Die Vergleiche mit Napoleon oder auch den Punischen Kriegen machen soweit nicht viel Sinn, meiner Meinung nach. Natürlich mussten Napoleon oder Scipio, wie auch Metternich, auf die Belange ihrer Bevölkerung Rücksicht nehmen, doch standen Wilson, Lloyd George und Clemenceau unter einem ganz anderen Druck. Wir dürfen nicht vergessen, dass sie alle Regierungschefs von Demokratien waren. In all diesen Ländern hat sich ein allgemeines Wahlrecht durchgesetzt und allen standen Wahlen bevor. 1920 die Präsidenten- und Kongresswahlen in den USA. Dort durfte Wilson zwar nicht mehr kandidieren, doch es ging um sein Erbe. Lloyd George hatte die Wahlen im Dezember 1918 zwar "gewonnen", doch hatten die Liberalen massive Verluste und es war absehbar, dass es bald wieder Wahlen geben wird. Clemenceau standen Wahlen im November 1919 bevor. Dazu hoffte er darauf, zum Präsidenten gewählt zu werden, um so sein Lebenswerk zu krönen. Alle werden letzten Endes scheitern und die Wähler werden sich zum Teil deutlich gegen die "großen Drei von Versailles" aussprechen. Auch in Italien stand die Regierung vor dem Scheitern und Neuwahlen im Raum. Dies wird meiner Ansicht nach zu wenig berücksichtigt, wenn es um Versailles geht. Die Verantwortlichen dachten eben auch oft sehr kurzfristig, im Bezug auf baldige Wahlen und was sie dann ihren Wählern verkaufen können. Dies war eine ganz andere, neue Situation zu den Verträgen von Utrecht (Spanischer Erbfolgekrieg), Wien (Napoleonische Kriege) oder Paris (Krimkrieg).
Würde ich nur bedingt so sehen.
Mit dem Argument, dass demokratisch gewählte Politiker immer auch die Option haben etwas unpopuläres zu tun, wenn sie es für richtig halten und bereit sind das Ende oder die Unterbrechung ihrer politischen Karriere in Kauf zu nehmen.
Und gleichzeitig unterschätzt der Umstand, dass frühere Friedensverträge zwischen Monarchien geschlossen wurden, dass häufig nicht der Monarch selbst sondern ein leitender Minister, der vom Vertrauen des Monarchen abhängig war für Verhandlungen und Ergebnis verantwortlich zeichnete.
Könige wurden vor der französischen Revolution natürlich nicht in hoher Regelmäßigkeit abgesetzt, dem leitenden Minister hingegen, konnte es, wenn er es in den Augen der Bevölkerung oder des Monarchen irgendwie vergeigt hatte, aber durchaus an den Kragen gehen, oder er konnte wenigstens seiner Position verlustig werden.
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Präziser hinsichtlich Versailles:
Die USA selbst hatten ja, bis auf die Reparationsfrage, die Frage des Verbleibs der deutschen Besitzungen in der Südsee so wie den beiden Punkten Beschaffung eines Meereszugangs für Polen, die Abtretung der "unbestreitbar polnischen Gebiete" und die Rückgabe Elsass-Lothringens nicht allzu viel mit den einzelnen speziell Deutschland betreffenden Bestimmungen, dergestalt zu tun, dass sie da von Anfang an öffentlich festgelegt gewesen wären.
Die letztgenannten Punkte gehörten zu Wilsons 14-Punkte-Programm, dass man als offizielles Kriegszielprogramm verstehen konnte und Reparationen, musste Wilson der amerikanischen Bevölkerung natürlich liefern.
Kleinliche Fragen, wie etwa die zugehörigkeit von Memel oder die Maxilamstärke des deutschen Militärs dürfte den Durchschnittsamerikaner kaum interessiert haben.
Und Wilsons 14 Punkte waren, wenn man sie als Kriegszielprogramm verstehen möchte, dessen Erfüllung zur Beschwichtigung der US-Amerikanischen Bevölkerung vielleicht nötig gewesen wäre so zurückhaltend formuliert, dass sie einiges an Spielraum boten.
Belgien war ja bereits mit dem Waffenstillstand geräumt worden.
Elsass-Lothringen musste unmissverständlich abgetreten werden.
und mit der Formulierung, dass alle unzweifelhaft polnischen Gebiete abzutreten sein, musste klar sein, dass man von Deutschland den Verzicht auf die Provinz Posen fordern würde.
So ziemlich alles andere war aber verhandelbar.
