Vorteile der Bauernbefreiung dürfte nur ein kleiner Bevölkerungsanteil genossen haben. Die meisten Landbewohner waren keine selbstständigen Bewirtschafter eines Hofes. Wegen der Ablösebedingungen verloren viele von denen ihren Hof wieder.
Naja, man wird argumentieren können, dass die persönliche Freiheit durchaus einen Vorteil gegenüber der Leibeigenschaft darstellte, was die Möglichkeit betrifft ein selbstbestimmtes Leben zu führen und in den Genuss dieses Vorteils kamen auch diejenigen, die unter zunehmend marktwirtschaftlichen Bedingungen nicht konkurrenzfähig waren.
Evtl. reichte es ja, die Zahl der Systemanhänger zu vergrößern, auch wenn es der Mehrheit durch die Reformen nicht besser ging. Den freien Bauern, die sich halten konnten, ging es besser. Den Großbürgern und überhaupt vielen Bürgern ging es besser.
Da sind schon wieder Begrifflichkeeiten drinn, die da nicht rein gehören. Was sind "Systemanhänger"? Und warum hätte man ihre Zahl vergrößern sollen? Das klingt, so, als seist du der Meinung, als handelte es sich um zentral gesteuerte Wirtschaftspolitik auf demokratischer Basis, bei der irgendwie wichtig wäre, möglichst viele Beführworter zu haben.
Natürlich gab es politische Auseinandersetzungen um die Leibeigenschaft, aber es ist ja keinewswegs so, dass die nur auf der ökonomischen Ebene stattgefunden hätten oder dass sie sich nur an einem einzigen Modell orientierten.
Erstmal passiert im Zuge der (ansonsten recht überschätzten) Aufklärung etwas entscheidendes auf der gesellschaftlichen Ebene, nämlich das Aufkommen der Vorstellung von nicht positivem Naturrecht und Naturrechten, aus denen sich dann später so etwas wie Menschenrechte/Grundrechte entwickeln sollten
Das wird so in Form der französischen Revolution zum ersten mal in der "Déclaracion de droits de l'homme" so etwas wie eine manifeste, offizielle Staatsdoktrin der sich formierenden 1. französischen Republik, aber Ideen und Debatten zum "Naturzustand" und zu natürlichen, nicht veräußerbaren Rechten gibt es in der europäischen Philosophie/Aufklärung zu diesem Zeitpunkt natürlich bereits seit längerer Zeit.
Dazu kam auch zunehemend die Beobachtung bei den Grundherren, dass das System erzwungener Arbeit relativ ineffizient war, weil unter diesen Umständen die Leibeigenen nicht besonders motiviert waren, was dann regelmäßig zu "Bummelstreiks" etc. führte.
Die Einsicht, dass das reformbedürftig war, hatten einige Monarchen und Grundherren schon deutlich vor der Revolution in Frankreich. Kritik abseits ökonomischer Fragen am System der Leibeigenschaft war auch bereits im Rahmen der Vorstellung des Naturrechts vorhanden.
Insofern ging dieses System aus meheren Gründen ohnehin seine Ende entgegen.
Und was Beführworter und Gegner der "Bauernbefreiuung" unter den bäuerlichen und unterbäuerlichen Schichten selbst betrifft, darf man nicht übersehen, dass es eben nicht nur ein möglichs Umsetzungsmodell gab und dass die Bauern und Landwarbeiter selbst zum Teil auch völlig falsche Vorstellungen davon gehabt haben dürften, weil sie zum Großteil eben Analphabenten waren und Streitschriften dazu nicht selbst lesen konnten, sondern Ideen teilweise nur vom hören-sagen her kannten.
Nur wie das mit der "stillen Post" ist, dann werden auf dem Weg eben Dinge hinzugedichtet, weggelassen oder uminterpretiert und dadurch völlig falsche Erwartungshaltungen fabriziert.
Ein Großteil der Bauern wird sich kaum über Ökonomische Zusamenhänge Gedanken gemacht haben, weil sie davon eben durch das System der Leibeigenschaft und ihre Lebenserfahrung bislang weitgehend abgeschottet waren.
