Lebensreformbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Dieses Thema im Forum "Das Deutsche Kaiserreich" wurde erstellt von Cookie19, 2. Juni 2010.

  1. Cookie19

    Cookie19 Neues Mitglied

    Hallo :winke:

    Ich hab jetzt die Suchfunktion benutzt bin aber leider nicht fündig geworden und eröffne deshalb ein eignes Thema.
    Wie schon oben im Titel ist es sehr wichtig, da ich in geschi eine Präsentation zu dem thema " Die deutsche Lebensreformbewegung zu Bgeinn des 20 Jahrhunderts Zur AMibivalenz bürgerlicher Zivilisationskritik" halten muss.
    Bitte jetzt nicht erschrecken und das weite suchen ;)
    Meine Lehrerin hat mir themerelevante Aspekte genannt und einer von ihnen lautet "Die Lebensreformbewegung als Ausgangspunkt gesellschaftspolitischer Bewegungen".
    Und damit hab ich ein Problem, denn an sich sind die Lebensreformbewegungen sind eher antipolitisch ausgerichtet. Ich hab einfach keine Ahnung, welche Bewegungen meine Lehrerin gemeint hat. Weiß das einer von euch zufällig?
    Zeitliche Einordnung ist das deutsche Kaiserreich (schwerpunkt), die Weimarer Republik (sind da solche Bewegungen entstanden?!) und die Zeit des Nationalsozialismus (Ausblick).
    Ich bin über alles dankbar, was ihr dazu wisst, denn wie gesagt: ich habe keine Ahnung, was sie damit genau meint und das wird langsam zum echten Problem, weil ich nä Woche Di die Präsenattion halten muss...

    Liebe grüße
    cookie
     
  2. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Vielleicht hätte es keine Grünen in den 80ern gegeben, wenn nicht einige reformbewegte Großeltern gehabt hätten. :winke:

    Ich wußte gar nicht, dass man die Vielzahl der Bewegungen am Anfang des 20.Jhdt. unter dem Begriff Lebensreform ? Wikipedia zusammenfaßt und dass die Reformhäuser und Gartenstädte darauf zurückzuführen sind, finde ich interessant.
     
  3. Liborius

    Liborius Aktives Mitglied

    Dazu gehörten auch die Landerziehungsheime
     
  4. Klaus

    Klaus Neues Mitglied

    In dem Wiki-Artikel wird die Wandervogel-Bewegung nicht erwähnt, die gehört meines Erachtens auch dazu.

    Und Jugendstil und Dada ? Ich sehe das als zur selben Grundströmung gehörig.

    Und Demokratie ?
    Jetzt kommen wir an den Punkt, dass einige der Reformer durchaus deutsch-national (oder Schlimmeres) waren, andere eher sozialistisch, und sehr viele unpolitisch. Ich denke, dass der Versuch der Einordnung in das so beliebte politische links-rechts-Schema nicht den Kern der Reformbewegung trifft.

    Ich sehe sie eher als Gegenbewegung zur Industrialisierung und deren Folgen für die Lebensweise des Menschen. Intuitiv spürte man, dass etwas falsch lief, ohne ein homogenes Gegenkonzept in der Schublade (und in den Köpfen) zu haben. "Zurück zur Natur" bezeichnet daher auch keinen Zustand, den es vor der Industrialisierung tatsächlich gegeben hätte, sondern eher eine Vorstellung davon, wie es sein sollte. Und das ist das Problem von Vereinigungen von Leuten, die nur wissen, was sie nicht wollen. In dem, was sie wollen, zu wollen glauben bzw. nach außen darstellen, ergeben sich Widersprüche und damit nur eine geringe politische Wirksamkeit.
     
  5. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Da ist Steiner und die Waldorfschulen gar nicht erwähnt, dabei hatte ich an die zuerst gedacht.
     
  6. Cookie19

    Cookie19 Neues Mitglied

    Hallo alle zusammen :)

    Vielen Dank für eure Antworten.

