Medizin in Byzanz

Dieses Thema im Forum "Das Byzantinische Reich" wurde erstellt von Mittelwalter, 8. November 2012.

  1. Mittelwalter

    Mittelwalter Mitglied

    Hallo zusammen,

    konnte das byzantinische Reich eigentlich den zivilisatorischen Standard des weströmischen bzw. des griechischen Kulturraumes halten (vor allem die Frage nach der medizinischen Kenntnis würde mich interessieren) ?
     
  2. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

  3. Mittelwalter

    Mittelwalter Mitglied

    Das hätte ich wirklich nicht erwartet ^^

    Gut, die Medizin hätten wir, aber wie sieht es mit den weiteren "Klassikern" römischer Lebensführung aus, sprich Aquädukte, Fußbodenheizung, frühe Form des Betons etc. ?
     
  4. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    es gibt eigentlich kaum Anzeichen dafür, dass sich in der byzantinischen Hauptstadt das zivilisatorische Niveau gesenkt hätte. Unter Kaiser Justinian wurde der größte Kuppelbau errichtet (6.Jh.), die unterirdischen Wasserspeicher und -leitungen wurden intakt gehalten, hinzu kam die Sperrkette für die Schiffahrt und das griech. Feuer - kurzum sieht es so aus, als habe in den Großstädten das byz. Reich den zivilisator.-techn. Standard weitaus besser halten können als die weströmischen Nachfolgestaaten (dort schrumpften die großstädte drastisch, was Byzanz nicht tat)
     
  5. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Vorübergehend ist Konstantinopel allerdings auch geschrumpft; bis ins 8. Jhdt. nahm die Bevölkerungszahl vor allem durch Seuchen drastisch ab, um sich dann wieder zu erholen. Ab 1204 ging die Bevölkerungszahl dann wieder deutlich zurück.
    Von der Infrastruktur her blieb die Stadt aber intakt, was die Wasserversorgung, Bäder etc. anbelangte.

    Was generell den "zivilisatorischen Standard" anbelangt, so ist das teilweise auch eine weltanschauliche Frage. Manche sehen es schließlich schon als zivilisatorischen Rückschritt an, wenn sich Literatur und darstellende Kunst mehr mit christlichen Motiven beschäftigten als mit Göttern und Heroen und Kirchen und Klöster statt Tempeln gebaut wurden.

    Für die Wasserversorgung Konstantinopels war vor allem der Valens-Aquädukt wichtig. Er wurde durch Erdbeben und Belagerungen immer wieder beschädigt, aber immer wieder repariert. Erst unter den Palaiologen verfiel er, was allerdings auch daran gelegen haben mag, dass er infolge der stark geschrumpften Bevölkerung nicht mehr so wichtig war.

    Auch ansonsten lebte die spätantike Architektur fort, es wurden fortwährend Kuppelkirchen errichtet und dienten auch als Vorlagen für Kirchenbauten in den slawischen und bulgarischen Gebieten.

    Das Hochschulwesen in Konstantinopel mitsamt umfangreicher Bibliothek erlebte in der Zeit des Bildersturms zwar anscheinend einen Niedergang, wurde aber im 9. Jhdt. wiederbelebt und brachte in den folgenden Jahrhunderten viele bedeutende Gelehrte hervor.
     
  6. Mittelwalter

    Mittelwalter Mitglied

    Nicht schlecht für eine Zivilisation, die sich jahrhundertelang gegen die Araber verteidigen musste, wie ich finde.
    Wieso beeinflusste der Ikonoklasmus denn das Hochschulwesen ? So weit mir das bewusst ist, hatte der erste Bilderstreit eher wenig Auswirkung auf die Handlungsfähigkeit der byzantinischen Gesellschaft.
     
  7. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Naja, es war nicht so, dass Byzanz jahrhundertelang ständig am Rand der Vernichtung stand und permanent seine letzten Kräfte aufbieten musste. In der zweiten Hälfte des 7. Jhdts. konnte die Front gegen die Araber weitgehend stabilisiert werden, und in den folgenden Jahrhunderten gab es auch manche eher ruhige Phasen und Zeiten des Kleinkriegs. Bedrohlicher waren für Konstantinopel im 8.-10. Jhdt. eher die Entwicklungen am Balkan. Wirtschaftlich und finanziell konnte man sich aber trotzdem über Wasser halten.

    Dass es einen direkten Zusammenhang gab, habe ich nicht gesagt, nur dass das Hochschulwesen in dieser Zeit eher darniedergelegen zu haben scheint.
     
  8. Mittelwalter

    Mittelwalter Mitglied

    Die Ausrichtung auf Konstantinopel war ja im byzantinischen Reich sehr stark, doch gab es ja auch andere Wirtschafts- und Kulturzentren wie z. B. Thessalonike.
    Gab es im Reich nach den Invasionen der Araber, aber noch viele weitere große und wichtige Städte oder spielte sich sehr viel Kulturelles nur in Konstantinopel ab ?
     
  9. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Die bedeutendste Stadt war nach dem Verlust von Alexandria und Antiochia eindeutig Konstantinopel. (Antiochia konnte auch nach der Rückeroberung im 10. Jhdt. seine alte Bedeutung nicht zurückerhalten.)

    Thessaloniki war zwar nie unwichtig, aber so richtig bedeutend wurde die Stadt erst, als sie einige Zeit nach dem 4. Kreuzzug zur Hauptstadt des kurzlebigen Kaiserreiches von Thessaloniki wurde. Auch nach ihrer Wiedereingliederung in das Byzantinische Reich blieb die Stadt wichtig, u. a. weil dort zeitweise ein eigener Despot regierte und die Venezianer und Genuesen ihre Aktivitäten auf diese Stadt konzentrierten.
     
  10. Mittelwalter

    Mittelwalter Mitglied

    Gab es in der Kreuzzugszeit vor 1204, denn noch wirklich bedeutende Zentren außer Konstantinopel (vielleicht Smyrna, Nikosia, Korinth oder Trapezunt) ?
     
  11. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    "Wirklich bedeutende" Zentren gab es nicht.

    Die Städte Griechenlands, auch Athen und Korinth, kamen im Frühmittelalter ziemlich herunter. Teilweise erlebten sie erst im Gefolge des 4. Kreuzzugs einen gewissen Wiederaufstieg, als sie zu Sitzen von "fränkischen" Herrschaften wurden, z. B. das Herzogtum Athen. Korinth allerdings blieb im Mittelalter (obwohl es Hauptstadt eines Themas war und trotz eines vorübergehenden wirtschaftlichen Aufschwungs durch die Seidenindustrie) eher unbedeutend und hat bis heute nicht seine antike Bedeutung zurückerlangt.
    Nikosia stand zeitweise ohnehin unter arabischer Herrschaft.
    Trapezunt machte sich ganz gut, aber wirklich bedeutend wurde es erst als Hauptstadt eines eigenen Kaiserreiches. Viele Städte Kleinasiens, wie z. B. Smyrna oder Ephesos, litten unter den gelegentlichen Vorstößen der Araber und später Seldschuken. Von letzteren profitierten sie aber, als sie Sitze von seldschukischen Teilherrschaften wurden, aber da waren sie dann natürlich keine byzantinischen Städte mehr.
     

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