Latene als Wirtschaftsraum

Dieses Thema im Forum "Die Kelten" wurde erstellt von Biturigos, 26. April 2014.

  1. Divico

    Divico Aktives Mitglied

    Das ist ein ganz interessanter Punkt.

    Primärlagerstätten unter Kontrolle zu halten begünstigt die Ausbildung mächtigen Eliten und daraus resultierender starker Staatswesen. Ein Beispiel sind die Ottonen und das Silber aus dem Rammelsberg.

    Vielleicht sind dezentrale Flussgoldgewinnung und der Mangel an bekannten Primärlagerstätten ein Grund dafür gewesen, dass die Kelten keine mächtigen, zentral geführten Reiche hervorbrachten und schlussendlich zu uneins waren um die Römer zu schlagen.
     
  2. zaphodB.

    zaphodB. Premiummitglied

    Das lag wohl eher an den grundlegenden politischen Strukturen die ähnlich wie im klassischen Griechenland oder bei den Etruskern eher dezentral ausgerichtet war,
    Aber zurück zum Handel und der Frage der Rohstoffexporte im Rhein-Mosel-Nahe-Gebiet-neben dem Rheingold gab es in der Region Blei-, Zink- , Eisen- Mangan-,Silber-und Kupfererze die auch bergbautechnisch abgebaut wurden
    Nicht zu vernachlässigen sind m,E- auch die Edelsteine aus der Region-Amethyst, Jaspis, Opale und Achat werden bis heute z-B am Steinkaulenberg in Idar-Oberstein gefunden.
     
  3. Divico

    Divico Aktives Mitglied

    Bei Halbedelsteinen bestünde immerhin eine gute Möglichkeit, sie einer bestimmten Region oder gar Quelle zuzuordnen — so es ein Museum gestatten würde, Proben zur Analyse zu entnehmen. Einen gut begründeten Verdacht müsste man natürlich mitbringen.

    Im Fall des Goldes ist es aus verschiedenen Gründen leider meist nur möglich, anhand des Platin-Gehaltes eine Aussage über den Anteil an Flussgold und damit der Nähe zur Primärlagerstätte zu treffen. (Weil Gold und Platinmetalle niemals am gleichen Ort vorkommen, kann aus dem Platinanteil auf die Entfernung zur Primärquelle geschlossen werden, nach der Faustregel: je weiter flußabwärts, desto mehr Platin; umgekehrt nimmt der Silber- und Kupfergehalt durch Oxidation ab.)

    Bei der Analyse keltischer Münzen aus Deutschland und Tschechien ergab sich, dass die älteren Imitationen griechischer Münzen einen höheren Platinanteil und somit wohl einen höheren Anteil Flussgold aufweisen als die jüngeren Regenbogenschüsselchen, für deren Rohstoff daher eine Quelle recht nahe einer Primarlagerstätte (im Fall der Vindeliker die Hohen Tauern?) vermutet wird. Für mich sieht das so aus, als habe man sich immer näher an die eigentlichen Quellen herangearbeitet.

    Die in der Literatur geläufige Annahme, das Material der älteren Münzen stamme wegen des ähnlich hohen Platin-, resp. Flussgoldgehaltes aus eingeschmolzenen griechischen Münzen, kann ich nicht recht nachvollziehen. Welchen Sinn hätte es haben sollen, griechische Goldmünzen erst einzuschmelzen um hernach krude Nachahmungen eben dieser Münzen zu produzieren?

    https://www.nzz.ch/dem_keltischen_muenzgold_auf_der_spur-1.1388783

    https://archiv.ub.uni-heidelberg.de...oher_stammt_das_praehistorische_Gold_2013.pdf
     
    Zuletzt bearbeitet: 9. Dezember 2019
  4. Biturigos

    Biturigos Aktives Mitglied

    EQ hat auf ein Problem aufmerksam gemacht: gab es in Etrurien oder im Mittelmeerraum, wenn man davon ausgeht, dass die etruskischen Händler das begehrte Produkt weiterverhandeln wollten, einen Bedarf nach Rohstoffen des Mittelrheinraums?
    Zeitlich würde ich dies eingrenzen auf das Eingangstatement von zaphodB, der schon erwähnt, dass hallstattzeitliche Funde (Hallstatt D) in Etrurien selten sind - meines Wissens beschränken sie sich auf Fibeln und Antennendolche.

    Markus Egg kommt zu einer naheliegenden Vermutung: außer als Relaisstation für Zinn und Bernstein könnten auch Sklaven das Tauschobjekt sein, dass für den etruskischen Fernhandel interessant war:
    Gütertausch mit Italien –Kontaktevor den Keltischen Wanderungen, Markus Egg 2010, in
    Kelten!Kelten?Keltische Spuren in Italien, Hg.Martin Schönfelder, RGZM.

