Ist Deutschlands Blick auf Osteuropa "kolonial"? (Zitat Timothy Synder)

Dieses Thema im Forum "Fragen & Antworten" wurde erstellt von -muck-, 10. Juni 2022.

  1. -muck-

    -muck- Aktives Mitglied

    Folgendes lesenswertes Interview mit dem Historiker erschien am 06.06. in der FAS:

    [Gekürzt wegen Zeichenbegrenzung]

    Herr Snyder, Sie halten Russland für einen faschistischen Staat. Warum?

    Gibt es etwas am russischen Staat, was heute nicht faschistisch ist? Hier eine Liste von Merkmalen des Faschismus, die auf Russland zutreffen: Eins: Einparteienherrschaft. Zwei: der Kult des Führers. Drei: Kontrolle der Medien. Vier: Kult des Imperiums, seiner Toten und seiner historischen Unschuld. Fünf: Die Welt wird durch Verschwörungstheorien erklärt. Sechs: ein Ständestaat nach dem Vorbild von Mussolinis Italien, nur noch radikaler. Sieben: Vernichtungskrieg und Völkermord. Acht: ein Kult des Willens und der Tat. Russlands hybride Kriegsführung, diese Kombination aus Propaganda und Gewalt, kann als Triumph des Willens über die Realität gesehen werden. Und dann natürlich die Idee vom Feind. Der Ausgangspunkt des Faschismus ist der Begriff des Feindes, und der Feind Russlands in Putins Sicht ist der Westen. So hat Carl Schmitt das definiert: Politik heißt, zu bestimmen, wer der Feind ist.

    Schmitt war ein Ideologe des Nationalsozialismus.

    Und heute steht sein Erbe in Russland in hohen Ehren. Alexander Dugin, Iwan Iljin und andere Vordenker des Putinismus beziehen sich auf ihn. Iljin sagt genau wie Schmitt, dass Politik mit der Definition des Feindes beginnt. Putin hat ihn oft zitiert. Auch Schmitts Konzept vom „Großraum“ ist hier wichtig, also der Gedanke, dass nur wenige Staaten souverän sind, und zwar die großen Imperien. Alle anderen sind aus dieser Sicht nur Attrappen. So denkt die führende Klasse in Moskau: Russland ist ein reales Land, Amerika auch, die meisten anderen sind nur Vasallen.

    Iljin hat als russischer Emigrant den Nationalsozialismus gefeiert. Er vertrat die Idee, dass jeder, der die Ukraine als unabhängigen Staat sieht, Russland den Todesstoß versetzt.

    Putin hat Iljin mehrmals in diesem Sinn zitiert. Und er fügt hinzu: Wer die Ukraine von Russland trennen möchte, wird vernichtet. Iljins Glaubenssatz war: Russland ist eine homogene Masse unter einem Führer. Für Iljin war die Herstellung der Großmacht Russland der Anfang der Heilung der Welt. Und diese Heilung sollte der Triumph des Faschismus auf dem ganzen Erdball sein. Putins Regierung hat Iljins sterbliche Überreste aus dem Exil zurückgeholt, und der Präsident persönlich hat Blumen auf sein Grab gelegt.

    Faschistische Denker glauben, dass Kompromisse immer nur Atempausen sind, die man hinnimmt, um für die Vernichtung des Feindes neue Kraft zu sammeln. Kann man mit Putin also einen dauerhaften Verhandlungsfrieden finden?

    Die westliche Idee vom Kompromiss lautet: Ich respektiere deine Interessen und du meine. Das ist mit Putin kaum möglich. Aber man kann trotzdem mit ihm verhandeln – wenn man zuvor einen Krieg gewonnen hat. Solange Putin glaubt, gewinnen zu können, ist das schwer denkbar.

    Faschistische Führer brauchen dauernd neue Siege, um ihre Diktatur zu rechtfertigen. Wird Putin also nach einem möglichen Sieg in der Ukraine bald den nächsten Krieg beginnen?

