Stellung von SPD und USPD zu den Arbeiterräten im April 1919

Dieses Thema im Forum "Die Weimarer Republik" wurde erstellt von Kasary, 20. Dezember 2010.

  1. Kasary

    Kasary Neues Mitglied

    Hallo liebes Forum,

    da der generelle Neuzeitbereich für mich als Neuling leider noch nicht zugänglich ist, ich aber eine Frage zu diesem Bereich habe, stelle ich sie mal hier. Ich hoffe das ist auch okay so...

    Ich mache gerade Abi auf dem 2.Bildungswegs, also als Fernstudium und hab Geschichte Leistung. Mein aktuelles Thema ist die Weimarer Republik und dort bin ich gerade im April 1919 bei dem 2. Zusammentreffen des Arbeiterrätekongress mit der provisorischen Regierung.

    Diskutiert wurde die Frage, welche Aufgabe die Arbeiter- und Betriebsräte denn nun haben würden und wie sie zu organisieren seien.
    Jetzt hat die SPD ja zuvor deutlich gemacht, dass sie sich zunächst um die Parlamentarisierung der Staatsordnung und erst danach um die Intensivierung der Sozialpolitik kümmern wird. Trotzdem kommt es nochmal zu einem Treffen unter diesem Gesichtspunkt, nach den Revolutionstagen im Bergwerk, usw... wo die ersten Räte zur Vertretung der Arbeiterinteressen gebildet wurden.

    Zunächst möchte ich erstmal wissen, ob ich das so korrekt verstanden habe.

    Nun aber zu meiner eigentlichen Frage:
    Welche Stellung nimmt jeweils die SPD und die USPD ein?

    In meinen Heften steht, dass die SPD den Werktätigen eine Stück für Stück Umstrukturierung zugesteht, d.h das sie die Räte befürwortet, oder?

    Bei der USPD dagegen (und da wird Ernst Däuming genannt) wird nur gesagt, das solche Betriebsräte nur dann notwendig sind, wenn die Betriebe kapitalistisch organisiert sind. Sind sie damit für oder gegen die Betriebsräte und vorallem, wie begründen sie das?

    Irgendwie blicke ich da gerade überhaupt nicht durch.

    Und letztlich ist sogar die Rede davon, dass die Rätebewegung im Frühjahr 1919 weitestgehend überflüssig geworden war. Bedeutet das, dass die Betriebe also nach dem Sozialistischen Programm des Reichsräte-Kongress demokratisiert wurden?
    Und wieso wurden dann im Sommer doch wieder Arbeitervertretungen gewählt?

    Ich hoffe ihr könnt mir beim Ordnen meiner Gedanken ein wenig helfen.

    Liebe Grüße
    Sabrina
     
  2. Köbis17

    Köbis17 Gesperrt

    Einfach gesagt:

    Die USPD baut als politische Neuordnung nach 1918 auf die Bildung von Arbeiter- und Soldatenräten. Stichwort: Rätersystem.

    Die SPD versucht dies zu verhindern und erreicht mit den Wahlen zu einer Nationalversammlung 1919 das politische Ende des Versuches der USPD und ab 1919 der KPD die Revolution nach russischen Vorbild weiterzuführen, um die das Rätesystem zu festigen.

    Die Weimarer Republik wird gegründet.

    weitere Stichworte:
    SPD
    USPD
    KPD
    Arbeiter- und Soldatenräte
    Räterepublik

    und hier ein Link mit einer guten Chronik:

    Die Weimarer Republik. Band I. Kapitel 2
     
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  3. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Was köbis sacht.

    Wobei ich ja immer darauf hinweise, dass es die in der Revolution gegründeten Räte selber waren, die für ein parlamentarisches System votierten; die "Verfassung", die sich USPD und Linkskommunisten wünschten, war (kurzfristig und ansatzweise) Realität, doch hatten ihre Gremien langfristig keinen Bock auf sich selbst...

    Zur Rolle der Betriebsräte:
    Diese noch heute existierenden Institutionen haben ihren Ursprung in der Novemberrevolution und wurden mit der Weimarer Verfassung bzw der folgenden Gesetzgebung institutionalisiert. Sie waren allerdings nur reinen Interessenvertretungen der Arbeit(nehm)er und hatten keine Mitbestimmungsrechte, wie das in großen Unternehmen heute der Fall ist. Ihnen war damit die Rolle der "innerbetrieblichen Gegenmacht" gegen den Arbeitgeber weitgehend verwehrt, die sich auch Anhänger der parlamentarischen Demokratie in SPD und freien Gewerkschaften durchs erhofft hatten.
     
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  4. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    @Sabrina

    Die Arbeiter- und Soldatenräte haben mit Betriebsräten nichts zu tun.

