Heizen auf einem Schiff vor 1700

Dieses Thema im Forum "Technikgeschichte" wurde erstellt von Gudrun, 23. September 2018.

  1. Gudrun

    Gudrun Neues Mitglied

    Hallo,

    für eine Szene auf einem Schiff in einer Geschichte suche ich Informationen darüber, wie früher geheizt wurde? Gab es Öfen? Kamine? Wie wurden die befeuert?
    Ich habe hier schon einige interessante Threads lesen können, z.B. zur Überfahrt der Pilger, wo das Leben an Board in früherer Zeit sehr gut beschrieben ist. Wäsche waschen, Toilettengänge, sowie z.B. die Schlafsituation wird geschildert, jedoch kein Wort, wie man sich auf den Schiffen warm hielt.


    Ich bin auch für Literaturempfehlungen dankbar.
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ich habe auf älteren Schiffen schon Backsteinklinkeröfen gesehen. Womöglich war der Gang in die Kombüse zum Aufwärmen eine Maßnahme, neben einigermaßen dichter Kleidung aus Schafwolle (Fischer auf Madeira - und dort ist warm - sieht man eigentlich nie ohne Wollpullover und -mütze), Bewegung (anfallende Arbeit) und Grog. Vor der Einführung der Hängematte - und sicherlich auch noch danach, wird die Beengung ihres getan haben. Man hat einfach nebeneinander gelegen und sich so gegenseitig gewärmt.
     
  3. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Außer zum Kochen gab es keine Wärmequellen.

    Eine bessere Vorstellung bekommt man in Wolfram zu Mondfeld, Peter Holz, Johannes Soyener, Die Schiffe des Christoforo Colombo - 1492 Nina. Pinta. Santa Maria., Herford 1991.
     
  4. Apvar

    Apvar Premiummitglied

    Bis zur Einführung der Dampfmaschine an Bord gab es nur eine größere Feuerquelle an Bord, nämlich die Kombüse. Und die war ausgemauert. So das kaum Funkenflug die Schiffe in Brand setzen konnte. Bei Sturm , Schwerwetter und im Gefecht wurde das Feuer in der Kombüse gelöscht, da die Feuergefahr zu groß wurde. Das Leben wurde erst wirklich besser mit der Dampfmaschine und Heizung durch den Dampf auf eisernen Schiffen.
    Wenn Du die Möglichkeit hast, fahr nach Lelystat und guck Dir die Batavia an. Das ist ein Nachbau eines Ostindienfahrers aus dem 17. Jahrhunderts.
     
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  5. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Ein Beispiel zu den Ausführungen von Apvar:

    HMS Terror bekam (erst) 1839 für eine Arktik-Expedition ein Heizungssystem verpasst. Siehe Anlage.
    Ostindienfahrer sind ein Beispiel, dass so etwas in südlichen Gewässer weniger benötigt wird.

    Ein (gesicherte) Feuerquelle - siehe Kombüse - und so etwas wie Leitungen für Warmluft in einigen Räumen wären weniger das Problem gewesen. Zusätzlich zur Kombüse würde sich die Frage stellen, wo man auf einem Segelschiff überhaupt große Mengen an Heizmaterial verstauen soll.

    Quelle Skizze: Winfield, British Warships in the Age of Sail 1817-1863 DF58D589-E253-4F3A-90A7-BE797AE6E70D.jpeg
     
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  6. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Gemauerte Feuerstellen dürften vor dem 17. Jahrhundert schon Luxus gewesen sein. Man nutzte kleine Eisenherde, die, wenn gekocht wurde, an eine passende Stelle gestellt wurden.

    Ursprünglich ging man zum Kochen an Land. Die erste archäologisch sicher nachgewiesene Kombüse stammt von einer Kogge des 13. Jahrhunderts. Es gibt eine Vermutung, dass zuvor mitunter Kessel als Herde benutzt wurden. Schriftquellen zu Herden auf Schiffen stammen erst aus dem 16. Jahrhundert. Doch schon seit dem 12. und 13. Jahrhundert sollen die Quellen nicht mehr von Landgängen zum Kochen reden.

