jetzt muss man als Historiker doch schon mal Bibel Basiswissen haben
Dieser Satz ist natürlich eine Replik darauf, dass ich immer wieder kritisiere, dass du unkritische Bibel oder Qur'ān heranziehst, um fragwürdige historische Schlussfolgerungen zu ziehen. Weil du unterstellst, dass Bibel und Qur'ān unmittelbare Quellen für historische Sachverhalte seien. Ich habe dich schon häufiger - auch abseits von Beiträgen, in denen du auf Bibel oder Qur'ān als "Quellen" zurückgreifst darauf hingewiesen, dass du die Zeiträume und auch geographischen Räume, in denen du dich bewegst, mal mehr beachten solltest und nicht alles zu einer Einheitssauce verquirlst. Ein skandinavischer Einfluss aus der Wendelzeit auf das Marokko des 13. Jhdts. (fiktives Bsp., aber etwas ähnliches hatten wir tatsächlich mal) ist weder geographisch noch zeitlich plausibel.
Natürlich schadet es nicht, wenn ein Historiker Bibelkenntnis hat. Überhaupt nicht. Die Bibel ist eine Quelle, wie jede andere auch. Aber es ist die Fragestellung, welche eine Quelle erst zur Quelle macht. (Heuristik) Stellt man die falsche Frage, erhält man keine oder die falsche Antwort. Wenn du die Bibel nach der Erschaffung der Welt fragst, bekommst du Antworten, die naturwissenschaftlich nicht haltbar sind (mal abgesehen davon, dass gerne übersehen wird, dass die Bibel zwei nur in Teilen miteinander harmonisierte Geschichten zur Erschaffung der Welt anbietet). Wenn du aber die Bibel danach fragst, welche Vorstellungen im Nahen Osten vor ca. 2.700 Jahren von der Schöpfung der Welt existierten, dann ist die Bibel ein sprudelnder Quell, der allerdings nur eine Teilantwort gibt.
Zudem ist zu beachten, dass die Bibel natürlich kein Buch aus einem Guss ist, sondern eine Zusammenstellung verschiedener Bücher, von denen manche historische Ereignisse erzählen, andere hingegen nicht. Bei denen die historische Ereignisse erzählen muss man sich anschauen, welche Filter die Aufsetzen. Etwa den Monotheismusfilter, der dem historischen Ereignis - siehe Konflikte zwischen Hebräern und Philistern - nachträglich überstülpt wurde. Bei den Makkabäerbüchern würde man hingegen ganz andere Problematiken haben. (Quellenkritik).
Die Quellenkritik - ich beschränke mich hier mal auf die innere Quellenkritik - fragt danach, welche Interessen der Verfasser hatte, was er wissen und was er nicht wissen konnte/musste, was er verschwieg, der pro domo suo (für sein Haus > für seinen Herrn) schrieb, nach textinternen WIdersprüchen sowie nach Darstellungen anderer Quellen zu demselben Ereignis.
Ich nehme da immer gerne als Bsp. einen Sachverhalt, den die
Historia Roderici (HR) für das Jahr 1079 berichtet. Verschiedene Adelige, Vasallen des Königs Alfonso VI. waren in Andalusien bei verschiedenen Herrscherhöfen, um Tribute einzusammeln. Laut der HR nutzte das Königreich von Granada die Situation, um einen Krieg mit Sevilla vom Zaun zu brechen, Rodrigo Díaz (el Cid), der Protagonist der HR, habe daraufhin Briefe an seine Kollegen geschrieben, dass sie doch um der Liebe zu Alfonso Willen von diesem Krieg ablassen sollten. Diese hätten aber nicht auf ihn gehört und seinen in sevillanisches Territorium eingefallen. Also sei der Cid mit dem Heer von Sevilla dem Heer von Granada entgegen gezogen. Bei Cabra haben sich die Heere getroffen und Sevilla habe Granada besiegt. El Cid habe die kastilisch-leonesische Adeligen (darunter auch einer seiner Trauzeugen, García Ordóñez) gefangen genommen sie ihrer Habseeligkeiten entledigt sie wieder freigelassen und dann zu Fuß nach Kastilien laufen lassen. Eine sehr große Schmach, die letztlich dazu führte, dass Rodrigo verbannt wurde (und zum spanischen Nationalhelden).
Es gibt keine Parallelüberlieferung zu dieser Geschichte, sie wird in keiner anderen bekannten Quelle erwähnt, auch nicht in den Memoiren von 'Abd Allah ibn Buluggin (das aber vielleicht aus gutem Grund, weil die eine apologetische Schrift an die Almoraviden gerichtet waren und die Politik Granadas rectfertigen sollten, die Almoraviden auf einen Krieg zwischen Sevilla und Granada zu stoßen, wäre da extrem kontraproduktiv gewesen). Müssen wir sie der HR deshalb glauben? So, wie geschildert, sicher nicht. Was wir wissen, ist, dass die Schlacht - anders als die HR berichtet - nicht auf dem Territorium Sevillas, sondern auf dem Territorium Granadas stattfand. Denn Cabra lag auf dem Territorium Granadas. Zudem war Sevilla der taifa-Staat, der sich auf Kosten seiner Nachbarn um ein Vielfaches vergrößert hatte. Alles spricht also dafür, dass nicht - wie die HR berichtet - Granada Sevilla angriff und der Cid Sevilla bei der Verteidigung unterstützte, sondern umgekehrt, dass Sevilla Granada angriff und der Cid mit von der Partie beim Aggressor war.
Wenn wir die Geschichte naiv lesen, glauben wir ihr, wir haben ja keine Parallelüberlieferung zu der Schlacht. Wenn wir uns aber anschauen, was wir über die Territoriumszugehörigkeiten und Territoriumserweiterungen wissen und wissen dass Sevilla dabei besonders aggressiv war, dann müssen wir vermuten, dass der pro-cidianische Verfasser uns - pro domo suo - höchst wahrscheinlich anflunkert. Die Schlacht ist historisch, der Anlass aber verdreht.