Sachsen-Anhalt - römische Lager, Funde, Interessantes

Wäre der Feldzug bzw. die Expeditio 213 n. Chr. unbedeutend gewesen, wären wohl kaum Prägungen über dieses Ereignis heraus gegeben worden.
Da wäre ich mir mal nicht so sicher. Oft haben wir riesige römische Bauinschriften, wo dann etwa edificavit oder so etwas steht, wobei es sich tatsächlich nur um Reparaturarbeiten handelte. Münzen waren auch ein Propagandamittel, z.B. gibt es von Domitian eine bekannte Münze mit dem Germania capta-Motiv. Reine Propaganda.
 
Der Feldherr ist also allein zu seinen Truppen marschiert, aber aus Zeitgründen nicht am Main entlang, sondern direkt vom rätischen Limes zum Main, um seinen Truppen, die dort eigentlich nichts zu suchen hatten, mal kurz guten Tag zu sagen. Alles klar.
Ausschließen würde ich das nicht. Ich denke etwa an die Beteiligung von Kaiser Claudius an der Eroberung von Britannien. Als sie bereits längst im Gange war, reiste der Kaiser umständlich von Rom nach Britannien, wo er sich dann gerade einmal 16 Tage aufhielt, Kampfhandlungen aus sicherer Entfernung beobachtete, dann nach Rom zurückkehrte und dort einen Triumph feierte. (Sein Sohn im Kleinkind-Alter erhielt den Siegernamen „Britannicus“.)
Wäre der Feldzug bzw. die Expeditio 213 n. Chr. unbedeutend gewesen, wären wohl kaum Prägungen über dieses Ereignis heraus gegeben worden.
Je weiter die Kaiserzeit voranschritt, um so üblicher wurde es, dass Kaiser nichtige Erfolge propagandistisch groß vermarkteten: Sie ließen sich für jeden Mini-Erfolg eines untergebenen Feldherrn auf einem Feldzug, an dem sie gar nicht beteiligt waren, zum „Imperator“ proklamieren, nahmen für jeden unbedeutenden Sieg einen Siegernamen an, wobei der bloße Siegername (wie „Parthicus“) schon bald nicht mehr reichte, sondern unbedingt noch ein „maximus“ dazu musste (also „Parthicus maximus“ = „größter Parthersieger“ – manche Kaiser führten eine ganze Liste von Siegernamen, jeweils mit dem Zusatz „maximus“), und dann natürlich noch Triumphe und Münzen.
Vieles mehr Schein als Sein, wie bereits Tacitus kritisierte. Wenn man das alles ernst nimmt, hätte Rom in der fortgeschrittenen Kaiserzeit seine größten militärischen Erfolge feiern und alle seine Gegner vernichten müssen.
Bei Cassius Dio fand ich in den Epitomen im Buch 78 folgende Hinweise auf die Stämme, die Ziel der Feldzüge waren:
Hier muss man allerdings berücksichtigen, dass wir, wie bereits Sepiola angedeutet hat, nicht den Text von Cassius Dio selbst vorliegen haben, sondern Exzerpte und Zusammenfassungen durch byzantinische Autoren.
Gerade bei "Cassius Dio" muss man aufpassen, dass, wo "Cassius Dio" draufsteht, oft nur ein Byzantiner drinsteckt. Vieles, was heute als "Cassius Dio" zitiert wird, stammt in Wahrheit von byzantinischen Autoren wie Zonaras oder Iohannes Xiphilinos, die zwar Cassius Dio als Hauptquelle nutzten, aber trotzdem nicht das Original übermittelten. Tatsächlich von Cassius Dio selbst erhalten sind nur große Teile seiner Bücher zur späten Republik und frühen Kaiserzeit.
 
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Domitian ist ja der Damnatio verfallen. Sein Chattenfeldzug wird ja mittlerweile wissenschaftlich kontrovers diskutiert. Caligula ließ bekanntlich eine Sonderprägung seines Vaters über die Rückgewinnung des Adlers der XlX. Legion prägen. Selbst über die Einsetzung eines Königs bei den Quaden durch Kaiser Antoninus Pius gibt es Münzbelege. Natürlich dienten die Münzen als Werkzeug der kaiserlichen Propaganda - keine Frage. Sie dienen aber auch der Archäo-Numismatik zur Überprüfung historischer Quellen.