    Russland funktioniert als eine Art Kriegs-Soap in Fortsetzungen. Nach Georgien kam der erste Angriff auf die Ukraine, nach Syrien jetzt der zweite. Und immer wird der Krieg von spektakulärem Storytelling im Fernsehen eingerahmt. Das ist ein bewährtes Herrschaftsmittel, und deshalb wird Putin vielleicht bald einen neuen Krieg beginnen, wenn er den in der Ukraine gewonnen hat. Wenn er aber verliert, wird er seine Medien dazu benutzen, einfach das Gegenteil zu behaupten.

    Wenn er alles als Sieg verkaufen kann, ist er auch nicht in Gefahr, durch eine Niederlage „sein Gesicht zu verlieren“, wie manche sagen. Liegen also diejenigen falsch, die sagen, man müsse ihm durch Zugeständnisse einen gesichtswahrenden Ausweg offen halten?

    Putin hat fast komplette Kontrolle über die Wahrnehmung des Krieges in seinem Land. Wenn er einen Sieg ausruft, werden die meisten Russen ihm glauben. Wer sich im Westen um sein „Gesicht“ Sorgen macht, hat das nicht verstanden.

    […]

    Sie nennen Putin einen Faschisten. Würden Sie ihn mit Hitler vergleichen?

    Ich spreche von Faschismus, weil Faschismus viele Gestalten hat. Es gibt britische, französische, italienische, deutsche oder amerikanische Faschisten, und alle sind ein wenig anders. Wenn ich jetzt sagen würde, Putin ist wie Hitler, dann wäre das zu eng gefasst. […] Trotzdem: Wo es um die Ukraine geht, sind die Ansätze der Nazis und des heutigen russischen Regimes ähnlich. Dazu gehört, dass die Ukrainer als Kolonialvolk wahrgenommen werden, dessen Elite ausgelöscht werden muss.

    Manche sagen, solche Versuche, Putins Krieg mit der Politik der Nazis zu vergleichen, liefen auf Verharmlosung des Holocausts hinaus.

    Diese Hemmung macht es schwer, Faschismus heute beim Namen zu nennen und für seine Bekämpfung Verantwortung zu übernehmen. Das gilt auch für Russlands faschistischen Vernichtungskrieg in der Ukraine. Deportation war eine Methode Hitlers. Heute sind anderthalb Millionen Ukrainer deportiert worden. Das ist Völkermord. Ukrainische Kinder werden entführt, um zu Russen gemacht zu werden. Das ist Völkermord. Die Russen töten die Eliten der besetzten ukrainischen Gebiete, und auch das ist Völkermord.

    Fällt es den Deutschen wegen ihrer Geschichte schwerer als anderen, das zu erkennen?

    Die Deutschen verdienen Anerkennung für ihren Umgang mit der Geschichte. Aber es gibt in Deutschland die Versuchung, in einem verengten Blick auf den Nationalsozialismus wenig mehr wahrzunehmen als nur Hitler und die Vernichtungslager. Wenn man dieses Phänomen aber in der ganzen Breite seiner Erscheinungsformen sehen würde, könnte man leichter sagen, dass Putin an vielen Punkten so handelt wie Hitler. Putin will die Ukraine zur Kolonie machen, und genau das wollten auch die Nazis. Nur: Das hat sich dem deutschen Gedächtnis nicht eingeprägt. Hitlers koloniale Haltung zur Ukraine war nie Gegenstand der deutschen Erinnerungspolitik. Deshalb fühlen die Deutschen heute so wenig Verantwortung für die Ukraine. Stattdessen gibt es eine Kontinuität kolonialer Einstellungen. Dazu gehört, dass die Deutschen den Ukrainern viel zu wenig zuhören. Das ist ein grundlegender Fehler, denn wenn man eine Kolonialgeschichte hat, wie mein Land Amerika oder eben wie Deutschland, lautet das erste Gebot immer: Wir müssen den Völkern, die wir früher als Kolonien behandelt haben, zuhören.

