"Späte" Vertreibung/Flucht in Ostpreußen?

Dieses Thema im Forum "BRD | DDR" wurde erstellt von SophieWei, 25. Dezember 2017.

  1. SophieWei

    SophieWei Neues Mitglied

    Nach meiner längeren Recherche stoße ich nur auf "Gründe" und Erfahrungen, die besagen, dass die damalig ansässigen Deutschen in Ostpreußen hauptsächlich vor der Roten Armee möglichst nah an 1945 geflohen sind. Und diese dann schließlich auch schnell aus Polen vertreiben wurden.

    Nun habe ich einen persönlichen Fall, der besagt, dass diese Person erst 1957 ihre Heimat verlassen musste. Dabei handelt es sich um ein ziemlich kleines Dorf im Landkreis Mohrungen, genauer Saalfeld. Genaueres kann ich von der Person selbst leider nicht erfahren.

    Die Frage stellt sich mir nun, wie konnte diese scheinbar deutsche Familie so ungewöhnlich (Ist es wirklich so ungewöhnlich??) lange nach Ende des Krieges in Polen bleiben und dabei, nach Überlieferungen keine Probleme gehabt haben? Und was war dann der Grund für die späte Flucht?

    Mir ist klar, dass es darauf keine genauen Antworten bekommen kann, wenn man nicht Zugriff auf die genauen Dokumente hat, aber hat jemand eine spekulative Erklärung?
     
  2. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    da gibt es mehrere spekulative Erklärungen:

    Vielleicht ist derjenige als sogenannter Autochthoner (Einheimischer) anerkannt worden (also von der ursprünglichen slawischen Bevölkerung abstammend) und wurde deshalb als Pole klassifiziert. Möglicherweise sprach er sogar noch polnisch.

    Vielleicht wurde er nicht ausgewiesen, weil man ihn aufgrund bestimmter beruflicher Qualifikation im Lande behalten wollte.

    Der Grund, warum er erst in den 50er Jahren nach Westdeutschland auswanderte, kann auch die Anziehungskraft von Westdeutschland (Wirtschaftswunder und politische Freiheit) gewesen sein.
     
  3. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Es gab ein Fluchtverbot. Wer ganz offensichtlich aus Gründen des Näherrückens der Front seinen Heimatort verließ, musste damit rechnen als Defätist erschossen zu werden.

    Ein Artikel aus den Zeithistorischen Forschungen (3/2005) dürfte dir da ganz ohne Spekulationen genau zupasskommen und nennt u.a. auch die von Carolus bereits angeführten Gründe. Stola, Dariusz: Das kommunistische Polen als Auswanderungsland
    Das kommunistische Polen als Auswanderungsland | Zeithistorische Forschungen
    Dort findest du auch einen Link zur zitierfähigen Version des Artikels. Hier ein Auszug:

    Während der 1940er- und 1950er-Jahre fanden Auswanderungen in beträchtlichem Umfang statt, die nicht in die offiziellen Statistiken eingingen. Diese Emigranten waren nämlich Personen, die (zumindest zum Ausreisezeitpunkt) nicht als polnische Staatsbürger angesehen wurden - zum größten Teil Deutsche. Nach Beendigung der großen Umsiedlungen 1948/49 blieb ein nicht zu vernachlässigender Teil der „anerkannten Deutschen“ in den polnischen Westgebieten. Ihre deutsche Nationalität und Staatsbürgerschaft stand außer Frage; es handelte sich jedoch größtenteils um unentbehrliche Arbeitskräfte einiger Unternehmen, Berg- und Landarbeiter sowie Kriegsgefangene. Noch größer war die Gruppe der deutschen Staatsbürger polnischer Abstammung, die früher einer Deportation hatten entgehen wollen und deshalb ihre polnische Nationalität deklarierten. Nach einiger Zeit änderten sie ihre Meinung oder verweigerten die Annahme der polnischen Staatsbürgerschaft. [...] Der Wunsch, „Polen von den Deutschen zu säubern“, war während des Krieges entstanden und wurde durch die Vertreibungen nach Kriegsende nicht erfüllt, und er beeinflusste auch viele Jahre später noch die Migrationspolitik. Derweil neigte ein immer größerer Teil der einheimischen Bevölkerung der Westgebiete, darunter bereits auch nach dem Krieg Geborene, zur Auswanderung in die Bundesrepublik und zur deutschen Identität.
    [...]
    So wie die Schließung des Landes Teil und Bedingung der Stalinisierung Polens war, so gehörte die stufenweise Lockerung der Restriktionen 1955/56 zum allgemeinen Prozess einer teilweisen Enttotalisierung der VR Polen.
    [...]
    Schon 1954 kündigte sich ein Wechsel in der Passpolitik an, als sich die Partei, zunächst zögerlich, für erste Ausreiseerleichterungen entschied; [...] Die Gesamtzahl der Auslandsreisen schnellte damals nach den Angaben des Innenministeriums auf 33.430 in die Höhe, stieg gegenüber dem Vorjahr also um 50 Prozent. [...] und die Zahl der Auswanderer stieg ab 1956 auf ein Vielfaches.
    [...]
    Die Jahre 1956-1958 waren die Zeit der intensivsten Auswanderungsbewegungen aus der VR Polen, die sich bis in die späten 1980er-Jahren nicht wiederholen sollten. Ein bedeutender Teil der damaligen Auslandsreisen wurde zu einer Ausreise für immer. [...] Den größten Teil der Auswanderer machten ethnische Deutsche und Juden aus, die dementsprechend in die Bundesrepublik, die DDR oder nach Israel gingen.​
     
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