Massaker und Völkermorde - ein weiterer Diskussionsversuch

Dieses Thema im Forum "Sonstiges in der Neuzeit" wurde erstellt von jschmidt, 19. August 2010.

  1. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Der Thread Türken gegen Armenier - Völkermord im 20. Jahrhundert - Geschichtsforum.de - Forum für Geschichte wurde aus nachvollziehbaren Gründen vor einem Monat geschlossen, ein früherer Thread endete ebenso [1]. Ein schwieriges, ja "kontaminiertes" Gelände offenbar, dessen Schwachpunkt bereits im Völkermord-Begriff liegen könnte [2].

    Freilich ist das Thema zu wichtig, als dass es "abgehakt" werden dürfte. Deshalb würde ich gern einen neuen Anlauf unternehmen anhand eines Buches von Jacques Sémelin, das hier bereits vorgestellt wurde [3]. Seine einleitenden Sätze lauten (S. 11):
    "Ich bin kein deutscher Jude, kein Tutsi aus Ruanda, kein bosnischer Muslim. ... Ich schreibe keine Gemeinschaftsgeschichte. Ich habe auch nicht die Absicht, die Haltung jenes von Chateaubriand so glänzend beschriebenen Historikers einzunehnen, dem es obliegt, 'die Völker zu rächen'. Wenn ich mich mit der Thematik dieses Buches lange Jahre beschäftigt habe, dann habe ich das als Forscher getan. Ich wollte dazu beitragen, das Rätsel des Völkermords zu entschlüsseln."
    Nach meiner Einschätzung handelt es sich um einen gelungenen Beitrag, aus dem ich gern einige Punkte zur Diskussion stellen würde. Das soll nicht rein theoretisch erfolgen - der Autor argumentiert selbstredend anhand historischer Beispiele, wozu allerdings nicht die Ereignisse in Ostanatolien/Armenien vor 95 Jahren gehören. (Damit verbinde ich natürlich die stille Hoffnung, dass hier sine ira et studio diskutiert werden kann.)

    Sémelins Ansatz kann man als interdisziplinär bezeichnen: Sein professioneller Schwerpunkt ist die Politiwissenschaft, in die er historische, sozialwissenschaftliche/-psychologische und juristische Überlegungen einbezieht. Hier im GF sollten natürlich die historischen im Vordergrund stehen, aber im Zweifelsfall kann man die anderen eben nicht weglassen.

    Nehmen wir das Beispiel aus dem eingangs genannten Thread. Dort wurde mehrmals auf das Papier eines Juristen verlinkt [4], das die "schreiende" Überschrift trägt: "Die Feststellung des Völkermords an den Armeniern - kein 'Historikerstreit', sondern Sache und Aufgabe des Juristen". Damit kann nur gemeint sein, dass eine völkerrechtlich verbindliche Entscheidung über eine Rechtsfrage ("War es Völkermord oder nicht?") die Sache eines dazu berufenen und anerkannten Gerichtshofes ist, die Tatfrage hingegen ("Was ist im einzelnen geschehen?) auch die Sache der Historiker.

    Letztere sind gewiss auch befugt, sich dazu zu äußern, wie es z.B. zur Bildung des Begriffs "Völkermord" bzw. "Genozid" gekommen ist [5] , wie das in der Zeit davor aussah, welchen Gebrauch man hernach davon gemacht hat und ob ein Veränderungsbedarf besteht.

    Massaker und Völkermorde haben häufig eine innere und äußere Verbindung zu Krieg/Kriegsverbrechen, was in einigen Threads auch bereits angesprochen wurde [6]. Man kann versuchen, das analytisch zu trennen, aber vermutlich wird das nicht gelingen.

    So weit erstmal zur Intention.


