Hitlers Aufstieg 1933/1934

Dieses Thema im Forum "Das Dritte Reich" wurde erstellt von AlariMyra, 28. November 2015.

  1. hjwien

    hjwien Aktives Mitglied

    Falls es noch etwas nutzt, dann schau doch auch nochmal nach der schon mehrfach erwähnten Möglichkeit des Generalstreiks. Wenn ich Kershaws Hitlerbiographie richtig im Kopf habe, hatte dieser nach der Machtübernahme einen ziemlichen Horror vor einer solchen Gefahr. Die Macht einer solchen Waffe hatte sich ja beim Kapp-Putsch gezeigt.

    Die Frage, warum es zu einem Generalstreik nicht kam, sollte nicht nur durch die Unfähigkeit der linken Arbeiterparteien zu einer gemeinsamen Aktion oder einer vermeintlich einheitlichen Front der Eliten zu beantworten sein, sondern auch durch die "Zufriedenheit" der "Normalbürger" darüber, daß die neue Regierung die als chaotisch empfundenen Zustände der späten Weimarer Republik beendete.

    @thane - Tucholsky war schon vorher in Schweden.
     
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  2. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Der ist aber ein "wirklicher" Klassiker. :friends:
     
  3. hjwien

    hjwien Aktives Mitglied

    In der Tat. Ich mag ihn sehr. :winke:
     
  4. AlariMyra

    AlariMyra Neues Mitglied

    Ihr habt mir wirklich sehr weiter geholfen danke! :)

    Was ich allerdings nicht verstehe ist, wie das mit der Weimarer Verfassung war. Hindenburg bzw die Regierung musste ja mit dem Notverordnungsparagrahpen regieren, aufgrund keiner parlamentarischen Mehrheit? Ich weiß das nach der großen Wirtschaftskrise Unruhen im Deutschen Volk herrschten, aber was hat das genau damit zutun das die Regierung mit der Notverordnung regieren mussten? :eek:
     
  5. Apvar

    Apvar Premiummitglied

    Guck noch mal nach wie ein Gesetz erlassen wird oder besser gesagt auf den Weg und welche Bedingungen dafür nötig sind und was eine Verordnung ist und wozu sie da ist. Sei es Straßenverkehrsordnung, Betriebsicherheitsverordnung, Arrbeistättenverordnung... . Dann sollte Dir der Unterschied klar sein.

    Apvar
     
  6. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Noch ein paar Informationen zur "Weimarer Verfassung" als Einstieg (vgl. auch die HInweise von Apvar)

    Die Formulierung der Verfassung wurde durch Hugo Preuß geprägt, der die Grundzüge bereits im Jahr 1917 formuliert hatte.

    Weimarer Verfassung: Eine Republik für Deutschland |*ZEIT ONLINE

    https://de.wikipedia.org/wiki/Weimarer_Verfassung

    Die Kritik an der Verfassung geht m.E. ins Leere, da es keine demokratische Verfassung gibt, die ausreichend immun ist gegenüber Veränderungen, die mit Mitteln außerhalb der normalen Spielregeln des demokratischen Rechtsstaates sind.

    Und genau diese Regelverletzung durch Hindenburg, die Präsidialkabinette und schließlich durch Hitler liegt zunehmend ab 1929 vor.

    Möglich wurde das allerdings erst durch den historischen Kontext der Weltwirtschaftskrise und der Erfahrung der Hyperinflation in den zwanziger Jahren.

    Die Bewertung der Rolle von Hindenburg ist, auch wohlwollend, durchaus ambivalent.

    Die problematische parlamentarische Situation Ende der zwanziger Jahre hatte sich nicht automatisch oder zwangsläufig ergeben.

    Sie war zum einen in dem weiter bestehenden Konflikt der Interessen zwischen dem Kapital / Industrie und der Arbeiterschaft angelegt. Die Weimarer Republik war weiterhin eine Gesellschaft mit sehr harten politischen Fronten, die ökonomisch und weltanschaulich begründet waren.

    Der zweite Punkt betrifft die außergewöhnlich politische Situation, die nach Verabschiedung des "Young-Plans" und der herausziehenden Weltwirtschaftskrise entstanden ist.

    Der dritte Punkt betrifft das grundsätzlich Verständnis der Parteien in der Weimarer Republik. Im Gegensatz zum Bundestag begriffen sie sich nicht als sichere Basis, von der aus Koalitionen in Regierungsverantwortung Gesetze verabschieden konnten. Eine "Fraktionsdisziplin" wie später bei Abstimmungen im Bundestag gab es nicht.

