Shanghaien

Naresuan

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Der Begriff für das Pressen von Seeleuten sei im 19. Jh. entstanden. Wahrscheinlich zuerst im englischen Sprachraum.
Es gibt mehrere Meinungen, was das Wort ursprünglich bedeutete.

1. Schanghai = lange Reise
Englischsprachige Enzyklopädien führen die Wortherkunft darauf zurück, dass Matrosen für besonders lange und daher unbeliebte Schiffsreisen auf unlautere Weise gewonnen wurden. Prototypisch für eine solche Reise war die Fahrt nach und von Schanghai.

2. Methoden anzuwenden, wie sie bei Kulis in Shanghai angewendet wurden.
In die internationale Seemannssprache ging die gewaltsame Rekrutierung der Arbeitskräfte als Schanghaien ein.
Kuli (Tagelöhner) – Wikipedia

3. Methoden anzuwenden, wie sie John "Shanghai Chicken" Devine in San Francisco ab 1851 benutzte, wobei sich "Shanghai Chicken" auf eine Hühnerrasse bezog.
Es gibt zwar Belege dafür, dass zu der Zeit eine Hühnerrasse, vermutlich das Cochin-Huhn, in Amerika als "Shanghai chicken" bezeichnet wurde, aber nicht dafür, dass John Divine zu seinen Lebzeiten mehr als "The Chicken" genannt wurde.

4. Shanghaien bezog sich zuerst nur auf die heimliche Verabreichung von Betäubungsmitteln vermeintlich chinesischer Herkunft (Opium, Laudanum), ohne dass es mit einer Entführung einher ging.

5. Das Wort hatte bereits die Bedeutung von trickreicher Überwältigung oder Entwendung, bevor es bei Seeleuten verwendet wurde und ohne dass dabei Drogen im Spiel waren. Beispiele:
"Mr Bower keeps a few dozen choice hens for the eggs which they produce, and although he has been pretty well "shanghaied" in years past, he gives the preference to the black Polands as layers, although the Dominiques are preferred for market or for the table"
Northern Christian Advocate, Management of Poultry and Eggs, 1861
“I don’t wish I was never married,” said a man who was slightly shanghaied at home, “but I must confess I envy a bachelor.”
Albany Evening Journal, 1858

Bei allen stellt sich die Frage: Warum gerade Shanghai? Vor dem Hintergrund, dass Shanghai Mitte des 19. Jh. mit etwa 250'000 Einwohnern, darunter 1840 keine und 1850 etwa 200 Europäer, nicht gerade der wichtigste Hafen in China war.
Besonders weit weg war auch z.B. Sydney und Kulis wurden auch in Hongkong und Macau "überredet".
 
Rein spekulativ: Ein Bezug zu Hanfseilen und Handprodukten. Im 19. Jahrhundert waren Hanfprodukte wie Seile und Segeltuch für die Segelschiffahrt extrem wichtig, da Hanf auch bei Feuchtigkeit reißfester ist als Baumwolle.

In Südostasien wurde v.a. im Golf von Tonkin, damals noch unter chinesischer Kontrolle, Hanf produziert.

"Shanghai" könnte sich also auf eine Materialqualität bei Hanf beziehen, und der übertragene Begriff wiederum auf sicheres Fesseln, Binden, Festzurren.
 
Ich kenne es im englischen Sprachgebrauch im ersten Sinne, dass man nach einer durchzechten Nacht morgens aufwachte und erfuhr, dass man Seemann war. Warum ausgerechnet "Shanghai" weiss ich auch nicht, aber zu deutsch wird auch manchmal von der "Pampas" geredet, die in Sued-Amerika ist. Daher gehe ich davon aus, dass es sich sowohl um "das Ende der Welt" handelt und sich gleichzeitig darauf bezieht, dass die Rekrutierung fuer Seeleute in Grossbritannien im 17-19 Jhdt meistens nicht ganz astrein war, man nach Jahren irgendwo auf der Welt war und sich das Marineministerium immer wieder mal weigerte Sold zu zahlen.
 
5. Das Wort hatte bereits die Bedeutung von trickreicher Überwältigung oder Entwendung, bevor es bei Seeleuten verwendet wurde und ohne dass dabei Drogen im Spiel waren. Beispiele:
"Mr Bower keeps a few dozen choice hens for the eggs which they produce, and although he has been pretty well "shanghaied" in years past, he gives the preference to the black Polands as layers, although the Dominiques are preferred for market or for the table"

Northern Christian Advocate, Management of Poultry and Eggs, 1861
“I don’t wish I was never married,” said a man who was slightly shanghaied at home, “but I must confess I envy a bachelor.”
Albany Evening Journal, 1858
In beiden Beispielen sehe ich keinen Anhaltspunkt für die Bedeutung "trickreiche Überwältigung" oder "Entwendung".
 
In beiden Beispielen sehe ich keinen Anhaltspunkt für die Bedeutung "trickreiche Überwältigung" oder "Entwendung".
Du hast recht, das waren keine guten Beispiele für die genannten Interpretationen. Beim ersten Beispiel interpretierte ich, dass dem Mr Bower entweder Hühner, Eier oder sein Zuchtgeheimnis entwendet wurden. Es kann aber auch einfach nur "getäuscht" oder etwas anderes heißen.

