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Die auf Herman Hollerith zurückgehende Computing-Tabulating-Recording Company CTR, ab 1924 International Business Machines IBM übernahm 1922 endgültig die deutsche DEHOMAG (Deutsche Hollerith-Maschinen Gesellschaft mbH) die bis dahin bereits als Lizenznehmer hiesiger Vertreiber der Hollerithkarten und Maschinen war. Fortan war sie hierzulande das de-facto Monopol auf diese Geräte, stellte so auch alle für das Dritte Reich zur Verfügung inklusive jener in den KZs wo es später Hollerith-Abteilungen gab. Zu der Zeit wurden solche Industriegeräte ja oft nicht gekauft sondern gepachtet und waren weiter Eigentum des Herstellers, der im Gegenzug für Wartung, Schulung oder Bereitsstellung von Personal oder sogar Betrieb verantwortlich war, so etwa bei der Großdeutschen Volks- und Judenzählung die von der DEHOMAG ausgewertet wurde. Während der ganzen Zeit wurde geschickt darauf Acht gegeben es als Deutsches Unternehmen aussehen zu lassen, komplett deutscher Vorstand, von dem zwei direkte Bekanntschaften des US-CEO waren und am Unternehmen beteiligt wurden. Die Einnahmen wurden weiterhin als überhöhte Lizenzabgaben für die Hollerithkarten in die USA geschleust. Ganz geheim dürfte die Sache wohl nicht gewesen sein, nach dem Kriegsbeitritt der USA wurde die DEHOMAG einem Schweizer Treuhändernotariat übergeben und nach dem Krieg musste Deutschland fast 10 Mio. Mark nachzahlen für die letzten Jahre.


Edwin Black - IBM and the Holocaust
 

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Entschuldigt die vergleichsweise profane Frage, aber warum wurden Tabelliermaschinen seinerzeit bevorzugt vermietet? Gab es noch nicht genug Anwendungsgebiete, als dass sich der Kauf für die öffentliche Hand gelohnt hätte?
 
Besonders teures und/oder schulungs- und wartungsintensives Gerät sowie neuartige Technik wurde üblicherweise vermietet, das gilt zB schon für die Spinnmaschinen & Co. Die Bell Telephone Company verwendete zB in den 1870ern eines der ersten Leasingmodelle für ihre Telefone. Geschäftsmodell und die eigene Technologie nicht vollständig aus der Hand geben wollen spielen sicher auch eine Rolle.

wiki schrieb:
Auch die Organisation des Holocausts durch die Nationalsozialisten erfolgte mit Hilfe der durch die IBM-Tochter vermieteten weiterentwickelten Lochkartensortiermaschinen, welche auch in den Konzentrationslagern selbst von Technikern der DEHOMAG gewartet wurden.
Hauke Friederichs: Wenn Lochkarten Todesurteile sind. In: G/Geschichte, Nr. 01/2018, S. 46–48, hier S. 48.


Diese wurden im Regelfall nicht verkauft, sondern vermietet. IBM hatte auf dem Gebiet der standardisierten Lochkarten und deren Auswertung weltweit eine monopolartige Stellung.
 
Entschuldigt die vergleichsweise profane Frage, aber warum wurden Tabelliermaschinen seinerzeit bevorzugt vermietet? Gab es noch nicht genug Anwendungsgebiete, als dass sich der Kauf für die öffentliche Hand gelohnt hätte?
In dem Wikipedia-Artikel über die Dehoga steht, dass das Lochkartensystem u. a. für Volkszählungen verwendet wurde. Also vermutlich generell für Anwendungsfälle, wo eine große Zahl von ähnlich strukturierten Daten innerhalb einer begrenzten Zeit verarbeitet werden musste. Für eine Volkszählung benötigt man dann halt so ein System, danach erst mal nicht mehr. Für die allgemeine Verwaltung war das System vermutlich noch zu aufwendig und zu teuer.