    Ein Teil der Parteien verstanden sich - Ende der zwanziger mehr denn je - als Vertreter von partikularen Interessen in der Politik. Diese Sichtweise war vor allem bei den wirtschaftsfreundlichen Parteien auf der politischen "Rechten" zu erkennen und verhinderte, dass übergeordnete Gesichtspunkte eine angemessene Berücksichtigung erfahren haben. (vgl. Pyta, S. 557)

    Der vierte Punkt betrifft die Aversion von Hindenburg gegenüber der SPD und der Zielsetzung, teilweise in Kooperation mit Brüning (Zentrum), diese gezielt von der Regierungsverantwortung fernzuhalten. Zum einen, weil er den Sozialdemokraten nicht zutraute, die Modernisierung des Landwirtschaft im Osten des Landes voranzutreiben (Großagrierer) und zum anderen ergaben sich massive Konflikte zwischen der Großindustrie und den Interessenvertretungen der Arbeiterschaft (vgl. Pyta: Hindenburg S. 555ff)

    Eine interessante Ähnlichkeit zur Argumentation von Fischer im "Bündnis der Eliten", das sicherlich kein "Bündnis" war, aber ähnlich gelagerte politische Gegnerschaften hatte.

    Aus dieser Partikularisierung der Politik und der Zielsetzung der "Wirtschaftsparteien" eine "Entparlamentarisierung des Regierungssystems" einzuleiten, ergab sich - auch - die Wahrnehmung, dass die Regierungen angesichts der Probleme nicht ausreichend handlungsfähig sind. Kompromisse, die den partikularen Interessen entgegenstanden verhinderten Kompromisse und führten nicht selten dazu, dass Parteinen aus Regierungen ausschieden. Aus dieser Selbstblockade des parlamentarischen Systems resultierte dann der Ansatzpunkt für die "Präsidial-Regierungen".

    Die Partikularisierung der Interessenvertretung im Reichstag wurde dann auch als Erklärung von Historikern / Politologen herangezogen, um den Zustrom gerade der Mittelschicht in Richtung NSDAP zu erklären. Ideologisch stand sie für die behauptete - "mythologische" -Einheit des Volkes über den partikularen Interessen einzelner Gruppen.

    Vor diesem Hintergrund wurde von Akteuren wie Groener und vor allem durch Kurt von Schleicher der Ausbau der "Präsidial-Regierungen" betrieben. Die juristischen Anleitungen holte sich Schleicher von dem Berliner Staatsrechtler Carl Schmitt (vgl. Pyta, S. 566/567). Schmitt lieferte dann im wesentlichen die juristische Absicherung der "Präsidial-Regierungen" und "demontierte" damit die eigentliche Intention der Verfassung, eine demokratische Interessenvertretung des deutschen Volkes zu sein.

    An diesem Punkt wird der "Verfassungs-Patriotismus" der SPD im Gegensatz zum nationalistischen Patriotismus der monarchischen bzw. autokratischen Kreise sehr deutlich.

    Die Entmachtung der Legislative durch den Kreis um Hindenburg diente dabei dem Ziel einer parlamentarisch nicht kontrollierten Militarisierung bzw. Aufrüstung der Weimarer Republik und einer autokratischen Umgestaltung der Demokratie.

    Insofern ist die Vermutung, dass die Regierungen mit Notverordnungen regieren mußten, nicht korrekt. Es gab "mächtige" Interessengruppen von "Rechts" bzw. aus der "Wirtschaft bzw. auch der Großagrierer", die ein starkes Interesse an der Umgestaltung des parlamentarischen Systems der Weimarer Republik hatten.

    Fazit: Der Reichspräsident hat nach Verabschiedung des Young Planes sein Amt nicht genutzt, um die demokratisch legitimierten Regierungen handlungsfähig zu halten, sondern hat es mißbraucht, um "Präsidial-Regierungen" handlungsfähig zu machen.

    https://books.google.de/books?id=pgZoAAAAMAAJ&q=pyta+hindenburg&dq=pyta+hindenburg&hl=de&sa=X&redir_esc=y

    vgl. ergänzend auch A. v. d. Golz
    https://books.google.de/books?id=Ha2iSBxwAqQC&printsec=frontcover&hl=de&source=gbs_ge_summary_r&cad=0#v=onepage&q&f=false
     
    Zuletzt bearbeitet: 16. Dezember 2015
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  7. hatl

    hatl Premiummitglied

    "Röhmputsch"

    Das ist nicht einfach einen solchen Punkt zu finden. Denn in der kurzen Zeit, die zu betrachten ist, gibt es mehrere Ereignisse die als solcher gelten könnten.
    "Machtergreifung" 31. Januar 1933 mit Vor- und Nachspiel,
    "Reichstagsbrandverordnung" Februar 1933,
    "Ermächtigungsgesetz" März 1933.
    Jedes dieser Ereignisse, innerhalb eines knappen Vierteljahres, könnte als " Point of no return" gelten, und es sind ja nicht die einzigen im betrachteten Zeitraum.

    Eben dieser Carl Schmitt "lieferte" auch später.

