Ist Kants "Kritik der reinen Vernunft" noch aktuell?

Dieses Thema im Forum "Kultur- und Philosophiegeschichte" wurde erstellt von Dieppurple, 11. Mai 2019.

  1. Dieppurple

    Dieppurple Neues Mitglied

    Hallo Foristen,
    ich bin gerade neu hier angekommen und möchte direkt eine Frage loswerden mit dem o.a. Thema.
    Kant wird ja noch immer hochgelobt und seine KrV als wegweisend dargestellt. Ich glaube aber, dass sich einige "Kinken" darin befinden, vor allem scheinen mir seine Prämissen nicht hinreichend begründet, wie z.B. die Trennung von sinnlicher Anschauung und apriorischem Verstand, die unerkennbare Natur an sich oder die synthetischen Urteile a priori.
    Was meint Ihr dazu?
     
  2. Tom

    Tom Neues Mitglied

    Die Frage gehört wohl eher in ein Philosophie-Forum.

    Historisch gesehen würde ich sagen: Kant ist so etwas wie der großartige Schlusspunkt der europäischen Aufklärung des 18. Jahrhunderts und zugleich der Beginn der klassischen Zeit der deutschen Philosophie im 19. Jh. Ich habe hier schon einmal Marx zitiert mit seiner Einschätzung von Kants Philosophie als „deutscher Theorie der französischen Revolution“. Kant war jedenfalls ein großer Anreger, man kann sich auch heute noch von ihm zum Denken Lust machen lassen. Einige seiner Gedanken haben sich auch wissenschaftlich bestätigt, z.B. Aussagen über die Planeten- und Galaxienentstehung in seiner „Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels“.

    Aber ansonsten: Er war halt Philosoph, und philosophische Gedankengebäude haben die unangenehme Eigenschaft, nach ein paar Jahrzehnten wieder zusammenzufallen und wissenschaftlich überholt zu werden.

    Und er trägt auch einen guten Teil bei zu der Tradition deutscher Wissenschaftler, ein möglichst schlechtes und gekünsteltes Deutsch zu schreiben. Da hat er leider viele Nachfolger bis heute.
     
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  3. hatl

    hatl Premiummitglied

    Na ja, Tom,
    das scheint mir doch eine recht kühne These zu sein.
     
  4. Tom

    Tom Neues Mitglied

    Ich hab ja auch von Gebäuden gesprochen, philosophischen Gedankengebäuden. Einzelne Steine, Säulen, Bruchstücke bleiben erhalten, werden von anderen Philosophen und Wissenschaftlern wieder aufgenommen und weiterentwickelt, aber das Gebäude als Gesamtwerk ist zusammengebrochen. Niemand ist heute noch Kantianer, Hegelianer oder Schopenhauerianer, es geht einfach nicht mehr. Die Geschichte der Philosophie ist eine Folge von Ruinen, von oft großen und beeindruckenden Ruinen, aber Ruinen sind es trotzdem.
     
  5. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Die These ist in der Tat etwas kühn. Es besteht überhaupt kein Zweifel, dass Kant zu den wichtigsten und einflussreichsten Philosophen gezählt werden kann.

    Die Bedeutung seiner Werke als - bedeutsame - "Ruine" zu bezeichnen, wird dabei durchaus nicht in der Literatur geteilt. So schreibt beispielsweise Dicke zu Kants Werk im allgemeinen und seinem Traktat über den ewigen Frieden im speziellen: "Ihre Wirkmächtigkeit namentlich im 20. Jahrhundert [von mir hervorgehoben]erklärt sich vor allem aber wohl daraus, dass Kant mit seinem Entwurf einer auf Frieden gerichteten republikanisch-verantwortlichen Politik ihre Sprache gegeben hat." (S. 373)

    Die Wirkungen und die Bedeutungen von Geisteswissenschaftlern liegt dabei wohl weniger in der Frage, ob ihr Werk insgesamt noch einer aktuellen Expertise standhält. Hegel wurde im Forum - völlig zu Recht - in Bezug auf seine Aussagen zu "China" massiv kritisiert.

    Die Arbeiten von Max Weber dagegen, obwohl bereits ca. 100 Jahre alt zu Asien werden noch heute als Ausgangspunkt für viele Fragestellungen und als Referenz herangezogen.