Bei der trickreichen Überwältigung hatte ich ein anderes Beispiel im Kopf, aber auch bei dem kann shanghaied alles Mögliche heissen (betäubt, ausgetrickst).
Cooney Discharged.—This notorious character was discharged yesterday. After having repeatedly beaten the woman with whom he lived, he was arrested, discharged on bail, again arrested for beating her, again discharged on bail, and finally, by the exertions of the prosecution was brought before a jury. After every quibble of our miserable law was met and set aside, lo and behold, the witness turns up missing. Whether she was bribed to keep out of the way, shanghaied, or locked up, is not known—she was certainly not forthcoming when wanted. A more ridiculous farce than the prosecution of this fellow, has never been witnessed in the Recorder’s Court.
Daily Placer Times and Transcript, 16.10.1855

Bei den Beispielen, kann man jedoch davon ausgehen, dass sie nichts mit der Seefahrt zu tun haben, sondern shanghaien in einem übertragenen Sinn benutzt wurde.

Es wundert mich, dass ein bis 1843 unbedeutender Hafen wie Shanghai, innerhalb relativ kurzer Zeit namensgebend für ein zweifelhaftes Verfahren bei der Rekrutierung von Seeleuten werden konnte und dieser Seemannsausdruck auch gleich noch von Landratten benutzt wurde.

Alle Zitate von hier:
 
Aus der oben verlinkten Sammlung kann man entnehmen, dass es das Wort "Shanghaien" spätestens 1853 in San Francisco gab.
Vor diesen ersten Erwähnungen findet man im Englischen meist den Begriff "crimping" für das Gleiche.
Die erste Erklärung für die Herkunft des Wortes stammt von Reverend William Taylor in Seven Years Street Preaching in San Francisco von 1856, wo er schrieb:
Even from Canton they could stand a pretty good chance of a direct run back, but from Shanghae in China, there were seldom any ships returning to California. To get back, therefore, they must make the voyage around the world. … Hence to get ‘crews’ for Shanghae … they depended, almost exclusively, on drugging the men. Crews for Shanghae were, therefore, said to be Shanghaed, and the term came into general use to represent this whole system of drugging, extortion, and cruelty.
und
...they have what is called the Shanghae cigar which is thoroughly impregnated with opium and other poisons. The smoking of one is equal to a dose of chloroform with more lasting effects.

Warum sollten Schiffe nach Shanghai nicht nach Kalifornien zurückkehren, wenn das bei Schiffen nach Kanton der Fall war, zumal eine Reise nach Shanghai kürzer war?
1856 waren Schiffe im Linienverkehr zwischen China und San Francisco unterwegs. So kamen z.B. 1852 bereits 25000 Chinesen in Kalifornien an und das meist freiwillig.

Etwa gleichzeitig, also um 1850, tauchen diverse Lieder und Aufsätze auf, die dem "Shanghai" Hahn bzw. dessen Krähen gewidmet waren. Dieses soll der Hahn besonders laut, ungewöhnlich oft und unerwartet von sich gegeben haben. Der "Shanghai crow" wurde bald zur Metapher für lautes Auftreten, auch für unvermitteltes Aufwachen (aus dem Rausch?).

The Shanghai, A Comic Song, 1855

Einen Zusammenhang zwischen Laudanum und dem "Shanghai crow" scheint es auch zu geben.
Aus the Richmond and Louisville medical Journal, 1870
But I might hold a spoonful of laudanum in my mouth and try if it would not deaden this pain. So I took a sip and Shanghai crowed again.
In dem Bericht kann auch das Krähen eines realen Shanghai Hahns gemeint sein, ich werde daraus nicht ganz schlau, es geht um eine Knochenkrankheit.

Ein Seemannsspruch aus dem 19. Jh.:
De danger's ober when de Shanghai crow.
Was könnte das bedeuten?
 
Mein erster flüchtiger Gedanken.

Um 1850 jemanden mit KO Tropfen zu betäuben dürfte nicht ohne Risiko gewesen sein. Egal ob Arzt oder Anwerber und ganz besonders der Patient/Seemann konnten nicht sicher sein wieder zu erwachen. Wenn der Hahn (Shanghai crow) kräht wird man wach und die größte Gefahr ist vorbei?
 
Wenn der Hahn (Shanghai crow) kräht wird man wach und die größte Gefahr ist vorbei?
Denkbar ist so etwas, nämlich dass der Hahnenschrei als Ende einer Betäubung durch Drogen galt.
In dem oben erwähnten Bericht zur Periostitis kräht der Hahn sechs Mal. Wenn ich mich nicht täusche, geht es dabei um Halluzinationen nach Opiumkonsum. Der Bericht endet mit den Worten:
That was Shanghai's sixth crow and it roused me enough to make me look at my watch. It was five minutes after twelve. I have heard of an opium sleep and now I know what this means.

Den Spruch fand ich einerseits in einer Liste von Aphorismen "from the quarters", andererseits auch am Ende von Texten, die nichts mit Drogen zu tun hatten und wo ein Zusammenhang nicht ersichtlich ist.
Der Shanghai Hahn war eben auch dafür berüchtigt, dass er zu Unzeiten krähte und das ständig. Wenn man nun diese Eigenschaft mit dem Spruch verbindet, könnte es auch bedeuten, dass das Ende nicht vorhersehbar ist. Vielleicht soviel wie "Fortsetzung folgt"?
 
Kann es sein das in Shanghai um 1850 der Opium Genus verbreiteter war als in anderen chinesischen Häfen?
M.E. ist Shanghai nach der Öffnung des Hafens bis 1850 betreffend Opium noch nicht in außerordentlichem Maß aufgefallen. Auch die chinesischen Einwanderer in Kalifornien kamen zum größten Teil nicht aus Shanghai.
 
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