Die
Rezension zu dem Buch von Beate Schreiber ist nicht so begeistert. Ihr zufolge bleibt das Buch hinter den Erwartungen zurück und weist auch einige methodische Mängel und Fehler auf, gleichwohl das Thema ein Forschungsdesiderat sei.
1984 haben Götz Aly und Karl-Heinz Roth in ihrer Arbeit "Die restlose Erfassung. Volkszählen, Identifizieren und Aussondern im Nationalsozialismus"
[1] u.a. die Verwendung von Hollerith-Maschinen untersucht.
Nun, könnte man meinen, wäre es nach 16 Jahren an der Zeit gewesen, aus der Perspektive der beteiligten Unternehmen - IBM als amerikanische Firma und die DEHOMAG als deren deutsche Tochter - den Einsatz der Hollerith-Maschinen zu analysieren. Dies zu leisten, erhofft man von der Studie Blacks.
Weiter heißt es in der Rezension:
Zwei zentrale Punkte des Buches von Black kristallisieren sich heraus:
1. IBM wusste um die Verwendung der Maschinen in den Konzentrationslagern und machte sich damit der Mittäterschaft an der Ermordung von Millionen von Menschen schuldig und
2. ohne die Hollerith-Apparate hätten nicht so viele Menschen deportiert und getötet werden können.
Hier sehe als Problem, dass die Hollerith-Apparate ja wohl nur in Dtld. und nicht in den besetzten Gebieten verwendet wurden, die polnischen, sowjetischen und ungarischen Juden, welche die Mehrheit der Holocaust-Opfer ausmachten, sind demnach gar nicht auf diese Weise erfasst worden.
Für Black ist eines deutlich und erwiesen: schon 1933 plante Hitler die Vernichtung der Juden. Thomas J. Watson, Chef der IBM, ein diktatorischer Charakter und sicher alles andere als ein ethisch handelnder Mensch, war ein Freund Hitlers, zumindest pflegte er den Kontakt. Folgt man Black, ist eines klar: Watson ist gleich Hollerith und Hollerith plus Hitler ist gleich Ermordung der Juden.
Gleichwohl es zwar eine Stelle in
Mein Kampf gibt, wo H. schreibt, man solle die Juden unter Gas halten und die berühmte Rede vom 30. Januar 1939, wo der tief in Kriegsplanungen steckende Hitler sagt -
Ich bin in meinem Leben sehr oft Prophet gewesen und wurde meistens ausgelacht. [...] Ich will heute wieder ein Prophet sein:
Wenn es dem internationalen Finanzjudentum in und außerhalb Europas gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa.
- bin ich der Auffassung, dass de Vernichtung der Juden eigentlich erst 1941 planerische Gestalt annahm. Die Stelle in
Mein Kampf bezieht sich natürlich auf den Ersten Weltkrieg, sie zeigt Hitlers Fanatismus und blinden Hass/Niedertracht, aber ist keine Prophezeiung des Holocaust. H. selbst ist ja im WKI durch Senfgas verletzt worden und lag für einige Zeit in Lazarett und genau dies ist es, was H. den Juden wünscht. Über die mangelnde Logik in der Prophezeiung vom 30. Januar 1939 müssen wir auch nicht reden. Dass die Vernichtung der Juden von H. gewünscht war, ist klar, aber sie war eben zu diesem Zeitpunkt nicht geplant. Der Holocaust hat eine Genese hinter sich, Eskalationsstufen. Zunächst hat man in der Ukraine und Weißrussland jüdische Männer ermordet, denen man Partisanentätigkeit unterstellte. Von zwölf Jahren an aufwärts. Dann hat man Frauen ermordet, denn auch Frauen können eine Waffe laden und abfeuern. Dann hatte man unversorgte Kinder, die neben einer Wehrmachtskaserne in einem Haus untergebracht waren und unversorgt nach ihren Eltern schrien. Der Kommandant der Kaserne beschwerte sich, dass seine Soldaten nicht schlafen könnten, da müsse man doch was machen. Die in den besetzten Gebieten eingesetzte Ordnungspolizei ermordete die Kinder. Nach und nach nahm das Morden Gestalt an. Irgendwann stellte man fest, dass Massenerschießungen Auswirkungen auf die Psyche der Männer hatte, außerdem die Gewehre heiß liefen, also fing man an zu expermientieren, zunächst mit Lastwagen.... Bis man irgendwann bei Zyklon B ankam.
Also weder darf man H.s Prophezeiung vom 30. Januar 1939 als solche sehen, noch der Auffassung sein, dass H. gar 1933 schon die Shoa geplant hätte.
Wenn Schreiber den Inhalt des Buches richtig wiedergibt ("Folgt man Black, ist eines klar: Watson ist gleich Hollerith und Hollerith plus Hitler ist gleich Ermordung der Juden"), dann wird deutlich, dass das eine zu einfache Gleichung ist.
Auch wieder die Reduktion auf H. und - in diesem Fall auf IBM-Chef Watson kritisiert Schreiber zu Recht:
Black problematisiert an diesen Stellen seiner Darstellung nicht. Neben diesen beiden - Watson und Hitler - gibt es kaum noch einen nennenswerten Akteur innerhalb der Geschichte der IBM und deren Verstrickung mit dem Dritten Reich.
Ich habe das Buch nicht gelesen, muss mich daher auf Schreibers Aussagen verlassen, aber den Eindruck, dass es wieder ein Hitler-fokussiertes Buch sei, hatte ich auch schon bei der Ansicht des Inhaltsverzeichnisses. Schreiber kritisiert:
Dass IBM detailliert über die Vermietung der Maschinen an Konzentrationslager Bescheid wusste, kann Black mit dem von ihm verwendeten Material nicht beweisen. Er behauptet es jedoch immanent in seiner Studie, weil er von einer persönlichen Involvierung Watsons durch dessen Kontakt mit der deutschen Wirtschaft und Hitler ausgeht.
In der zweiten Hälfte der Rezension geht Schreiber auf die methodischen Mängel des Buches ein.