Kapitalismus und Sozialismus - Konvergenzen und Divergenzen in Theorie und Praxis

Dieses Thema im Forum "Wirtschaftsgeschichte" wurde erstellt von Lili, 20. Juli 2011.

  1. Lili

    Lili Neues Mitglied

    Nachdem der Wikipedia-Artikel zur Konvergenztheorie momentan noch etwas dürftig ist, möchte ich zunächst kurz umreißen, worum es bei der Konvergenztheorie im allgemeinen soziologischen Sinne geht und was die daraus abgeleiteten Konvergenzhypothesen der 60er und 70er jahre im wirtschaftspolitischen Sinne beinhalten.

    Die Konvergenztheorie in ihren unterschiedlichsten Spielarten gab es bereits in den der antiken Philosophie, dabei ist allen Spielarten die Vorstellung gemein, dass es ein Idealsystem gibt, auf welches sich alle anderen, zum jeweiligen Zeitpunkt vertretenen Gesellschaftssysteme i.d.R. in einem evolutorischen Prozess hinentwickeln.

    Nachdem die Konvergenztheorie im Laufe der Geschichte immer mal wieder en vouge war, blühten sie wirtschaftspolitisch durch die ideologisch-politische Teilung der Welt in zwei Lager, zur Zeit des Kalten Krieges, wieder auf. Dabei handelte es sich um ein unfreiwillig beide Lager überspannendes, interdisziplinäres Projekt (hauptsächlich Wirtschaftswissenschaftler, Politologen, Soziologen und Historiker), das zudem noch ordentlich durch die Presse gepushed wurde. Kernaussage der drei Konvergenzhypothesen war dabei eine "Annäherung durch Wandel", wobei sich drei grundsätzliche Hypothesen ausmachen lassen:

    • die realsozialistischen Systeme werden sich durch einen fortschreitenden Liberalisierungsprozess sukzessive dem idealen kapitalistischen System annähern. Hier wird davon ausgegangen, dass die Eigendynamik des Industrialisierungsprozesses alleine zur Entwicklung führt.
    • die kapitalistischen Länder gleichen sich an den idealen Sozialismus an, da es im Kapitalismus aufgrund des Absolutwertparadoxons verstärkt zu Widersprüchlichkeiten im kapitalistischen System kommt.
    • Die dritte Konvergenzhypothese geht hingegen von einem "aufeinander zu"-Entwickeln aus, so dass eine ideale neue Form entsteht. Triebfeder soll hier wieder eine Eigendynamik, diesesmal aufgrund von Lernprozessen sein.
    Strenggenommen sind die ersten beiden Hypothesen keine echten Konvergenzhypothesen, weil Konvergenz immer ein "aufeinander zu" bedeutet. Nichts desto trotz ist genau diese Denke, nämlich 'wir haben das Ideal schon, bewegt ihr euch mal' in der Tat auch die verbreitste Denkweise, was sämtliche Spielarten der Konvergenztheorie betrifft. Die Gefahr ist hier offensichtlich, nämlich ein deutlicher Einfluss des Ethnozentrismus mit all seinen negativen Auswüchsen auf die Veröffentlichungen zu den beiden erstgenannten Hypothesen. Dementsprechend mit Vorsicht sind die darin vorzufindenden Aussagen auch zu gewichten.

    Soviel erstmal zum Einstieg in die Konvergenzhypothesen – Ergänzungen aber gerne :winke: Jetzt wird es aber Zeit für den kritischen Teil:

    Je nach Lesart der Hypothesen findet sich jeder bestätigt, oder? Die einen sehen mehr Sozialstaatlichkeit in den kapitalistischen Ländern, die anderen Liberalisierung oder gar den Zusammenbruch in den realsozialistischen Ländern und die Unentschlossenen sehen eine Entwicklung aufeinander zu. Im Grunde ist das doch super, für jeden ist was dabei, jeder hat eine Rechtfertigung warum seine Hypothese die Richtige ist. Nur: ist die Wahrnehmung wirklich eine Entwicklung in die eine oder andere Richtung? Es gibt eine instrumentell-methodische Annäherung innerhalb der wirtschaftspolitischen Systeme ja, aber damit sich Systeme annähern braucht es mehr als nur eine Annäherung auf instrumentell-methodischer Ebene, dafür braucht es vielmehr eine Annäherung in den grundlegenden Zielen und Werten der jeweiligen Systeme – die Marschrichtung von Gesellschaft und Politik muss sich also angleichen, damit eine wahre Konvergenz entsteht und das ist nicht passiert, was sich sehr deutlich an den jeweiligen Wertsystemen ablesen lässt, die nach wie vor unverändert sind. (aus Werten generieren sich Ziele und aus Zielen Instrumente und Methoden)

