Provinzialisierung in Gallien und Germanien

Sepiola

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Und ich müßte mich fragen, warum ab 6 n - ....erst dann die verwaltungsmäßige Provinzialisierung unter Varus angestrebt wurde.

Mich hat das "erst dann" ein wenig verwundert.

Einen Überblick über die Entwicklung in Gallien gibt Gerhard Dobesch, Politik und Wirtschaft in den ersten Jahrzehnten nach Caesar: Eine Skizze, in: Herwig Friesinger und Alois Stuppner (Hrsg.), Mensch und Umwelt - Ökoarchäologische Probleme in der Frühgeschichte, Wien 2015.

"Grundsätzlich ist an die bekannte Tatsache zu erinnern, dass Eroberung und Unterwerfung durch Rom meistens nicht mit der Provinzialisierung zusammenfallen. Dazwischen kann beträchtliche Zeit vergehen, so in Gallien von 51 v. Chr. bis in die Jahre 27 bis 12 v. Chr. Auch im Okkupationszustand war Gallien ein Teil des Reiches unter einem Statthalter, aber für eine lex provinciae, die das politische Leben (Stämme, Städte, Terriotorien, Gaue, Dörfer, Grenzen, Attribuierungen, Abgaben usw.) bis ins Detail regelte und damit - das scheint mir zentral zu sein - in gewissem Ausmaß verselbständigte, war einige sprachliche, kulturelle und mentale Romanisierung einer Führungsschicht wenigstens weithin notwendig, ebenso notwendig auch das Vorhandensein brauchbarer Substrukturen. Das galt besonders für 'barbarische' Länder. Die lange Dauer derartiger Prozesse in Gallien zeigt, wie viel Arbeit in diesem gewaltigen Länderblock auch im Detail zu leisten war. Unter Caesar war eine solche juristische Neuordnung als Provinz/Provinzen noch unmöglich gewesen."​

Nach der Unterwerfung hielt es Caesar wohl für geraten, dem in jahrelangen brutalen Kriegen erschöpften Land erst einmal die Möglichkeit zur wirtschaftlichen Erholung zu geben:
"Hirtius spricht das für den Winter 51/50 und die Zeit danach offen aus: Caesar wollte um keinen Preis einen neuen Anlass für einen Krieg geben (...) Er ehrte Stämme, beschenkte Führende reich, und indem er keine neuen Lasten auferlegte, bot er dem durch so viele Kämpfe ermüdeten Gallien eine angenehmere Art des Gehorchens und hielt es dadurch leicht in Frieden."​
Dem Land kam auch zugute, dass die innergallischen Kriege, die vor Caesars Eroberungszügen an der Tagesordnung gewesen waren, nun der Vergangenheit angehörten. Die Stellung des gallischen Adels innerhalb der Gesellschaft blieb ungebrochen, sie wurde sogar stabilisiert. Das heißt nicht, dass sich innerhalb der Adelsschicht nicht viel änderte: Diejenigen Familien, die der römischen Eroberung bis zuletzt heftigsten Widerstand geleistet hatten, waren nun weg vom Fenster, dafür nahmen andere gallische Adelsfamilien, die rechtzeitig das Mäntelchen nach dem Wind gehängt hatten, ihren Platz ein.
 
Das Zitat im Eingangsbeitrag geht allerdings von einem recht formalistischen Standpunkt aus.

Das Wort "provincia" bezeichnete eigentlich den Aufgabenbereich eines Magistrats. Als Rom mit Sizilien (anfangs ohne Syrakus) und Sardinien seine ersten überseeischen Territorien erhielt, wurden für die Verwaltung Praetoren bestellt. Ihre "provincia" war die Verwaltung der Inseln. Allmählich wurde das Wort zwar auf das zu verwaltende Gebiet selbst verwendet, aber seine eigentliche Bedeutung ging nicht verloren.

Wenn also Rom ein Gebiet eroberte und einen Statthalter für seine Verwaltung bestellte, wurde das Gebiet bereits insofern zur "Provinz" als seine Verwaltung die "provincia" des Statthalters war. Später hinzukommende rechtliche und organisatorische Regeln für die Provinz waren eher der Abschluss denn der Beginn der Provinzialisierung.
 
Okkupation und Provinzialisierung verlangen Zeit, die ich mit dem "erst dann" nicht berücksichtigte.
 