Sie hatten sich vor der Bauernbefreiung nie auf einem Markt behaupten müssen, also werden sie, oder die Meisten das gar nicht auf der Rechnung gehabt haben.
Und dann ist natürlich auch die Frage, was man sich unter "Bauernbefreiung" so vorstellte.
Dazu kann ich im Bezug auf Frankreich relativ wenig sagen.
Mir sind allerdings so ein wenig die Vorstellungen der bäuerlichen Bewegungen in Russland im 19. und am Beginn des 20. Jahrhunderts bekannt und die liefen, in weiten Teilen mehr oder weniger auf die Idee hinaus, dass der Großgrundbesitz zerschlagen werden, den Bauern Land zugeteilt und jede Form von Besteuerung der Bauern verboten/unterbunden werden sollte.
Nun kann ich das nicht belegen, ich kann mir aber durchaus vorstellen, dass die Ideen, die die Bauern in Mittel- und Westeuropa davon hatten, was "Bauernbefreiung" bedeuten würde zum Teil möglicherweise durchaus ähnlich waren.
Und das würde beudeten, dass das Schlagwort "Bauernbefreiung" unter den Bauern und Landwarbeitern möglicherweise deswegen sehr viele Fans hatte, weil die sich darunter etwas vollkommen anderes vorstellen, als die Grundherren oder die Monarchen.
Warum begann die Industrialisierung in England ? Dazu wurde in diesem Forum schon einiges geschrieben. Arbeitskräftemangel wurde nicht als Grund genannt.
Arbeitskräftemangel, in Form von Menschenmangel, wie du dir das vorstellst, gehört auch sicherlich nicht dazu, relativ hohe Preise für meschliche Arbeit, weil Personen mit schlechter wirtschaftlicher Perspektive eben nach Amerika abwandern konnten und nicht unbedingt darauf angewiesen waren, sich in der heimischen Wirtschaft zu verdingen schon.
Das ist auch durchaus schon als Aspekt angeführt worden. Kann ich dir ziemlich genau sagen, weil unter anderem ich das an andrer Stelle man angesprochen hatte.
Warum England? Ich würde eine Mischung folgender Aspekte anführen:
- Vorhandensein von Schlüsselrohstoffen (Kohle, Eisenerz, verschiedene andere Metallerze) in großem Stil.
- Vorhandensein großer potentieller Absatzmärkte, die teilweise de facto exklusiv waren (Amerikanische Kolonien, zunehmend Indien)
- Relativ hohe Preise für menschliche Arbeitskraft.
- Relativ günstige Transportmöglichkeiten (kurze Wege zu den Küsten und die Möglichkeit auch weite Teile des Binnenhandel über Wasserwege abzuwickeln, dazu relativ gutes Straßensystem, damit verbunden schnelle Nachrichtenwege.
- Relativ gut entickelter, für seine Zeit sehr moderner Geldmarkt und vorhandensein von Rechtsformen (Aktiengesellschaften), die für Aufbau von und Kapitalbeschaffung für größere Unternehmen notwendig/sehr hilfreich sind.
Eine Mischung dieser Faktoren war in GB mehr oder weniger einzigartig.
Es gab kommerziell gut entwickelte Gebiete, wie etwa die Niederlande, denen blöderweise aber die Rohstoffe fehlten, es gab auch rohstoffreiche Gebiete wie die iberische Halbinsel, Frankreich oder Teile Deutschlands, denen Transportinfrastruktur und Finanzierungsmöglichkeiten fehlten (in Preußen z.B. wurden Aktiengsellschaften als Rechtsform erst im 19. Jahrhundert möglich) oder aber in denen menschliche Arbeitskraft einfach so billig war, (z.B. Russland, Teile Preußens und Österreichs), dass es sich ökonomisch erstmal überhaupt nicht lohnte über technische Möglichkeiten nachzudenken.
@dekumatland ich gehe später noch drauf ein.