    Hinzu kommt, dass alle drei Konvergenzhypothesen (eigentlich die Konvergenztheorie in Summe – ich will aber jetzt mal bei der Wirtschaftspolitik bleiben) davon ausgehen, dass es ein ideales System gibt. Um von einem Ideal zu sprechen, muss erstmal der Schritt vollzogen sein, dass man erkennt, dass die aktuellen Systeme suboptimal sind (ok, ich gebe zu, dass der Schritt nicht so schwer ist). Die Volkswirtschaftslehre geht zudem bei einem modelltheoretischen Idealsystem von einer weiteren unabdingbaren Voraussetzung aus, die ein System haben muss, um ideal zu sein: sämtliche Entscheidungen werden völlig rational getroffen. Genau das gibt es aber in der Realität nicht. Volkswirtschaftliche Entscheidungen können sogar höchst irrational sein, schlicht weil der Mensch irrational ist und eben nicht immer so handelt wie es nach logisch-rationaler Erwägung richtig wäre, sondern vielmehr bei seinen Entscheidungen emotional gesteuert ist. Mal ein paar Beispiele: das Auto, das im volkswirtschaftlichen Sinne der rationalsten Entscheidung entspricht kaufe ich trotzdem nicht, wenn mir die Farbe nicht gefällt; das frische Brot beim Bäcker kann um noch so viel günstiger sein als das abgepackte Zeug an der Tankstelle, wenn es mittags regnet und ich es nicht vor Ladenschluss aus dem Büro schaffe, kaufe ich trotzdem völlig überteuert an der Tanke ein oder (ein Lili-Klassiker) ich brauche keine Schuhe, ich hab wirklich genug, aaaber, oh, die sind sooo toll. Ich denke es ist klar was ich meine... Nachdem es also allein aufgrund der Irrationalität von Konsumentenentscheidungen (Konsumenten können auch Institutionen, Unternehmen, der Staat, oder das Ausland sein, die alle aus den verschiedensten Gründen heraus irrational handeln; zur Veranschaulichung und zur Nachvollziehbarkeit habe ich die Privaten Haushalte gewählt) gar kein ideales System geben kann, also worauf soll man sich hin entwickeln? Hin zu einem anderen suboptimalen System?

    In Summe lässt sich also festhalten, dass die Konvergenzhypothesen der 60er und 70er Jahre allein deshalb nicht zutreffen können, weil es direkt an den grundlegenden Voraussetzungen fehlt, nämlich den abweichenden Wertsystemen der grundsätzlichen wirtschaftspolitischen Systeme und der Unmöglichkeit eines Idealsystems als Entwicklungsziel. Das ist jetzt aber auch nicht gerade die berauschendste Feststellung der Wirtschaftswissenschaften und ich bin sicher nicht die erste, der der große Fehler direkt am Ansatz auffällt, angesichts der bedeutenden Namen, die bereits im weiteren oder engeren Sinne über Konvergenzen und Divergenzen (sic!) im Zusammenhang mit dem großen Gegensatzpaar der Wirtschaftspolitik geschrieben haben, möchte ich an der Stelle direkt in die Diskussion dazu in der historischen Parallelentwicklung der beiden wirtschaftspolitischen Konzepte überleiten.

    Nachdem es vor einer realen Umsetzung des Sozialismus auch eine ideengeschichtliche Entwicklung des Sozialismus gab, möchte ich im Moment noch keine exemplarischen Länder herausgreifen, sondern würde es momentan eher bevorzugen, die Beispiele kontextuell zu wählen, um so ggf. sogar chronologisch vorgehen zu können.
     
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  2. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Wenn man einmal vom Debatteninhalt her argumentiert, wie er (nur im Westen?) in den 70ern vorgetragen wurde:

    Der "Anreiz" der Debatte war die bedrohliche Konfrontation der Systeme. Lösungsvisionen, die den Clash ausschließen und den Zusammenbruch des Sozialismus als unwahrscheinlich einordnen, kommen logischerweise auf den Ausweg der Konvergenz.

    Insofern könnte man die gedankliche Basis auf mit "Appeasement" (bzw. Entspannungspolitik) in Verbindung bringen. Die "soziale Systemkonkurrenz" kann man wieder in den Kontext stellen: krisenhafte Entwicklungen, frühe Ansätze der Umwelt- und Wachstumsdebatten, Ölpreisschock usw.

