Heraldische Kuriosa

muck

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Ein kleines Hobby meiner Wenigkeit, die Sammlung heraldischer Kuriosa.

Meist findet man sie erst in der "Verfallszeit" der Heraldik (ab 17. Jahrhundert), gelegentlich aber auch in ihrer Blütezeit.

Ein Beispiel jüngeren Datums, ein Zweig der pommerschen Pirch, Blason laut dem Rolland-Rietstap: Gespalten von Blau und Rot; vorn ein aufrechter silberner Fisch; hinten auf grünem Rasen eine hersehende nackte Frau, zwischen deren Beinen ein linksgewandter Fuchs mit Heugarbe im Maul hindurchläuft, mit dessen Schwanz sie sich abreibt, beide in natürlichen Farben.

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Die Devise lautet: Pfui Teufel, wie rasen die Floeh!

Leider konnte ich keine Deutung oder auch nur eine Wappensage finden, Juckreiz muss aber wohl eine Rolle dabei gespielt haben.
 
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Ein Beispiel aus der Hochzeit der Heraldik, das 1414 gewährte Wappen des Ferenc Eresztvényi, laut Monumenta Hungariae Heraldica:

Geteilt, oben Blau, unten im Flammenschnitt von Silber und Rot geteilt; über allem ein springender Stör in Silber, beiderseits besteckt mit jeweils einem Meerrettich-Ästchen in natürlichen Farben.

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Wie sich dieses Wappen erklärt? Es stellt einen Stör im Kochtopf dar!
Ferenc Eresztvényi war Leibkoch Sigismunds von Luxemburg, stammte aus der Gegend des Plattensees, und hatte offenbar ein Händchen dafür, dem römischen König und König von Ungarn schmackhafte Fischgerichte zu kredenzen.

Und, nicht zu vergessen, das Wappen des berühmten Condottiero Bartolomeo Colleoni (1400-1475): Im Schildhaupt France Ancient (Wappenbesserung), darunter von Rot und Silber geteilt mit drei Hodensäcken in verwechselten Farben, 2 über 1 gestellt.

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Es handelt sich um ein "redendes" Wappen, Colleoni klingt wie Coglioni, was so viel bedeutet wie "Eier".
 
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Leider konnte ich keine Deutung oder auch nur eine Wappensage finden
An Sagen soll es nicht mangeln:
Nach einer mündlichen Ueberlieferung soll einst an einem fürstlichen Hofe ein Junker von Pirch das Herz der Kammerjungfrau, die beim Fürsten in hoher Gunst gestanden, gewonnen und zur Erinnerung an seine Abentheuer in der Liebe vom Kaiser das Recht erlangt haben, jene purpurne Jungfrau mit dem Fuchs und der wunderlichen Devise in sein Wappen aufzunehmen. Dies Wappen wird noch jetzt geführt. Nach einer andern Sage soll einst ein General von Pirch bei einem Deutschen Kaiser, seinem Kriegsherrn, in Ungnade gefallen sein, weil er eine in kaiserlicher Gunst stehende Kammerzofe eine lüderliche Dirne gescholten, demnächst aber wieder die Huld des Kaisers gewonnen und sich als besondere Gnade das wunderliche Wappen erbeten haben.
Cramer, Reinhold: Geschichte der Lande Lauenburg und Bütow. 1858, Seite 311

Sein Sohn Gützlaff war der vieljährige Generalissimus des kaiserlichen Kriegsheeres und der Stifter der Stolpe'schen Linie. Von demselben datirt sich die vorerwähnte Wappen-Devise die er sich von seinem kaiserlichen Kriegsherrn erbat, als derselbe ihm für eine tapfere Kriegsthat gebot, sich eine Gnade zu erbitten.
Zur Geschichte der von Pirchschen Familie besonders in kriegsgeschichtlichen Aphorismen in
Zeitschrift für Kunst, Wissenschaft, und Geschichte des Krieges, Band 100, 1857, Seite 42
 
Wappen des István Várallyay (1599). Blasonierung laut der Monumenta Hungariae Heraldica: In Blau ein grün gewandeter Arm, der einen Hammer über einem erigierten Penis emporhält, beides in natürlichen Farben.

