Schloss-Wiederaufbau - ein deutscher Trendsport?

Dieses Thema im Forum "Ausstellungen | Historische Sehenswürdigkeiten" wurde erstellt von Rovere, 1. Dezember 2008.

  1. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Aus dem Artikel:
    Und an der nordwestlichen Ecke ragt der Modernismus der Fachhochschule in den Platz, ein eleganter zweistöckiger Bau auf schlanken Säulen, dessen Fassade dringend neuen Putz und einen neuen Anstrich brauchte.
    :fs: Ähhhhhhh... dazu fällt mit bei diesem Betonständerbau nichts mehr ein. :nono:
    Und trotzdem finde ich, dass die Autoren Recht haben:
    Was man am Alten Markt versucht, ist die komplette Auslöschung all dessen, was zu Zeiten der DDR gebaut wurde, und das ist nicht nur ein Akt der Herzlosigkeit gegenüber denen, die hier in den siebziger und achtziger Jahren ihre Zeit verbracht und vielleicht ein paar schöne Erinnerungen an den Ort haben; es nimmt auch denen, die nach Potsdam kommen, die Chance, seine Geschichte zu verstehen.
    Die Frage ist doch, welches Weltbild dahinter steht, wenn man alte Barockschlösser, die Jahrzehnte verschwunden waren, wieder auferstehen lässt. Es war ein historisches "Verbrechen", sie abzureißen; dieses versucht man nun durch ein neues historisches "Verbrechen" rückgängig zu machen. Aber Paläste sind eben keine Bauwerke des Volkes und damit auch einer Demokratie nicht angemessen, vor allem wenn es darum geht, sie wieder auferstehen zu lassen. Vor allem verstärkt man aber mit solchen Abrissaktionen das Gefühl, das viele Ostdeutsche teilen: Dass sie, ihre Geschichte und Gefühle nichts gelten, dass sie von "Wessis" überfahren werden und nur Bürger zweiter Klasse seien. Das wiederum führt dazu, dass Ostalgie politisch wird und sich in den Wahlen niederschlägt. Ob das "innerdeutscher Neokolonialismus" ist, wie ihn die Autoren diagnostizieren, weiß ich nicht. Also auch wenn ich die Beurteiung der Gebäude, welche die Autoren vornehmen, nicht teile (und unterstelle, dass sie das insgeheim auch anders sehen), halte ich den Grundtenor des Artikels für richtig. Neohistorismus ist ein Fake!
     
  2. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Wer Säulen und Stützen in einen Topf wirft, hat halt scheinbar keine Ahnung von Architektur. Aber das scheinen ja auch generell keine Architekturkenner zu sein, die den Artikel abgefasst haben.

    Ob Barockarchitektur nun zu einer Demokratie passt oder nicht, finde ich nicht den springenden Punkt. Die Frage ist für mich, ob nicht die Architektur jeder Baustilrichtung seine Daseinsberechtigung hat. Zahlreiche Bauten aus der DDR-Zeit wie der Palast der Republik oder auch das Gebäude des großen Bauernkriegspanoramas in Bad Frankenhausen mögen heute manch einen ästhetisch nicht gefallen, aber sie sind eben herausragende Zeugnisse eines Zeitgeistes und architektonische d.h. künstlerische Ausdrucksmittel gewesen. Wie man eine Fachwerkstadt (Schwäbisch Hall, Stolberg im Harz usw.), eine Renaissancestadt (Görlitz) als Gesamtensemble erhalten will wegen dem Wert als Baudenkmal, so dürfte ähnliches auch für Hinterlassenschaften der DDR gelten.
     
  3. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Ich kann dazu nur wiederholen:

    Ich freue mich darüber, dass angesichts flächendeckender Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg einige Städte wenigstens zentrale Identifikationsorte durch Rekonstruktionen wichtiger Bauwerke neu erstehen lassen. Auch wenn das Innere modern gestaltet wird, so sind solche Bauten doch Erinnerungsmale, die unverwechselbar sind.