    Etwas Methodik: suboptimale Verhaltensweisen würden - wie Lili oben richtig herausstellt - nur eine Frage der in die Effizienzmessung eingeflossenen Faktoren bzw. eine Frage der Ausgrenzung bestimmter Faktoren sein. Ein hoffentlich unverdächtiges Beispiel: welches Bildungssystem ist gesamtwirtschaftlich suboptimal, welches optimal? -> welche quantifizierbaren Faktoren werden hier überhaupt eingerechnet? Welche Bewertungen iSv. Quantifizierungsmethoden sind vorhanden?
     
  3. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    Vllt. hilft bei dem Verständnis der Konvergenztheorie auch eine historische Kontextualisierung des Entstehens dieser Theorien.

    Ich behelfe mich jetzt mit Stichworten, bin aber gerne bereit, die Einführung dieser Stichworte zu begründen.

    - Kubakrise
    - Vietnamkrieg
    - 68'er Studentenbewegung
    - Bürgerrechtsbewegung z.B. in den USA
    - Stamokap Diskussion
    - "Prager Frühling" => "Sozialismus mit menschlichen Antlitz"
    - der französische Sonderweg Frankreich vs. USA/NATO
    - Abkehr vom Bretton Woods System
    - "Ölpreisschock"
    - steigende und hohe Inflationsraten
    - "Grenzen des Wachstums", Ende der Nachkriegskonjunktur, "Club of Rom"
    - die Kriege, die Israel führen mußte
    - die Entkolonialisierung
    - die "Sozialdemokratisierung" Westeuropas
    - die wachsende Erkenntnis, daß ein Krieg zwischen West und Ost faktisch nicht führbar ist, "atomare Patt-Situation" => "Atomwaffensperrvertrag", internationales Verbot von oberirdischen Atomwaffentests
    - SALT-Gespräche
    - Vaticanum II
    - beginnender internationaler Terrorismus
    - etc., ließe sich fortsetzen

    Diese Entwicklungen führten im "Westen" m.E. zu einem Krisenbewußtsein innerhalb des westlichen Wertesystems.

    Der "Osten" stellte dieser zu konstatierenden Erosion der "westlichen" Nachkriegsgewissheiten (Wachstum, Sicherheit, militärische Überlegenheit etc.) zwei Doktrinen gegenüber, einmal die "Breshenew-Doktrin" andererseits die von der "friedlichen Koexistenz".

    Lili beschrieb die drei Lösungsansätze/Lösungswege der Konvergenztheorie:

    Verkürzt und mit politischen/historischen Kategorien belegt:
    "Ost" => "West"*
    "West" => "Ost"
    Verschmelzung in einem "idealtypischen" vw Zielsystem

    Da letzteres, die "Verschmelzung" aber einen grundlegenden ideologischen Wertekanon vorausgesetzt hätte, der aber nicht vorhanden sein konnte, konnte das "Zielsystem" auch nicht erreicht werden. Daher m.E. das Scheitern der Konvergenztheorie in Praxis.

    Offensichtlich hat der "Westen" erst in den späten 1970'er Jahren und frühen 1980'er Jahren die Schwäche der "Breshenew-Doktrin" und der "friedlichen Koexistenz" erkannt, und zwar den Verzicht auf "Revolutionsexport", in dem ml Theoriegebäude gibt es dafür keine ideengeschichtliche Basis.

    M.


    * So ist es ja dann auch passiert, "Transformationsperiode" der ehemaligen soz. VW.
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. Juli 2011
  4. Lili

    Lili Neues Mitglied

    Ich möchte noch etwas grundlegendes für den weiteren Diskussionsverlauf nachschieben:
    Weder den Kapitalismus noch den Sozialismus gab es bisher in seiner Reinform und wird es auch in dieser Reinform nie geben, schlicht auch deshalb, weil der Mensch Mensch ist. Der Mensch ist grundsätzlich ein soziales Wesen und braucht eine ihn umgebende Gesellschaft, in deren Sinne er auch uneigennützig handelt bzw. zu handeln bereit ist. Die Reinform eines kapitalistischen Systems würde das aber ausschließen. Allerdings hat dieser Altruismus auch eine Grenze, die bei jedem Menschen anders gelagert ist, weswegen es keinen Sozialismus in Reinform geben kann, wäre doch hier die Voraussetzung dass die Grenzen der Selbstlosigkeit bei allen gleich gelagert sind.