    [1] Völkermord an den Armeniern - Geschichtsforum.de - Forum für Geschichte ("Es reicht. Damit kommen wir auf keinen grünen Zweig mehr"). - In Wie der Völkermord aus den Schulbüchern verschwand - Geschichtsforum.de - Forum für Geschichte und in Türken gegen Armenier - Geschichtsforum.de - Forum für Geschichte gab es keine Diskussion. Die Diskussion in Genozid (Völkermord) gegen Christliche Minderheite z.B. Assyrer, Armenier, Aramaer... - Geschichtsforum.de - Forum für Geschichte brach unvermittelt ab.
    [2] http://www.geschichtsforum.de/196524-post14.html
    [3] Extreme Gewalt - Geschichtsforum.de - Forum für Geschichte ; vgl. Jacques Semelin - Säubern und Vernichten sowie seine einschlägige Seite Online Encyclopedia of Mass Violence
    [4] Zuerst in http://www.geschichtsforum.de/507147-post104.html
    [5] Zur bis heute maßgeblichen UN-Konvention von 1948 siehe http://www.geschichtsforum.de/510962-post179.html ; vgl. die Originalfassung unter Convention on Genocide
    [6] Überblicksartig z.B. in Kriegsverbrechen von Hannibal bis Vietnam (ausdrücklich ohne Holocaust) - Geschichtsforum.de - Forum für Geschichte ; Kriegsrecht/Völkerrecht - historische Entwicklung - Geschichtsforum.de - Forum für Geschichte ; Hinrichtungen der Bevölkerung - Geschichtsforum.de - Forum für Geschichte
     
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  2. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Mit dem Makro-Thema hast du ja eine Herkules-Arbeit vollbracht, gerade die Verwendung von Fußnoten-ähnlichen Verweisen auch diverse Forenbeiträge hat schon Ausmaße...:red:

    Irgendwie fehlt da aber der Ansatz zur Diskussion. Geht es um den Unterschied zwischen Massaker und Völkermord?

    So wie die UN-Konvention verstanden aber, besteht das entscheidende Merkmal darin, dass bei den Täter die Absicht besteht "nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören". Die Durchführung ist praktisch zweitranging, ebenso das Ergebnis.
    Das wäre mal eine Art juristische Betrachtung, gleichzeitig die Wiedergabe der seit 1948 aktuellen Definition.

    Nun ein konkretes, ich denke ungewöhnliches, aber auf seine Art recht eindeutiges Beispiel:
    (Nun, ob es sinnvoll, historisch korrekt, fair, rechtens... ist, Völkerrecht von 1948 auf 1904 anzuwenden, ist die andere Frage.)

    Im Januar 1904 verkündete Häuptling Samual Maharero per Brief an die Großen seines Stammes:
    Er will alle Deutschen töten (lassen), Afrikaner, Mischlinge, andere Europäer sowie Missionare hingegen verschonen. Die Gewalt ist also gegen eine genau bestimmte Menschen-Gruppe gerichtet.

    Was plante Samual Maharero anderes als Völkermord im Sinnne UN-Konvention von 1948, auch wenn er 1904 natürlich nicht wissen konnte, dass er genau diese vor hatte:

    Samual Maharero hatte den Plan das deutsche Volk zumindest teilweise, nämlich den Teil in der Kolonie Deutsch-Süd-West-Afrika in Gänze, zu vernichten, daher Völkermord.

    Tatsächlich beginnt der Aufstand der Herero im Januar 1904 wie folgt:
    Herero-Krieger überfallen wahllos alle Deutschen, die sie finden können. Gehen zu den Höfen nichtsahnender Siedler, töten die Männer, verschonen hingegen in der Regel Frauen und Kinder. In wenigen Tagen werden über 100 Deutsche getötet, fast ausschließlich Zivilisten.
    Darauf folgte die bekannte Niederschlagung des Herero-Aufstandes durch die von General von Trotha befehligten deutschen Truppen.
    Die Sache mit dem "alle Deutschen töten" hat bekanntlich nicht geklappt.​

    Wie könnte man darüber diskutieren:
    1. Es könnte die leidige Diskussion um Vergeltung, Rechtfertigung, Aufwiegen von Unrechten, Rechtmäßigkeit von Landbesitz, Kolonien etc. aufkommen.
    2. Man könnte versuchen, die Überfälle während des Herero-Aufstandes als gewöhnliche Massaker darzustellen, wobei zu klären wäre, was an Massaker gewöhnlich ist. Oder man könnte darauf verweisen, dass das Töten aller erwachsenen Männer des gegnerischen Stammes eine ganz normale vorhumanistische Kriegstaktik sei...
    3. Man könnte auf die geringe Zahl von Opfern verweisen. 123 Menschen sind ja noch lange kein Volk. (Aber eigentlich ist ja die Völkermordsdef. der UNO nicht erfolgsabhängig sondern von der Absicht abhängig.)
     