Ein Lager von über 60 ha (!) Größe kann keinem „Kleinereignis“ zugeordnet werden. Wir reden hier von min. 4 Legionen.


 
Beim Rumsuchen im Netz fand ich noch einen gut übersichtlichen Artikel (PDF-Download), der die Argumente von @Sepiola sehr unterstützt:


Hier wird die Auffassung vertreten, dass es eine grenznahe Aktion, also im Vorfeld des rätischen Limes im Jahre 2013 gab, und unabhängig davon, und möglicherweise früher, eine Aktion im mittelfränkischen Maingebiet.
 
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Jetzt hab ich den Faden verloren: welches 4 Legionen Lager meinst du?
Hier magst du den Faden wieder aufnehmen:
Zumindest beim großen Feldlager bei Calbe/Saale (mit Titulum), das konnte ich in Erfahrung bringen, verdichten sich die Anzeichen auf Grund der Prospektionsfunde (Münzen und andere metallische Kleinteile) auf die Anwesenheit römischer Truppen unter Kaiser Caracalla. Der Feldzug zu den „Elbbewohnern“ im Jahr 213 n. Chr. ist ja auch historisch belegt (Cassius Dio - Albanoi).
 
Beim Rumsuchen im Netz fand ich noch einen gut übersichtlichen Artikel (PDF-Download), der die Argumente von @Sepiola sehr unterstützt:


Es sollte einen eigentlich stutzig machen, wenn ein Lokalhistoriker nach intensiven Recherchen eine - in den historischen Quellen nur sehr fragmentarisch belegte - Schlacht mit allen Details zu rekonstruieren weiß und sie dann auch noch genau hinter seinem Gartenzaun lokalisieren kann. Der Berchinger Mediziner Werner Robl ist zweifellos sehr belesen, aber dass Caracalla nun genau durch Berching gezogen sein muss, kaufe ich ihm nicht ab. Entsprechend skeptisch sind seine zweckgebundenen Überlegungen zu bewerten. Wenn dazu Flurnamen bis in die Antike zurückgeführt werden und gewagte Ableitungen ersonnen werden müssen (der Flurnamen "Gemäuert" soll auf ein lateinisches "Germanicum" zurückgehen), schrillen bei mir die Alarmglocken.

Ich muss aber vielleicht nochmal in die Bibliothek, der Sache auf den Grund gehen...

Bei meinem heutigen Bibliotheksbesuch stieß ich auf ein sehr schönes Buch, herausgegeben vom Archäologischen Landesmuseum Baden Württemberg: Caracalla - Kaiser, Tyrann, Feldherr, Darmstadt/Mainz 2013, mit gehaltvollen Aufsätzen wie:
Julia Gräf: "Hingegen bereiteten ihm die Germanenstämme keine Freude"
Bernd Steidl: Caracallas Gegner am Main
Stephan Bender: Der Feldzug gegen die Germanen 213 n. Chr.

Aus letzterem Aufsatz zitiere ich einige Abschnitte:

"Heute besteht in der Forschung weitgehend darüber Einigkeit, dass der Vormarsch auf dieser Trasse vorgenommen wurde. Von der Donau über Heidenheim habe der Weg durch das Brenz-Kocher-Tal ins Albvorland geführt, wo bei Dalkingen schließlich der Limes überschritten worden sein soll. Dann sei Caracallas Armee auf dem Höhenrücken der europäischen Wasserscheide von Rhein und Donau, auf der heute die Autobahn 7 Ulm-Würzburg (Biebelried) verläuft, bis zur Höhe von Crailsheim, Lkr. Schwäbisch Hall, und Feuchtwangen, Lkr. Ansbach, Richtung Main marschiert.​
[...]​
Dieses Szenario ist räumlich sehr dürftig, basiert aber konsequent auf der engen zeitlichen Kalkulation für den Feldzug von nur etwa zwei Wochen, da Caracalla von seiner möglichen Abreise in Rom Anfang August 213 n. Chr. bis zur Triumphfeier am 6. Oktober kein großes Zeitfenster gestanden habe. Allerdings sollte dabei unbedingt mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass Caracalla nur zeitweise propagandawirksam an der expeditio teilgenommen haben könnte, womit der Zeitkorridor etwas größer würde.​
[...]​
Immer wieder ist ein zeitgleicher Vorstoß von der Legionsbasis in Mainz aus entlang des Mains mit der Absicht, einen Zangenangriff vorzutragen, erwogen worden. [...] Angesichts der unbestreitbar bescheidenen zeitlichen und räumlichen Größenordnung, erscheint ein Vorstoß von Mainz unter Caracalla im Spätsommer 213 n. Chr. nur wenig wahrscheinlich.​
Mit einer 'Rednitz-Regnitz-Piste' ist einmal ein ganz anderer geographischer Raum für den Vormarsch vorgeschlagen worden. [...] Über Indizien für einen solchen Vormarschweg verfügen wir nicht. Der Vorschlag fand in Fachkreisen keine weitere Beachtung.​
[...]​
Beim Versuch, eine differenziertere Vorstellung von den Geschehnissen zu gewinnen, sollte vom Donauraum zwischen Ulm und Ingolstadt als Aufmarschgebiet des Expeditionsheeres ausgegangen werden.​
Angesichts der beteiligten Truppen aus Standorten donauabwärts muss die Donau eine bedeutende Rolle beim Transport von Mensch und Material gespielt haben. Die Sarkophaginschrift aus Budaörs, Komitat Pest (Ungarn) führt das beispielhaft vor Augen. Dieser Quelle zufolge verstarb ein Soldat, der an dem Germanenfeldzug Caracallas teilgenommen hatte, wahrscheinlich auf dem Rückmarsch in Lauriacum/Enns-Lorch (Österreich), dem Standort der legio II Italica an der Donau, eines natürlichen Todes.​
Grundsätzlich sollte mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass der Feldzug von der Donau über mehrere Routen in Richtung Maindreieck geführt wurde."​
Hier wird die Auffassung vertreten, dass es eine grenznahe Aktion, also im Vorfeld des rätischen Limes im Jahre 2013 gab
2013 halte ich nun für ein wenig spät...

und unabhängig davon, und möglicherweise früher, eine Aktion im mittelfränkischen Maingebiet.

Wird die hier vertreten? Oder meinst Du die Bezüge zum erwähnten Aufsatz Bernd Steidls, der eine vorausgehende militärische Auseinandersetzung im Frühjahr 213 vermutet?
 
Stephan Bender: Der Feldzug gegen die Germanen 213 n. Chr.

Aus letzterem Aufsatz zitiere ich einige Abschnitte:

"​
[...]​
Immer wieder ist ein zeitgleicher Vorstoß von der Legionsbasis in Mainz aus entlang des Mains mit der Absicht, einen Zangenangriff vorzutragen, erwogen worden. [...] Angesichts der unbestreitbar bescheidenen zeitlichen und räumlichen Größenordnung, erscheint ein Vorstoß von Mainz unter Caracalla im Spätsommer 213 n. Chr. nur wenig wahrscheinlich.​
Mit einer 'Rednitz-Regnitz-Piste' ist einmal ein ganz anderer geographischer Raum für den Vormarsch vorgeschlagen worden. [...] Über Indizien für einen solchen Vormarschweg verfügen wir nicht. Der Vorschlag fand in Fachkreisen keine weitere Beachtung.​
[...]​
"​

Oder meinst Du die Bezüge zum erwähnten Aufsatz Bernd Steidls, der eine vorausgehende militärische Auseinandersetzung im Frühjahr 213 vermutet?
Ich sollte nicht unerwähnt lassen, dass Steidl damit rechnet, dass beim Sommerfeldzug am Rhein stationierte Vexillationen mit zum Einsatz kamen, für diese vermutet er den "Untermain oder die Region am vorderen obergermanischen Limes als Aufmarschbasis"; darüber hinaus spekuliert er über einen möglichen "dritten Vorstoßkeil" von Südosten (Regensburg) aus. Gleichwohl hält auch er fest: "Die Hauptstreitmacht mit dem Kaiser rückte von Raetien nach Norden vor"
 