    Die Arbeiter- und Soldatenräte entstanden während und in Folge der Novemberrevolution. Eine wichtige politische Frage war Ende 1918/Anfang 1919, Räterepublik <=> parlamentarische Demokratie. Diese Frage wurde zu Gunsten der parlamentarischen Demokratie ("Weimarer Nationalversammlung" => "Weimarer Verfassung") entschieden. Wenn Du die Haltung der Parteien SPD und USPD Dir ansiehst, wirst Du feststellen, daß die SPD eher pro Nationalversammlung war, die USPD eher pro Räterepublik. Du sprichst Herrn Däuming an:

    Vergl. hier:
    Gross-Berliner Arbeiter- und ... - Google Bücher

    Du sprichst eine "Demokratisierung der Wirtschaft" an:

    "Und letztlich ist sogar die Rede davon, dass die Rätebewegung im Frühjahr 1919 weitestgehend überflüssig geworden war. Bedeutet das, dass die Betriebe also nach dem Sozialistischen Programm des Reichsräte-Kongress demokratisiert wurden?
    Und wieso wurden dann im Sommer doch wieder Arbeitervertretungen gewählt?"

    Unter "Demokratisierung der Wirtschaft" subsumierst Du wahrscheinlich den Begriff "Sozialisierung". Über die wurde seinerzeit viel geredet, aber die fand nicht statt. Betriebsräte, als Vertreter der Arbeitnehmerschafft, gab es allerdings, aber die haben nichts mit "Sozialisierung" zu tun und mit einer "Demokratisierung" (?), da hätte ich Zweifel.

    M. :winke:
     
  5. Kasary

    Kasary Neues Mitglied

    Hallo,

    vielen Dank für die ersten Antworten!

    Jetzt fällt mir ein entscheidender Denkfehler von mir auf.
    Ich hatte die Räteregierung immer mit dem Parlament gleichgesetzt. :nono:
    Also zum genauen Verständnis: Die Räteregierung war das, was die USPD wollte. Eine Regierung der Arbeiter- und Soldatenräte quasie. Ist das richtig?

    Aber sind das nicht letztlich auch Volksvertretungen? Also wo genau ist da jetzt der Unterschied zum Parlament?

    Und wieso war die SPD Führung jetzt plötzlich im Rätekongress? Das wäre doch nach meinem Verständnis ein Zusammentreffen der Räte (die von der USPD gewollt waren). Was hat die provisorische Regierung da jetzt plötzlich mit zutun?


    Liebe Grüße
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. Dezember 2010
  6. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Ganz so "einfach" war es nicht. Immerhin wurde Ende 1918 ein Reichsrätekongress einberufen, auf dem darüber abgestimmt wurde, ob es künftig ein Rätesystem oder eine parlamentarische Demokratie geben solle. Einen allgemeinen Wahlmodus gab es nicht, die Art und Weise der Delegiertenbestimmung war den lokalen Räten überlassen. Auf etwa 200.000 Einwohner kam ein Delegierter. Für die Armeeangehörigen wurden ein Abgesandter für 100.000 Soldaten gewählt. Die Wahlen selbst fanden zumeist auf Landes-, Bezirks- oder Provinzebene durch die jeweiligen Räteorganisationen statt.

    Es zeigte sich, dass nur eine kleine Minderheit ein politisches Rätesystem befürwortete, d.h. für die Räte stimmten lediglich 50 Delegierte, wohingegen rund 400 Abgeordnete für das parlamentarische System votierten. Das [FONT=Arial,Helvetica,sans-serif]führte zu den Wahlen vom 19. Januar 1919 und zur daraus hervorgegangenen Nationalversammlung, die am 6. Februar zu ihrer konstituierenden Sitzung zusammentrat. [/FONT]
     
  7. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Besser: Volksbeauftragte. Die USPD strebte auch parlamentarische Einflussmöglichkeiten an, zB Beteiligung an der Wahl zur Nationalversammlung.

    Die KPD strebte eine Räteregierung an. Die Gemengelage Anfang 1919 wird am Beispiel Bayern gut deutlich:
    Münchner Räterepublik ? Wikipedia
    Räterepublik ? Wikipedia
     
  8. Kasary

    Kasary Neues Mitglied

    Ahhh okay, jetzt wird langsam ein Schuh drauf.
    Vorallem die Frage nach dem Reichsrätekongress hat sich erledigt.

    Immernoch nicht deutlich ist mir allerdings, warum SPD und USPD dann so gegeneinander arbeiteten, wenn doch die Grundlage der Regierung die Gleiche war. Die SPD wollte doch auch eine Regierung durch das Volk, also das Parlament waren doch Volksbeauftragte, oder nicht?
     
  9. Köbis17

    Köbis17 Gesperrt

    Na das liegt auf der Hand, die USPD ist das abgespaltete Linke Spektrum der SPD und geht den radikalen linken Weg, über den Spartakusbund zur KPD.
    Doch das Groß der SPD war die "gemässigte Mitte", oder auch die Mehrheit, daher die MSPD.
     
  10. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Die USPD wollte keine parlamentariasche Demokratie, obwohl die Revolutionsräte sich selber abgeschafft und für eine parlamentarische Demokratie votierten hatten. Sie wollte außerdem einen radikalen Schnitt (eben eine Revolutuion in iherm Verständnis als Umsturz nicht nur des bestehenden politischen, sondern auch des wirtschaftlichen und sozialen Systems: Rätedemokratie, Übernahme der Betriebe durch die Arbeiter, Sozialisierung zumindest der Schlüsselindustrien, wenn nicht weiterer Wirtschaftszweige auch.
     

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