    Manche Architekten sprechen von "Disneyland" und kritisieren die angeblich rückwärtsgewandte Baugesinnung. Anscheinend besteht jedoch bei der Mehrheit der Bevölkerung der Wunsch, angesichts der Masse gesichtsloser Bauten besonders der frühen Nachkriegsära zu einer zumindest partiellen Heilung verlorener Bausubstanz zu kommen. Aus diesem Grunde haben wir rekonstruierte Schlösser, Bürgerbauten und Marktplätze in Dresden - dort sogar mit Schloss und Frauenkirche sowie einigen Palais -, in Potsdam, Hannover, Berlin, Braunschweig, Hildesheim usw.
     
  4. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Wo kann man derlei Wünsche nachlesen?

    Die Frauenkirche ist aber auch ein Sonderfall. Hier ist der Wiederaufbau der Frauenkriche, der zu einem großen Teil aus England finanziert wurde, auch ein Symbol des freundschaftlichen Bandews ehemaliger Kriegsgegner. Was Potsdam angeht, so ist die Stadt doch voll von echter historischer Bausubstanz.
    Was das Beispiel aus Potsdam angeht, so hat man den Eindruck einer zweiten damnatio memoriae, die erste damnatio memoriae unter Stalin/Ulbricht, die zweite damnatio memoriae unter geschmierten Bürgermeistern, die sich und den Großinvestoren ein Denkmal setzen wollen. Als ginge es darum, bestimmte stadtgeschichtliche Entwicklungen vergessen zu machen.
     
  5. flavius-sterius

    flavius-sterius Aktives Mitglied

    Aus meiner persönlichen Erfahrung wohnen manche Verfechter der 1950er und 1960er Jahre-Architektur gerne in einer alten Wassermühle aus dem 17. Jahrhundert oder in der Gründerzeitvilla eines schicken Vorortes einer Großstadt. Für mich haben die billig hochgezogenen Klötze der 60er Jahre im Westen oder die Plattenbauten im Osten nicht wirklich etwas mit dem Bauhaus der 20er und 30er Jahre zu tun. War denn die Intention des Bauhauses, kostensparend eine große Anzahl gleichförmiger Immobilien zu errichten?
     
  6. Biturigos

    Biturigos Aktives Mitglied

    Kurz nach der Wende bereiste ich das erste Mal die untergehende DDR (1990). Faszinierend fand ich, dass zum Beispiel das Rheinsberger Schloss zu einer Diabetiker-Klinik umfunktioniert worden war. Also in einem "demokratischen Sinn" verwendet wurde, und gleichzeitig als kulturelles Gedächtnis (der Ereignisgeschichte, der Architektur, Kunst, des Landschaftsgartenbaus, aber auch der Literatur - Fontane, Tucholski) erhalten wurde. Zwei Jahre später (1992) war ich wieder dort, "man" (bei einer Schloßführung) befürchtete den Ausverkauf, eine große Hotelkette interessierte sich für das touristische Filetstück am Rheinsberger See. Insofern bin ich froh, dass es immerhin als Museum im Besitz der Stiftung Preussische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg der demokratischen Öffentlichkeit erhalten geblieben ist. ich habe jetzt in einem Artikel gelesen, dass trotz eines Befehls Stalins 209 von 1947, der den Abriss aller Schlösser befahl, nur etwa 20 % tatsächlich abgerissen wurden, einfach weil man die übrigen Schlösser als Erholungsheime, Waisenhäuser, Bibliotheken, Jugendclubs, Hotels, Museen, Urlaubsheime, Trinkerheilanstalten, Kuhställe, Gemeindeverwaltungen, Kinderheime, Krankenhäuser, Jugendwerkhöfe und Zuchthäuser brauchte. Alle Gebäude zu erhalten ist pragmatisch und finanziell kaum möglich und sinnvoll, über den Erhalt des Rheinsberger Schlosses habe ich mich sehr gefreut. Wahrscheinlich bin ich nur romantisch, oder es liegt an der Erzählung Rheinsberg: Bilderbuch für Verliebte von Kurt Tucholski.
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. April 2017

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