Außerdem nehme ich mal an, dass die Bedienung bzw. Programmierung der Maschinen nicht ganz so einfach war und Spezialisten erforderte, die die Dehoga natürlich hatte, die Kunden aber in der Regel nicht. Zur Vermietung gehörte dann sicher auch die Dienstleistung, das System für die jeweilige Anwendung zu programmieren.
 
Ein paar Absätze aus E. Black
His company, IBM—one of the biggest in the world—custom-designed and leased the Hollerith card sorting system to the Third Reich for use at Bergen-Belsen and most of the other concentration camps. International Business Machines also serviced its machines almost monthly, and trained Nazi personnel to use the intricate systems. Duplicate copies of code books were kept in IBM's offices in case field books were lost. What's more, his company was the exclusive source for up to 1.5 billion punch cards the Reich required each year to run its machines. Indeed, the systems were not only used in the concentration camps, but hundreds of them had been installed for years throughout the entire commercial, industrial, war-making, and anti-Jewish infrastructure of Nazi Germany and Nazi-dominated Europe.

With both sides trying to protect the Holleriths, the evidence on exactly where and how thousands of machines were used was all but obscured. This was particularly the case in concentration camps where the Hollerith Departments were generally dismantled before liberators arrived, even if some of the cards, decoding keys, and telltale Hollerith transfer paper were left behind. Thus, almost as soon as Germany capitulated, IBM could begin the process of recovering its valuable equipment from frequendy innocuous sites.

IBM's money was protected with equal fervor. During the war, the Reich needed IBM subsidiaries in Nazi Europe to continue operating in a reliable, profitable mode. At first, the Reich appointed a temporary enemy property custodian, Dr. Kottgen. He simply reappointed IBM's most trusted managers in virtually all the territories.

By 1943, however, the Reich Economics Ministry had designated Hermann B. Fellinger as custodian over Dehomag. Fellinger was one of Germany's most reliable and commercially adept Kommissars. In WWI, he had served as the chief Kommissar overseeing all other custodians of enemy property. In France, where Westerholt officiated as preliminary custodian at CEC, Kellinger[sic] was empowered to supersede and ultimately replace him. Ultimately, Kellinger's authority extended not only to Dehomag, but also to IBM companies in Norway, Yugoslavia, Czechoslovakia, Poland, and France.
Fellinger also coordinated closely with a second custodian, H. Garbrecht, who oversaw the IBM operating units in Belgium and Holland, and with Home's appointed official at Watson Italiana. Real estate attorney Oskar Mohring was named custodian for IBM's property and other commercial interests in Nazi Europe.

Romania was liable for war reparations, including $20 million to pay American claims, £10 million in Britain for its claims, and approximately $300 million for Russian claims.
By late July 1945, IBM had lodged its own compensation claims for war damage. The total of $151,383.73 included $37,946.41 for damaged Hollerith machines. It also called on State Department intermediaries to secure its bank accounts in Romania.
For IBM Romania, the war was over.

Even after Poland was liberated, when Polish machines transferred to Germany proper were used, the Berlin-based enemy property custodian made sure IBM's leasing fees were protected. He opened an additional account at Deutsche Bank to deposit those remittances.
After more than two years of liaison through the State Department, IBM straightened out which of its machines in Poland belonged to Dehomag and which to the Polish unit. With the Holleriths back and its money recouped, the war was over for IBM Poland.

Just before the Russians finally overran Yugoslavia in October 1944, many of the subsidiary's machines were hastily relocated to German territory, transferred to the nearest MB field office, or placed at the disposal of the German Navy. IBM's people in Belgrade forwarded the billing records to Germany before the Russians arrived. Hence, the Reich could continue lease payments into a special custodial account opened in Berlin at the Deutsche Bank. The Reich's last regular payment to Yugoslav Watson, issued April 3, 1945, remitted RM 3,114.15. On April 20, 1945, with the Red Army at the outskirts of Berlin, the enemy custodian submitted a special invoice of RM 51,970.24 for various services. Wehrmacht paymasters remitted the money just before the collapse of the Third Reich, but in the turmoil, the custodian could not deposit the check. Instead, he kept it safe, and later, on August 2, 1945, handed it to Capt. Arthur D. Reed, the U.S. Army's Property Control Officer, for transmission to IBM NY.