    WIe es aussieht hab ich iwie ein definitionsproblem mit der sache.
    Es ist nämlich so: für mich sind die Landkommunen, FKK, Gartenstadtbewegung, wandervogel, etc die Lebensreformbewegung.
    Und zu dieser Reformbewegung gehört eben, dass sich reformhäuser gebildet haben. Für mich persönlich ist das iwie nicht die folge, sondern ein teil davon. Versteht mich wer? :red: Ich glaube deshalb hatte ich etwas probleme mit diesem punkt.
    Ich hab mittlerweile eher an die proletarische Jugendbewegung gedacht als gesellschaftspolitische Bewegung. Ist das falsch/richtig?
    Aber jetzt noch mal zusammenfassend:

    Zu den gesellschaftspolitischen Bewegungen gehören
    -die Reformhäuser (obwohl ich nicht ganz verstehe was daran politisch sein soll)
    - die Landerziehungsheime
    -Gartenstädte

    @ Klaus:
    Was meinst du genau mit Jugendstil und Dada?
    Jugendstil = Jugendbewegungen (also Wandervogel)

    Ein punkt ist natürlich auch die eigene Meinung....meine Lehrerin hat das schön mit "DIe Lebensreformbewegung auf dem Prüfstand" beschrieben. Fällt euch dazu was ein?

    Ich bin wieder für alles dankbar
    Ganz liebe Grüße
    cookie
     
  7. jschmidt

    jschmidt Aktives Mitglied

    Diese Zusammenfassung ist nach meiner Einschätzung eine überaus gewaltsame, und es wäre sicher interessant wissen, bei wem und wann sie zuerst auftauchte. Meyers Großlexikon um 1905 (6. Aufl.) kennt den Begriff überhaupt noch nicht. Im Grund umfasst er "alles, was anders ist oder sein könnte" im Gegensatz zum (heute so genannten) Mainstream.

    ... nicht zu vergessen der Kampf gegen die Vivisektion von Tieren! [1]

    Ich fände es etwas absonderlich, wenn die erwähnte Lehrerin eine Würdigung in toto erwarten würde, denn dafür sind die einzelnen Elemente viel zu disparat. Ich würde an Deiner Stelle drei oder vier Elemente herausgreifen, z.B. anhand des Kriteriums "politische Bedeutsamkeit", und abhandeln.


    [1] Vgl. Eine Einführung in Jugendkulturen ... - Google Bücher und das dort in der Fußnote angegebene Handbuch.
     
  8. Cookie19

    Cookie19 Neues Mitglied

     
  9. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Die Vielzahl der Bewegungen kannst Du nur aufzählen, vielleicht unter dem Tenor zusammengefasst, den @Klaus in Beitrag 4 angesprochen hat, also Reaktion auf die Industriealisierung und ihre Folgen.
    Und dann aus der Vielzahl der Bewegungen, die herausgreifen, die man mit etwas gutem Willen, als relativ politischer bezeichnen kann.
    Gartenstädte sind wohnungsbaupolitisch interessant, da gibt es schöne Beispiele in fast jeder größeren Stadt, die könnte man mit Wohnblocks vergleichen und käme vielleicht zu gesellschaftspolitischen Auswirkungen.
    Ob du eine politische Auswirkung von FKK, Bircher-Müsli, Kneippkuren, Kräuterheilkunde findest? Naja, höchtens eine wirtschaftliche Auswirkung auf den Warenabsatz in den Reformhäusern.

    Letztendlich war es keine wirklich politische Bewegung, die existentiellen Probleme hatte nicht das Bürgertum, sondern die unteren Schichten.

    Trotzdem finde ich die Renaissance der Lebensreformbewegung in den 70er und 80er Jahren immer spannender, je mehr ich darüber nachdenke.
    Ich weiß nicht, ob man die Ökobewegung als sehr späte Auswirkung der Lebensreform interpretieren kann, bisher habe ich es nie unter diesem Gesichtspunkt betrachtet.
    Aber Parallelen könnte man finden, wenn dich das für deine Präsentation weiterbringt.
     
    Zuletzt bearbeitet: 3. Juni 2010
    1 Person gefällt das.
  10. jschmidt

    jschmidt Aktives Mitglied

    Das sehe ich genau so! Ziel war nicht primär die Teilhabe an der politischen Macht, um etwa vom Parlament aus gesellschaftliche Verhältnisse zu verändern, sondern die "andere Praxis", das "Anders leben", das "von unten herauf Verändern".

    Eine berechtigte Analogie, meine ich, gerade was den Habitus und die Breite des Veränderungsansatzes betrifft.
    Die parlamentarische Komponente kam dann später in Form einer neuen Partei hinzu, die sich durch die Teilhabe wiederum veränderte.
     
