Ravenik
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So war es aber nicht. Die Vorgänger wurden nicht aus Prinzip schlecht gemacht, sondern differenzierend behandelt.Das gehörte wohl schon zum guten Ton, sich kritisch von seinen Vorgängern abzusetzen und zu erläutern, warum man deutlich besser als diese war.
Bei den negativ dargestellten Kaisern wird sie aber anscheinend als bestehend vorausgesetzt.Was ja eben auch zeigt, dass die oben darstellte Kausalkette so eindeutig und einfach nicht ist, oder?
Ergänzung zu meinem letzten Beitrag:Ihnen alles kritiklos zu glauben, das wäre ggf. so, um dein NS-Beispiel aufzugreifen, als wenn wir Pressemitteilungen von Goebbels als reine Wahrheit begriffen.
Den Unterschied zwischen "Pressemitteilungen" und Geschichtsdarstellungen auch in der Antike sieht man sehr schön anhand der Darstellung der Ermordung des Clodius Pulcher in Ciceros Verteidigungsrede für Milo und in den Geschichtsdarstellungen. Während Cicero den Ablauf offenkundig völlig verdrehte und obendrein dem Clodius Attentatspläne unterstellte, gegen die Milo bloß Notwehr geleistet habe, folgten ihm die Historiker in ihrer Darstellung nicht, sondern schilderten den Vorfall völlig anders. Somit konnten also auch schon die antiken Historiker zwischen tendenziösen Darstellungsformen und seriöser Geschichtsschreibung unterscheiden. Nicht nur Appian, sondern auch Cassius Dio folgte Ciceros Darstellung nicht, sondern gab dem Milo die Schuld an Clodius' Tod - und das, obwohl die Sympathien des Senators Cassius Dio dem Milo und nicht dem Volksaufwiegler Clodius gegolten haben müssten. Hätte Cassius Dio tendenziös schreiben und alles verfälschen wollen, hätte er problemlos Ciceros Darstellung folgen können.
Ein Problem ist auch, dass heutzutage viel zu hohe Ansprüche an die Plausibilität von Verhaltensweisen von antiken Kaisern gestellt werden. Es wird anscheinend vorausgesetzt, dass römische Kaiser stets rational handelten und alle Konsequenzen ihres Handelns durchdachten - und davon ausgehend wird dann angenommen, dass bestimmte Darstellungen falsch sein müssen, weil die geschilderten Handlungen keinen Sinn ergeben oder zumindest unvernünftig waren. Dabei wird aber ignoriert, dass erstens einige römische Kaiser noch sehr jung waren und andererseits auch heutige Politiker und Promis oft alles andere als vernünftig und vorausschauend agieren. Wenn Commodus mit Anfang 20 selbst als Gladiator kämpfte, war das auch nicht bescheuerter als wenn sich heutige junge Männer illegale Straßenrennen im Stadtverkehr liefern oder auf den Dächern von E-Loks herumturnen. Politiker, die sich im Parlament prügeln, einen abgehobenen Jetset-Lebensstil pflegen oder bei irgendwelchen pseudolustigen Veranstaltungen den Kasperl geben, sind wohl ebenso peinlich wie ein Kaiser, der öffentlich als Schauspieler oder Wagenlenker auftrat. Und wenn heutige Politiker im Alter von 40-65 ihre Karriere, ihre Ehe und womöglich sogar ihre Freiheit für ein bisschen außerehelichen Sex, womöglich gar mit Prostituierten oder Minderjährigen, riskieren, warum sollten sich dann nicht auch römische Kaiser verschiedenen Ausschweifungen, für die sie keine Konsequenzen zu befürchten hatten, hingegeben haben?Wir sind als Historiker von den Quellen abhängig, aber wir dürfen uns gerne mal erlauben, die darin enthaltenen Behauptungen anzuzweifeln, wenn sie allzu tendenziös oder unwahrscheinlich sind.