    Zuletzt bearbeitet: 19. August 2010
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  3. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Ja, noch. :rotwerd: Ich wollte kleinschrittig vorgehen, weil die bisherigen Erfahrungen mit dem Thema ja zwiespältig sind. Gleichzeitig wollte ich diese Erfahrungen aber nicht beiseite lassen - deshalb als "Angebot" die Verweise in den Fußnoten.

    Ja, das ist einer Aspekte, die Sémelin für wichtig hält! Ich werde versuchen, das zusammenzufassen, hoffe aber, dass andere Leser mich da ergänzen/korrigieren.

    Die Ereignisse in "Deutsch-Südwest" wurden schon in wenigstens 7 Threads behandelt. (Das glaubst Du auch ohne Fußnote, oder? :winke:) Die Idee, die "Blickrichtung" umzukehren, finde ich ganz reizvoll, und sicher gibt es noch andere Anwendungs"fälle".

    Den Hinweis auf mögliche Sackgassen nehme ich ernst - mal schauen, ob wir sie umfahren können.
     
  4. megatrend

    megatrend Aktives Mitglied

    ich würde es so deuten:
    - Völkermord: dort geht es um die Ausrottung bzw. den Ausrottungsversuch eines Volkes. Dahinter steckt ein System bzw. ein "Kopf" oder eine "Ideologie".

    - Massaker: eine einzelne Aktion, Bluttat. Sie kann als solche -zig Hintergründe haben; der Hintergrund kann auch ein Völkermord sein. Aber es gibt auch andere Motive wie Rache, Blutrausch, Familienfehde etc.

    Ein Völkermord besteht in der Regeln aus x Massakern, wenn ich das mal so makaber formulieren darf...
     
  5. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    :winke:puh jschmidt, müssen wir erstmal alle verlinkten Themen lesen, bevor wir hier schreiben dürfen. Nein im Ernst, danke für den Querschnitt.

    Spontan fällt mir nur eine Frage ein: Ist Völkermord ein Phänomen des frühen 20. Jhdt. und wenn ja, warum.
    Können Maglors Herero-Beispiel und einige Untaten in Nordamerika (Wounded Knee) wirklich den Beginn einer neuen Dimension zwischenmenschlicher Gewalt darstellen?
    Ließ man davor immer die Bauern, Frauen und andere nützliche Feinde leben und machte lieber Sklaven und Gefangene?
    Mir fällt heute nacht kein richtiger früher Völkermord ein. :grübel:
     
  6. Zoki55

    Zoki55 Aktives Mitglied

    Es sind schon viele Gemetzel die weder eindeutig systematisch, noch mit dem Ziel der Vernichtung der ganzen Etnie begangen worden als Genozide und Völkermorde klassifiziert worden.

    So ist der Begriff wohl schwammiger.
     
  7. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Zumindest die Verwüstung in der Vendée und Bretagne während des Terreur mit ähnlich vollmundigen Versprechen wie die des von Maglor zitierten Häuptlings "Vernichtet die Vendée!" oder Ähnlichem würden dann sogar noch ins 18.Jh. fallen.
    Dabei ist der Völkermordbegriff in dem Falle historisch schwer umstritten. Das obwohl wir einige klare Faktoren haben:
    - Niedermetzeln oft auch wehrloser Menschen ohne Ansehen ob es Frauen und Kinder sind. (ich glaube auch die Kinder wollte man, als sozusagen potenzielle künftige Royalisten schonmal im Vorhinein umbringen)
    - Ein System oder eine Ideologie kann man den Leuten um Robespierre als Initiatoren sicherlich unterstellen.
    - Ob auch eine kulturelle Vernichtung systematisch angedacht war, ist schwer zu sagen. Die Verfolgung der (wohl eidverweigernden) Priester hat zumindest schon etwas von einem Kulturkampf.

