005
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  11. Klaus P.

    Klaus P. Aktives Mitglied

    Nicht direkt Gedichte, aber auch sehr schön sind, finde ich, folgende Aphorismen (vielleicht gibt's da mal eine Extra-Reihe):

    "Gefährliche Deutsche. Sie ziehen plötzlich ein Gedicht aus der Tasche
    oder beginnen ein Gespräch über Philosophie."

    "Da und da hatte ich einen großen Gedanken, hab' ihn aber vergessen.
    Was mag es wohl gewesen sein? Nun plage ich mich mit Erraten."

    "Luther erschütterte Deutschland,
    aber Franz Drake beruhigte uns wieder:
    er gab uns die Kartoffel."

    (alle von Heinrich Heine)
     
  12. Mercy

    Mercy unvergessen

    blauäugig, blond, verwegen

    Prinz Louis Ferdinand

    Sechs Fuß hoch aufgeschossen,
    ein Kriegsgott anzuschaun,
    der Liebling der Genossen,
    der Abgott schöner Frau'n,
    blauäugig, blond, verwegen,
    und in der jungen Hand
    den alten Preußendegen -
    Prinz Louis Ferdinand

    Die Generalitäten
    kopfschütteln früh und spät,
    sie räuspern sich und treten
    vor seine Majestät,
    sie sprechen: "Nicht zu dulden
    ist dieser Lebenslauf,
    die Mädchen und die Schulden
    zehren den Prinzen auf."

    Der König drauf mit Lachen:
    "Dank' schön, ich wußt' es schon;
    es gilt ihn kirr zu machen,
    drum: Festungsgarnison;
    er muß in die Provinzen
    und nicht länger hier verziehn,
    nach Magdeburg mit dem Prinzen
    und nie Urlaub nach Berlin.

    Der Prinz vernimmt die Märe,
    saß eben bei seinem Schatz:
    "Nach Magdeburg auf Ehre,
    das ist ein schlimmer Platz!"
    Er meldet sich am Orte,
    und es spricht der General:
    "Täglich elf Uhr zum Rapporte
    ein für allemal!"

    O Prinz, das will nicht munden!
    Doch denkt er: Sei gescheit,
    volle vierundzwanzig Stunden
    sind eine hübsche Zeit.

    Relais, viermal verschnaufen,
    auf dem Sattel Nachtquartier,
    und kann's ein Pferd nicht laufen,
    so laufen's ihrer vier.

    Hin fliegt er wie die Schwalben,
    fünf Meilen ist Station,
    vom Braunen auf den Falben -
    das ist die Havel schon;
    vom Rappen auf den Schimmel,
    nun fast die Sehnsucht ihn,
    drei Meilen noch --- hilf Himmel,
    Prinz Louis in Berlin.

    Gegeben und genommen
    wird einer Stunde Glück,
    dann, flugs wie er gekommen,
    im Fluge geht's zurück.
    Elf Uhr am andern Tage
    hält er am alten Ort
    und mit dem Glockenschlage
    da steht er zum Rapport.

    Das war nun bloßes Reiten,
    doch wer so reiten kann,
    der ist in rechten Zeiten
    auch wohl der rechte Mann;
    schon über Tal und Hügel
    stürmt ostwärts der Koloß -
    Prinz Louis sitzt am Flügel
    im Rudolstädter Schloß.

    Es blitzt der Saal von Kerzen,
    zwölf Lichter um ihn stehn,
    Nacht ist's in seinem Herzen,
    und Nacht kann er sehn.
    Die Töne schwellen, rauschen,
    es klingt wie Lieb' und Haß,
    die Damen stehn und Lauschen,
    und was er spielt, ist das:

    "Zu spät zu Kampf und Beten!
    Der Feinde Rossehuf
    wird über Nacht zertreten,
    was ein Jahrhundert schuf;
    ich seh' es fallen, enden
    und wie alles zusammen bricht -
    ich kann den Tag nicht wenden,
    aber leben will ich ihn nicht!"

    Und als das Wort verklungen,
    rollt Donner schon der Schlacht.
    Er hat sich aufgeschwungen,
    und sein Herze noch einmal lacht.
    Vorauf den andern allen
    er stolz zusammenbrach;
    Prinz Louis war gefallen,
    und Preußen fiel - ihm nach.

    Theodor Fontane

    So Theodor Fontane über den 1806 in der Schlacht von Saalfeld gefallenen Prinzen Louis Ferdinand von Preußen. Der Neffe Friedrichs des Großen besaß eine ungeheure Ausstrahlungskraft, der sich kaum jemand entziehen konnte. Beethoven lobte seine menschlichen und musikalischen Fähigkeiten, in den Berliner Salons seiner Zeit war er der strahlende Mittelpunkt.
    Doch die Kehrseite der glänzenden Medaille sah anders aus: Aufgewachsen ohne elterliche Liebe, geplagt von Schulden, vom König in die Provinz abgeschoben, unfähig, eine dauerhafte Partnerschaft einzugehen, blieb Louis Ferdinand zeitlebens rast- und ruhelos, hin- und hergerissen zwischen adliger und bürgerlicher Welt.
     