    (Kirsten Langenbach, Eisenzeitliche Schiffsausrüstung im Bereich von Nord- und Ostsee, Hamburg 1998, S. 124 und zum Kessel als Herd S.113.)
     
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  7. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Gemauerte Kochstelle bzw. Kombüse 1680/1690:
    Lavery, Arming and Fitting of English Ships of War 1600-1815, S. 196

    E67328B6-5B78-473E-9620-430830BCB31A.jpeg
     
  8. Apvar

    Apvar Premiummitglied

    Nicht zu vergessen, vor den Entfeckungsfahrten und damit der Kolonialzeit war die Seefahrt ein Saisongeschäft. Sprich im Sommer wurde gesegelt und im Winter war die Instandhaltung dran. Zum einen waren die Schiffe noch nicht so Seetüchtig. Zum anderen ist es in Nordeuropa im Winter länger dunkel als hell. Und das hauptsächliche Navigationsinstrument war das Auge. Und ohne Sicht sieht es schlecht aus.
     
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  9. Neddy

    Neddy Aktives Mitglied

    In Ergänzung des oben geschriebenen: Nach Lavery, Brian, Nelson's Navy, p. 207 war es selbst im europäischen Winter nicht erforderlich, die Mannschaftsdecks (eines Kriegsschiffes) zu heizen, da die Körperwärme der auf engstem Raum zusammenlebenden Leute genügend Wärme produziert habe. Zuzüglich (und danach hatte ich gesucht und es hier bestätigt gefunden) wurden zumindest Einheiten der britischen Royal Navy (erst) ab 1783 im Umfang von 1 Stück pro (Mannschafts-)Deck mit einem "hand stove" also einem tragbaren Ofen ausgestattet. Allerdings nach Lavery und Riou in erster Linie, um die Decks zu trocknen - sowohl nach dem Waschen (der Decks), als auch auf Grund der enormen Feuchtigkeit, die Wind, Wasser, nasse Klamotten und kondensierende Atemluft einbrachten.

    Meine eigenen Anmerkungen dazu: Die Besatzung eines gut geführten Marineschiffs musste eigentlich nicht allzu intensiv beheizt werden: Wenn sie nicht gestapelt in ihren Hängematten schliefen, waren die Leute beim Essen oder an der (harten körperlichen) Arbeit. Gute Offiziere sahen zu, dass die Leute wassergeschützt schliefen und Hängematten und Bettzeug trocken waren.

    Anders war das mit Sicherheit bei (betuchten) Passagieren und Offizieren, also Menschen in Einzel- und Kleinstgruppenhaltung. Hier könnte ich mir - jetzt spekuliere ich allerdings - durchaus vorstellen, dass Mittel der Wärmezufuhr gesucht, identifiziert und ggf. gefunden wurden.
     
    Zuletzt bearbeitet: 24. September 2018
  10. Apvar

    Apvar Premiummitglied

    Bei C.S. Forrester, „Hornblower auf der Hotspur“ wurde mal erwähnt das Hornblower in der Kombüse erwämte Backsteine in die Koje bekam. Wobei hier die Frage ist, wieviel Dichterische Freiheit hier dabei war.
    Und vor 100 Jahren waren die Menschen viel mehr Unbill gewohnt als wir heute.
    Die Wäsche auf den Schiffen war meist klamm, da mit Salzwasser gewaschen wurde. Also war im Stoff nach dem trocknen Salz. Und das holt automatisch Feuchtigkeit aus der Luft. und gerade die Morgenwachen sind sehr feucht, da die Luft noch sehr kalt ist und die Feuchtigkeit aus der Nacht noch zum Teil in der Luft ist.
     