    Wie sah die deutsche Kolonialgeschichte in der Ukraine aus?

    Die Kolonisierung der Ukraine war Hitlers Hauptziel im Zweiten Weltkrieg. Er wollte ein deutsches Großreich, dessen Industrie von der Landwirtschaft der Ukraine getragen würde. Dabei sollten Millionen von Ukrainern dem Hungertod preisgegeben oder versklavt werden. Das war es, wofür deutsche Soldaten kämpften, aber ich glaube nicht, dass viele Deutsche das in Erinnerung haben.

    Heißt das, dass Deutsche und Russen über Generationen den gleichen kolonialen Blick auf die Ukraine und andere Völker Osteuropas hatten?

    Es gibt jedenfalls viele Beispiele für Zusammenarbeit zwischen Deutschen und Russen zulasten der Völker dieser Region. Die Teilungen Polens gehören hierher, und vor allem der Hitler-Stalin-Pakt von 1939. Es gibt also eine mentale Bereitschaft in Moskau und vielleicht auch noch in Berlin, über die Völker zwischen Deutschland und Russland hinwegzusehen. In der Tradition der deutschen Ostpolitik gibt es die Vorstellung, dass das Schicksal des postsowjetischen Raumes zwischen Moskau und Berlin geregelt wird. Vor allem in Bezug auf die Ukraine ist das nie infrage gestellt worden. Beide Seiten sind es gewohnt, sie als Kolonie zu sehen.

    Gilt das auch für die sozialdemokratische Entspannungspolitik Willy Brandts?

    In Berlin wirkt eine koloniale Haltung weiter, die nicht auf Parteien begrenzt ist. Moskaus Vorherrschaft in Osteuropa wurde jedenfalls auch von Brandt nicht infrage gestellt. Und für die Ukraine hat sich niemand allzu sehr interessiert. Nach der Wende ist das nicht viel besser geworden. Die Idee, dass die Ukrainer keine Nation sind, kommt immer wieder. Auf der Linken heißt es: „Das sind alles Faschisten.“ Andere sagen: Wir müssen Russlands Interessen berücksichtigen. Immer bedeutet das, dass die Ukraine kein Subjekt der Politik ist.

    […]​

    Wie schätzt Ihr Snyders historische Einordnung ein?

    Ich halte sie für einen interessanten und überzeugenden Erklärungsansatz für die mir völlig unverständlichen Forderungen, dass sich die Ukraine der russischen Aggression ergeben solle und Putins Standpunkt Beachtung verdiene. Snyders Ausführungen zu Putins Selbstbild und der Vergeblichkeit der (zu Recht kritisierten) diplomatischen Offensiven Emmanuel Macrons sprechen mir aus der Seele.

    Nicht genügend berücksichtigt hat Snyder in der Charakterisierung der deutschen Politik meiner Meinung nach allenfalls die Tatsache, dass wir im Sinne Flussers "lesende Wesen" sind, in unser Weltbild also nur Fakten einfließen können, die sich uns mitteilen. Der Ukraine waren in ihrer Geschichte nur kurze Perioden der Eigenstaatlichkeit vergönnt; in vielen Landkarten der UdSSR taucht sie nicht mal als Sowjetrepublik auf.

    Das wirft die Frage auf: Nahm der durchschnittliche Wehrmachtssoldat, der 1941 in den Krieg zog, die Ukraine wirklich als gesonderte Entität war? Oder war sie für ihn nur ungefähr das, was z.B. der Freistaat Bayern für das Deutsche Reich war? Ein womöglich unterschiedener Teil des Ganzen, aber doch ein Teil?

    Und ist der heutige Blick des immerhin rund 45 Jahre alten Durchschnittsdeutschen auf die Ukraine nicht auch unvermeidlich dadurch geprägt, dass das Land erst in seiner Jugend auf der Landkarte auftauchte?