  11. Klaus

    Klaus Neues Mitglied

    Jugendstil ? Wikipedia und Dadaismus ? Wikipedia sind zwei sehr innovative Kunst- bzw. Stilrichtungen dieser Zeit.
    Mucha.jpg
    Da bin ich anderer Meinung ! Wenn sich ein großer Teil der Bevölkerung einem neuem gesellschaftlichen Paradigma zuwendet, z. B. mit Blumen im Haar herumläuft und vom Weltfrieden anstatt von Welteroberung schwärmt, ist das eminent politisch. Leider ist eine solche Bewegung von einer gut organisierten Gegenkraft leicht auszuschalten.

    Nicht dass ich nerven möchte .... aber der in einem Parallelthread diskutierte Lloyd deMause interpretiert das so : Nach dem 1. WK kamen innovative, individualistische Kräfte zum Zuge - eben jene "unpolitischen" Weltreformer. Das machte den "klassisch" erzogenen Deutschen Angst (weil Indvidualismus von der internalisierten Mutter mit Verstoßung (= Tod) bestraft wird). Die nonkonformistische Bewegung musste also (als ungezogenes Alter Ego) bekämpft werden. DeMause interpretiert den Hitlergruß als körpersprachliches "Halt". Die Juden waren in der Reformbewegung stark vertreten, daher wurden sie zu den Urhebern dieses bedrohlichen "Sittenverfalls" erklärt.
     
  12. jschmidt

    jschmidt Aktives Mitglied

    Ich gestehe gern zu, dass es unterschiedliche Politikbegriffe gibt. Der von mir oben verwendete hat als konstitutives Element das Streben nach Teilhabe an nicht-trivialen Entscheidungen, die im Gemeinwesen getroffen werden.

    Von daher bewerte ich das Tun des Blumenkindes nicht als (primär) politisch und eben nicht auf ein "gesellschaftliches Paradigma" bezogen. Weil's gerade Thema ist: "Ein bißchen Frieden", gesungen von Nicole 1982, war auch "nur" eine Schwärmerei - Politik wurde woanders gemacht. Es gibt sicherlich Grenzfälle: War Woodstock für die Beteiligten ein politisches Ereignis? Haben die Knaben und Mädchen von 1968 tatsächlich Politik machen wollen oder waren es in Wirklichkeit, wenigstens teilweise, bloß "Streiche von Kindern besserer Leute, die letzten Streiche vor dem großen Abspeisen"? [1]

    Genug räsonniert: Wichtig für unser Thema wäre insbesondere, zu wissen, wie die "Lebensreformer" sich selbst einschätzten. Verstanden sie sich als "Politiker" oder im Gegenteil als "Antipolitiker" oder schlicht als Privatleute? Auch hierauf wird es unterschiedliche Antworten geben - das wird sich ja mit entsprechenden Zitaten untermauern lassen!

    Zu spät, mein Freund! :scheinheilig::devil:
    Es ist ganz sicher so, dass die Lebensreformbewegung bzw. der größte Teil der Bewegungen, die darunter subsumiert wurden, nicht erst nach dem 1. WK entstanden sind! Einzelne Bewegungen sind sehr viel älter, z. B. die Naturheilkunde, und das Gros kam erwiesenermaßen vor und gleich nach der Jahrhundertwende in Gang. [2] Die "klassisch erzogenen Deutschen" hätten also schon lange vor dem 1. WK Angst bekommen müssen...

    Interpretationen wie die von deMause sind oft nach dem Muster "post hoc ergo propter hoc" gestrickt: Aus der zeitlichen Aufeinanderfolge wird auf einen kausalen Zusammenhang geschlossen. Vorliegend spielen die zeitlichen Intervalle zwischen Ereignis A und B offenbar gar keine Rolle mehr: Begann die Reformbewegung 1880 oder 1900 oder 1918? - egal!

    Was die Sache mit dem Hitlergruß betrifft, bewundere ich deMause' Ingeniosität und denke wehmütig an die schönen Zeiten zurück, in denen ich Straßenmeister im freien Assoziieren gewesen bin...:weinen:

    Dies ist kein Plädoyer gegen die Lektüre des nämlichen Autors! (Und schon gar keines gegen Dich, Klaus!) Ich finde einfach, dass deMause zu beliebig argumentiert.


    [1] Mindestens einer hier im GF weiß, von wem diese Zeilen stammen...
    [2] Vgl. die verlinkte Schrift von Breyvogel und das dort bezeichnete Handbuch der deutschen Reformbewegungen 1880-1933.
     