    Der Zusammenbruch des jeweilig anderen Systems wurde doch bei allen drei Hypothesen ausgeschlossen. Die Konvergenztherorie geht doch immer von einer Evolution der Systeme aus und nicht von Revolution oder gar einem Zusammenbruch.

    Ich würde die gedankliche Basis nicht erst so spät ansetzen. Überlegungen zur Annäherung bzw Durchmischung der beiden Systeme gab es schon, da existierte der Sozialismus nur auf dem Papier. Hier wären insbesondere die linksliberalen Wirtschaftswissenschaftler zu nennen.

    Nö, es fand ja keine Entwicklung statt, sondern die realsozialistischen Staaten sind zusammengebrochen. Ich würde daher auch weniger von einer Transformationsperiode sprechen, sondern mehr von einer Übernahme. Die Transformation hin zu einem besseren System ist ja auch nicht seit den 90ern abgeschlossen, sondern läuft weiter, weil es eben kein ideales System geben kann, sondern nur das den Umständen entsprechenden beste System.

    Ich bin da weniger der Ansicht, dass die Wertesysteme nicht zueinander gepasst haben, sondern vielmehr, dass die Wertesysteme einer sehr großen Gruppe von Menschen nie zueinander passen werden, schlicht weil es sich in aller Regel um Absolutwerte handelt, die jeder nach seinem individuellen Maßstab für sich selbst und für die Beurteilung des Handelns anderer festlegt. Um mal ein paar plakative Beispiele zu nennen: Freiheit, Gleichheit, Wohlstand, Nachhaltigkeit, Sicherheit... Üblicherweise stehen diese Werte in einem Konflikt zueinander, so dass es immer eine Abwägensentscheidung ist, welches höher priorisiert wird. trifft diese Abwägensentscheidung ein Staat, heißt das nicht, dass das Ergebnis dieser Entscheidung alle in diesem Staat zusammenfassten Personen in gleichem Maße als gut und sinnvoll erachten.

    Ich habe mir heute beim Zähneputzen was überlegt, das ich noch nicht näher überprüft habe, ich werfe es einfach mal in die Runde:
    Solange der Sozialismus nur auf dem Papier existierte, entwickelte er sich divergierend zum Kapitalismus, wohingegen sich die kapitalistischen Systeme und Theorien in dieser Zeit konvergierend entwickelten (den linksliberalen Wirtschaftswissenschaftlern möchte ich an der Stelle eine Sonderposition einräumen). Nachdem sich der Sozialismus in seiner Realform in einigen Ländern etabliert hatte und es zu ersten Krisen kam, begannen auch die sozialistischen Systeme, seien es nun die real existierenden aufgrund der Rahmenbedingungen, als auch die Theorie sich konvergierend zu entwickeln.
     
  5. Gil-galad

    Gil-galad Aktives Mitglied

    In frühen agrarischen Wirtschaftsformen zeigen sich mE kaum Entwicklungen hin zu einem System, wenn überhaupt dann wurden diese frühen Wirtschaftssystem kapitalistischer. Die soziale Absicherung übernahm über lange Zeiträume hinweg die Gruppe, im kleinsten Fall die Familie oder auch die Dorfgemeinschaft. Beispielsweise die Versorgung der Alten durch die Nachkommen oder auch eine gewisse (altruistische bzw. auf Gegenseitigkeit beruhende) Unterstützung im Rahmen von Dorfgemeinschaften.

    Auch merkantilistische System zeigen kaum Entwicklungen, zumal es ja auch noch keine sozialistische Gegentheorie in diesem Sinne gab. Allerdings legte die Etablierung des Manufakturwesens den Grundstein für die spätere Industrialisierung.

    Mit dem Beginn der Industrialisierung allerdings hatte sich aus den früheren Systemen eine Wirtschaftsordnung entwickelt, die man mit Recht kapitalistisch nennen darf, was sich im Zeitverlauf eher noch gesteigert hat. Es dominierte eindeutig eine nutzenmaximierende Grundordnung, deren Früchte vorerst nur einigen wenigen und zwar den Eignern der Unternehmen zugute kamen. Vor diesem Hintergrund entstand die Theorie des Sozialismus, da die Vordenker erhebliche Probleme vor allem im sozialen und verteilungspolitischen Bereich sahen.