    Oder ist bereits diese Vermutung Ausdruck der von Snyder beschriebenen paternalistischen Haltung?
     
  2. Ralf.M

    Ralf.M Aktives Mitglied

    Ich denke nicht dass Deutschlands Blick auf Osteuropa „kolonial“ ist.
    Ich hatte auch nicht so einen Eindruck bei meinen Geschäftsreisen in die baltischen Staaten Litauen und Lettland, sowie Weißrussland, Ukraine und Russland/Moskau.

    Ich unterstelle dies auch nicht den Regierungen der BRD ab 1945. Auch nicht den Regierungen der Weimarer Republik.
    Kolonialer Blick weder auf die neuen NATO-Länder (beginnend bei Estland bis runter nach Bulgarien), also entlang der Westgrenze der „Russischen Föderation“, noch auf die Ukraine, die ja seit den 24. 08.1991 selbststädig ist.

    Wo ich allerdings in den Beitrag der FA-Sonntag mitgehe, sind die genannten Merkmale des Faschismus, die auf Russland, explizit auf Herrn Putin heutzutage zu treffen.
    Ich habe eher den Eindruck, die Nationalitäten Politik der Russen (Begrüner W.I.Lenin) hat nie richtig in der Praxis funktioniert.

    Sicher, man kann beobachten/feststellen das so mancher Deutscher dazu neigt, alles was in Richtung Osten liegt als Russland/Russen zu benennen, aber das reicht wohl nicht um daraus zu schlussfolgern, man Blick in Richtung Osten „kolonial“.
    Unter Kolonial stelle ich mir was anderes vor.
    Sicher, weder die UdSSR, noch die jetzige Föderation ist ein Staat wie z.B. die USA mit ihren Bundesstaaten oder wie wir mit unseren Bundesländern.
    Die Führungskräfte der Russen ab 1917 würde ich, mit Ausnahme von Herrn Gorbatschow als Hegemonen einstufen. Und Herrn Putin insbesondere als „Jünger des Georgiers“.

    Und noch eine Bemerkung zu den Landkarten von denen im Artikel die Rede ist.
    Ich habe im A2 Format 12 Karten zur UdSSR, eine davon ist die Ukraine (Karte je 2mal im A4 Format).
    Meine Karten sind von 1968.
    Meine Autoatlas von 1978 enthält auch eine Karte zu Ukraine.
    Als ich 1981 mit meinen PKW kommend von der rumänischen Grenze über Polen wieder in die DDR fuhr, war dies eine Hilfe.
     
    Zuletzt bearbeitet: 10. Juni 2022
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  3. Pardela_cenicienta

    Pardela_cenicienta Aktives Mitglied

    Doch: meine entschiedene Antwort ist ja.
    In deutscher Politik und in den Medien zeigt sich durchgehend die Ignoranz des Nicht-Sehens, nicht-Wissens und des nicht-Wissen-Wollens.
    Und hierin liegt die koloniale Dimension: dem Kolonisierenden werden legitime Interessen zugestanden.
     
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  4. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Da wäre erst einmal die Frage zu stellen, ob es so etwas wie eine konsensfähige Haltung denn überhaupt gibt, nach der sich die Ukraine komplett der russischen Agression ergeben sollte?
    Das nehme ich in dieser Form allenfalls als eine Minderheitenmeinung wahr, der zumeist auch in entsprechender Form begegnet wird.

    Ich muss sagen, die Vorstellung, dass man innerhalb der deutschen Mehrheitsgesellschaft die Existenz oder das Existenzrecht der Ukraine negieren oder sich nicht dafür interessieren würde, irritiert mich eher.
     
