Hallo an alle,
Wir sind eine Familie, die von den Akten eiskalt erwischt wurde. Daher habe ich mich angemeldet. Vielleicht könnt ihr uns Hinweise geben. Also:
Mein Vater war NSDAP-Mitglied mit 18 Jahren geworden, das wissen wir seit Kindheit. Darum suchte ich neulich nach ihm in der neu einsehbaren MItgliederkartei und fand ihn auch. Aber dann habe ich nur "spaßeshalber" nach meiner Mutter und ihren Angehörigen geguckt. Sie waren anerkannt Nazigegner, also war mir klar, da steht nichts. Tja, aber meine Mutter ist laut Kartei 1942 mit 17 Jahren in die NSDAP eingetreten als einzige der Familie. Weder ihre Eltern, noch ihr Bruder oder die Großeltern.
Ich glaube soviel verstanden zu haben, dass es ganze Jahrgänge der Hitlerjugend waren, die mit 17 Jahren zur Partei wechselten. Allerdings lese ich auch, dass von 1942 bis 1943 kaum Eintritte stattgefunden haben sollen. Auffällig ist auch, dass ihr Aufnahmeantrag rund eineinhalb Monate später datiert ist als der Parteieintritt.
Aber anderes lässt mich noch viel mehr zweifeln. Unser Elternhaus war politisch, wir haben viel über den Nationalsozialismus gesprochen. Meines Vaters früher Eintritt war immer mal Thema, wir alle waren einig, dass ein so junger Mensch Fehler machen durfte. Und meine Mutter war ein ruhiger und ehrlicher Verstandesmensch, wir haben sie nie erlebt als Lügnerin. Ich glaube einfach nicht, dass sie diese Mitgliedschaft wusste. Sie wurde fast 100 Jahre alt, ihren Nachlass habe ich erst vor wenigen Jahren geordnet, keinerlei Hinweise. Viele Bilder aus dem Reichsarbeitsdienst, sonst nichts.
Das allergrößte Rätsel ist mir aber, wie eine 17-jährige schüchterne Gymnasiastin, die Gedichte schrieb, in ihrem speziellen Elternhaus Mitglied der NSDAP gewesen sein soll. Ihr Vater, mein Großvater, war Jurist, Landgerichtsdirektor, und einer der extrem wenigen Juristen, der sich weigerte, der NSDAP beizutreten. Er hat dadurch beruflich schwerste Benachteiligungen erfahren und bekam nach dem Krieg eine Entschädigungsrente. Diese Akte liegt mir vor, es gibt keinen Zweifel, er war Nazigegner. Berichtet wird in der Akte auch von Hausdurchsuchungen der Gestapo 1943 und 1944. Weiter war der Leipziger Großvater meiner Mutter, den sie praktisch jede Woche sah und sehr liebte, ein persönlicher Freund Carl Goerdelers und wurde wie er 1936 aus seinem öffentlichen Amt geworfen von den Nazis. Die Opferentschädigungsakte bestätigt, was meine Mutter uns erzählte, ihr Opa gehörte zum Goerdelerkreis. Er ist nur nicht bekannt geworden, weil er wenige Monate vor dem 20. Juli starb. Also meine Mutter wuchs in einem Umfeld auf, das vehement gegen die Nazis war. Das ist gesichert, das war nicht erfundenes Gerede meiner Mutter.
Und damit sitzen wir nun da und fragen uns, wie das alles vor sich gegangen sein soll. Mein Großvater war privat ein Tyrann, nie und nimmer hätte meine Mutter noch einen einzigen ruhigen Tag gehabt, wenn er gewusst hätte von ihrer NSDAP-Zugehörigkeit. Konnte man gegen die eigenen Eltern eintreten mit grad mal 17 Jahren? Und wie soll das gegangen sein bei den Hausdurchsuchungen oder bei Goerdelers in Leipzig? Sie lebte im Elternhaus. Also ich habe gar nicht die Absicht, unsere Mutter krampfhaft freizusprechen. Aber als ich nun las z. B. bei Eppler, dass er nichts gewusst haben wollte vom Parteieintritt, kommt mir die Ahnung, dass unsere Mutter vielleicht ein historisch interessanter Fall ist?
Wir sind ganz schön ratlos.
Vielen Dank und Sorry für den langen Text, aber das ließ sich nicht kürzer darstellen.