"51 v. Chr. bis in die Jahre 27 bis 12 v. Chr." ist allerdings eine lange Zeit, in der (auch in der Zeit bis 30 v. Chr.) keineswegs immer Bürgerkrieg herrschte.

Es war auch nicht so, dass man Gallien in dieser Zeit keine Beachtung geschenkt hätte, ganz im Gegenteil: Gallien hatte eine hohe strategische Bedeutung, da, wer auch immer dort mit entsprechenden Truppenmassen stand, in Italien intervenieren konnte. Das zeigte sich etwa im Mutinensischen Krieg im Norden Italiens, als der Statthalter Galliens, Munatius Plancus, vor allem von der Senatspartei heftig umworben wurde (Briefe Ciceros an ihn sind erhalten). Er zog es allerdings vor, taktierend abzuwarten.
Auch Octavian schenkte Gallien hohe Aufmerksamkeit, indem er seinen Kumpel und engsten Mitarbeiter Agrippa zweimal zum Statthalter machte.
 
Ich frage x etwas anders:
Zeugt es nicht von einer Überschätzung der römischen Stabilität in Germanien, kurz nach dem "immensum bellum" einen derart durchgreifenden Mann wie Varus entsandt zu haben. Oder wollten die Römer die verwaltungsmäßige Einverleibung übers Knie brechen, ohne vorher wenigstens die Wogen geglättet zu haben ?
 
Wen würdest du als römischer Kaiser als Statthalter in ein potentielles Kriegsgebiet schicken? Ich würde jemanden schicken, der sich sowohl in Rechtsfragen auskennt als auch bewiesen hat, dass er einen Aufstand wenn nötig auch militärisch niederzwingen kann.
 
Über den "immensum bellum" wissen wir fast nichts. Klar ist nur, dass die Römer in den Jahren zuvor verschiedene Volksgruppen in verschiedene Richtungen umgesiedelt hatten. Üblicherweise führen Umsiedlungen zur Auflösung bzw. Zerschlagung der bestehenden politischen oder ethnischen Strukturen. Man könnte also danach durchaus damit rechnen, es sei mit den Aufständen der Germanen endlich vorbei und sich um das Kleinklein der Provinzialisierung kümmern.
 
Wie auch immer: Die Römer hingen seit fast zwei Jahrzehnten in Germanien herum. Irgendwann mussten sie ja beginnen, das Gebiet zu verwalten. Damit zuwarten, bis auch der letzte germanische Wegelagerer aus dem Verkehr gezogen war, hätte noch lange dauern können.
 
Lieber erst abwägen, als sofort loszuschlagen in einer noch angespannten Situation, ist mein Standpunkt, und unabhängig davon, ob Augustus in die Zukunft sehen konnte.
Wenn also die Römer seit 2 Jahrzehnten "herumhingen", dann hätten sie auch noch 2 jahre tatenlos dranhängen können.
Mag auch immensum bellum eine Summe verschiedener Scharmützel gewesen sein, klang es doch nachhaltig für germanische Stämme wie eine Niederlage. Diese relativ frische Erinnerung hätte eine gewisse Zeit für Vergessen verdient gehabt.
 
Die Quellenlage zum immensum bellum ist allerdings nicht besonders gut. Ob es im Jahr 11 besser ausgesehen hätte als im Jahr 9, bleibt also eher Spekulation, oder?
 
Lieber erst abwägen, als sofort loszuschlagen in einer noch angespannten Situation, ist mein Standpunkt, und unabhängig davon, ob Augustus in die Zukunft sehen konnte.
Wenn also die Römer seit 2 Jahrzehnten "herumhingen", dann hätten sie auch noch 2 jahre tatenlos dranhängen können.
Mag auch immensum bellum eine Summe verschiedener Scharmützel gewesen sein, klang es doch nachhaltig für germanische Stämme wie eine Niederlage. Diese relativ frische Erinnerung hätte eine gewisse Zeit für Vergessen verdient gehabt.
Ich verstehe überhaupt nicht, was du uns sagen möchtest, bzw. die Stoßrichtung deiner Argumentation: Ist es nun falsch, dass Varus ein Verwaltungsfachmann war, dem man Africa anvertrauen könnte? Oder ist es falsch, dass Varus jemand war, dem man Statthalterschaften mit militärisch heiklen Aufgaben geben konnte, wie sie einen in Syrien (Grenze zu den Partnern) mitunter erwarteten?