    Zur Frage des Bedarfs an den genannten hypothetischen Rohstoffen:

    1. Eisenerz: mit Populonia hatte Etrurien eine hier schon öfters erwähnte Produktionsstätte für die Verarbeitung des Eisenerzes von Elba, sie waren in Hallstatt D "Weltmarktführer" in der Eisenverhüttung. 1 Millionen Kubikmeter Schlacken geben einen Eindruck der dortigen Verhüttung, die von 9. bis zum 1.Jahrhundert BC reichte.

    2.Gold: der Bedarf an Gold war vorhanden, da es in Mittelitalien kein natürliches Vorkommen gibt. Vielleicht war ein Grund des Vorstoßes Richtung Alpen und zur Golasecca-Kultur jedoch auch der Goldreichtum der oberen Pozuflüsse: "die ausgedehnte Moräne von Bessa, die sich östlich von Ivrea auf rund 10km² erstreckt und die durch die Arbeit tausender Goldwäscher in eine Art »Mondlandschaft« verwandelt worden ist.
    Es handelt sich um den bekanntesten und größten Seifengoldabbau in Italien. 50 Millionen Kubikmeter Schotter sollen hier nach vorsichtigen Schätzungen auf der Suche nach Gold umgelagert worden sein. Noch heute werden aus dem Fluss Dora Báltea, der im Großraum Turin in den Po mündet, regelmäßig Nuggets erwaschen, die 0,5cm groß sind, also die Größe einer Feig- oder Wolfsbohne bzw. eines Lupinensamens haben."

    Gleirscher-Pichler, Zum Goldreichtum, Archäologisches Korrespondenzblatt 2011
    Ob die Goldgewinnung in den Westalpen und im Bereich der Tauriner und Salasser schon in Hallstatt D begann, ist mir nicht bekannt, Gleirscher-Pichler bringt eine Nachricht von Strabon, der sich auf Polybios bezieht, in den Zusammenhang mit der Entdeckung der Goldlagerstätten, und verortet sie ins 2.Jahrhundert BC. Ganz auszuschließen ist daher ein Bedarf an weiteren älteren Quellen nicht, ich habe dazu jedoch nur Vermutungen gefunden, anscheinend keine Analysen des verwendeten Materials z.B. auf Platingehalt: als Importeure werden der Orient, Mitteleuropa und die iberische Halbinsel genannt.

    3. Halbedelsteine wie Achat: Bedarf besteht, da die Etrusker über griechische (ionische) Einwanderer vermittelt die Steinschneiderei zu einer hohen Kunst entwickelten und Produkte zumindest für den italischen Markt erzeugten. Die beliebtesten Rohstoffe waren Karneol, Achat und Sardonyx. Der Achat, abgeleitet aus dem sizilianischen Acate, könnte allerdings damals auch in Italien vorhanden gewesen sein. Die Rohstoffe wurden für Skarabäen, Gemmen und Siegel verwandt.

    Eine grundsätzliche Frage: wo sind die Produktionsstätten am Mittelrhein in Hallstatt D?
    Eine große Eisenindustrie wie im Früh-und Mittellatène sich zum Beispiel im Siegerland entwickelte, ist mir nicht in Hallstatt D bekannt. Für den Schwarzwald gibt es frühe Erzgewinnung mit mediterranen Bezügen, die auf HA D3 und Latène A datiert wird, von über 80 Verhüttungsplätzen, die über einen Eigenbedarf hinaus erzeugte. .Frühkeltische Eisenproduktion im Nordschwarzwald: Montanarchäologische Forschungen im Neuenbürger Erzrevier 2004-2011,Gassmann, 2014, https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/nbdpfbw/article/dow...
    Für das Umfeld von Eberdingen-Hochdorf ist ein Textilproduktionszentrum anzunehmen, sie wird als eine Basis des Reichtums des "Fürsten" von Hochdorf gesehen. Das Neunebürger Erzrevier ist auch nur 25 km entfertnt Ob dieses Textil-Produktionszentrum jedoch für den Fernhandel produziert hat?

    Zusätzlich von 2019.Hallstatt und Italien. Festschrift für Markus Egg (Hrsg. von H. Baitinger / M. Schönfelder)
     
    Zuletzt bearbeitet: 2. Februar 2020
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  5. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Zum Lippegold:

    Ja, es soll Gold im Lippesand geben. Nur leider so wenig, dass sich die Suche nie gelohnt haben soll. So wird es in Ostwestfalen zumindest in der Schule erzählt. Ich schaue mal, ob ich dazu was in regionalgeographischen Werken finde, wenn die Grippe gegangen ist. Dann haben wir vielleicht auch Zahlen.
     

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