Strukturen des mediterranen Fernhandels

Pardela_cenicienta

Aktives Mitglied
  • Schiffswracks sind eigentlich ganz langweilig. Tausende liegen mehr oder minder zerstört unter Wasser, und jede Woche alle Naslang wird eines gefunden.
  • Schiffswracks sind unglaublich spannend. Sie stellen eine Zeitkapsel dar, sind eine Fundstelle mit Alltagsgegenständen aus einer Epoche.
  • Und sie zeigen die Strukturen des Fernhandels.
Deshalb ein Themenfaden, der banale Schiffsfunde und Nachrichten über Häfen und Handelswege vorstellen sollte, und auch vielleicht eine Diskussion und Fragen ermöglichen, die sonst das Forum "Aktuelle Funde" vollstopfen und verkleistern würden.

Ich bin natürlich, interessehalber, an Handelsverbindungen vom Neolithikum über Bronzezeit, klassische Antike und Römisches Reich bis zur Spätantike interessiert.

Es kann aber sein, dass Ihr eine Trennung von Flußschiffahrt und Handel über das Mittelmeer bzw. Schwarzes Meer für besser haltet, und der Indienhandel, die arabische Schiffahrt im Roten Meer, der Fernhandel nach Südostasien sind Sonderthemen, nicht europa-zentriert, die über mehrere Kulturen hinweg gehen. Und von denen ich fast nichts weiß, einige von Euch aber sehr viel!
 


Zumindest mal zwei Rezensionen zu Warnkings Studie, ob hilfreich, kann ich nicht beurteilen.
 
Drei Schiffe aus der Eisenzeit, an der israelischen Mittelmeerküste, im Hafen von Dor

Aus der spanischen National Geographic, ein Artikel vom 24.10.2025, von Sarah Romero:


"In den seichten Gewässern der Dor-Lagune, auch bekannt als Tantura-Lagune, hat ein internationales Team von Archäologen der University of California, San Diego (USA) und der Universität Haifa (Israel) drei Schiffswracks aus der Zeit zwischen dem 11. und 6. Jahrhundert v. Chr. freigelegt.

Diese Entdeckung stellt den ersten direkten Nachweis von Schiffswracks aus der Eisenzeit dar, die in einem bekannten Hafen der südlichen Levante gefunden wurden. Abgesehen von ihrer offensichtlichen Seltenheit schreiben diese Wracks die Geschichte des Seehandels in einer Zeit neu, die von geopolitischen Umbrüchen, dem Zusammenbruch von Zivilisationen und der anschließenden Neugestaltung von Handelsrouten geprägt war."

"Die antike Hafenstadt Dor, die am Fuße des Karmel im heutigen Israel liegt, war über mehr als tausend Jahre hinweg ein Handelszentrum. In der Bronzezeit gegründet, erlebte sie nach dem Zusammenbruch der großen Mittelmeerkulturen um 1200 v. Chr. einen Wiederaufschwung und blühte in der Eisenzeit unter der abwechselnden Herrschaft von Phöniziern, Israeliten, Assyrern und Babyloniern erneut auf. Bislang stammte ein Großteil unseres Wissens über ihre wirtschaftliche Rolle aus landgestützten Quellen. Deshalb verändern diese Schiffswracks die Spielregeln grundlegend."

"Die drei Ladungen wurden übereinander liegend gefunden, als hätte der Meeresboden die Schichten in einer Art Zeitkapsel bewahrt. Jedes Schiffswrack steht für eine andere Phase der maritimen Entwicklung der Region. Das erste ist Dor M (11. Jahrhundert v. Chr.): die älteste gefundene Ladung, die zu einem Schiff gehört, das während der Eisenzeit I sank, nur ein Jahrhundert nach dem Zusammenbruch der späten Bronzezeit. Archäologen fanden hier Amphoren zur Aufbewahrung von Lebensmitteln, Ballaststeine und einen Anker mit Inschriften in der zypriotisch-minoischen Schrift, die auf Zypern und in den umliegenden Regionen verwendet wurde."
"Das Vorhandensein dieser Inschrift [escritura --> eher: dieser Schrift] sowie die Keramiktypologie lassen auf Handelsbeziehungen zu Ägypten, Zypern und der phönizischen Küste schließen. Interessanterweise fallen diese Objekte zeitlich mit der im ägyptischen Text „Die Geschichte von Unamon“ geschilderten Reise zusammen, der eine Seeexpedition nach Dor und anderen kanaanitischen Städten beschreibt, die im Sommer des fünften Regierungsjahres des letzten Pharaos der 20. Dynastie, Ramses XI., aufbrach."