Edit: -schatten > -schaften
 
Zuletzt bearbeitet:
@Stradivari:richtig erkannt hast Du die spekulativen 2 Jahre. Ich hätte als Oberbegriff auch "Verschieben" nehmen können.
@El Quijote :Varus ist uns nicht als Meister der Deeskalation bekannt. Spekulativ ist deshalb auch, ob nicht eher als Besetzung ab 7 nChr ein eher ausgleichener Charakter besser gewesen wäre.
 
Einigen wir uns doch darauf: Varus war für Augustus der beste verfügbare Mann.

Dass die Germanen, als sicher geglaubte Verbündete, diesen massiven Angriff machen würden, in genauer Kenntnis des Geländes und der schwachen Position der römischen Truppen: Damit musste und konnte Varus nicht rechnen.
 
Varus ist uns nicht als Meister der Deeskalation bekannt. Spekulativ ist deshalb auch, ob nicht eher als Besetzung ab 7 nChr ein eher ausgleichener Charakter besser gewesen wäre.
Das Problem ist, dass Varus uns, bis auf ein paar Inschriften und zwei Münzen nur aus Quellen bekannt ist, die nach seinem Tod verfasst wurden. Ganz frühe, leider wenig detaillierte Quellen bedauern seinen Tod. Erst ca. 10 Jahre später suchen die Quellen die Schuld bei ihm und speziell in seinen angeblichen charakterlichen Defiziten. Etwa zeitgleich scheinen auch sein Sohn und seine Frau in Ungnade gefallen zu sein. Dass es sonst um Varus recht ruhig ist, er aber durch Verschwägerung Teil des Kaiserhauses war und auch sein Sohn mit dem Kaiserhaus verschwägert werden sollte, spricht dafür das Varus positiv unauffällig war - woher du etwas über seinen Charakter zu wissen glaubst, außer aus Quellen, die nach seinem post mortem-Sturz in Ungnade verfasst wurden, weiß ich nicht. Velleius wirft ihm Habgier und Gemütlichkeit vor, dass er nicht deeskalieren gekonnt habe, ist mir als Vorwurf aus den Quellen unbekannt. Ich denke mir, dass du das aus der Niederschlagung des syrischen Aufstandes ableitest, aber darüber sind wir so dürftig informiert, dass man das weder bestätigen noch verneinen kann. Eine unbeweisbare Hypothese, die nicht als historisches Faktum behandelt werden kann.
 
Wir befinden uns im Teil Provinzialisierung Germaniens.
Und ich argumentiere(mit Hinweis auf die erst nah zurückliegenden Niederlagen der Germanen)mit dem Tenor, man hätte moderater mit dem Beginn und der Personenauswahl umgehen sollen.
Die Alternative hierzu wurde praktiziert, das steht außer Frage.

Wenn meine Zeilen richtig gelesen würden , käme heraus, daß ich für die Personenwahl ganz allgemein einen ausgleichenden Charakter genommen hätte. Das beugt Mißverständnissen vor. Es geht nicht um Varus, ELQuijote.

Daß Varus Angehöriger des Kaiserhauses war, mag ein Argument für Loyalität sein. Soweit ich weiß, war er auch Legat in Dangstetten.
Daß er Syrien reich verließ und es arm zurückließ, ist kein Zeichen eines moderaten Charakters, aber zeitüblich.

Richtig ist, daß man Varus nicht unterstellen kann, er sei nicht ausgleichend gewesen. Aus den allgemeinen Schilderungen der Quellen lese ich aber heraus, daß er zumindest rücksichtslos römisches Recht durchsetzte, mit zunehmenden Widerstand.

Nicht ganz auszuschließen ist die Absicht der Römer, das Eisen zu schmieden, solange es noch heiß ist(wenig Widerstand birgt), und deshalb schnell Nägel mit Köpfen zu machen.
 
Wenn meine Zeilen richtig gelesen würden , käme heraus, daß ich für die Personenwahl ganz allgemein einen ausgleichenden Charakter genommen hätte. Das beugt Mißverständnissen vor. Es geht nicht um Varus, ELQuijote.
Wen hättest Du denn ganz konkret ausgewählt? Vermutlich war die Auswahl an vertrauenswürdigen Heerführern, denen man eine entsprechende Anzahl von Legionen in relativer Nähe zu Italien anvertrauen konnte, auch nicht unbegrenzt groß.
 
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