    Es stellen sich dann Mitte des 19. Jahrhunderts erste Entwicklungen in Richtung einer sozialeren Wirtschaftsordnung ein. Frühe Formen eine Änderung herbeizurufen sind sicher in den Aktivitäten der Maschinenstürmer (da man der Meinung war, dass die Maschinen den Menschen verdrägen und damit Armut schaffen) oder dem Aufstand der Schlesischen Weber zu sehen. Aber auch erste zarte Versuche der Unternehmer das Los der Arbeiter zu verbessern zeigen sich beispielsweise bei Krupp mit der Gründung einer Betriebskrankenkasse (allerdings bei gleichzeitiger Unterdrückung demokartischen Gedankenguts) oder Ernst Abbé mit der Gewinnbeteiligung der Belegschaft. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts organisiert die Arbeiterbewegung dann deutliche Gegenmaßnahmen über die Bildung von Gewerkschaften, um einen starken Gegenpol zum Turbokapitalismus zu bilden. Schließlich greifen dann auch erste staatliche Formen der Sozialpolitik bspw. mit der Kinderschutzregulative oder der Einführung der Sozialversicherungen durch Bismarck.

    Die Konvergenz von "reinen" Systemen zeigt sich also schon früh in der wirtschaftlichen Entwicklung und ist keine reine "Erfindung" des Ost-West-Konflikts in dem sich zwei gegensätzliche Systeme gegenüber standen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. Juli 2011
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  6. Repo

    Repo Neues Mitglied


    Die Wirtschaftstheorien begleiten die Menschen ähnlich lange wie die Religionen:devil:
    Den "verabscheuungswürdigen Kapitalismus" in seiner Reinform gab es nie. Hat glaube ich auch schon einer der Diskutanten hier geschrieben.
    Insbesondere ist aber der Gedanke falsch, man begegnet ihm jedoch oft, je weiter die Zeiträume zurückliegen, desto ungezügelter hätte der Kapitalismus geherrscht.
    Schon im 14. Jahrhundert gab es den Gedanken, dass sich der Wert eines Gutes nach seiner Nützlichkeit zu richten hätte und jedem Stand von der Obrigkeit der Lebensunterhalt gewährt werden soll.
    Hört sich schon recht modern an "Jedem nach seinen Bedürfnissen".
    Auch Luther scheint von diesem Ideen beeinflusst worden zu sein.

    Sie bewegen sich in ähnlichen Gedankenwelten, die Volkswirte und die Theologen:devil:
    Man muss halt glauben:rofl:
     
  7. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Ein Schlüsselwort ist hier - soweit ich sehe - noch nicht gefallen: Produktivität. Möglicherweise liegt auch hier eine Ursache für das Beispiel im Systemkonflikt.

    Zur Erläuterung möchte ich nochmal schwarzweiß-malen, worauf Lili schon kritisch hinwies, und worauf natürlich bei Vereinfachungen zu achten ist. Dennoch in grober Skizze: was könnte ökonomisch den Konvergenzdruck (wenn es ihn denn gab) auslösen? Produktivität würde ich dabei vereinfachend auch als Ansatz für Verteilungsfragen einer Gesellschaft verstehen - man erinnert sich an diverse Gutachten des Sachverständigenrates, der unter Produktivitätsaspekten Verteilungsfragen (etwa Lohnsteigerungen oder Arbeitszeitverkürzungen in diesem fraglichen Zeitraum) diskutierte.

    a) Bzgl. der "sozialistischen" Systeme könnte unter Produktivitätsaspekten der Druck zur Annäherung an die wohl auch als effizient arbeitenden "kapitalistischen" Systeme erfolgt sein: Produktiver werden, um soziale Systeme bzw. die bestehende Gesellschaftsordnung dauerhaft finanzieren zu können (und im Falle von Diktaturen: die Herrschaft zu sichern).
    --> fehlende Produktivität

    b) Ebenso könnte ein Gegensatz in der Behandlung sozialer Fragen ("sozialistische" Systeme in den sozialen Absicherungen auch als konkurrierender Massstab, um den Ausdruck Vorbild zu vermeiden) bei ausreichenden Prroduktivitätsüberschüssen zu Auswirkungen auf Verteilungsfragen führen, also zu erhöhtem Verteilungsdruck unter sozialen Aspekten.
    --> Nutzung vorhander Produktivität

    Lassen sich diese Argumentationen, wenn nicht wortwörtlich, dann sinngemäß in der Diskussion historisch nachweisen?
     