    Auf der anderen Seite stehen aber auch andere Historiker, freilich in der Regel welche, die der Revolution sympathisierender gegenüberstehen, welche den Völkermordbegriff ganz ablehnen. Vor allem der postulierte Wunsch ein Volk (zumindest die Bretonen könnte man mit eigener Sprache und eigener Kultur wohl als ein solches bezeichnen) auszurotten wird gern verneint. Der Schwarze Peter wird dann auf die Chouans abgewälzt und dass diese durch ihren Aufstand dessen Niederschlagung (scheinbar egal in welcher Form) nötig machten.

    Natürlich glaube ich nicht daran, dass nun irgendein Gericht in Frankreich das Vorgehen gegen Chouans u. Co. als Völkermord klassifiziert. Das wäre auch vielleicht zu tief den Finger in die innerfranzösische Wunde gelegt und die Revolution, welche doch grundsätzlich noch als so positiv und frankreichmachend angesehen wird, entzaubert.

    Vielleicht kann AnDro dazu besser Details liefern.:)
     
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  8. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Nach Ansicht von Sémelin (S. 337) wirft "die konstitutive Verflechtung von völkerrechtlicher Normativität und soziohistorischer Analyse ... begriffliche Schwierigkeiten auf, aus denen vielfältige Kontroversen entspringen", denen man als Sozialwissenschaftler (und Historiker) nur entgehen könne, indem man sich "von der Rechtswissenschaft emanzipiert". Er plädiert deshalb "für eine nicht-normative Terminologie, für die an dieser Stelle der Begriff des 'Massakers' als Grundbegriff dienen soll." Um Klarheit zu gewinnen, müsse man "noch stärker versuchen, die Politik der Massaker aus ihrer jeweiligen Vernichtungsdynamik zu begreifen".

    Nach guter historischer Art fragt Sémelin nach der Entwicklung einschlägiger Begriffe und zitiert Montesqieu, der vier Arten aufzeigt, wie ein Staat, der einen anderen erobert hat, diesen behandelt [1]:

    • Entweder er regiert ihn weiter nach seinen Gesetzen
    • oder er gibt ihm eine neue Staats- und Zivilverwaltung
    • oder er löst den eroberten Staat auf
    • oder er rottet sämtliche Bürger des eroberten Staates aus
    Die erste Art und Weise, so Montesquieu, "entspricht unserem heute geltenden Völkerrecht; die vierte entspricht mehr dem Völkerrecht der Römer" [2].

    ... als ein sozusagen "innerstaatliches Massaker" wird von Gracchus Babeuf angesprochen mit Begriffen wie "Entvölkerungsstrategie" bzw. Populizid" [3].

    Wenn man weiter suchen würde, dann fänden sich bestimmt noch weitere einschlägige Nennungen zur Begriffsverwendung.

    Massaker gab es schon früher, aber das 20. Jh. - in Gestalt des hier schon häufiger zitierten Juristen Raphael Lemkin [4] - bringt die Wortschöpfung "Genozid" ("Völkermord) hervor als Bezeichnung für ein unsägliches und unvergleichbares Verbrechen, dass es in dieser Form noch nie gegeben habe, nämlich die Vernichtung des europäischen Judentums durch die Nazis.

    Das Nürnberger IMT hat diesen Begriff noch nicht angewendet, sondern über "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" verhandelt und geurteilt. Die UN-Konvention griff dann 2 Jahre später Lemkins Vorschlag auf - mit gewissen Modifikationen.

    Von da an entfaltete die Begriffsbildung nun eine Eigendynamik, indem sie nämlich "rückwirkend" angewendet wurde zur Klassifikation einer großen Zahl historischer Ereignisse, z.B. für "die Massaker an den Bewohnern von Melos im 5.. Jh. v. Chr.,, an den Vendée-Rebellen..., an den nordamerikanischen Indianern oder an den Armeniern..., nicht zu vergessen die Hungersnot in der Ukraine..., aber auch die amerikanischen Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki" [5].


