Gibt es für diese 'Tatsache' auch Belege in Form klerikaler Quellen wie z. B. Synodenbeschlüsse oder dergleichen?
Ich dachte dabei konkret an die Anweisungen Papst Gregors I. an die englischen Äbte im Jahr 601, die Bekehrung der Heiden behutsam anzugehen, wie sie Beda Venerabilis zitiert (Buch I der
Historia ecclesiastica gentis Anglorum). Da eine schlagartige Bekehrung der "Verstockten" ohnehin unmöglich sei, sollten die Missionare gewisse heidnische Praktiken dulden und die Menschen schrittweise an den Christenglauben heranführen.
Gregor nennt Beispiele: Heidnische Heiligtümer sollten nicht zerstört, sondern von Missionaren vereinnahmt werden (durch Weihung und Ausstattung mit Reliquien). Man könne sie dann Schritt für Schritt zur Kirche machen, die Götzenbilder entfernen, und so weiter. Ferner empfiehlt er, heidnische Schlachtweihefeste nicht zu verbieten, sondern sie christlich umzudeuten und die Menschen anzuhalten, ihre Tieropfer dem Christengott darzubringen. Ich meine mich zu erinnern, dass es ähnliche "vermittelnde" Ansätze im Frühmittelalter auch anderswo gab.
Zumindest in Irland gab es sie definitiv. Im "Buch der Landnahmen Irlands" etwa machten die unbekannten Verfasser, die freilich aufgrund der Entstehungsgeschichte des Werks aus dem Klerus gestammt haben müssen, den Versuch, Wesen der irischen Mythologie eine christliche "Identität" beizulegen. Beispielsweise sollen die in der lokalen Folklore wichtigen Túatha Dé Danann gefallene (christliche) Engel sein.
Interessant wäre m. E., zu untersuchen, weshalb es im Protestantismus nicht zu Gegenbewegungen bzw. späteren gegenläufigen Entwicklungen kam: Es gibt eine Vielzahl verschiedenster protestanischer/evangelischer/evangelikaler (etc.) Gruppierungen und Ableger, in z. T. sehr "speziellen" Ausprägungen, sowohl historisch als auch zeitgenössisch, allerdings, zumindest soweit mir bekannt, nicht einmal im Ansatz eine Rückkehr zum Polytheismus (bzw. Marien- und Heiligenverehrung).
Theologisch und kirchengeschichtlich bin ich ein absoluter Laie, würde aber trotzdem die Behauptung wagen, dass die Reformation eine "Revolution von oben" war, durchgesetzt von Intelligenz und Adel gegen die Mehrheit der Bevölkerung. Wenn dieser Ansatz zutrifft, wird man in Rechnung stellen müssen, dass der frühneuzeitliche Staat ganz andere Möglichkeiten hatte, religiöse Konformität zu erzwingen.
Außerdem würde ich annehmen, dass die Entwicklungsgeschichte der Reformation in diesem Kontext nicht zu vernachlässigen ist.
Betrachtet man bspw. die englische Reformation, fällt auf, wie theologisch-intellektuell unaufrichtig dieses Projekt zur Zeit Heinrichs VIII. war. Heinrich blieb im Herzen immer Katholik. Die anglikanische Kirche, die ihm vorschwebte, war im Grunde die Mühe des Bruchs mit Rom nicht wert; die Unterschiede zum Katholizismus waren in meinen Augen marginal, und vielleicht hätte der Heilige Stuhl die Reformation in England komplett verhindern können, hätte er einfach die Ehe des Tudor annulliert.
Im Umkehrschluss heißt das aber, dass die Reformation Alleinstellungsmerkmale erringen und aufrechterhalten musste, um Erfolg und überhaupt einen Sinn zu haben. Eine Akzeptanz der Heiligen- und Marienverehrung durch die Reformation wäre in diesem Sinne widersinnig gewesen, Anhänger einer solchen Denkrichtung hätten sich fragen lassen müssen, warum sie nicht einfach zum Katholizismus konvertierten.
Vor allem: Volksfrömmigkeit, was ist daran fromm?
Die sogenannte Volksfrömmigkeit hat keine, aber auch gar keine theologische Wurzel, Begründung oder Rechtfertigung im Alten wie im Neuen Testament.
Muss sie denn nach katholischem Verständnis ihre Rechtfertigung in der Bibel finden? Mir scheint, Du unterschätzt, dass zumindest früher (ob es heute noch so gesehen wird, weiß ich nicht) der Katholizismus auch die direkte göttliche Offenbarung und Inspiration als Glaubensquelle anerkannte. Deswegen hatten zeitweise Mystiker einen sehr großen Einfluss auf die Kirche.
Nun ja, Volksfrömmigkeit hat mit der Frömmigkeit zu tun, und diese mit gewissen Aktivitäten in Zusammenhang mit dem religiösen Glauben. Eine wichtige Kennziffer ist der Gottesdienstbesuch. (Im folgenden nur ein paar Infos unabhängig von dieser Diskussion.)
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Infografik: Die Kirchen werden leerer )
Anhang anzeigen 26913
Man muss man also nicht in nebelige Spekulationen entfleuchen, sondern kann Gemeinden mit mehr Gottesdienstbesuchern von solchen mit weniger unterscheiden, und dann hat man eine wichtige Messziffer der "Volksfrömmigkeit", wenn auch keine umfassende.
Wie die Statistiken nahelegen, sinkt die generelle V.F. seit Jahren ständig.
Man mag mir hier widersprechen, aber der Begriff der Volksfrömmigkeit scheint mir eine andere Bedeutung zu haben, die sich schon aus der historischen Anschauung ergibt. Denn festzuhalten ist, dass die katholische Kirche (auch vor dem Kulturkampf!) Ausbrüchen von Volksfrömmigkeit immer skeptisch bis ablehnend gegenüberstand, ob es nun die Flagellanten waren, die freien Wanderprediger, die spontanen Wallfahrten zu vermeintlichen Wundererscheinungen, oder übrigens auch (überwiegend) der Hexenwahn.
"Volksfrömmigkeit" scheint mir die Art von Religiösität zu sein, die sich ohne allgemeine Mitwirkung des Klerus entlädt. Die Zahl der Gottesdienstteilnehmer wäre dann keine aussagekräftige Kennziffer. Ohnehin scheint es mir nicht die Position der Kirche oder ein zentraler katholischer Glaubensinhalt zu sein, dass man in die Kirche gehen muss, um ein frommer Christ zu sein. So wurde es mir jedenfalls vor fast vierzig Jahren im bayerischen "Bible Belt" im Kommunionsunterricht beigebracht: Wer dem Bettler eine Mark gibt und sonntags zu Hause bleibt, ist Gott lieber als derjenige, der den Bettler ignoriert und sonntags am Kirchenportal stramm steht.
Nachsatz: Ganz im Ernst? Mir fehlt
@Dion in dieser Diskussion. Er vertrat zwar immer eine dogmatisch atheistische und polemisch kirchenkritische Linie, gab damit aber zu interessanten Debatten Anstoß.