    Zuletzt bearbeitet: 21. Juli 2011
  8. Gil-galad

    Gil-galad Aktives Mitglied

    Ein hoch interessanter Ansatz mit zwei sehr anschaulichen Beispielen, die ich persönlich recht wahrscheinlich finde.

    Soweit ich mich erinnern kann, gab es zu Beginn der deutschen Teilung nicht nur eine Wanderungsbewegung von Ost nach West, sondern auch durchaus in die andere Richtung, da viele Bürger überzeugt waren, dass in der entstehenden DDR die einzige wirklich gerechte Gesellschaftsordnung in der Entstehung begriffen war. Man hat sich schon deswegen aufeinander zu entwickelt, um der Propaganda der jeweils anderen Seite den Wind aus den Segeln zu nehmen. Frei nach dem Motto: Schaut wie sozial wir auch sein können ohne Einbußen am Wohlstand (soll eigentlich heißen an der Produktivität) hinnehmen zu müssen. Bezeihungsweise indem man der anderen Seite die Produktivitätssteigerungen in der letzten Zeiteinheit vorgehalten hat. Eigentlich schmückt man sich doch dann mit fremden Federn - oder man entwickelt sich aufeinander zu.

    Ich möchte aber beim Thema Produktivität noch einen Gedanken einwerfen. Produktivitätssteigerungen lassen sich primär durch eine Hinwendung zu möglichst vollkommener Arbeitsteilung erreichen indem jeder (frei nach Ricardo) immer das macht, was er relativ am besten kann (das trifft ja nicht nur auf den Außenhandel, sondern auch auf menschliche Gemeinschaften innerhalb derselben Region/desselben Staates zu). Aber trägt das nicht schon den Keim einer Ungleichverteilung in sich? Bestimmte Glieder in der Produktionskette bekommen einen größeren Anteil an der Wertschöpfung ab als andere.
     
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  9. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    "...Schon im 14. Jahrhundert gab es den Gedanken, dass sich der Wert eines Gutes nach seiner Nützlichkeit zu richten hätte..."

    @Repo

    Nöh... vergl. mal hier "klassisches Wertparadoxon":

    Volkswirtschaftslehre das ... - Google Bücher


    @Gil-galad

    Die Konvergenztheorie setzt zwei sich politökonomisch bzw. volkswirtschaftliche grundsätzlich gegenüberstehende ökonomische und politische Syteme voraus, die sich in einer Konkurrenzsituation befinden, kein Reformismus in welcher Spielart auch immer(Fabianismus, Sozialdemokratisierung etc.). Sie ist theoriegeschichtlich tatsächlich ein Ergebnis des "Ost-West-Konfliktes" und nur hinter dieser Folie kritisier- bzw. bearbeitbar.

    M. :winke:
     
    Zuletzt bearbeitet: 21. Juli 2011
  10. Repo

    Repo Neues Mitglied


    Doch,
    vergl. mal hier Nominalisten und Summenhart
    was brauchen wir Volkswirte, wir haben doch Theologen:D

    und dann noch hier

     
  11. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Den historischen Kontext, den der Beitrag von Melchior #3 errichtet, verweist auf den Entstehungszusammenhang der Konvergenztheorie. Dabei lassen sich grob drei Phasen gegeneinander abgrenzen, Die erste Phase bis Stalins Tod kann man als die des "Kalten Krieges" bezeichnen.

    Mit seinem Tod folgte die Phase des "Wandels durch Annäherung" und die 60er Jahren können als die "golden age of the convergence hypothesis" (Dallogo, Brezinski,Andreff: Introduction, in: Convergence and System Change, Aldershot, Dartmouth, 1992, S. 7) benannt werden.

    Die dritte Phase, ab ca. 70er Jahre, wird als die Periode der "antagonistischen Kooperation" bezeichnet und berücksichtigt bereits Elemente der wirtschaftlichen Kooperation (vgl. dazu auch Bender: Das Ende des ideologischen Zeitalters).

    Bei den Analysen zur Konvergenztheorie ergeben sich unterschiedliche Betrachtungsebenen, die durch eine Priorisierung bestimmter Subsysteme (in der Regel das ökonomische System) jedoch in eine analytische Rangfolge gegliedert werden.