Ich habe mich mit dem Caracalla-Feldzug von 213 n. Chr. (übrigens ging es mir wie Sepiola, dass automatisch ein 2013 daraus wurde, dass ich korrigieren musste) noch nie beschäftigt. Daher finde ich in allen euren Texten jenseits auch der jeweiligen zugrundeliegendenThesen Teile spannend und interessant: bei Hensen die Datierungsvorschläge anhand von Dokumenten wie den Akten der Fratres Arvales, der den Feldzug oder die Expeditio zeitlich doch stark einschränkt. Bei Werner Robl fand ich interessant, dass es Hinweise auf zwei Feldzüge gibt, einen noch zu Lebzeiten von Septimus Severus in 211.
Da der Feldzug 213 doch in einem sehr kleinen Zeitfenster stattgefunden haben muss, und dies einen Weg an die Elbe ausschließt, macht die Quellenlage noch irritierender: woher kommen zum Beispiel auf einmal die Chatten an den mittleren Main (Buch 78, 14,2 von Cassio Dio)? Und wer sind die Cennen?
Ich fand dann die Herleitung des Ethnonyms Alamannen von Robl aus dem Flussnamen der Alcmona / Alcmoennis (Altmühl) (bei Claudius Ptolemäus erwähnter Ortsname/Toponym, der mit dem Oppidum in Kelheim in Verbindung gebracht wird), doch arg herbeigebogen und zweifelhaft, sprachwissenschaftlich kann ich die Herleitung nicht beurteilen, es erscheint mir doch eine Hilfshypothese zu sein, um das Schlachtfeld an die Altmühl zu verlegen - um die Attraktivität des Pollanter Beckens zu erhöhen, zitiert er auch die spätlatènezeitliche Geschichte, die Großsiedlung von Berching-Pollanten, die jedoch mit Manching ab 50 v.Chr. "untergegangen" ist. Werner Robl benutzt Begriffe wie "keltisches Ruhrgebiet" oder strategische Schlüsselstellung für das Pollanter Becken, um ihre Bedeutung zu erhöhen, und um es als zwingendes Ziel einer römischen Expedition erscheienn zu lassen. Den Teil (den Teil danach habe ich noch nicht gelesen) fand ich nicht überzeugend.
 
Ich fand dann die Herleitung des Ethnonyms Alamannen von Robl aus dem Flussnamen der Alcmona / Alcmoennis (Altmühl) (bei Claudius Ptolemäus erwähnter Ortsname/Toponym, der mit dem Oppidum in Kelheim in Verbindung gebracht wird), doch arg herbeigebogen und zweifelhaft, sprachwissenschaftlich kann ich die Herleitung nicht beurteilen, es erscheint mir doch eine Hilfshypothese zu sein, um das Schlachtfeld an die Altmühl zu verlegen - um die Attraktivität des Pollanter Beckens zu erhöhen, zitiert er auch die spätlatènezeitliche Geschichte, die Großsiedlung von Berching-Pollanten, die jedoch mit Manching ab 50 v.Chr. "untergegangen" ist.
Mein Fehler: die Altmühl hieß keltisch wahrscheinlich Alcimona, und nicht Alcmona (mittelalterliche Name) das Toponym bei Ptolemäus Ἀλκιμοεννίς (Alkimoennis), möglicherweise für das Oppidum auf dem Michelsberg zwischen Donau und der Altmühl, auf einer dreieckigen Anhöhe zwischen den Flusstälern.

Der Name leitet sich nach Delamarre von alco - Elch ab, er schreibt jedoch, dass der Name nicht keltisch ist, sondern möglicherweise aus dem Germanischen übernommen wurde. Der Bestandteil Alco befindet sich in Personennamen wie Alcimus, Alcovindus, Alctus,aber auch in Ortsnamen wie Alciacum (heute Auxay) oder Alconis (heute Bourmes de Mimosas). Sepiola hatte im Frühjahr in einem anderen Thread erwähnt, dass der Name Alco nicht keltisch ist nach Harald Bichlmeier und Stefan Zimmer (Die keltischen Flussnamen im deutschsprachigen Raum, Dettelbach 2022).