Wilsons 14 Punkte postulierten das Polen einen Zugang zur See bräuchte, legten sich aber nicht darauf fest, dass dieser territorialer Art sein müsste und schon einmal überhaupt nicht, über welches Territorium dieser denn verlaufen könnte. Denn die 14 Punkte postulierten, dass alle unzweifelhaft polnischen Territorien Teil des neuen Polens sein sollten, sie postulierten aber nicht, dass Polen darauf beschränkt bleiben sollte.
Das heißt, dass bei einer Wiederherstellung eines weiter nach Osten hin reichenden Polens, eine Territorialverbindung über das Baltikum an die Ostsee oder über die Westukraine zum Schwarzen Meer durchaus auch nicht im krassen Widerspruch zu den 14 Punkten gestanden hätten.
Und im Hinblick auf die anderen, Deutschlands Osten betreffenden Fragen, kam es halt darauf an, wie man den Begriff "Gebiete mit unzweifelhaft polnischer Bevölkerung" interpretierte.
Interpretiert man den Begriff "Gebiet" im Rahmen einer historischen Provinz konnte man bezüglich Deutschland zu dem Schluss kommen, dies betreffe nur Posen, da alle anderen Provinzen keine eindeutig polnische Bevölkerungsmehrheit aufwiesen. Interpretiert man den Begriff "Gebiet" kleinräumiger, musste das Teile Westpreußens, Masurens und Schlesiens zur Disposition stellen.
Die Frage ist, interessierte sich der Durchschnittsamerikaner in irgendeiner Form für das Schicksal der Stadt Konitz, des Kreises Ratibor oder des Kreises Lyck?
Ich lasse mich gern eines Besseren belehren, kann mir persönlich aber kaum vorstellen, dass sich der Durchschnittsamerikaner für diese Fragen so detailliert interessierte, dass Wilson deswegen innenpolitisch genötigt gewesen wäre, die Thematik der nicht Posen betreffenden Territorien aufzurollen.
Hier musste er sich sicherlich mit den Interessen der französischen und britischen Regierungen auseinandersetzen. Aber nicht mit seiner Bevölkerung.
Und was nun in GB Lloyd George betraf:
Dessen liberale Partei hatte bei den vorangegangenen Wahlen klar verloren, das war aber nicht Ergebnis seiner unmittelbar mit dem Friedensschluss zusammenfallenden Politik, sondern lag an zwei wesentlichen Elementen:
1. Hatte sich die liberale Partei 1916 über den Rücktritt von Asquith, die Amtsübernahme von Lloyd George und dessen kriegsbedingter Koalition mit den Konservativen Gespalten.
2. Hatte die Einführung des allgemeinen Männerwahlrechts, was in GB erst am Ende des Krieges kam, Labour zur dritten politischen Kraft im Land gemacht.
Beides war nicht rückgängig zu machen, vollkommen egal welche Politik Lloyd George gegenüber Deutschland fuhr.
Das Unterhaus, mit dessen Zusammensetzung Asquith und Lloyd George während des Krieges regierten und damit auch die Zustimmungswerte der liberalen Partei waren noch durch das Zensuswahlrecht zustande gekommen, dass einen erheblichen Teil der Unterschichten von der Wahl auschloss und verhinderte, dass Labour vor dem Krieg eine eigenständige ernstzunehmende Kraft werden konnte.
Da taugte Labour von seiner Sitzausbeute her vielleicht als Mehrheitsbeschaffer, aber nicht als eigenständiger Anwärter darauf die britische Politik zu bestimmen.
Die Liberalen dürften 1918 im Vergleich zu 1914 eigentlich gar nicht mal so viele Wähler verloren haben, sie waren nur notorisch schlecht darin unter den Neuwählern, nach der Abschaffung des Zensuswahlrechts Zustimmung zu gewinnen.
Das allerdings, mag mehr mit der Einstellung der Liberalen Partei zu sozialen Themen in der Innenpolitik, als mit der Haltung gegenüber Deutschland zu tun gehabt haben.
Und dass sich Lloyd George beim Sturz Asquiths und mit seiner Allianz mit den Konservativen in seiner eigenen Partei zur Reizfigur gemacht hatte, war eine Problematik, die auch nicht dadurch beeinflusst werden konnte, ob man Deutschland einpaar Soldaten mehr oder weniger zugestand, ob man ihm 50 Milliarden Reparationen mehr oder weniger aufbrummte, oder ob Danzig oder Memel nun deutsch bleiben oder nicht.
Gerade Lloyd George und die Briten haben sich ja in der Causa Oberschlesien durchaus für die deutschen Interessen verwendet, als sie sich gegen das Ansinnen stellten, das Gebiet ohne Abstimmung an Polen zu überlassen, wie es von französischer Seite gewünscht gewesen wäre.