    [1] Der Geist der Gesetze, Buch X, Kap. 3, zitiert von Sémelin S. 341, Hervorh. js.
    [2] Siehe dazu den alten Thread http://www.geschichtsforum.de/f28/v-lkermord-gallien-7564/ nebst Abstimmungsergebnis.
    [3] Sémelin S. 341
    [4] Erstmals in http://www.geschichtsforum.de/116025-post100.html
    [5] Sémelin S. 336; vgl. außer den schon genannten unsere Threads http://www.geschichtsforum.de/f216/genozide-afrika-15816/ ; http://www.geschichtsforum.de/f290/...erstreit-ber-die-aborigines-australien-16317/ ; http://www.geschichtsforum.de/f25/boxeraufstand-china-ein-v-lkermord-kaiser-wilhelm-ii-9846/ ; http://www.geschichtsforum.de/f41/rotteten-die-mongolen-v-lker-aus-24455/
     
  9. megatrend

    megatrend Aktives Mitglied

    Die Eburonen wurden von Cäsar (aus Rachegründen) weitgehend ausgerottet (zumindest hat er es versucht, wie "erfolgreich" er war, ist fraglich).

    Ebenfalls wurden die Lusitaner angeblich unter Augustus ausgerottet (inwiefern dies "erfolgreich" war, ist ebenfalls fraglich).

    Sicher ist zumindest, dass die Römer massivst gegen diese Stämme vorgingen und diverse militärische Siege einfuhren. Es bestand zumindest im Falle der Eburonen die Absicht der Ausrottung, des Völkermordes.
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. August 2010
  10. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Wenn man bis in die Antike zurückgeht, stößt man auf die Assyrer, die erstmals in der Geschichte, soweit sie uns bekannt ist, großräumige Deportationen ganzer Völker durchführten und brutale Vernichtungsmaßnahmen anwendeten. Eine der bekanntesten Maßnahmen ist die Deportation der Bevölkerung des Teilstaates Israels durch Salmanassar V. nach 722 v. Chr. Vom deportierten Volk hörte man nie wieder, der Teilstaat Israel verschwand und es verblieb nallein der Nachbarstaat Juda. Bis heute gibt es mystische und esoterische Geschichten, die über das angebliche Schicksal dieser Israeliten berichten.

    Für die Regierungszeit von König Tiglatpileser III. (744-727 v. Chr.) rechnet man mit einer Deportation von einigen 100 000 Menschen. Ziel war es, die feindlichen Länder nicht nur zu besiegen, sondern völlig zu vernichten. Das bedeutete eine neue Qualität der Kriegführung und war der Vorstellungswelt der Antike in dieser Größenordnung und Brutalität bislang fremd gewesen.
     
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  11. megatrend

    megatrend Aktives Mitglied

    ich denke aber, dass es unbestritten ist, dass deportierte Israeliten wieder nach Israel zurückgekehrt sind.

    Es handelt sich hier um eine Deportation (nicht unbedingt eine Ausrottung), die vermutlich auch mit heftiger militärischer Gewalt durchgeführt wurde (und auch etliche Todesopfer gefordert haben dürfte). Die Absicht war allerdings nicht die Vernichtung/Tötung, sondern die Versklavung. Da dürften die Kriegsherren arbeitsfähige Menschen nach Möglichkeit nicht getötet haben, sondern gefangen genommen und deportiert haben.
     
  12. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Die Nennung des Begriffs "Deportation" gibt Gelegenheit, kurz eine sechsstufige Typologie von Michael Mann vorzustellen [1], wobei Stufe 1 das Minimum, Stufe 6 das Maximum an Intensität und Radikalität bezeichnen, mit dem auf eine verfolgte Gruppe eingewirkt wird:

    1. freiwillige Assimilation
    2. kulturelle Unterdrückung (Heiratsbeschränkung, Sterilisierung)
    3. erzwungene Emigration
    4. Deportation
    5. Ethnozid (murderous cleansing)
    6. Genozid
    Die 1948er UN-Konvention unterscheidet nicht zwischen den Stufen 5 und 6, und zu den dort genannten "Völkermord"-Handlungen gehören auch die auf Geburtenverhinderung gerichteten Maßnahmen (Stufe 2).