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  5. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Als Ergänzung:
    Eine deutsche "Kolonialgeschichte" in der Ukraine beginnt schon im 1. Weltkkrieg.
    Mit der Operation "Faustschlag" eroberte deutsche Truppen die im Frieden von Brest-Litosk von Sowjet-Russland abgetretenen Gebiete. Unter deutscher Besatzung wurde die Ukrainische Volksrepublik von den deutschen Besatzungstruppen aufgelöst und durch einen monarchistischer Satellitenstaat Hetmanat Ukraine ersetzt. Hetman Pawlo Skoropadskyj musste nach Abzug der deutschen Truppen nach Potsdam ins Exil fliehen.
     
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  6. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Ich würde meinen, die beginnt noch wesentlich früher, nämlich mit der Gründung der "Schwarzmeerkolonien" und der Ansiedlung der späteren "Schwarzmeerdeutschen" unter Katharina II, eben als Kolonisten in dieser Region, mit bis ins 19. Jahrhundert hinen priviligiertem Rechtsstatus gegenüber der übrigen, ansässigen Bevölkerung.
     
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  7. andreassolar

    andreassolar Aktives Mitglied

    Haben de Gaulle, Che Guevara und Gamal Abdel Nasser ebenfalls nicht gemacht...weil sie, wie angeblich Brandt, koloniale Traditionen gegenüber der Ukraine nicht in Frage gestellt haben? Mit solch heißer Luft agiert ein Historiker?:D

    Hitlers Traum vom Lebensraum im Osten war ein orteloser, imaginärer, zur Eroberung, Erweiterung und Integration in einem Großdeutschland, also eben gerade nicht als typische Kolonie.
     
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  8. hatl

    hatl Premiummitglied

    Wessen heiße Luft hier ventiliert wird ist noch keine ausgemachte Sache.

    Timothy Snyder (Bloodlands, The Red Prince, On Tyranny) vertritt die Richtung, so wie ich es verstehe,
    dass Russland als Kolonialmacht einen Krieg gegen die Ukraine führt, während sich Deutschland nicht der eigenen kolonialen Vergangenheit in der Ukraine stellt.
     
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  9. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Aber tut es dass denn tatsächlich nicht?
    Die Ukraine spielt, was das angeht in der deutschen Erinnerungskultur sicherlich eine untergeordnete Rolle gegenüber Polen.
    Was sich aber schlicht auch mit der Dauer der polnischen Teilungen und der direkten Nachbarschaft erklären lässt.

    Trotzdem sehe ich nicht, dass die Ukraine und die deutsche Rolle dort vernachlässigt würde.
    Die These man hätte zu Osteuropa im Allgemeinen ein koloniales Verhältnis, halte ich gerade im Hinblick auf den Umgang mit Polen und in etwas geringerem Maße den baltischen Staaten auch für fragwürdig.
     
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  10. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Hat Russland tatsächlich das Ziel, das Ukrainische Volk zu vernichten, einen Vernichtungskrieg zu führen? Sind die 1,5 Millionen deportierten Ukrainer während dieses Krieges belegbar? Werden ukrainische Kinder entführt, um zu Russen gemacht zu werden? Tötet Russland gezielt die ukrainische Elite? Begeht Russland tatsächlich einen Völkermord in der Ukraine?
    Das sind sehr viele unbelegte Behauptungen, die Snyder da aufstellt.

    Es gab im Hochmittelalter eine deutsche Kolonisation in Osteuropa. Menschen und Rechtssysteme sind nach Osteuropa gekommen. Die deutsche Besetzung im 1.Weltkrieg war viel zu kurz, als dass man einen kolonialen Blick hätte entwickeln können. Beim 2.Weltkrieg schließe ich mich @andreassolar an. Wenn man einen kolonialen Blick Deutschlands auf Osteuropa behauptet, müsste man mMn eine unveränderte deutsche Betrachtungsweise seit dem Hochmittelalter konstruieren.
     
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  11. andreassolar

    andreassolar Aktives Mitglied

    Ersteres ist offenkundig :D

    Vielen Dank für d.Wiederholung, darauf hatte ich mich nicht allgemein bezogen.