But IBM NY needed all its Yugoslav assets restored. So it asked the U.S. military and State Department contacts to help it recover eighteen specified sorters, tabulators, and alphabetizes moved from its Yugoslavian unit to Germany; serial numbers were provided. The company also asked the State Department to reclaim its bank account at Jugobanka in Belgrade.

For IBM Yugoslavia, the war was over.
 
Die Rezension zu dem Buch von Beate Schreiber ist nicht so begeistert. Ihr zufolge bleibt das Buch hinter den Erwartungen zurück und weist auch einige methodische Mängel und Fehler auf, gleichwohl das Thema ein Forschungsdesiderat sei.

1984 haben Götz Aly und Karl-Heinz Roth in ihrer Arbeit "Die restlose Erfassung. Volkszählen, Identifizieren und Aussondern im Nationalsozialismus" [1] u.a. die Verwendung von Hollerith-Maschinen untersucht.​
Nun, könnte man meinen, wäre es nach 16 Jahren an der Zeit gewesen, aus der Perspektive der beteiligten Unternehmen - IBM als amerikanische Firma und die DEHOMAG als deren deutsche Tochter - den Einsatz der Hollerith-Maschinen zu analysieren. Dies zu leisten, erhofft man von der Studie Blacks.​
Weiter heißt es in der Rezension:
Zwei zentrale Punkte des Buches von Black kristallisieren sich heraus:​
1. IBM wusste um die Verwendung der Maschinen in den Konzentrationslagern und machte sich damit der Mittäterschaft an der Ermordung von Millionen von Menschen schuldig und​
2. ohne die Hollerith-Apparate hätten nicht so viele Menschen deportiert und getötet werden können.​
Hier sehe als Problem, dass die Hollerith-Apparate ja wohl nur in Dtld. und nicht in den besetzten Gebieten verwendet wurden, die polnischen, sowjetischen und ungarischen Juden, welche die Mehrheit der Holocaust-Opfer ausmachten, sind demnach gar nicht auf diese Weise erfasst worden.

Für Black ist eines deutlich und erwiesen: schon 1933 plante Hitler die Vernichtung der Juden. Thomas J. Watson, Chef der IBM, ein diktatorischer Charakter und sicher alles andere als ein ethisch handelnder Mensch, war ein Freund Hitlers, zumindest pflegte er den Kontakt. Folgt man Black, ist eines klar: Watson ist gleich Hollerith und Hollerith plus Hitler ist gleich Ermordung der Juden.​
Gleichwohl es zwar eine Stelle in Mein Kampf gibt, wo H. schreibt, man solle die Juden unter Gas halten und die berühmte Rede vom 30. Januar 1939, wo der tief in Kriegsplanungen steckende Hitler sagt -
Ich bin in meinem Leben sehr oft Prophet gewesen und wurde meistens ausgelacht. [...] Ich will heute wieder ein Prophet sein:
Wenn es dem internationalen Finanzjudentum in und außerhalb Europas gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa.
- bin ich der Auffassung, dass de Vernichtung der Juden eigentlich erst 1941 planerische Gestalt annahm. Die Stelle in Mein Kampf bezieht sich natürlich auf den Ersten Weltkrieg, sie zeigt Hitlers Fanatismus und blinden Hass/Niedertracht, aber ist keine Prophezeiung des Holocaust. H. selbst ist ja im WKI durch Senfgas verletzt worden und lag für einige Zeit in Lazarett und genau dies ist es, was H. den Juden wünscht. Über die mangelnde Logik in der Prophezeiung vom 30. Januar 1939 müssen wir auch nicht reden. Dass die Vernichtung der Juden von H. gewünscht war, ist klar, aber sie war eben zu diesem Zeitpunkt nicht geplant. Der Holocaust hat eine Genese hinter sich, Eskalationsstufen. Zunächst hat man in der Ukraine und Weißrussland jüdische Männer ermordet, denen man Partisanentätigkeit unterstellte. Von zwölf Jahren an aufwärts. Dann hat man Frauen ermordet, denn auch Frauen können eine Waffe laden und abfeuern. Dann hatte man unversorgte Kinder, die neben einer Wehrmachtskaserne in einem Haus untergebracht waren und unversorgt nach ihren Eltern schrien. Der Kommandant der Kaserne beschwerte sich, dass seine Soldaten nicht schlafen könnten, da müsse man doch was machen. Die in den besetzten Gebieten eingesetzte Ordnungspolizei ermordete die Kinder. Nach und nach nahm das Morden Gestalt an. Irgendwann stellte man fest, dass Massenerschießungen Auswirkungen auf die Psyche der Männer hatte, außerdem die Gewehre heiß liefen, also fing man an zu expermientieren, zunächst mit Lastwagen.... Bis man irgendwann bei Zyklon B ankam.
Also weder darf man H.s Prophezeiung vom 30. Januar 1939 als solche sehen, noch der Auffassung sein, dass H. gar 1933 schon die Shoa geplant hätte.