    [1] Die dunkle Seite der Demokratie, zitiert nach Sémelin S. 378
     
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  13. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Versuchen wir also dem Phänomen mit einer Palette von Begriffen beizukommen und jedes Massaker, jede Untat erstmal einzuordnen.
    Ein Herr Rummel führt als Oberbegriff den Demozid ? Wikipedia ein und Gunnar Heinsohn möchte noch den „Ökonomizid“ hinzufügen.
    Mir hilft das im Moment nicht weiter.
    Jeder Fall ist anders gelagert oder kann man ein Muster erkennen, das auf alle paßt?
    Alle wenden Gewalt an, wobei auch Gewalt durch Unterlassen vorkommt.
    Gewalt wird aber auch in völkerechtlich erlaubten Kriegen angewendet, die dann eben nicht unter die diversen "Zid"-Fallgruppen fallen.


    Kannst du das Völkerrecht der Römer näher erklären? Die Römer rotteten doch nicht generell sämtliche Bürger des eroberten Staates aus.

    Innerstaatliche Massaker kann es doch erst ab dem Zeitalter der Nationalstaaten geben. Das bretonische Beispiel von Brissotin würde dann den Übergang markieren.
    Zu 1. werde ich nachher die Diskussion um die Begriffe Assimilation und Integration suchen, 1. gehört mE nicht in diese Eskalationskette, weil es den Positivfall darstellt, der theoretisch gerade nicht zum Genozid führen sollte.
     
    Zuletzt bearbeitet: 21. August 2010
  14. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Das würde vielleicht zu weit weg führen. Aber Du hast natürlich recht mit Deinem Einwand (siehe auch den verlinkten Gallien-Thread): Schon Hauswald, einer der frühen deutschen Übersetzer, wundert sich in einer editorischen Fußnote [1]: "Ich weiß nicht, warum der Autor [Montesquieu] den Römern, für die er sonst doch immer so viel Partheilichkeit verräth, eine Maxime unterleget, welche die Römische Geschichte so häufig widerleget." Gemeint hat M. vielleicht "nur", dass das römische Recht irgendwelche Massaker weder ausschloß noch ahndete.

    [1] Ausgabe Görlitz 1804, Band 1, S. 256.
     
  15. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Buchtipp

    Genozid:
    Völkermord im 20. Jahrhunder. Geschichte, Theorien, Kontroversen
    Beck Verlag 2006
    271 Seiten

    Genozid: Völkermord im 20 ... - Google Bücher

    http://sciencev1.orf.at/news/144024.html
     
    Zuletzt bearbeitet: 21. August 2010
  16. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    oder auch:

    Nordreich Israel ? Wikipedia

    Es ist unbestritten, dass große Teile des Nordstaates Israel von den Assyrern deportiert wurden. Der Aderlass war so groß, dass sich nie wieder ein jüdischer Nordstaat bildete und der Norden seine jüdische Identität völlig verlor.
     
  17. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Vielen Dank! Ich hatte schon mal hineingeschaut und in "Theorie"-Fragen (auch bei der Gliederung der Arbeit) den Eindruck, dass der Autor sich (zu?) stark auf Valentino stützt [1].

    Beider Auffassungen treffen sich wiederum in vielen Punkten mit der von Sémelin, insbesondere was das Unbehagen bezüglich des UN-"Völkermord"-Begriffs betrifft. B. übernimmt von V. den Oberbegriff "Massenmord" (bei S.: "Massaker") mit der Definition "intentionaler Mord an einer massiven Zahl von Nichtkombattanten" [2] und drei Kategorien - 1. Genozid, 2. Morde der kommunistischen Regimes, 3. Counter-Insurgency-Guerillakriege -, denen er eine vierte - Ethnische Säuberungen - hinzufügt.