    Deswegen zwei Definitionen zur Konvergenz-Theorie (vgl. auch den Beitrag von Lilli # 1)
    1. "Sozialwissenschaftliche und politisch-ökonomische These der 1950er/1960er Jahre, die von einer strukturell bedingten Annäherung zwischen kapitalistischen und sozialistischen Systemen ausging: Da beide Ideologien und Wirtschaftsformen mit den gleichen innergesellschaftlichen Anforderungen der modernen Industrieproduktion konfrontiert sind (z.B. Arbeitskräftekonzentration, hochgradige Arbeitsteilung, zunehmender Kapitalbedarf, Abkehr vom Familieneigentum, zunehmende Effizienzsteigerung), werden sie sich organisatorisch, technisch und wirtschaftlich angleichen." (Politiklexikon BpB)

    2. "Die Konvergenztheorie unterstellt dabei für Marktwirtschaften einen zunehmenden staatlichen Einfluss auf die Wirtschaft und für zentral gelenkte Planwirtschaften eine langsame Abkehr vom Prinzip der zentralen Wirtschaftsplanung." (Wirtschaftslexikon BpB)
    Und vice versa wird für sozialistische Planungssysteme eine Auflösung der Planungs-Othodoxie im Sinne einer Tendenz zum sozialdemokratisch geprägten Wohlfahtsstaat unterstellt (3. Weg oder Solidarnos).

    Bei den Konvergenztheorien kann man systematisch unterschiedliche Ansätze einordnen. Die relevanten Ansätze konzentrieren sich auf drei unterschiedliche Erklärungsmuster, umd die Konvergenz der industrialisierten kommunistischen oder kapitalistischen Staaten zu erklären (vgl. dazu Dallogo, Brezinski,Andreff: Introduction, in: Convergence and System Change, Aldershot, Dartmouth, 1992, S. 1-14).

    1. Die Industrialisierung-Theorie: Die Theorie vertritt die Auffassung der Dominanz der Wirtschaftssystems und weist kommunistischen und kapitalistischen Industriegesellschaften einen ähnlichen Problemrahmen zu, dessen Dynamik durch technische Innovation und sozialen Wandel vorgegeben wird.

    Obwohl sie durch aus unterschiedlich organisiert sind, werden sie im Rahmen der Anpassung an diese Herausforderungen sich immer ähnlicher werden. Die zugrundeliegende Prämisse geht davon aus, das das Set an potentiellen Reaktionen sehr begrenzt ist und somit die politischen Systeme keine wirklichen Freiheitsgrade haben, angesichts der Sachzwänge.

    Vertreter sind: z.B. Galbraith: Die moderne Industriegesellschaft, 1970; Aron: Die industrielle Gesellschaft, 1964 und auch teilweise Touraine: Die Postindustrielle Gesellschaft, 1972

    2. Die Struktur-Theorie: Diese Theorie geht von einer langfristig orientierten Perspektive aus und erklärt die Produktionsweise im COMECON für eine suboptimale Abweichung von einer idealen effizienten Produktionsweise. Vor diesem Hintergrund wird sich diese Produktionsweise langristig an die kapitalistsiche wieder angleichen.

    Vertreter: Stuart & Gregory: The Convergence of Economic Systems: An Analysis of Structural an Institutional Characteristics, in: Jahrbuch für Wirtschaft Osteuropas, Vol 2, S. 425-442.

    3. "Mixed Structure Approach": Dieser wohl einflussreichste Ansatz wurde bereits ca. 1944 erstmalig durch Sorokin formuliert. Er untersuchte komparativ die USA und die UdSSR anhand einer Reihe von sehr unterschiedlichen Kriterien. Als Ergebnis formulierte er als Trendfortschreibung eine Anpassung der beiden Gesellschaften, die werden als kapitalistisch noch als kommunistisch zu bezeichnen wären.

    früher Vertreter: Sorokin: Russia and the United States, in: ders. The Basic Trends of our Time, 1944

    Diesen Gedankengang hat Tinbergen fortgeführt und aus der damaligen Perspektive der Entwicklung des Wohlfahrtstaates eine Angleichung der System diagnostiziert.

    Auch in diesem Fall wird angenommen, dass vor dem Hintergrund ähnlicher exogener Herausforderungen, die antagonistsichen Wirtschaftssysteme ähnliche Antworten geben müssen, um eine angemessene Anpassung der "Systemleistungs" an die Systemrationalität eines zunehmend globalisierten Wirtschaftssystem zu leisten.

