@Barcas
Steile These. Darauf wäre ich angesichts der zwei Jahrtausende, die dazwischen liegen, nicht gekommen …
@Pardela_cenicienta
Versailles war eine politische Dummheit, und die scharfen Reaktionen darauf lassen sich nur aus der Zeit heraus verstehen.
Begründung:
@Turgot, den ich hier sehr vermisse, hat (wie ich meine) mehrmals plausibel dargelegt, dass nach 1919 außerhalb Frankreichs die Vorstellung von der deutschen Alleinschuld am Ersten Weltkrieg kaum geteilt wurde. Von britischen Autoren der Zwischenkriegsjahre dürfte sie sogar mehrheitlich zurückgewiesen worden sein. Die Deutschen waren also von einem internationalen Klima umgeben, das ihrer subjektiven Empörung scheinbar Glaubwürdigkeit verlieh.
Aktuell wird angesichts gewisser Ereignisse in Osteuropa gerne über die Lehren aus Versailles gesprochen, auch Du hast diese Saite gezupft, aber der entscheidende Unterschied besteht darin, dass 1914 nicht 80 Jahre Frieden in Europa geherrscht hatten. Damals konnte der Aggressor seine Paranoia zumindest begründen.
Die strategische Einkreisung des Deutschen Reichs mag durch die aggressive Rhetorik und stümperhafte Diplomatie des zwoten Wilhelm und seiner Speichellecker verschlimmert worden sein, nichtsdestotrotz hatten die Deutschen vor 112 Jahren einen Grund, sich bedroht zu fühlen.
In unserer so diesseitsbezogenen Gegenwart mag es sich seltsam anfühlen, in derart großen Zeitspannen zu denken, aber den Damaligen schien es offensichtlich, dass Frankreich drauf und dran gewesen war, das nächste Kapitel in einer seit Jahrhunderten schwelenden Feindschaft aufzuschlagen, in der Frankreich übrigens häufiger Angreifer als Verteidiger gewesen war—genauso wie aus Sicht der Franzosen Deutschland mit altem Vorbedacht gehandelt hatte. Anders gesagt, die französische Erbitterung, die sich in Versailles ausdrückte, und die deutsche Empörung über den Diktatfrieden, waren zwei Seiten derselben Medaille.
In einer Zeit, in der nationalem "Honneur" noch eine große und sogar sicherheitsrelevante Bedeutung zukam, zielten viele Bestimmungen des Vertrags allein auf die größtmögliche Demütigung Deutschlands ab. Wer in der Empörung darüber eine Überreaktion unvernünftiger Nationalisten erblickt, kann getrost annehmen, dass die unvernünftigen Nationalisten der Gegenseite auf genau diese Empörung hingearbeitet hatten. Insofern wundert es auch nicht, dass die Revision von Versailles in der Weimarer Zeit praktisch parteiübergreifender Konsens war, und man sich nur in der Wahl der Mittel unterschied.
Über die Auswirkungen der Reparationsforderungen mag man noch eingehend streiten, und es steht auch die Tatsache im Raum, dass die Reichsregierung sie verschlimmerte, um eine Reduzierung der Forderungen zu erreichen. Tatsache ist aber, dass die wirtschaftlichen Belastungen ganz gewiss nicht dabei geholfen haben, die junge Republik zu stabilisieren (eine Tatsache, die man nach 1945 mit dem Marshall-Plan implizit eingestand).
Geradezu verheerend erscheinen im Vergleich dazu die Rüstungsbeschränkungen, die Deutschland auferlegt wurden. Vor dem Hintergrund der "Erbfeindschaft mit Frankreich", dem Erstarken eines (teils revanchistischen) polnischen Nationalbewusstseins und der realen Gefahr einer gewaltsam forcierten kommunistischen Revolution war die Reduzierung der Truppenstärke auf 100.000 Mann im Heer eine Einschränkung, die Deutschland schlichtweg nicht hinnehmen konnte.
Last but not least: Versailles musste daran scheitern, eine tragfähige europäische Friedensordnung zu etablieren, weil der Vertrag unter Rechtfertigungsschwierigkeiten seitens der Siegermächte litt.
Das internationale Recht war noch nicht derart herausgearbeitet, dass sich bspw. ein moralischer Anspruch auf Verfolgung deutscher Kriegsverbrechen auch dann ergab, wenn andere Kriegsverbrechen ungesühnt bleiben sollten. Einem Durchschnittsdeutschen des Jahres 1919 konnte man kaum erklären, warum die Missachtung der belgischen Neutralität durch Deutschland Sanktionen nach sich ziehen sollte, die der griechischen Neutralität durch die Entente jedoch folgenlos bleiben konnte.
Ähnlich verhielt es sich bei anderen Prinzipien, die die neue Nachkriegsordnung zu verteidigen vorgab, etwa das Selbstbestimmungsrecht der Völker, das—man kann es nicht anders sagen—von der Entente genauso mit Füßen getreten wurde wie von den Mittelmächten.