    Zuletzt bearbeitet: 10. Juni 2010
  13. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Das kann man sicher nicht in einer Nacht aufdröseln, diese "Zurück zur Natur"-Bewegung war sehr unterschiedlich, klampfespielende Wandervögel und Rohköstler sollte man nicht in "einen Topf werfen" und vor allem: Wieviel % der 1 - 2 Generationen nach der Jahrhundertwende waren wirklich von der Reformbewegung im weitesten Sinne infiziert?
    Kann man diese Phase mit der viel massebewegender wirkenden 68er-Hippie-Zeit vergleichen? Oder sehen wir die Wirkungen der 68er und meinen, es müsse damals einen ähnlich umfassenden Bewußtseinswandel gegeben haben?

    Um wieder einmal im falschen Thread auf deMause zurückzukommen, den ich nur aus 2. Hand zitieren kann. Wenn das Argument des Wandels durch gleichgerichtete Aufwuchsbedingungen nicht greift, weil wir eben schichtenspezifische Unterschiede haben, dann funktioniert seine Theorie mMn nicht.
     
  14. Klaus

    Klaus Neues Mitglied

    Wieviele Hippies waren denn "wirklich" Hippies, wieviele Menschen zur Zeit der Aufklärung waren wirklich Philosophen, wie viele Menschen der Renaissance haben wirklich Kirchen gebaut, wie viele Menschen sind im Zeitalter der Mondfahrt wirklich auf dem Mond gelandet ?

    Es sind immer Minderheiten, die eine Epoche prägen. Aber diejenigen, die im Rampenlicht der Geschichte stehen, personifizieren eine Geisteshaltung, eine Grundeinstellung, eine "Strömung", die weit mehr Menschen repräsentiert, als die, die sichtbar sind. Ansonsten wäre es höchst überflüssig, überhaupt von gesellschaftlichen Entwicklungen zu sprechen - dann wäre eben jeder Repräsentant einer Epoche nur ein zu vernachlässigender Einzelfall.

    Ergo wäre ich durchaus geneigt, verschiedene Dinge, die organisatorisch nichts miteinander zu tun haben, wie Reformkost, FKK, Dada und Wandervogel, zu einer gemeinsamen gesellschaftlichen "Strömung" zusammenzufassen.
     
  15. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Im Prinzip richtig, jedenfalls für die meisten deiner oben angeführten Beispiele.
    Vordenker prägen den Zeitgeist und beeinflussen das Bewußtsein von immer mehr Menschen einer Epoche. Dieser Bewußtseinswandel, z.B. durch die Epoche der Aufklärung, kann manchmal mehrere Generationen dauern bis er bei den unteren Schichten ankommt.
    Durch die modernen Massenmedien verbreitet sich ein Zeitgeistwandel schneller. So muß nicht jeder selbst als Hippie unterwegs gewesen sein, um zumindest partiell vom Hippie/68er-Lebensgefühl beeinflußt worden zu sein.
    Das Zeitalter der Raumfahrt paßt mE nicht richtig in die Aufzählung der kulturverändernden Epochen.
    Außerdem fand es parallel zur Hippieströmung statt und deshalb paßt es vielleicht doch.

    Wenn es denn eine verbindende Szene gab, spräche nichts dagegen.
    In einem früheren Beitrag hast du die Reformbewegung als Reaktion des Bürgertums auf die Industriealisierung geschildert, das fand ich einleuchtend.
    Es gab in der gleichen Epoche aber auch eine soziale, politische Auseinandersetzung mit der Industriealisierung durch Marx, Engels und die neuen Parteien. Nach meinem Eindruck überlagert diese eher politische Strömung die "harmlosere" bürgerliche Bewegung sehr stark und prägte den Zeitgeist der Epoche stärker. Das ist nur meine persönliche Meinung, mit Zahlen und Belegen kann ich nicht dienen.
    Wenn es alllerdings gelänge, die sehr viel spätere Ökobewegung mit Gründung der Grünen als spätes Nachwirken und teilweises Wiederholen der Lebensreformbewegung zu begreifen, hätte diese vielleicht nur sehr viel länger gebraucht, um unten anzukommen.
     