    Die Ähnlichkeit ergibt sich somit zwangsläufig, da es im Prinzip nur ein "optimales System" gibt, um die Anpassungsleistung zu erbringen.

    später Verteter: Tinbergen: Do Communist Free Economies Show a Converging Pattern?, in Soviet Studies, Vol. XII, No. 4, S. 333-341

    Diesen Ansätzen, die stark geprägt waren durch die Analyse wirtschaftlicher, technologischer und sozialer Systemleistungen der kapitalistischen und kommunistischen Gesellschaften, widersprach unter ideengeschichtlichen bzw. demokratietheoretischen Gesichtpunkten Bracher. Er diagnostiziert einen grundsätzlichen, nicht aufhebbaren Antagonismus der politischen Systeme (vgl. Beitrag von Silesia zur Systemrivalität # 2) (Bracher: Zeit der Ideologien, 1982, S. 352 ff)

    Kritisch haben sich ebenfalls Meißner und Rose aus der Perspektive des real-sozialistischen Theorieverständnisses auseinandergesetzt und in diesen Theorien einen Ansatz für eine "kapitalistische Verschwörung" gesehen, der natürlich vor dem Hintergrund einer historisch-materialistischen Analyse jeglicher Rechtfertigung entbehrte.

    Vertreter: Meißner: Konvergenztheorie und Realität, 1971; Rose: Industriegesellschaft und Konvergenztheorie, 1972
     
    Zuletzt bearbeitet: 23. Juli 2011
  12. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

  13. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Noch drei Bemerkungen zu diesem eigentlich sehr spannenden Thema.

    1. Die Bedeutung der Theorie für die außenpolitische Konkurrenz der Blöcke ist bisher viel zu kurz gekommen. Beispielhaft sollen so unterschiedliche Ansätze wie der von Waltz (Theory of International Politics, 1979) als Vertreter des "Neorealismus", der von Keohane (Power and Interdependence, 1997), als Repräsentant der auf Kooperation ausgerichteten "Regimetheorie" und nicht zuletzt der Ansatz von Cox (Production, Power, and World Order, 1987) als Neo-Gramsci-Ansatz, genannt werden.

    Sie sind relevant, um die Konvergenztheorie in die Rivalität der Blöcke einordnen zu können und ohne diese Rivalität wäre sie ja auch in diesem Zusammenhang nicht entstanden (vgl zur erweiterten Adaption des Begriffs beispielsweise: Fischer & Straubhaar (Hrsg), Ökonomische Konvergenz in Theorie und Praxis, Baden-Baden, Nomos, 1998)

    2. Dass es seit dem eigentlich so von den meisten Analytikern des "Kalten Krieges" nicht erwarteten schnellen Zusammenbruch (vgl. Einschätzug bei Mastny: The Cold War and Soviet Insecurity, 1996, S. 191) dennoch kam, hat das Thema "Konvergenztheorie" inhaltlich erledigt, wie Melchior ja auch schon ausgeführt hat.

    Dennoch kann man mit Dallago, Brezinski und Andreff festhalten: "This is because the convergence hypothesis is now often used as a starting point for the development of new explanatory paradigm of the rise and the fall of economic systems" (ebd: Convergence and System Change: 1992, S. 11).

    3. Und als Schlusswort möchte ich auf das Schlusswort von Brzezinski und Huntington verweisen(Politische Macht, Köln, Berlin, Kiepenheuer & Witsch, 1966, S. 449ff), die den impliziten Antagonismus der westlichen und der östlichen Konzepte der Konvergenztheorie deutlich herausstreichen.

    Es war ein Konzept, das auf die wirtschaftliche und somit auch politische Vernichtung des Systemrivalen abzielte. In diesem Sinne war die Konvergenztheorie aus der Sicht der politischen Verantwortlichen eine revolutionäre Theorie, die auf die Zersetzung und Übernahme des Kontrahenten abzielte und somit eine wesentlich härtere Konsequenz für den unterlegenen Block bedeutete wie die Frage einer graduellen Angleichung der Systeme.

    Und vor diesem politischen Hintergrund haben beide Supermächte die Welt zu einem Spielbrett der "Konvergenztheorie" gemacht, auf dem die auf ökonomischer Leistungsfähigkeit basierende politische Position die entscheidende Größe für die Durchsetzungsfähigkeit eines Systems geworden ist.

    Und hier schließt sich der Kreis zu dem Punkt 1 und es ergibt sich eine sehr enge Beziehung zwischen dem Modell der Wirtschaftsorganisation und den unterschiedlichen Theorien über außenpolitische Beziehungen.

    Und es ist interessant zu sehen, wie schnell diese Lektion von manchen Politikern vergessen wird. :still:
     
    Zuletzt bearbeitet: 28. Juli 2011

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