    Noch deutlich wird die Relevanz von "originären Ideen", die mit den Geisteswissenschaftlern verbunden sind, beispielsweise an den gleichzeitig konträren und auch aufeinander bezogenen Arbeiten von Machiavelli und Morus.

    In ihren zentralen Werken wird das Spannungsverhältnis zwischen dem Streben des Staates nach "Macht" und dem freiheitlichen Wollen der Menschen thematisiert. Und diese Sicht ist "zeitlos".

    Das kann man für eine Vielzahl von Geisteswissenschaftlern fortführen, die als "Gründer" einer modernen Soziologie genannt werden können, wie Simmel, Dürkheim, Marx oder Max Weber. Viele Konzepte bzw. Konstrukte werden noch heute benutzt, um Erklärungen der Welt zu liefern, wie beispielsweise Michael Mann mit seiner "Geschichte der Macht (Sources of social power) sich auf Weber bezieht. Für die anderen ließen sich ähnliche Beispiele leicht finden.

    Wir sehen im Bereich der Geisteswissenschaften sicherlich "Zyklen" (Moden), aber keine Paradigmenwechsel (Kuhn), die frühere Arbeiten "entwerten" würden. Sondern eher ein "dialektisches" Verhältnis in einer ansonsten kumulativen Anreicherung bzw. Differenzierung früherer Gedankengebäude.

    Und Kant ist sicherlich ein sehr wichtiger Stein im Fundament unserer heutigen modernen Geisteswissenschaft und seine Sicht - und die anderer Geisteswissenschafter - kann noch heutige rekonstruiert werden.

    Wie beispielsweise ein Axel Honneth oder Charles Taylor sich aktiv als "Neo-Hegelianer" sich aktiv um eine Erneuerung der Sichtweise von Hegel kümmern, nur um ein Beispiel für die Vitalität der Theorien der großen Philosophen zu benennen. Für Kant fehlt mir die kompetente Übersicht.

    Dicke, Klaus (2018): Immanuel Kant, Zum ewigen Frieden (1795). In: Manfred Brocker (Hg.): Geschichte des politischen Denkens. Ein Handbuch. Frankfurt am Main: Suhrkamp
    Nitschke, Peter (op. 1995): Staatsräson kontra Utopie? Von Thomas Müntzer bis zu Friedrich II. von Preussen. Stuttgart, Weimar: J.B. Metzler.
     
  6. Tom

    Tom Neues Mitglied

    Was hab ich da nur angerichtet mit meiner kurzen Bemerkung! Jetzt sind wir wieder bei so einem Thema, über das man ein ganzes Buch schreiben müsste … In einem Forum wie diesem kann man solche Grundfragen kaum klären. Außerdem ginge es dabei mehr um wissenschaftstheoretische Fragen als um historische.

    Was du schreibst, ist ja richtig und das, was ich auch geschrieben habe. Heutige Wissenschaftler und Philosophen picken sich Bruchstücke aus Kant und Hegel heraus, z.B. Kants Schrift zum ewigen Frieden oder bestimmte Aussagen aus Hegels Logik und erklären sie für hochbedeutsam und entwicklungsfähig. Völlig zu Recht. Platon, Kant und Hegel waren keine Dummköpfe, sondern geniale und wichtige Denker.

    Aber das philosophische System der jeweiligen Denker, das Fundament, eigentlich der Kern der betreffenden Philosophie wird dabei in der Regel links liegen gelassen. Platons Eidos-Philosophie, seine Vorstellung, dass die Ideen hinter den vielfältigen Erscheinungen das einzig reale sind, oder Kants Vorstellung vom Ding an sich und der Idealität von Raum und Zeit, Hegels Gang von Geschichte und Weltgeist zur absoluten Idee oder Schopenhauers Wille als Grundlage allen Seins interessiert heute kein Schw … pardon, keinen Menschen mehr. Das meinte ich mit Ruinen, aus denen einzelne Stücke herausgebrochen und weiterverwendet werden.

    Im Prinzip sagen wir doch beide dasselbe. :)
     
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  7. Dieppurple

    Dieppurple Neues Mitglied

    Naja, das ging jetzt etwas am Thema vorbei. Aber vllt. hast du Recht, Tom: Ist mehr ein Thema für's Philosophie- Forum. Aber die Beiträge waren schon interessant...
     

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