  13. ponzelar

    ponzelar Neues Mitglied

    1. strophe

    wem ham se de krone jeklaut? (2.mal zu singen)

    dem willhelm dem doofen
    dem obajanoven
    dem ham se de krone jeklaut. jaja (2. mal zu singen)

    2. strophe

    wer hat em de krone jeklaut?

    der ebert der helle
    der sattlerjeselle
    der hat em de krone jeklaut. jaja

    3. strophe

    wat macht denn nu willhelm un sohn?

    der willhelm un sohn
    die jehn jetz als clown
    weil se nix mehr vadien ufm thron. jaja

    (verfasser unbekannt, bänkelgesang aus 1918)

    die darstellung entspricht zwar nicht ganz den tatsachen, aber trotzdem ein schönes und lustiges lied. wenn meine kleinen zwerge auf autofahrten auf der rückbank rumknatschen, beruhigt sie dieser heitere gesang ganz besonders.

    ponzelar

    p.s.
    bitte die mangelhafte schreibweise des berliner dialektes entschuldigen, ist für mich ne fremdsprache.
     
  14. Mercy

    Mercy unvergessen

    Aber eine Quelle dafür gibt es?
     
  15. ponzelar

    ponzelar Neues Mitglied

    ja sicher: mündlich überliefert.

    ponzelar


    p.s.
    ich glaube, daß ich das lied vom gesangsduo hein und os kröher kenne, mercy. gefällt es dir?
     
  16. Mercy

    Mercy unvergessen

    Klar kenne ich die Pirmasenser Hein und Oss, ich kenne ja auch Joy Fleming vom pfälzischen Rockenhausen.
    Ein Volkskundler fragt nicht nach Qualität und Gefallen, er untersucht überlieferte Spuren.

    Natürlich sind die Brüder gut, Degenhardt hat ihnen zu ihrem fünfundsiebzigsten anno 2002 im Mainzer Unterhaus eine nette Laudatio gewidmet.
     
  17. Cassandra

    Cassandra Neues Mitglied

    Jetzt ist die Zeit und Stunde da (S. Fr. SAUTER/trad.) (c. 1845)

    Mitte des 19. Jahrhunderts setzte in Deutschland eine riesige Auswanderungswelle - vor allem nach Amerika - ein. Ein sprunghafter Bevölkerungsanstieg (um fast 50%) Missernten, Hungersnöte und niedrigste Löhne - ein Bergbauarbeiter hatte etwa den Tagesverdienst von einem Laib Brot! - trieben allein 90.000 Badener um diese Zeit aus der Heimat, um in der neuen Welt ihr Glück zu suchen.

    Jetzt ist die Zeit und Stunde da
    allwo wir ziehen nach Amerika
    der Wagen steht schon vor der Tür
    mit Weib und Kindern ziehen wir.


    Amerika, du schönes Land
    das ist der ganzen Welt bekannt
    da wächst der Klee drei Ellen hoch
    da gibt es Brot und Fleisch genug.

    Ihr Freude alle, wohlbekannt!
    Reicht uns zum letzten Mal die hand!
    Wir sehen uns nun immermehr
    ihr Freunde, weinet nicht so sehr!

    Jetzt kommen wir in Bremen an,
    da heißt es: "Brüder, tretet an!"
    Wir fürchten keinen Wasserfall:
    der liebe Gott ist überall.

    Jetzt kommen wir nach Baltimore
    und strecken unsre Hand empor
    und rufen aus: "Viktor i a
    Jetzt sind wir in Amerika!

    Wir gehen in die Stadt hinein
    und kehren in ein Wirtshaus ein
    und trinken da ein gut Glas Wein
    und lassen Deutschland Deutschland sein


    22. März 1886, Westerstede:

    Die am Morgen des 2. März von hier abgegangene Auswanderer-Karawane ist am vergangenen Montag in Newyork gelandet worden. Die armen Leute haben eine recht bewegte Reise durchgekostet. Zuerst hatte der Zug von Westerstede nach Ochholt in Folge von Schneeverwehungen mit vielen Hindernissen zu kämpfen. Der Anschlußzug konnte dennoch erreicht werden. Am nächsten Tag, als der Dampfer von Bremerhaven auslauten sollte, stellte sich heraus, daß solches wegen zu niedrigem Wasserstande nicht geschehen konnte. Nach einem unfreiwilligen Aufenthalt wurde endlich die Reise über den Ozean angetreten; sie dauerte bei hohem Seegang und dichtem Nebel zehn Tage. Kurz vor Newyork hatte das Auswandererschiff "Fulda" noch Passagire des gesunkenen englischen Dampfers "Oregon" an Bord genommen.
     
