Julianischer Kalender zwischen 1744 und 1775

Dieses Thema im Forum "Kultur- und Philosophiegeschichte" wurde erstellt von Brissotin, 10. Oktober 2011.

  1. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Kann mir jemand sagen wie sich die Abweichungen zwischen Julianischen und Gregorianischen Kalender im Heiligen Römischen Reich in den lutherischen im Vergleich zu den katholischen Staaten verhielten?
    Sprich: Der wievielte war z.B. in Karlsruhe, wenn in München der 20. Mai 1763 war?:grübel:

    Ich würde mich sehr über eure Hilfe freuen.:winke:
     
  2. Afkpu

    Afkpu Aktives Mitglied

    Und sowas wenn ich gerade meine Chronologieunterlagen in den Keller verfrachtet habe -.- Daher kann ich dir leider keine genauen Auskünfte geben, du solltest aber in den jeweiligen städtischen Annalen / Chroniken entsprechende Angaben finden.

    Am meisten unterscheiden sich die entsprechenden Daten aufgrund unterschiedlicher Einführungszeiten, in unterschioedlichen Städten /Staaten o.ä. wurde die Reform widerwillig erst sehr viewl später durchgesetzt (man denke hier an England), am besten im Gedächtnis ist mir die Erwähnung eines niederländischen Bezirks in welchem die Reform rein theoretisch Weihnachten "überspräng" hier muss ich aber noch genauer nachforschen, im Grotefend steht hierzu nämlich nicht explizit etwas.
     
  3. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Mir klang das bis jetzt so, dass 1775 im gesamten HRR der Gregorianische Kalender eingeführt wurde, den dann die Lutheraner "Verbesserter Reichskalender" nannten, um die von einem Papst hergeleitete Bezeichnung zu umgehen.

    Ich hatte gehofft, dass man mir hier ganz "rasch" eine Antwort geben könnte, weil ich im Moment nicht an das Archiv einer lutheranischen Stadt dran komme.
    Die Unterlagen aus einem solchen Archiv, die ich in Erinnerung habe, nannten auch nur die (wohl julianische) ortsübliche Datierung.
     
  4. jchatt

    jchatt Aktives Mitglied

    Bin zwar kein Kalenderexperte...:grübel:

    Zitat Wiki:Julianischer Kalender ? Wikipedia
    "In den protestantischen Reichsständen des Heiligen Römischen Reiches erfolgte die Umstellung am 18. Februar „alten Stils“ des Jahres 1700, dem sogleich der 1. März „neuen Stils“ folgte"

    bis zum 20. Mai 1763 wäre zu den 10 gregorianischen Schalttagen rechnerisch noch ein weiterer hinzugekommen. ( 181 Jahre * 674 Sekunden = ca. 1,4 Tage)
    Also müßte der 20. Mai 1763 im gregorianischen Kalender dem 9. Mai im julianischen Kalender entsprochen haben.

    Hilft Dir das weiter?

    Gruss
    jchatt
     
  5. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Vielen Dank. Ja das hilft schonmal weiter.

    Offenbar gab es alle paar Jahrzehnte im 18.Jh. eine Revidierung des Julianischen Kalenders, ohne dass an dem Problem der Differenz zum Gregorianischen Kalender so wirklich was geändert wurde.

    In den Kanzleien der protestantischen Reichsstände wurde der Gregorianische Kalender bereits 1700 übernommen.
    Der Kaiser hatte 1664 bereits das Corpus evangelicorum aufgefordert, die Divergenz zwischen Julianischen und Gregorianischen Kalender zu beheben.
    *

    * Albrecht P. Luttenberger: "Der Immerwährende Reichstag zu Regensburg, das europäische Mächtesystem und die politische Ordnung des Reiches"
    in: "Reichsstadt und immerwährender Reichstag" Hrsg.: Martin Dallmeier - Fürst Thrun und Taxis Hofbibliothek - Zentralarchiv, Verlag Michael Lassleben, Kallmünz, 2001
    S. 22
     
  6. Afkpu

    Afkpu Aktives Mitglied

    Ich sprach ja nicht nur vom HRR, und außerdem glaube ich mich zu erinnern, dass die Reformen zwar vielerorts durchgeführt wurden, aber eben nicht immer zum selben Tag, werde aber nochmal Rückmeldung geben sobald ich Einsicht in meine Unterlagen habe. Laut meinem Chronologiedozenten mangelt es im Internet oft an der Genauigkeit der chronologischen Beiträge.
     
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  7. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Ich weiß, dass Du es eher globaler meintest.

    Danke für Dein Engagement. :yes:
     
  8. Afkpu

    Afkpu Aktives Mitglied

    Hättest du dich gemeldet bevor ich angefangen habe zu streichen würde es schneller gehen, so musst du eben noch warten ;) (und mich erinnern falls ich es vergessen sollte :D)
     
  9. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Neue Quelle zur Thematik

    Zum Kalenderproblem habe ich noch eine zeitnahe Aussage gefunden, die eine neue Jahreszahl für eine Kalenderreform der protestantischen Reichsstände bringt.