    Die russische Föderation führt einen postimperialen Krieg um ein Gebiet des sogenannten 'nahen Ausland', welches
    • das ehemalige Gebiet d. ehemaligen Sowjetunion umfasst (jener GUS-Raum)
    • und daher auch nicht in das Aufgabengebiet des Moskauer AA fällt, sondern in das des Präsidentenamtes
    • ohne Substanz ist die Behauptung, es gäbe eine echte koloniale, deutsche (Regierungs-) 'Tradition' zur Ukraine. Und welcher sich 'Deutschland' nicht stelle.
    Woran sollte man Letzteres erkennen? Dass der linke politische Rand in d. Ukraine teils faschisierende Herrschaftsmuster sieht? Oder daran, dass erhebliche Teile der politischen Akteure die Moskauer Aggression scharf ablehnt, Sanktion mitträgt? Daran etwa, dass nicht längst deutsche Truppen und Waffen in der Ukraine für die Ukraine kämpfen? Es ist praktisch beliebig austausch- und verwendbar.
    • die auf Entspannung und Verständigung und menschliche Erleichterung orientiert Ostpolitik um Brandt im Zusammenspiel mit den Moskauer, den Warschauer und Prager, und schließlich Ostberliner Machthabern wird so zu Fortsetzung des alten Kolonialprojektes gegenüber der Ukraine? wow...
     
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  12. andreassolar

    andreassolar Aktives Mitglied

    Ansonsten hat Garbatschow ebenfalls die Ukraine explizit nicht als unabhängiges 'Gebiet' gesehen und sehen wollen.
    Weissrussland + Ukraine + Russland = Zentrum und Kerngebiet der SU. Anderes war für überzeugte Anhänger der Weltmacht UdSSR mit globalen Ambitionen undenkbar.
     
  13. andreassolar

    andreassolar Aktives Mitglied

    Mein tiefer Respekt vor angelsächsischer Toleranz & Liberalität...auch u. gerade in der akademischen Wissenschaftswelt unter kapitalistischen Produktions- u. Verwertungsregeln (Aufmerksamkeitsproduktion)..;)
     
  14. andreassolar

    andreassolar Aktives Mitglied

    Worüber ich innerlich den Kopf schüttele bei Snyders Bemerkungen:
    Bis 1963 war Brandt ein intensiver Kalter Krieger als Reg. Bürgermeister der Frontstadt WestBerlin, der den Ostblock u. die SU angriff, geiselte und in Frage stellte.
    Angesichts seiner Machtlosigkeit, der menschlichen u. sonstigen Folgen des Berliner Mauerbaues entwickelten Bahr und er die Idee des Wandels durch Annäherung, Ausgangspunkt der späteren Ostpolitik.

    Womit Brandt 'in Wirklichkeit' etwa in das Fahrwasser großdeutscher KolonialTradition gegenüber Ukraine & Co. geriet? Junge, Junge
     
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  15. andreassolar

    andreassolar Aktives Mitglied

    'Empirisch' gut erkannt. Der einzige Punkt, in welchem man m.E. bei Snyder's Bemerkungen zustimmen kann.
     
  16. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Dem kann man nur zustimmen.
     