Den Namen der römischen Kriegsgegner "Alamannen" erklärt der römische Historiker Asinius Quadratus in der Mitte des 3.Jahrhunderts folgendermaßen:"
Die Alamannen aber, wenn man dem Asinius Quadratus glauben darf, einem Mann aus Italien, der die Germanenkriege genau beschrieben hat, sind zusammengelaufene und vermischte Leute; und das bedeutet auch ihr Name.“ Agathiae Myrinaei Historiarum libri quinque
Die Einschätzung, dass sich die Alamannen damit einen Sammelnamen für einen kriegerischen Zusammenschluß für gemeinsame Unternehmungen und Raubzüge gaben, der "jedem" offenstand (vielleicht in Anlehnung an die älteren Sueben?), scheint die überwiegende germanistische und historische Deutung zu sein - die Zusammensetzung besteht nach dieser Sicht aus *ala- „alle“ und *manōn- „Mensch, Mann“, und hat nichs mit der Alcimona/Alkmona zu tun.

Zur Besiedlung des Taubertals und des Maindreiecks fand ich diesen interessanten Artikel, der die Abfolge von Hallstatt bis Spätlatène (keltische Hallstatt-und Latènekultur), über Großromstedter Kultur (Frühgermanen 1.Jahrhundert v.Chr.), Rhein-weser-germanischer Kultur (ab 2.Jahrhundert n.Chr.) bis zu den elbgermanischen Einflüssen im 4.Jahrhdt. n.Chr.: Auf der anderen Seite des Limes. Archäologische Schwerpunktgrabung in einer germanischen Siedlung im Taubertal | Denkmalpflege in Baden-Württemberg – Nachrichtenblatt der Landesdenkmalpflege

Unten ein keltischer Personenname in lepontischer Schrift, Alkounios, gefunden auf einer Stele in San Pietro di Stabio (Italien). Er setzt sich zusammen aus alco und vindo und bedeutet etwa weißer Elch.

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Spekulationen helfen hier in keinster Weise. Zu der römischen Militaria gesellen sich auch immer wieder Elbefibeln mit kurzem Nadelhalter, welche um 180 n. Chr. aufkamen. Ihre Dominanz (um 200/230 n. Chr.) von der mittleren Elbe bis zum Dekumatland ist wegweisend. Diese werden dann um 240 n. Chr. von solchen mit langem Nadelhalter abgelöst. Ich selbst habe an der Unstrut so viele dieser Fibeln (beide Formen) nebst Militaria detektiert, dass man eine Magisterarbeit allein über die Fibeln schreiben könnte. Wer die Albannoi sind, und wo deren Siedlungskammern lagen, ist unschwer zu erkennen bzw. sehr gut nachzuvollziehen. Selbst in den Kastellen vom Oberrhein und an der Donau kommen diese vor. Cassius Dio schreibt, dass sich junge Männer dem Kaiser angeboten hätten, dieser aber sie hat niederhauen lassen. Der Kern der Aussage ist - Rekrutierung. Ich kann mir nicht vorstellen das alle getötet wurden. Gerade nach den Markomannen-Kriegen und der Antoninischen Pest war die Personaldecke äußerst dünn. Das belegen auch Inschriften aus Viminacium , welche aus Einheimischen (Nichtrömern) bereits unter Marcus Aurelius rekrutiert wurden. Bei ARTE gab es einen sehr guten Filmbericht vor einiger Zeit darüber.
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Anbei ein kleine Auswahl an Elbefibeln bzw. Fragmenten, welche ich an der Unstrut vor Jahren gefunden habe. Dort liegen immer noch welche. Ganz sicher…
 

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Spekulationen helfen hier in keinster Weise. Zu der römischen Militaria gesellen sich auch immer wieder Elbefibeln mit kurzem Nadelhalter, welche um 180 n. Chr. aufkamen. Ihre Dominanz (um 200/230 n. Chr.) von der mittleren Elbe bis zum Dekumatland ist wegweisend. Diese werden dann um 240 n. Chr. von solchen mit langem Nadelhalter abgelöst. Ich selbst habe an der Unstrut so viele dieser Fibeln (beide Formen) nebst Militaria detektiert, dass man eine Magisterarbeit allein über die Fibeln schreiben könnte. Wer die Albannoi sind, und wo deren Siedlungskammern lagen, ist unschwer zu erkennen bzw. sehr gut nachzuvollziehen.
Womit du eine bestimmte Fibel (eben Almgren VI.2 (Almgren VI.1 hat eher eine Verbreitung nach Skandinavien)) mit ethnischen Gruppen verbindest. Finde ich schwierig.
 