    *

    Hier wird ein Beschluss von 1735 ins Feld geführt.
    Es scheint, als ob der Julianische Kalender im HRR 1700 nicht gänzlich aufgegeben wurde, sondern nur ein Sprung gemacht. Warum sich aber dennoch das Osterfest immer wieder verschob, habe ich bis jetzt nicht verstanden.:red:
    Die Reform von 1775 wird leider nicht angeführt. Kann es sein, dass es zwischen 1735 und 1775 zu einer Verwechslung kam? Denn es klingt unlogisch, dass man 1735 nicht schon versucht hätte, das Problem auch von 1744 lösen, sondern nur diejenigen Abweichungen von 1778 und 1798 beheben wollte.

    * "Badenscher gemeinnüziger Hof- und Staats-Kalender für das Jahr 1786" Carlsruhe und Kehl, J.G.Müller, S. 7-9
     
    Zuletzt bearbeitet: 26. Juni 2012
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  10. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Ich habe mich natürlich weiterhin mit der Problematik auseinander gesetzt.

    Nun habe ich zwei Quellen verglichen - zum einen einen offensichtlich gregorianischen zeitgenössischen Kalender* und zum anderen eine offensichtlich lutheranische Zeitung**. Bei beiden fällt der 19. Januar 1763 auf einen Mittwoch. Natürlich wäre noch möglich, dass es sich um einen Zufall handelt, wenn 1763 just die Differenz zwischen gregorianischem und julianischem Kalender exakt 7 Tage betragen hätte (trotz der oben 1786 erwähnten Veränderungen von 1700).
    Die Differenz zwischen Altem und Neuem bzw. Verbessertem Kalender betrug 1763 11 Tage.***

    * Benjamin Landsperger: "Neuer astronomisch-physikalischer Kalender auff das Jahr 1763" bei Johann Jacob Vötter, München
    ** "Erlanger Realzeitung" 19. Januar 1763
    *** Vgl.: "Des Heiligen Römischen Reiches vollständiger Genealogisch - und Schematischer Calender auf das Jahr nach Christi Geburt MDCCLXIII" F. Varrentrapp, Frankfurt am Main, 1763
     
    Zuletzt bearbeitet: 7. März 2013
  11. buschhons

    buschhons Aktives Mitglied

    Dieses Rätsel um denselben Wochentag dürfte sich dadurch lösen lassen, dass als im Zuge der gregorianischen Kalenderreform 1582 vom 4. auf den 15. Oktober gesprungen wurde, man nicht die Reihe/ Zählung der Wochentage unterbrach. 1582 war m. W. der 4. Okt. ein Donnerstag, der nächste Tag, also der 15. Okt., war ein Freitag (nicht ein Montag). Folglich hat sich zwar das Tagesdatum bei Lutheranern und Katholiken unterschieden, aber die Wochentage liefen gleich.
     
  12. buschhons

    buschhons Aktives Mitglied

    Entschuldigung. Was ich da geschrieben habe, ist zwar an sich richtig, aber es ist natürlich überhaupt keine Antwort auf Brissotins Frage. Ich hatte nicht genau genug gelesen und versuche mich nun noch einmal neu:

    1699 beschlossen die evangelischen Stände im nächsten Jahr den verbesserten Kalender der Katholiken einzuführen. Im Frühjahr 1700 ließen also auch die Evangelischen die 11 Tage ausfallen (wie die katholischen Stände es bereits über einhundert Jahre vorher getan hatten). Von da an nutzte man praktisch den gleichen Kalender, nur unter anderem Namen. Folglich fielen alle unbeweglichen Feste bei Katholiken und Evangelischen auf dieselben Tage, anderes allerdings das bewegliche Osterfest; denn dieses Fest wurde unterschiedlich bestimmt: Die Katholiken stützten sich auf ihre zyklische Berechnung, die evangelischen Reichsstände hingegen hatten 1699 beschlossen, das Fest nach astronomischer Rechnung (mittels der rudolphinischen Tafels Keplers) anzusetzen. Jahre, in denen aufgrund der verschiedenen Berechnungsweisen Ostern zu verschiedenen Kalenderdaten gefeiert wurde, waren 1724 und 1744. Bevor das 1778 nochmal passieren konnte, beschlossen auch die Evangelischen 1775 die zyklische Berechnung zu übernehmen, nannten den Gregoriansichen Kalender in diesem Zuge "Allgemeinen Reichskalender". Von da an fiel auch Ostern immer gleich.
    (Was es mit dem Jahr 1735 auf sich hat, weiß ich nicht.)

    Um diese Frage also zu beantworten:
    Man schrieb in Karlsruhe an diesem Tag also ebenso den 20. Mai (das gleiche gilt natürlich für den 19. April). Die Tagesdaten waren in Deutschland seit März 1700 bei Katholiken und Protestanten identisch.
     
    Zuletzt bearbeitet: 21. Mai 2013
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