  18. Cassandra

    Cassandra Neues Mitglied

    Jetzt ist die Zeit und Stunde da

    aus Mittelpolen, Kreis Gostynin, 19. Jahrhundert

    Jetzt ist die Zeit und Stunde da,
    Daß wir ziehen nach Ukrainaa.
    |: Die Wagen stehn schon vor der Tür,
    Mit Frau und Kindern ziehen wir. :|

    2. Jetzt ist die Zeit und Stunde da,
    Daß wir ziehen nach Ukraina.
    |: Die Pferde sind nun angespannt,
    Wir ziehen in ein neues Land. :|

    3. Jetzt, leibe Freunde, allzumal,
    Reicht und die Händ' zum letztenmal.
    |: Macht uns den Abschied nicht so schwer,
    Wir sehen uns doch nimmermehr. :|

    4. Und kommen wir ans hohe Tor,
    Heben wir die Händ' zu Gott empor.
    |: Und singen laut: Viktoria!
    Jetzt sind wir in Ukraina.
     
  19. Mercy

    Mercy unvergessen

    Von einem, der das Auswandererschicksal ebenfalls kannte:

    Ferdinand Freiligrath

    Die Auswanderer


    Ich kann den Blick nicht von euch wenden;
    Ich muß euch anschaun immerdar:
    Wie reicht ihr mit geschäft'gen Händen
    Dem Schiffer eure Habe dar!

    Ihr Männer, die ihr von dem Nacken
    Die Körbe langt, mit Brot beschwert,
    Das ihr aus deutschem Korn gebacken,
    Geröstet habt auf deutschem Herd;

    Und ihr, im Schmuck der langen Zöpfe,
    Ihr Schwarzwaldmädchen, braun und schlank,
    Wie sorgsam stellt ihr Krüg' und Töpfe
    Auf der Schaluppe grüne Bank!

    Das sind dieselben Töpf' und Krüge,
    Oft an der Heimat Born gefüllt!
    Wenn am Missouri alles schwiegen
    Sie malten euch der Heimat Bild:

    Des Dorfes steingefaßte Quelle,
    Zu der ihr schöpfend euch gebückt,
    Des Herdes traute Feuerstelle,
    Das Wandgesims, das sie geschmückt

    Bald zieren sie im fernen Westen
    Des leichten Bretterhauses Wand;
    Bald reicht sie müden braunen Gästen,
    Voll frischen Trunkes, eure Hand.

    Es trinkt daraus der Tscherokese,
    Ermattet, von der Jagd bestaubt;
    Nicht mehr von deutscher Rebenlese
    Tragt ihr sie heim, mit Grün belaubt.

    O sprecht! warum zogt ihr von dannen?
    Das Neckartal hat Wein und Korn;
    Der Schwarzwald steht voll finstrer Tannen,
    Im Spessart klingt des Älplers Horn.

    Wie wird es in den fremden Wäldern
    Euch nach der Heimatberge Grün,
    Nach Deutschlands gelben Weizenfeldern,
    Nach seinen Rebenhügeln ziehn!

    Wie wird das Bild der alten Tage
    Durch eure Träume glänzend wehn!
    Gleich einer stillen, frommen Sage
    Wird es euch vor der Seele stehn.

    Der Bootsmann winkt! - Zieht hin in Frieden:
    Gott schütz' euch, Mann und Weib und Greis!
    Sei Freude eurer Brust beschieden,
    Und euren Feldern Reis und Mais!

    Aus "Gedichte", 1838


    Die Zeile Im Spessart klingt des Älplers Horn gilt als Nachweis, dass auch im Spessart das Alphorn geblasen wurde.
     
  20. Mercy

    Mercy unvergessen

    Wintermärchen

    Deutschland - ein Wintermärchen

    Im deutschen Dezember floss die Spree
    Von Ost- nach Westberlin
    Da schwamm ich mit der Eisenbahn
    Hoch über die Mauer hin

    Da schwebte ich leicht übern Drahtverhau
    Und über die Bluthunde hin
    Das ging mir so seltsam ins Gemüt
    Und bitter auch durch den Sinn

    Das ging mir so bitter in das Herz
    Da unten die treuen Genossen
    So mancher, der diesen gleichen Weg
    Zu Fuß ging, wurde erschossen

    Manch einer warf sein junges Fleisch
    In Drahtverhau und Minenfeld
    Durchlöchert läuft der Eimer aus
    Wenn die MP von hinten bellt

    Nicht jeder ist so gut gebaut
    Wie der Franzose Franz Villon
    Der kam in dem bekannten Lied
    Mit Rotweinflecken davon

    Wolf Biermann
     

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