    @AlariMyra

    Dieser Carl Schmitt, der auch noch eine Rolle in der Rechtswissenschaft der BRD spielen wird, rechtfertigt, mit seiner bereits erreichter fachlicher Autorität die Handlungsweise Hitlers (drei Tage Juni auf Juli 1934) beim vorgeblichen Röhmputsch so:
    "Der Führer schützt das Recht vor dem schlimmsten Missbrauch, wenn er im Augenblick der Gefahr kraft seines Führertums als oberster Gerichtsherr unmittelbar Recht schafft. Aus dem Führertum fließt das Richtertum. In Wahrheit war die Tat des Führers echte Gerichtsbarkeit. Sie untersteht nicht der Justiz, sondern war selbst höchste Justiz."
    Die Nacht der langen Messer (Archiv)

    Ich denke der Link gibt eine gute Zusammenfassung.
    Auch hier ist ein "Point of no return".
    Hitler opfert seine riesige politische Schlägertruppe:
    - um interne Wiedersacher auszuschalten,
    - neuere und ihm loyalere Gewalt-Strukturen (SS) aufzubauen,
    - und insbesondere um sich in den Besitz des Miltärapparats zu bringen.

    .. noch ein "point of no return".
    Man wird ihn wohl nicht einfach finden können.
     
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  8. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    1. Machterschleichung am 30. Januar 1933, am dem wie Hitler sagte, die Würfel gefallen seien.
    2. Reichstagsbrand und Ermächtigungsgesetz 1933
    3. Tag von Potsdam, Geschichtsinszenierung und Absegnung der Nazidiktatur, schwärzester Tag der preußischen Geaschichte.
    4.. Boykott jüdischer Geschäfte im April 1933

    5. Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums mit Gleichschaltung und Entfernung missliebiger Beamter, Hochschuldozenten, Einführung des "Arierparagraphen", Bücherverbrennungen, Abwanderungen namhafter Intellektueller.

    6. Die "Nacht der langen Messer", bestialische Ermordung verschiedener SA Führer, gleichzeitig auch Ermordung von General von Schleicher. Entmachtung und Einbindung der Reichswehr, die von nun an auf Hitler persönlich vereidigt wird. Ein Offizier sagte, man hat uns das Rückgrat gebrochen. Der Mord an Schleicher und seiner Frau wird von Armee hingenommen.

    Die Entmachtung und Liquidierung der SA Führung und einiger anderer alter Rechnungen wurde auch von der NS- Führung als Zäsur gesehen.

    Himmler bezieht sich in der Posener Rede vom Oktober 1943 auf die "Judenevakuierungen", bei denen die anwesenden Gruppenführer alle schon 10, 100 und 1000 Leichen haben daliegen sehen, und Himmler verweist in diesem Zusammenhang auf die "Nacht der langen Messer" bei dem die SS am 30.Juni 1934 nicht gezögert habe, "Kameraden, die sich vergangen haben zu liquidieren- es hat allen geschaudert, dennoch würden sie es jederzeit wieder tun. Er schließt dann mit den Worten das durchgestanden zu haben und dabei mit menschlichen Ausnahmeschwächen anständig geblieben zu sein, hat uns hart gemacht und ist ein niemals genanntes und niemals zu nennendes Ruhmesblatt der SS. Der alte Hindenburg schickte Hitler und Göring noch ein Glückwunschtelegramme, "nach den ihm vorgelegten Berichten hätten sie ganz prachtvoll gehandelt". Das war der letzte Gefallen, den er den Nazis leistete, einen Monat später starb er, aber sein Tod war keine Krise mehr. Die Armee hatte mitgemacht, die SA zu entmachten und hatte den Mord an einem der ihren tatenlos hingenommen und sich unterworfen. Der Pakt war mit Blut besiegelt, und Hitler tönte, dass er in der Krise des "Volkes oberster Gerichtsherr" gewesen sei. Nach dem Tod Hindenburgs übernahm er auch dessen Kompetenz und aus dem Reichskanzler war der "Führer" geworden. Wer Augen zu sehen und Ohren zu hören hatte in Deutschland, und das waren immerhin doch noch einige, der konnte sich über den Charakter des "Führers" und seiner Paladine keine Illusionen mehr machen. Der "oberste Gerichtsherr" hatte gezeigt, wie in Deutschland fortan
    Un-Recht gesprochen wurde, und Juristen vom Schlage eines Hans Globke, eines Roland Freislers, eines Hans Filbingers, eines Werner Bests gossen das "gesunde Volksempfinden" in Paragraphen. Die Nürnberger Gesetze von 1935 zeigten, wohin die Reise ging, und Recht war nach dem Duktus der Machthaber fortan, was dem Volk nutzte, und Skrupel wurden als "Humanitätsduselei" abgewertet. Die meisten der "schrecklichen Juristen" setzten ihre Karriere in der Bundesrepublik fort. Nicht ein einziger wurde wegen Rechtsbeugung zur Verantwortung gezogen. 1985 kam heraus, das Marion Freisler, die Witwe des Blutrichters (Freisler war bei einem Luftangriff im Februar 1945 ums Leben gekommen) eine Kriegsopferfürsorgerente und seit 1974 einen Berufsschadenausgleich bezog, denn ihr flotter Gatte, der "rasende Roland" hätte ja vermutlich als Beamter im höheren Dienst der BRD weiter Karriere gemacht. Trotz großen öffentlichen Aufsehen blieb es bis 1997 dabei.
     

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