Städte, Stadtrecht und Stadtmauer im Mittelalter

Dieses Thema im Forum "Fragen & Antworten" wurde erstellt von Florian, 11. Januar 2021.

  1. Apvar

    Apvar Premiummitglied

    Wieso sollte es den Landesfürsten stören. Die Händler in der Stadt hatten bessere Einkaufsmöglichkeiten und der Landesfürst gleichzeitig Steuereinnahmen. Die Fernhändler haben versucht es zu umgehen. Bekanntes Beispiel ist die Mauspfad im Kölner Westen.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Mauspfad

    Sie konnte sich so lange halten, weil sie durch Kurkölner Gebiet ging. Also dem Erzbischof von Köln unterstant.
    Dat hilije Kölle hat den Erzbischof 1288 vor die Tür gesetzt. Während 1259 Köln schon das Stapelrecht hatte.
     
  2. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    4000x500 ergibt nach meiner Kopfrechnung auch nicht 20 Millionen. Du bist da um eine Zehnerpotenz verrutscht. Rechne doch bitte noch mal mit einem Taschenrechner nach.
     
  3. Florian

    Florian Gast

    4000 Städte x 500 Einwohner = 2 Millionen Stadtbewohner

    Bei dem besagten Anteil von 10 % Stadtbevölkerung an der Gesamtbevölkerung ergäbe das 20 Millionen Einwohner insgesamt.

    Hatte Deutschland um 1300 20 Millionen Einwohner?

    Nein, nicht annähernd soviele.

    Also erscheint die Zahl von 4000 Städten zu hoch gegriffen. Oder der Anteil von 10 % Stadtbevölkerung.
     
  4. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Im zitierten Text heißt es mal "Deutschland", mal "Mitteleuropa", mal "Heiliges Römisches Reich". Wahrscheinlich ist letzteres gemeint.
    Ich habe mal stichprobenweise ein paar Gegenden abgesucht, wo ich mit der Situation um 1400 relativ gut vertraut bin, und komme jeweils auf durchschnittlich eine Stadt pro 250 km².
     
  5. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Beim Fürstentum Waldeck, eine sehr ländliche Gegend, kommen auf 1055 km² 13 Städte. Gut die "Hauptstadt" Arolsen wurde erst 1719 zur Stadt, also waren es vor 1400 12 Städte.
     
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  6. Naresuan

    Naresuan Aktives Mitglied

    Diese Seite rechnet nur mit dem "Gebiet des späteren Deutschlands": Bevölkerungs- und Einwohnerzahlen – Mittelalter-Lexikon

    Sie gibt die Zahl von 4000 Städten im ausgehenden Mittelalter an. Die Einwohnerzahl Ende 15. Jh. mit 14 Millionen der Anteil der Stadtbevölkerung für diesen Zeitpunkt wird nicht genannt. Ich schätze ihn auf 15%, da er 1400 bereits bei 12% lag und stetig anstieg.
    Für das Jahr 1400 wird die Zahl der Städte mit 3000 angegeben, der Anteil der Stadtbevölkerung mit 12%. Die Gesamtbevölkerung ist nicht angegeben, war aber von 14 Millionen im Jahr 1340 abnehmend auf 10 Millionen im Jahr 1470 - ich schätze mal 12 Millionen.

    Ergibt gemäss meinen Berechnungen für das Jahr 1400 eine durchschnittliche Einwohnerzahl pro Stadt von 480 und für das Ende des Mittelalters eine von 525.

    Auf der Seite wurden explizit alle Einwohner geschätzt, nicht nur die offiziellen Bürger.
    So wie es aussieht, basiert der Artikel auf Zahlen von Friedrich-Wilhelm Henning.
     
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  7. Florian

    Florian Gast

    Im Lexikon des Mittelalters findet sich unter "Stadt. B. Deutschland" auch die Zahl. Danach gab es um 1320 nahezu 4000 Städte, die allermeisten unter 2000 Einwohner und 20 Hektar Fläche. Die Angabe verweist allerdings auf keine Quelle und die Bibliographie am Ende des Lemmas ist zu lang, um diese zu erraten. Womöglich ist die Urquelle gar kein Gegenstand kritischer Betrachtung mehr und die Zahl der mittelalterlichen Städte spukt nach dem Vorbild 'hoher Eisengehalt in Spinat' einfach weiter in der Literatur herum.
     
  8. Florian

    Florian Gast

    Einen Henning kann ich in der besagten Bibliographie des Lexikons des Mittelalters nicht entdecken. Jetzt würde mich schon interessieren, wer auf diese Zahl gekommen ist. Das hieße ja, daß irgendjemand eine riesige Einzelauflistung angefertigt hat und das Gründungsdatum all dieser Städte zu kennen glaubt.
     
  9. Naresuan

    Naresuan Aktives Mitglied

    Ich schon:
    Henning, F.- W. Das vorindustrielle Deutschland 800 bis 1800 Paderborn: Schöningh, 1994
     
  10. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Das ist schon eine ziemlich hohe Dichte.
    Anderswo sah es weit dünner aus. Auffällig wenige Städte gab es in Altbayern:
    Städte und Märkte in Altbayern (Mittelalter/Frühe Neuzeit) – Historisches Lexikon Bayerns

    Eine ziemlich unterschiedliche Dichte haben wir auch in Schleswig-Holstein. In der ostholsteinischen Ecke haben wir die größte Dichte, die kommt aber an das Fürstentum Waldeck nicht annähernd heran:

    Stadtrecht « Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte
     
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  11. Pausanias

    Pausanias Mitglied

    Scheint wohl ein Extrembeispiel für eine besonders hohe Dichte zu sein. Ein Beispiel für eine sehr niedrige Dichte: In der Grafschaft Oldenburg kam an der Schwelle zur Neuzeit auf etwa 2800km^2 eine Stadt (bis 1974 gab es im Oldenburger Land den einzigen Landkreis Deutschlands ohne Stadtrechte (Ammerland)). Im angrenzenden Ostfriesland war die Städtedichte ebenfalls recht gering.
     
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  12. Naresuan

    Naresuan Aktives Mitglied

    Bei der Berechnung von lokaler Städtedichte ist Vorsicht angebracht:
    Auf dem Gebiet der heutigen Schweiz gab es um das Jahr 1200 35 Städte. Im Jahr 1300 hatte sich die Zahl verfünfacht. Man kann davon ausgehen, dass auf diesem Gebiet im Mittelalter insgesamt 200 Städte gab, wovon ca. 50 bis ins Jahr 1400 wieder verschwanden. (z.B. Glanzenberg).
    Davon waren 50 Kleinstädte mit 200-500 Einwohnern und 50 Städte hatten weniger als 200 Einwohner.
    Quelle: D.W.H. Schwarz, Die Städte der Schweiz im 15. Jahrhundert

    Wenn man nur die Gesamtfläche der heutigen Schweiz in Betracht zieht, käme man auf eine geringe Städtedichte. Wenn man aber davon ausgeht, dass damals nur etwa ein Drittel der Fläche besiedelbar waren oder zur Besiedlung geeignet betrachtet wurden, kommt man auf eine relativ hohe Städtedichte von ca. 14 Städten pro 1000 qkm.
    Das gilt natürlich auch für grosse Sumpflandschaften oder Waldgebiete im Flachland.
     
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