    Inzwischen gibt es viele solche Einteilungsversuche; den von S. trage ich bei Bedarf nach. Aber kurz noch einen Blick auf die drei Elemente des Oberbegriffs:

    • "intentional" ist schon recht heikel, weil dabei auf Ziele/Zwecke ("aims") abgestellt wird [3], um nicht gar zu sagen: auf die Motive. Anwendungsbeispiel: "Thus, civilians killed by aerial bombardement would be considered victims of mass killing only if their attackers intentionally aimed to kill or terrorize civilians as part of an effort to coerce survivors to surrender." Aufgabe: Wende das auf den Bombenkrieg 1945 an.
    • "massive" ist ein quantitatives Kriterium: "at least fifty thousand intentional deaths over the course of five of fewer years" [4]. Frage: Welche im GF [5] genannten Ereignisse erfüllen dieses Kriterium nicht?
    • "noncombatant" [6] dient dazu, eine Differenzierung ["is of vital importance") zwischen bewaffneten und unbewaffneten Opfern vorzunehmen; ich habe noch nicht nachgelesen, welche Grenzfälle es im Einzelnen gibt (militärisches Hilfspersonal? Soldaten, die gerade die Waffen fallen gelassen haben?).
    B. und V. scheinen ferner gemeinsam zu haben, dass sie "Völkermord" aufs 20. Jh. eingrenzen wollen.


    [1] Final solutions: mass killing and ... - Google Bücher
    [2] Barth S. 191 = Valentino S. 10; "extreme staatliche Gewalt" (Barth) ist noch etwas allgemeiner.
    [3] Valentino S. 10 f. - haarspalterische Frage: kann es per se nicht-intentionalen Mord geben?
    [4] S. 11 f.
    [5] http://www.geschichtsforum.de/f76/v-lkermord-im-20-jahrhundert-12334/ - Beiträge 3 und 4 - oder sonstwo.
    [6] Valentino S. 13
     
  18. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Ich war an einer Vorlesung von B. Ich suche meine Notizen raus und schaue mal was ich mir da vor einem Jahr notiert habe. Ich glaube er hat was dazu gesagt.
     
  19. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Ich sehe im Beispiele von Samual Maharero eben keine neue Dimension, sondern eine Alte. Das man im Kriege alle wehrfähigen Männern töten, um den Feind für alle Zeiten zu besiegen, ist eine altbewährte Taktik.
    Die Maharero-Taktik alle Männer des Gegners zu töten und ggf. Frauen und Kinder zu schonen, ist alt bekannt und wie das Beispiel des "Massakers von Srebrenica" zeigt, durchaus noch aktuell.

    Montesquieu's Beispiel der römischen Kriegstaktik möchte relativieren. Tatsächlich gab es nach der Antike eine gewisse Humanisierung des Krieges. Dachte die die alten Römer noch, es gehöre zum Sieg über eine Stadt hinzu, die übrigen Männer zu erschlagen und Frauen und Kinder in die Sklaverei zu verschleppen, z. B. Karthargo. Im Laufe des Mittelalters kam man auf die Idee, dass sich das es ja eigentlich nicht gehört, so etwas Christen anzutun, bei Sarazenen, Juden, Heiden wurde Ausnahmen gemacht, z. B. Jerusalem. In der Neuzeit verlagerte sich die Sache insofern, als das man für Chinesen, Afrikaner, Indianer u. a. eine Sonderbehandlung vorsah.

    Völkermord und Massaker:
    Sie gehören nicht zwangsläufig zusammen. Nach deutschem Völkerstrafrecht (das zur Umsetzung der UN-Konvention entstand) genügt es ein einziges Mitglied der Gruppe zu töten oder auch nur ein einziges Kind zur Umerziehung zu entführen, wenn eine Zerstörungsabsicht besteht.
    Ein Beispiel für ziemlich unblutigen "Völkermord" im Sinne der Resolution von 1948 wäre z. B. die US-amerikanische Indianerpolitik der 50er und 60er Jahre. Damals wurden die Kinder den indianischen Familien weggenommen und in Internate zu echten Amerikanern umerzogen, die ursprüngliche Sprache und Kultur wurde ihnen verboten. Eine Vernichtungsabsicht der indianischen Stämme bestand, jedoch keine physische.
    Wer jetzt hier einen neuen, modernen Rassismus erkennen möchte, irrt. Eine ähnliche Geschichte ga es schon 500 Jahre zuvor. 1493 verschleppten die Portugiesen 5000 jüdische Kinder auf die Sao Tome. Die Kinder wurden ihren Eltern, Flüchtlingen aus Spanien, einfach wegenommen und sollten in Afrika zu guten Christen und treuen Untertanen der Krone nach Zwangstaufe umerzogen werden. Also im Grunde nichts neues.
     