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Várallyay diente Andreas Báthory und war für den fürstlichen Marstall verantwortlich, wobei er offenbar Geschick darin bewies, aus Hengsten Wallache zu machen. Einerseits handelt es sich also um ein Spottwappen, andererseits um eine Form augenzwinkernder Wertschätzung, denn natürlich ging der Eingriff für den Kastrateur mit erheblichen Gefahren einher, obendrein konnte das Pferd leicht verenden.
 
Das Hermelin und sein Fell sind in der Bretagne wichtige Elemente in der Heraldik. Eine Legende um ein tapferes Hermelin, welches sich lieber opferte, als in den dreckigen Sumpf zu laufen, wird damit verbunden.
Etwas makaber finde ich aber, wenn das arme Hermelin auch noch einen Mantel aus Hermelinfell tragen muss, so wie in den Stadtwappen von St. Malo oder Vannes.

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Während in St. Malo das Wappentier ursprünglich ein Hund war, der im 17. Jh. zum Hermelin wurde und erst 1949 einen Mantel (offiziell Schal) erhielt, war es in Vannes wohl ursprünglich ein Hermelin, das aber zwischenzeitlich zum Windhund mit Hermelinmantel wurde und den Mantel behielt, als Mitte des 19. Jh. das Tier korrigiert wurde.

Wahrscheinlich war zuerst das Hermelinfell im Wappen der Herzöge in der Bretagne, dann kam im 14. Jh. das Hermelin als Tier am Halsband des Hermelinordens ins Spiel, bekam mit der Zeit entweder ein Halsband mit der Ordensdevise oder wurde, um Verwechslungen mit anderen Tieren vorzubeugen, mit einem Schal aus Hermelinfell versehen. Falls das die Absicht war, scheint sie in Vannes nicht viel genützt zu haben.
 
Wappen des Jean Doyard, Richter in der Grafschaft Nevers (fl. 1696), Blasonierung laut dem Armorial Général de France: In Blau eine silberne Hand mit ausgestrecktem Mittelfinger.

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Aus heutiger Sicht kurios bei einem Vertreter des Rechts.
 
Etwas makaber finde ich aber, wenn das arme Hermelin auch noch einen Mantel aus Hermelinfell tragen muss, so wie in den Stadtwappen von St. Malo oder Vannes.
Das hat zwar nix mit Wappen zu tun, aber ich habe in Perú mal vor einer Cuyería (einem auf Meerschweinchen (cuy) spzialisierten Restaurant) eine Figur gesehen, die ein Meerschweinchen darstellte, das gegrilltes Meerschweinchen servierte bzw. offerierte.
Noch drastischer das Logo der LKW einer Metzgerei, den ich in Jerez de la Frontera (Spanien) gesehen habe: eine lächelnde Kuh, die selbst ihr Hinterteil tranchiert.
 
Da muss man gar nicht nach Spanien oder Peru. Ich habe in Österreich schon einmal an einer Fleischhauerei (Metzgerei) ein Bild eines vergnügt strahlenden Schweins gesehen, das sich selbst mit dem Fleischerbeil das Hinterteil abhackt.
 
De gueules à un clystère d'argent, also ein Einlauf.

Auch nicht schlecht. Man fragt sich, wie ein Pfarrer an eine solche Wappenfigur kommt.

Man ist versucht, ein Spottwappen zu vermuten, andererseits ging man zu jener Zeit seltsam offen mit dem Stuhlgang um, man denke nur an das Prestige des "Groom of the Stool".
 
Nicht eigentlich komisch, aber dennoch bemerkenswert, das Wappen des Othon de Trasegnies (fl. 1380). Blasonierung laut dem Armorial Beyeren: der Schild fünffach schräggeteilt von Blau und Gold mit rotem Dornenbord und einem aufrechten Löwen in Schattenfarbe.

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Die Heraldik unterliegt eigentlich sehr strengen Regeln, die sicherstellen sollten, dass der Wappenschild auch auf große Entfernung sicher identifiziert werden konnte. "Schattenfarbe" ist vor diesem Hintergrund absolut unsinnig, und selbst manche Kenner der Heraldik haben sie deshalb als Mythos oder Fantasieprodukt späterer Jahrhunderte abgetan. Tatsächlich gibt es aber seit dem frühen 14. Jahrhundert mehrere Familien, die Schattenfarbe führen, interessanterweise alle in den Niederlanden bzw. Belgien. Soweit mir bekannt, gibt es keine allgemein akzeptierte Erklärung.
 
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