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  11. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Warum? ist eigentlich nur eine Variante der guten alten Wärmflasche.
    Die erhitzten Backsteine werden ebenfalls aus der Kombüse geliefert worden sein.

    Aus Baubeschreibungen holländischer Schiffe habe übrigens noch entnommen, dass die Kombüsen an den hölzernen Innenwänden auch mit Kupferplatten verkleidet worden sind. Dies kann eigentlich nur den Zweck gehabt haben, die Brandgefahr zu reduzieren.
     
  12. Gudrun

    Gudrun Neues Mitglied

    Danke, Ihr habt mir sehr weitergeholfen! Ich bedanke mich sehr für die Mühe, besonders auch für die Literaturempfehlungen!
     
  13. Galeotto

    Galeotto Aktives Mitglied

    Wenn es bei Deiner Frage speziell um Pilgerschiffe im 15. und 16. Jh. geht, die von Venedig gestellt wurden, handelte es sich um umgerüstete Handelsgaleeren. Diese Schiffe hatten lediglich eine offene Feuerstelle als Küche an Deck, zwischen einer Reihe von Ruderbänken. Fabri beschreibt einen Sturm :" Es gab kein Feuer mehr auf dem Schiff, die Küche auf dem Deck stand voll Wasser..." Unter Deck, wo die Pilger untergebracht waren gab es keine Heizmöglichkeit, da es sich hier um den Laderaum, der sonst für Güter vorgesehen war handelte. Man musste sehen, dass man sich mit Decken warmhielt. Felix Fabri erwähnt in seinem Pilgerbericht eine Ladung grober Decken, die eigentlich Handelsware waren, welche die Pilger aber auf ihre Betten als zusätzliche Polsterung und Wärmespender verteilten. Im Mittelmeerraum war Heizung auch nicht das größte Problem, in einem überfüllten und stickigen Laderaum .
     
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  14. Galeotto

    Galeotto Aktives Mitglied

    Es gab in der Antike bereits ziegelgedeckte Küchen an Bord römischer Handelssegler . Bei zahlrechen Wracks waren sowohl Ziegel aus denen der Herd bestand als auch Dachziegel zur Abdeckung in Hecknähe vorhanden.
     
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  15. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Ja, in der Antike bei römischen Handelsseglern.

    Was mich darauf bringt, Gudrun, dass sich die Schiffahrtstraditionen im Norden und im Mittelmeer voneinander in vielen Dingen abwichen. Wenn es um eine Pilgerfahrt ins Heilige Land gehen sollte, musst du das berücksichtigen.
     
  16. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Gestern halbernst gemeinter Kommentar eines Radiokommentators zur beginnenden Herbstkühle: "Laden Sie sich zehn Freunde ein und sparen Sie so die Heizkosten."
    Im Winter war die Seefahrt eh weitestgehend ausgesetzt. Und die Menschen waren früher kühle und wohl auch klamme Klamotten viel mehr gewohnt als heute, mit dreifach isolierten Fenstern etc. In den Wintern, in denen ich im Studium als archäologischer Grabungshelfer gearbeitet und somit auch bei feuchtem Wetter viel draußen war, war ich praktisch nie erkältet. In Wintern, in denen ich hauptsächlich in gut geheizten und kälteisolierten Räumen verbrachte, war ich häufiger mal mehr oder weniger schwer erkältet. Von anderen Leuten höre ich ähnliches: wer viel draußen arbeitet, ist praktisch nie krank. Wir alle wissen, dass Kälte nicht so schlimm ist, sofern es einigermaßen windstill ist und man einigermaßen trocken ist. Wind und Nässe machen Kälte erst richtig unangenehm.
     
  17. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Aber kochen mussten sie im Süden auch.
     
  18. Galeotto

    Galeotto Aktives Mitglied

    Das stimmt aber erstaunlicherweise fuhren die Pilger um Fabri, Breydenbach und Grünemberg über Weihnacht bis Anfang Januar aus dem heiligen Land nach Venedig zurück.
     

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