Wenn Schreiber den Inhalt des Buches richtig wiedergibt ("Folgt man Black, ist eines klar: Watson ist gleich Hollerith und Hollerith plus Hitler ist gleich Ermordung der Juden"), dann wird deutlich, dass das eine zu einfache Gleichung ist.
Auch wieder die Reduktion auf H. und - in diesem Fall auf IBM-Chef Watson kritisiert Schreiber zu Recht:

Black problematisiert an diesen Stellen seiner Darstellung nicht. Neben diesen beiden - Watson und Hitler - gibt es kaum noch einen nennenswerten Akteur innerhalb der Geschichte der IBM und deren Verstrickung mit dem Dritten Reich.​
Ich habe das Buch nicht gelesen, muss mich daher auf Schreibers Aussagen verlassen, aber den Eindruck, dass es wieder ein Hitler-fokussiertes Buch sei, hatte ich auch schon bei der Ansicht des Inhaltsverzeichnisses. Schreiber kritisiert:

Dass IBM detailliert über die Vermietung der Maschinen an Konzentrationslager Bescheid wusste, kann Black mit dem von ihm verwendeten Material nicht beweisen. Er behauptet es jedoch immanent in seiner Studie, weil er von einer persönlichen Involvierung Watsons durch dessen Kontakt mit der deutschen Wirtschaft und Hitler ausgeht.​
In der zweiten Hälfte der Rezension geht Schreiber auf die methodischen Mängel des Buches ein.
 
Es ist auch keine Facharbeit, der Autor war Journalist bei Tageszeitungen und dann Investigativjournalist. Es ist auf jeden Fall sehr einseitig und nur daran interressiert die Vergehen von IBM herauszustellen, die werden vielfach wiederholt und dick unterstrichen. Dass es sich an wenigen Personen vielfach wiederholt aufhängt ist auch richtig, scheint auch manchmal wie in großer Eile geschrieben, Journalist eben. IBM äußerte sich jedenfalls zu dem Buch ohne etwas zu dementieren nur damit, dass der Autor hieraus ebenfalls schamlos Profit erzielt.
Die Fachpublizistik ist ja gewissermaßen zahnlos wenn es um nach wie vor relevante oder brisante Themen geht, da möchte kein Akademiker seinen Namen aufs Spiel setzen, hier hat Populärjournalismus einen gewissen Vorteil.

Das Zyklon B wurde ja vom Pharma Bayer als Teil der IG Farben (erst 2012 dann endgültig aufgelöst) hergestellt wie natürlich die heimische Industrie überhaupt die Kriegsmittel produziert, besonders Ammoniumnitrat für Sprengstoffe im Fall der Chemiekonzerne.
 
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