Nein, die Herkunft ist klar in Mitteldeutschland. Es wurden vor Jahren Halbfabrikate und Gußformen der Elbefibeln durch A. Gerdts bei Schkölen/Räpitz detektiert. Sie sind im AiD aufgeführt. Gerdts, als auch ich, haben eine ganze Menge dieser Fibeln ausgehoben. Er für NW-Sachsen, ich in Süd-Sachsen-A. Da gibt es keine zweite Meinung. Sorry. Sie sind nur noch nicht alle publiziert.

Diese Fibeln habe ich auch auf den Fundplätzen um Merseburg an Saale und Luppe.
 
Zuletzt bearbeitet von einem Moderator:
Nein, die Herkunft ist klar in Mitteldeutschland.
Dagegen habe ich mich gar nicht ausgesprochen. Lediglich gegen die Festlegung auf einen spezifischen Stamm. Man kann wohl davon ausgehen, dass zunächst eine Werkstatt diesen Fibeltyp hergestellt hat und der sich entweder ausgebreitet hat auf mehrere Werkstätten.
 
Nun, bisher gibt es nur eine (nachweisliche) Werkstatt - die zwischen Saale und Elster bei Schkölen/Räpitz. Interessant finde ich auch das für die Hohe Kaiserzeit die Elbe als „Alba“ in den schriftlichen Zeugnissen auftaucht (Klaus-Peter Johne - Die Römer an der Elbe).
 
Interessant finde ich auch das für die Hohe Kaiserzeit die Elbe als „Alba“ in den schriftlichen Zeugnissen auftaucht (Klaus-Peter Johne).
Dazu darf ich zitieren:

Du meinst die Stelle in der Historia Augusta:

"His gestis cum ingenti exercitu Gallias petiit, quae omnes occiso Postumo turbatae fuerant, interfecto Aureliano a Germanis possessae. tanta autem illic proelia et tam feliciter gessit, ut a barbaris sexaginta per Gallias nobilissimas reciperet civitates, praedam deinde omnem, qua illi praeter divitias etiam efferebantur ad gloriam. et cum iam in nostra ripa, immo per omnes Gallias, securi vagarentur, caesis prope quadringentis milibus, qui Romanum occupaverant solum, reliquos ultra Nicrum fluvium et Albam removit. tantum his praedae barbaricae tulit quantum ipsi Romanis abstulerant. contra urbes Romanas castra in solo barbarico posuit atque illic milites collocavit."

An diese Stelle sind zwei Fragen zu stellen:
1. Kann man dem Autor hier trauen?
2. Was ist mit "Alba" gemeint?

1. Die Informationen der Historia Augusta für Probus sind mit Vorsicht zu genießen. Mitunter widerspricht sich der Autor selber, mitunter hat er belegte Ereignisse nachweislich falsch zugeordnet. An dieser Stelle behauptet der Autor, Probus habe 400.000 Gemanen niedergemacht, die "römischen Boden besetzt hatten". Welche Glaubwürdigkeit verdienen solche Angaben?

2. Der "Nicer" wird hier als Fluss bezeichnet, bei der "Alba" fehlt eine solche Bezeichnung. Ist hier überhaupt ein Fluss gemeint? Gerald Kreucher* stellt zwei Möglichkeiten vor: Einiges spricht von der Identifizierung mit der Schwäbischen Alb. Oder aber der Autor der Historia Augusta hat sich hier ein Wortspiel mit "niger" (schwarz) und "alba" (weiß) geleistet.