  17. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Ja richtig. Aus der Schwarzmeeregion wurde die muslimische Bevölkerung von den Russen vertrieben und anschließend wurde das Gebiet mit Einwanderern aus verschiedenen Teilen Europas aufgesiedelt. Die Auswanderung an Schwarze Meer wurde als Alternative zur Auswanderung nach Amerika und Australien verstanden. Die Ansiedlungen wurden zeitgenössisch als Kolonien verstanden.
    Es besondere Qualität hat die Kolonie Ascania Nova. Der deutsche Fürst Ferninand von Anhalt-Köthen erwarb vom Zaren gigantische Weidefläche als Schafszucht-Kolonie. Die produzierte Wolle sollte in Deutschland verarbeitet werden.
    Kleiner Einwand: Der Verhandlungspartner von Brandt war bekanntlich Breschnew.
    Dieser Breschnew wurde in der Nähe von Dnipro in der Ukraine geboren. In Moskau herrschte ein Ukrainer!
    Breschnews politische Karrriere beginnt in der Ukraine, danach ging er nach Moldau und Kasachstan und schließlich nach Moskau. Die Ukrainer selbst hatten so etwas wie eine Vorherrschaft in der Sowjet-Union und Brechnew wurde innerhalb der Sowjet-Union von Posten zu Posten rumgereicht.
    Ukrainer* sind meines Erachtens so stark an die sowjetische Führung beteiligt gewesen, dass man nicht einfach so tun kann, als wäre die Ukraine in sowjetischer Zeit eine russische Kolonie oder Fremdherrschaft gewesen. Um nur ein die brühmetesten Ukrainer* zu nennen: Leo Trotzki, Lasar Kaganowitsch, Grigori Petrowski, Nikita Chrutschow Leonid Breschnew ... Selbst Gorbatschows Familie hat ukrainische Wurzeln.

    * Bei diesen Menschen aus der Ukraine kann man sich natürlich fragen, ob es sich nicht doch um Russen oder Juden handelte. An der sowjetischen Wirklichkeit gehen diese Unterscheidungen jedoch vorbei, weil für die Kommunisten die eigene Klassenidentität als Arbeiter eindeutig im Vordergrund stand. In der heutigen Betrachtung können jüdisch- und russisch-stämmige Menschen aus der Ukraine selbstverständlich als Ukrainer gelten. Eine ethnische Zuordnung ist in den meistens Fällen nicht eindeutig möglich.
     
  18. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Die deutsche Politik gegenüber der Ukraine im Ersten Weltkrieg hatte einen betont militärischen, aber nicht kolonialen Charakter. Völkerrechtlich sah man sich genötigt, das tut man mit Kolonien eigentlich auch nicht, Frieden mit der Ukraine zu schließen, tatsächlich aber im Lande Krieg zu führen.
    Die Tätigkeit und das Verhalten der deutschen Besatzungstruppen hatte den politischen Status der Ukraine zu einen besetzten Gebiet herabgedrückt. Die Militärs bestimmten und kümmerten sich herzlich wenig um die politischen Richtlinien, die den diplomatischen Vertreter in Kiew zugingen. Groener führte hierzu aus,. "wir haben das getan, was wir für richtig hielten. Mit wir, war das Militär gemeint.

    Winfried Baumgart, "Deutsche Ostpolitik 1918"
     
  19. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Wenn man den "kolonialen Blick der Deutschen" mit der Einwanderung ins Russische Zarenreich* begründen will, müsste man sich auch überlegen, ob Deutschland einen kolonialen Blick auf die USA hat. Auch dort gab es deutsche "Kolonien". Texasdeutsch und Pennsylvania Dutch sind deutsche Dialekte.

    * Laut meinem alten dtv-Atlas zur Weltgeschicht Bd.1 von 1987 (S.287) wurde bei Peter d. Großen "Deutsche" als Synonym für alle Ausländer verwendet.
     
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  20. hatl

    hatl Premiummitglied

    "Ist Deutschlands Blick auf Osteuropa "kolonial"? (Zitat Timothy Synder)"

    @-muck- , das ist schon eine sehr verunglückte Überschrift. Was ist den nun ein Zitat Snyders? Nur "kolonial"?
    Die Frage selber kann ja kein Zitat sein(?).
    Und nun wird auf dem Glatteis der unklaren Überschrift etwas diskutiert was ja mit dem vorgeblich Zitierten teilweise nichts zu tun hat. Na, und da rutscht jemand auch mal gerne aus. :D:D

    Ganz gewiss sehr beachtenswert. Wie immer eine kluge Analyse. (Seine Bücher empfehle ich.)

     
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