    Zuletzt bearbeitet: 23. August 2010
  20. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Beim Völkerstrafgesetzbuch (BGBl. 2002 I S. 2254), aus dem Du zitierst, steht die UN-Konvention im Hintergrund, der direkte Bezug ist jedoch das Römische Statut des Internationalen Strafgerichtshofs [1]. Wie dieses enthält das deutsche Gesetz, was Tötungsdelikte betrifft, eine Dreiteilung:

    • § 6 Völkermord (siehe Zitat)
    • § 7 Verbrechen gegen die Menschlichkeit: "Wer im Rahmen eines ausgedehnten oder systematischen Angriffs gegen eine Zivilbevölkerung 1. einen Menschen tötet..."
    • § 8 Kriegsverbrechen gegen Personen: "Wer in Zusammenhang mit einem ... bewaffneten Konflikt 1. eine nach humanitärem Völkerrecht zu schützende Person tötet..."
    Es ist Aufgabe der Juristen, den konkreten Fall unter einen dieser Paragraphen zu subsumieren.

    Ich habe Mühe, das Attribut "altbewährt" nachzuvollziehen, und zwar einmal - ich beziehe mich jetzt auf die alten Römer und bitte herzlich, das Folgende nicht als Zynismus zu verstehen! - aus faktischen Überlegungen (aus Kindern werden Erwachsene, die ihre Väter rächen wollen; Frauen gebären neue Kinder), aus ökonomischen (der Sieger vernichtet Arbeitskräfte, die ihm dienen könnten), und aus "moralischen" (Feinde, welche Römer in ihre Gewalt bekommen, verhalten sich ebenso).

    Offenbar stand bei solchen Massakern der Abschreckungseffekt im Vordergrund: "Alle Welt" sollte wissen, wie mit Völkern/Gruppen/Menschen umgegangen wird, die sich dem römischen Herrschaftsanspruch widersetzen. - Das Beispiel Srebrenica zeigt die ganze Fragwürdigkeit und Perspektivlosigkeit jener "Taktik": Spätestens von da ab war Serbiens Ansehen und Glaubwürdigkeit in der Völkergemeinschaft ruiniert.

    Was Maharero betrifft, so ist sein "tötet alle Deutschen" zweifellos ein Aufruf, gegen eine "nationale Gruppe" gerichtete Taten im Sinne des (heutigen) Völkerstrafrechts zu begehen. Als Anführer eines Stammes war M. auch nicht machtlos, jedoch waren seine Machtmittel derart beschränkt, dass die Realisierung seines Aufrufs - nach vernünftigen Kriterien - als von vornherein unmöglich gelten musste.

    Als Historiker tun wir uns vermutlich leichter, einen Völkermord anzunehmen, wenn eine Mehrheit bzw. eine herrschende Macht gegen eine Minderheit bzw. gegen Unterworfene zum Zwecke der Vernichtung vorgeht - für den umgekehrten Fall (Minderheit bedroht Mehrheit) wird heute vor allem der (ebenso vielschichtige) Begriff "Terrorismus" verwendet, und das ist es wohl, was M. plante: so viele Deutsche töten, dass das Deutsche Reich aus dem Herero-Territorium abzieht.

    Was zur Frage (zurück)führt, welchen Wert eigentlich für Historiker ein Begriff hat, der sich auf eine so große Zahl von Sachverhalten/Taten anwenden lässt.


    [1] Internationaler Strafgerichtshof ? Wikipedia
     

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