Quellenmaterialien zur niederländischen Geschichte des 17. Jahrhunderts

Dieses Thema im Forum "Westeuropa" wurde erstellt von ursi, 1. Dezember 2005.

  1. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Aus historicum.net:

    In der frühneuzeitlichen Geschichte Europas spielten die Niederlande in mehrerer Hinsicht eine zentrale Rolle: Von ihnen gingen wichtige Impulse im Prozess der reformierten Konfessionsbildung und Konfessionalisierung aus, sie waren zwischen den 1560er Jahren und 1648 Schauplatz eines langwierigen Staatsbildungskriegs, und sie erreichten im 17. Jahrhundert den Status einer ökonomischen und politischen Weltmacht, die sich - auch im Hinblick auf ihren Rang als ein kulturelles Gravitationszentrum Europas - in einem "goldenen Zeitalter" wähnen konnte. Wichtige Zeugnisse dieser Epoche bewahren die in Den Haag angesiedelte "Koninklijke Bibliotheek" sowie das Amsterdamer "Rijksmuseum" auf. Das Online-Projekt "Digitale Atlas Geschiedenis" (DAG), ein gemeinsames Unternehmen dieser beiden Gedächtnisinstitutionen, stellt in seiner Pilotphase Originalmaterialien aus dieser Blütezeit der nördlichen Niederlande in den Mittelpunkt. Ausdrücklich verfolgen die beiden Institutionen das Ziel, die Grenze zwischen Museums- und Bibliotheksbeständen überwinden zu helfen und die inneren Zusammenhänge zwischen den Bestandteilen der jeweiligen Sammlungen durch eine Internet-Präsentation sichtbar zu machen.

    Als Einführung in die Zielsetzungen der nur in niederländischer Sprache abgefassten Webpräsentation ist der Startseiten-Link Inleiding zu empfehlen, der zu einem kurzen Abriss der Projektintentionen führt. Hier wird u. a. erläutert, dass man dem Anspruch auf Sichtbarmachung von Querverbindungen zwischen verschiedenen Quellengruppen gerecht zu werden versucht, indem der Erschließung und Digitalisierung der Materialien ein hoher Qualitätsmaßstab zugrunde gelegt wird. Bei der Entscheidung über die einzubeziehenden Quellen wurden als zeitliche Schwerpunkte die Jahre 1618/19, 1647/48, 1672 und 1695 gewählt. Die "Koninklijke Bibliotheek" hat vor allem Flugschriften beigesteuert, während das "Rijksmuseum" in erster Linie Produkte der Gedächtniskultur eingebracht hat - z. B. Gedenkmünzen und Flugblätter. Ein Schwerpunkt wurde bei der Quellenauswahl auf die Politikgeschichte gesetzt, doch finden sich auch wichtige Materialien zur Mentalitäts-, Konfessions-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte sowie zur Geschichte der Literatur und der bildenden Kunst. Während für insgesamt rund 3.000 Objekte Beschreibungen vorliegen, wurden bei der Digitalisierung zunächst vor allem die Eckjahre des Dreißigjährigen Krieges berücksitchtigt. Die Bereitstellung von Digitalisaten sämtlicher Objekte ist geplant.

    Einen Überblick über die wichtigsten Objektgruppen eröffnet der Startseiten-Link De vier collecties. Der Besuch dieses Unterbereichs empfiehlt sich u. a. deshalb, weil hier ein Abriss der Sammlungsgeschichte der beteiligten Institutionen geboten wird. Zu den Flugschriften (Pamfletten) wird z. B. erläutert, dass der Kern der heutigen KB-Sammlung im 18. Jahrhundert von dem niederländischen Juristen Joan Duncan zusammengestellt wurde, und dass der Bibliothekar Willem Pieter Cornelis Knuttel für die Erschließung der bis 1880 auf ca. 30.000 Drucke angewachsenen Sammlung rund vierzig Jahre benötigte. Den für die meisten Besucher komfortabelsten Zugang zu den Materialien eröffnet der Startseiten-Link De 17de eeuw in vier periodes. Interessiert man sich in erster Linie für den Zeitraum 1647/48, kann ein Abschnitt mit knappen Kontextinformationen angesteuert werden (inleiding). Alternativ besteht die Option, eine Liste mit wichtigen Ereignissen aufzurufen (belangrijke gebeurtenissen). Hier findet sich unter vier Dutzend weiteren Einträgen für 1648 z. B. ein Verweis auf den Friedensschluss mit Portugal (Vrede met Portugal). Klickt man den entsprechenden Link an, wird anschließend eine Thumbnail-Liste derjenigen Objekte ausgegeben, die sich auf den Friedensschluss beziehen. Zu jedem Objekt findet sich eine detaillierte Beschreibung, die nach Anklicken des gewünschten Objekts angezeigt wird.

    Steuert man etwa die "Allegorie op de Westfaalse vrede van 1648" an, wird anschließend eine recht ausführliche Beschreibung des Flugblatts angezeigt. Will man die Quelle näher betrachten, kann der Link vergroot aktiviert werden: Es wird ein neues Browser-Fenster geöffnet, in dem ein Zoom-Instrument auf der Basis der MrSID-Technologie der Firma LizardTech zur Verfügung steht. Das mit lateinischen, französischen und niederländischen Textelementen versehene Flugblatt zeigt u. a. den portugiesischen König und kann in hoher Auflösung betrachtet werden. Für Flugschriften wird im Normalfall keine echte Zoom-Option angeboten, sondern eine einfache Blätter-Lösung zur Verfügung gestellt. Als Beispiel sei der lateinische Druck "Brevis repetitio omnium que [...] legatus Portugalliæ ad componendas res Brasilicanas proposuit vel egit [...]" genannt, den man nach Anklicken des Links vergroot en blader in näheren Augenschein nehmen kann. Die einzelnen Seiten werden als JPG-Datei mit rund 200 KByte Umfang bereitgestellt, was für die Gewährleistung einer guten Lesbarkeit ausreicht. Für den Zeitraum 1647/48 seien als weitere Themen noch der Tod und das Begräbnis des Statthalters Friedrich Heinrich von Oranien, die Friedensschlüsse von Münster und Osnabrück und die Feierlichkeiten anlässlich dieser Friedensschlüsse erwähnt.

    Neben dem browsenden Zugang wird auch eine Suchoption angeboten, die direkt von der Startseite über den Link zoeken aktiviert werden kann. Es kann festgelegt werden, ob man bestimmte Objektgruppen (Flugschriften, Flugblätter, Münzen, Objekte) in die Suche einbeziehen will oder nicht. Als Suchfelder stehen u. a. Titelstichwort, Autorenname, Personenname und ikonographische Objekte ("zinnebeeldige elementen") zur Verfügung. Für das letztgenannte Suchfeld kann auf eine Indexfunktion zurückgegriffen werden, mit deren Hilfe die Gesamtliste der überhaupt zur Verfügung stehenden Suchtermini abgerufen werden kann. Wählt man hier den Frieden ("Vrede"), werden beispielsweise 51 Treffer ausgeworfen. Generell kann die Qualität der Erschließung und der Präsentation der Bildmaterialien als hoch eingestuft werden. Es wäre sehr begrüßenswert, wenn auch die noch nicht digitalisierten Materialien in absehbarer Zeit im Internet bereitgestellt werden könnten.
    [Gregor Horstkemper, 1. November 2005]

    Link:
    http://www.digitaleatlasgeschiedenis.nl/
     

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