Die Chronologie der Ereignisse des Feldzugs gegen Alemannen und Franken rekonstruiert Kreucher folgendermaßen:
- Am 5. Mai 277 befand sich Probus noch in Sirmium (heute Sremska Mitrovica, serbische Vojvodina)
- Das Heer könnte Mitte Mai von Sirmium oder Siscia aus aufgebrochen sein und wäre dann frühestens Ende August in Zentralgallien (Lugdunum) gewesen sein.
- Nachdem sich das Heer aufgeteilt hatte, um die gallischen Städte von den germanischen Eindringlingen zu befreien, könnte Probus den oberen Rhein bei Cambete (Kembs) Ende September/Anfang Oktober erreicht worden sein:
"Das fortschreitende Jahr mochte noch für ein Übersetzen über den Rhein ausreichen, um den Allemannen eine Lektion zu erteilen.
Allerdings kann von einem in der Vita (13,7) berichteten Vorgehen über Niger und Alba keine Rede sein."

Ich halte es für denkbar, dass römische Truppen zumindest im Mündungsbereich des Neckar und der Alb (zwei Schwarzwaldflüsse, die Obere und die Untere Alb, hießen tatsächlich Alba) im Herbst 277 operiert haben. Ob der Autor der Historia Augusta von solchen Details Kenntnis hatte, möchte ich allerdings bezweifeln.



* Der Kaiser Marcus Aurelius Probus und seine Zeit (= Historia. Einzelschriften; Heft 174), Stuttgart 2003

Johne interpretiert das ein wenig anders als Sepiola, aber es gibt auch Gemeinsamkeiten in den Überlegungen (Wortspiel schwarz-weiß):

"Allein die Deutung 'Neckar und Elbe' passt zu der Schilderung der Probusvita mit ihren anachronistischen Eroberungsplänen. [...] Die Passage verbindet spätantikes Wunschdenkenaus der Zeit um 400 mit nicht mehr vorhandenen Kenntnissen der wirklichen geographischen Verhältnisse. [...] Wie weit es von dort bis zur Elbe ist, weiß der Biograph des Probus ebenso wenig, wie Herodian, der Commodus und Maximinus Thrax Feldzüge von der Donau bis an den nördlichen Ozean unterstellt. Die Unsicherheit wird durch die vielleicht beabsichtigte doppeldeutige Aussage der Stelle ultra Nigrum fluvium et Albium 'über den schwarzen und weißen Fluß', über Neckar und Elbe noch unterstrichen."​

Sprich: Johne glaubt zwar, dass in der HA bzgl. Probus von der Elbe die Rede sei, aber er wundert sich schon ein wenig über diesen Fehler des Biographen des Probus, der keine Ahnung von Geographie hatte bzw. panegyrisch die Leistungen des Probus überhöhte. Sepiolas Deutungen (es handele sich um einen der beiden Flüsse entsprechenden Namens zwischen Rhein und Neckar bzw. evtl. gar nicht um einen Fluss) haben einiges für sich. Das Geschehen hätte sich dann entweder westlich des Neckar oder südwestlich des Neckar abgespielt.
 
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Mit dem Auffinden des Schlachtfeldes am Harzhorn aus der Zeit des Maximinus Thrax 235 n. Chr. waren Historiker, wie auch Archäologen, gezwungen umzudenken. Das das bisweilen dem Ein oder Anderen schwer fällt ist weder mein Problem, noch kann die Befundlage etwas dafür. Wenn dann noch ein riesiges Lager wie bei Calbe auf Grund der Funde auf den Anfang des 3. Jh. n. Chr. verweist, dann sollte man spätestens jetzt umdenken. Das römische Heer war in der Hohen Kaiserzeit wesentlich mobiler als zu Zeiten des frühen Prinzipats. Vor allem die Entwicklung mobiler und vor allem leichteren Fernwaffen (Armbrüste), Speerschleuder (mit Lederschlaufe mittig angebracht) brachten die Römer wieder auf die Erfolgsstraße. Die kleinen Vierkantbolzen wurden erstmalig am Harzhorn entdeckt (M. Geschwinde). Das Pilum war zwar vereinzelt noch in Gebrauch, jedoch schon ein Auslaufmodell, da man auch Teile von dessen viel leichteren Nachfolger, dem Spiculum, am Harzhorn fand. Ein Umdenken der Bewaffnung zu Zeiten der Severer war das Ergebnis aus den verheerenden Verlusten der schweren römischen Infanterie gegen die Markomannen und Quaden an der Donaufront unter Marcus Aurelius.
 
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