Das sich die süddeutschen Staaten 1870 Preußen im Krieg anschlossen, statt ihre Neutralität zu erklären (die spanische Thronkandidatur des Hohenzollern ging sie ja nun mal überhaupt nichts an, und gewisser Groll gegenüber Berlin, dürfte wegen 1866/1867 ja auch noch vorhanden gewesen sein) hatte ja durchaus einen Grund und der lag nicht zuletzt in der latenten bedrohung Süddeutschlands sollte Preußen im Krieg gegen Frankreich unterliegen.
Die Hohenzollernkandidatur interessiert Bayern herzlich wenig. Dies sagte Bray auch unverblümt am 10.Juli 1870 dem französischen Gesandten, aber, und jetzt kommt es, das Bayern den Angriff der französischen Armee auf deutschen Gebiet - nicht zuletzt aufgrund der beträchtlichen öffentlichen Erregung - nicht untätig zusehen könnte. Am nächsten Tage äußerte sich Bray gegenüber den österreichischen Gesandten: "Bei einem französischen Angriff gebe es für Bayern keine andere Möglichkeit, als das nolens volens seine Streitkräfte für Preußen alarmieren müßte. "Wenn es vielleicht möglich wäre, über den casus foederis Zweifel zu erheben, so würde es nicht möglich sein, zu bestreiten, das deutsches Gebiet angegriffen wird, zu dessen Verteidigung auch Bayern beizutragen hätte." (1)
Spätestens am 15.Juli war Bray davon überzeugt, das eine Anerkennung des casus foederis unumgänglich sein und angesichts der sich zuspitzenden Krise unmittelbar bevorstehen würde. Er teilte dem bayrischen König mit:
"Wie die Dinge liegen, wird es kaum möglich sein, das Bayern sich neutral verhalte; und wenn eine active Teilnahme am Kriege nicht zu umgehen ist, dürfte die Wahl um so weniger Schwierigkeiten darbieten, indem ein Krieg Frankreichs gegen Preussen stets ein Angriffskrieg, ein Kampf um die Integrität des deutschen Gebiete sein wird und in diesem Falle der Artikel 1 des Allianzvertrages vom 22.August 1866 die Verpflichtung Bayerns unzweideutig normiert hat, sowie das auch nach älteren deutschen Bundesrecht bestimmt gewesen war." (2)
Als die Mobilmachung beschlossene Sache war, hatte sich für Bray die Frage verändert. Die spanische Frage verschwand, die deutsche Frage beginnt.(3)
Der bayrische Außenminister Bray meinte zu dem Gesandten Österreichs Bruck:
"Die einzige Möglichkeit , uns zurückzuhalten, wäre die gewesen, das Österreich eine Armee an der bayrischen Grenze aufstellt. Da dies nicht geschieht, sind wir leider gebunden und können nicht anders, als unsam Kriege zu beteiligen.(4)
Schauen wir nach Württemberg.
Varnbülers Haltung war der Bray sehr ähnlich. Auch er war mißtrauisch gegenüber Bismarck, sah aber ein, das ein Heraushalten Württembergs bei einem französischen Angriff auf deutsches Gebiet unmöglich sein würde und richtete entsprechende Warnungen an Frankreich. (5)
Die aggressive Politik Frankreichs, insbesondere durch die französische Presse, ließ den Konflikt in den Augen Varnbüler immer mehr von einer dynastischen Frage zwischen Frankreich und Preußen immer mehr zu einer nationalen werden.
Nach der Veröffentlichung der Emser Depesche gab es für Varnbüler keinen Zweifel mehr. Dem österreichschen Gesandten ließ er schon vor der Publikation der Emser Depesche wissen, "Württemberg fühle sich an Preußen gebunden, falls Frankreich deutsches Gebiet verletze.(6)
Am 15.Juli 1870 stimmte der Ministerrat einstimmig für die Anerkennung des Bündnissfalles. (7)
Ein vorzeitiger vollständiger Anschluss Badens an den Norddeutsche Bund hätte dem von Anfang an die Spitze genommen, weil es einen von Preußen beschützten Sperriegel zwischen Frankreich und den beiden anderen süddeutschen Staaten (außer der Pfalz) bedeutet hätte für den sie im Gegensatz zu dem relativen Schutz, den Bismarcks erzwungene "Schutz- und Trutzbündnisse" boten keine eigenen militärischen Verpflichtungen hätten übernehmen müssen.
Schon möglich, nur war das nicht möglich gewesen. Das Stichwort hier lautet Frankreich.
Bei Baden gebe ich dir ja recht, aber Würtemberg hätte die Möglichkeit gehabt zwischen Bayern und Preußen, perspektivisch auch Österreich zu lavieren und sich damit weitgehend eigenständig zu halten, jedenfalls so lange keine Bedrohung von französischer Seite geschluckt zu werden die Festlegung auf eine größere Schutzmacht erfordert hätte.
Wie schon oben geschrieben. Varnbüler fürchtete die Hegemonie Bayerns und die Isolierung. Ich zitiere mich selbst:
Wie sehr Varnbüler von diesem Gedanken geleitet wurde, zeigt eine Äußerung, die er vor Beginn der Friedensverhandlungen im Hinblick auf eine bayrische Führungsrolle getätigt hatte:
"Bayern könnte die Stellung Preußens im Norden sich aneignen und das wäre schlimmer, als preußisch werden oder unter preußischer Führung zu kommen."
(1) Potthof, Die deutsche Politik Beusts , S.346
(2) Doeberl, Reichsgründung, S.231
(3) Bray, Denkwürdigkeiten, S.128
(4) Potthoff, Die deutsche Politik Beusts, S.352
(5) Potthof, Die deutsche Politik Beusts, S.345
(6) Potthof, Die deutsche Politik Beusts, S.347
(7) Miitnacht, Rückblicke, S.51-55