  16. Liborius

    Liborius Aktives Mitglied

    Zuletzt bearbeitet: 12. Juni 2010
    1 Person gefällt das.
  17. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Ja, die Gartenstadtbewegung war in ihren Anfängen hochpolitisch, die Frage ist eben, woher kamen die Ideen und wie und von wem, wurden sie weiterentwickelt.
    Da die Threaderstellerin ihr Referat inzwischen gehalten hat, dürfen wir etwas genauer hinschauen. :winke:

    In der theoretischen Auseinandersetzung mit der Industriealisierung durch Marx u.a. ging es um die Verelendung der Massen durch Nichtbesitz der Produktionsfaktoren Boden und (Kapital), ganz vereinfacht ausgedrückt.
    Und die elenden Massen waren der besitzenden Schicht sehr viel nähergerückt, da sie sich um die Bergwerke und Fabriken ansiedelten.
    Da mögen einige an den Symptomen kuriert haben, Naturheilkunde und Reformkost gegen Krankheiten, unhygienische Zustände und für ein besseres Umgehen mit dem Körper.
    Um die als häßlich und schmutzig empfundenen Industriestädte mal zu vergessen, wanderten einige sonntags ins Grüne, andere überlegten sich Möglichkeiten, die Wohnsituation zu verbessern.
    Der Nichtbesitz von Boden wird in der Gartenstadtbewegung durch kleine Gartenanteile für Gemüseanbau und Kleintierhaltung abgemildert. In dem Zusammenhang sind unbedingt die Kleingartenvereine und die Schreberbewegung zu sehen.
    Durch die Wohnungsgenossenschaften und Genossenschaftsbanken konnten die unteren Schichten einen kleinen Anteil an Boden und Kapital erlangen.
    Die Vielzahl der Reformbewegungen macht es schwierig, eine verbindende Linie aufzuzeigen.
    Vielleicht kann man sagen, dass diese idR am System der Besitzstände nichts grundsätzliches ändern wollten, sondern durch Gegenmaßnahmen, die als bedrückend empfundenen Auswüchse der Industriealisierung abmildern wollten.
     
  18. jschmidt

    jschmidt Aktives Mitglied

    Tja, Deine Beispiele zeigen recht gut, was passiert, wenn man drei für sich triviale Begriffe wie "Leben", "Reform" und "Bewegung" zusammenführt: Es entsteht ein "catch-all"-Begriff, dessen "Erklärungswert" sich asymptotisch der Nulllinie nähert...;)

    Stichwort Bodenreform: In dem verlinkten Artikel wird darauf hingewiesen, dass der Verein unter anderem der Deutsch-sozialen Reformpartei nahestand. Müsste man nicht, schon ob des Wortbestandteils "Reform", diese antisemitische Partei auch der "Lebensreformbewegung" zurechnen? [1]

    Es gab im Kaiserreich auch Vereinigungen, die eine Strafrechtsreform progagierten - ist das nicht auch "Lebensreform" im weiteren Sinne? Wenn nein, wo wird die Grenze gezogen?

    Und wie soll man es bewerten, wenn ein Friedrich Wolf zugleich Arbeiter- und Soldatenrat, Parteipolitiker und Naturheilkundler ist? So gesehen, standen möglicherweise Millionen mit einem Bein im "Reformlager" und mit den beiden anderen sonstwo.

    (Entschuldige, wenn das etwas polemisch klingt.:winke:)


    [1] Ich versuche mir gerade vorzustellen, wie dieser "Reform"-Partei à la deMause per Hitlergruß ein "körpersprachliches Halt" geboten wird... (Für diesen Kalauer entschuldige ich mich gleich mit.)
     
    Zuletzt bearbeitet: 12. Juni 2010
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  19. Liborius

    Liborius Aktives Mitglied

    Na ja, die Bezeichnung "Lebensreform" wurde ja erst nachträglich einer Vielzahl von unterschiedlichen Bewegungen und Bestrebungen "übergestülpt".
    Das kommt auch in der Einleitung zum Wikipedia-Artikel zum Ausdruck. Die Gemeinsamkeit(en) werden auch angeführt, die Unterschiede vielleicht zu wenig.
    Ich bin kein Anhänger der Homöopathie. Aber, dass ein Arzt und Sozialist auf die Idee kommt, "mehr Natur" täte den Arbeitern gut, ist für mich nicht so abwegig. Mit der Industrialisierung nahm z. B. die Rachitis stark zu. Dagegen lässt sich mit Sonnenlicht sehr viel tun - ganz billig, wenn die Verhältnisse entsprechend sind.

    In den letzten Jahrzehnten gab es gewissermaßen eine "Wiederholung". Die Ökologiebewegung war, vor allem anfangs, nicht nur "grün" sondern hatte auch "bräunliche Einsprengsel". Und was alles unter "Reform(politik)" lief ...
     
  20. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Kannst du zu den Einsprengseln etwas mehr sagen und meinst du mit dem 2. Satz die 1. oder 2. grüne Welle?
     

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