Das zweite Schiffswrack ist Dor L1 (aus dem 9.–8. Jahrhundert v. Chr.), aus einer Zeit, als Dor unter der Herrschaft des Königreichs Israel stand. Die Ladung bestand aus Gefäßen im phönizischen Stil und gewöhnlichem Geschirr, wie beispielsweise dünnen, zweckmäßigen Keramikschalen. Einige Stücke wiesen sogar Reparaturlöcher auf, was auf eine lange Nutzungsdauer der Gegenstände an Bord hindeutet. Im Gegensatz zur vorherigen Ladung wurden keine Spuren ägyptischer oder zypriotischer Importe gefunden, was auf einen Rückgang des internationalen Handels hindeutet. Das Vorhandensein des Steinankers bestätigt jedoch, dass es sich um ein echtes Schiffswrack handelte und nicht um Treibgut. Experten vermuten, dass dieses Schiff wahrscheinlich zur Versorgung regionaler Häfen im Rahmen einer eher lokal begrenzten Wirtschaft eingesetzt wurde.

Das dritte Schiffswrack schließlich ist Dor L2 (das dem 7. bis 6. Jahrhundert v. Chr. entspricht). Es handelt sich hierbei um die jüngste Ladung, die aus einer Zeit stammt, als Dor unter assyrischer oder babylonischer Herrschaft stand, wenn auch weiterhin von den Phöniziern verwaltet wurde. Die Forscher stießen auf Amphoren im zypriotischen Stil mit Korbhenkeln, von denen einige Traubenkerne und Harz enthielten, was darauf hindeutet, dass sie möglicherweise zum Transport von Wein oder Konservierungsmitteln dienten. Der auffälligste Fund waren jedoch neun vorgeschmolzene Eisenblöcke mit Schlacke, die einen direkten Beweis für den Metallhandel im industriellen Maßstab liefern. Darüber hinaus wurden vulkanische und Quarz-Ballaststeine aus weit entfernten Regionen identifiziert, was bestätigt, dass das Schiff das Mittelmeer überquert hatte, bevor es in der Bucht sank."

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Was ich besonders finde:
  • drei Schiffe aus unterschiedlichen Phasen einer Epoche, bei unterschiedlichen Herrschaftsverhältnissen, mit wechselnden Handelspartnern, in einem Hafen, also eine Zeitreihe
  • Den Nachweis von schlackehaltigen Eisenbarren, die als Halberzeugnis zur weiteren hochwertigen Ausschmiedung z.B. für Waffen dienen. Also Fernhandel von Metall bzw. Eisenerz¹.

¹ als kleiner Junge hatte ich eine heimatliche Stahlwerksbesichtigung mit der Schule genutzt, um aus einem Eisenbahnwaggon ein faustgroßes Stück Eisenerz aus dem schwedischen Kiruna zu stibitzen: oben die hellgraue Schlacke, unten das buntschillernde und glitzernde reine Erz, das ganze geformt wie das Matterhorn. Schlackeseite nach unten: Der schönste Briefbeschwerer den ich je hatte...
 
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Ein aus gutem Grund bekanntes spätrömisches Schiffswrack aus Mallorca:

Das Ding liegt übrigens 65 m vom Strand, in 2 m Tiefe.

Aus der National Geographic vom 8.5.2024, ein Artikel des Journalisten J.M. Sadurni, über die Ergebnisse einer Forschungsgruppe der Universität von Cádiz:


"Das spätrömische Schiffswrack, das 2019 ganz in der Nähe eines der belebtesten Touristenstrände der Insel Mallorca, Ses Fontanelles, zufällig entdeckt wurde, wird von Forschern als außergewöhnlicher Fund angesehen – nicht nur wegen seines hervorragenden Erhaltungszustands, sondern auch wegen der Art der Ladung, die in seinen Laderäumen gelagert war.

"Zu den ersten Gegenständen, die von den Unterwasserarchäologen, die das Schiffswrack untersuchten, geborgen wurden, gehört eine Sammlung spätromanischer Amphoren aus dem späten 3. bis zum 6. oder 7. Jahrhundert, die alle mit Verschlüssen versehen waren, auf denen ein Chrismon, ein Anagramm des Namens Christi, eingraviert war. Experten zufolge könnte dieses Element, das zur Kennzeichnung von Alltagsgegenständen verwendet wurde, in diesem Fall auch dazu gedient haben, die Qualität des Inhalts der Amphoren hervorzuheben oder darauf hinzuweisen, dass die Gefäße unter der Kontrolle einer kirchlichen Autorität standen."

Tatsächlich haben petrographische Analysen der in Ses Fontanelles gefundenen Amphoren den wahrscheinlichen Ausgangsort des Schiffes ergeben: die Gegend um Cartagena.

Einzigartig im Mittelmeerraum
"Die archäozoologische Untersuchung des Inhalts der Amphoren (deren Typ als „Ses Fontanelles I“ bezeichnet wurde) sowie der Inschriften (tituli picti) bestätigt, dass die Gefäße eine Fischsauce namens liquaminis flos enthielten, die hauptsächlich aus Sardellen und gelegentlich aus Sardinen hergestellt wurde. Dieselben Inschriften identifizieren die Hersteller der Amphoren als Ausonius et Alunni und zeigen, dass die Ladung auch Olivenöl, in einer aus Trauben gewonnenen Substanz konservierte Oliven sowie Wein in vier verschiedenen Arten von Amphoren umfasste."

"Andererseits zeigt die Untersuchung des für den Rumpfbaus verwendeten Holzes, dass für die Längsstruktur Kiefernholz verwendet wurde, während für kleinere Teile wie Stifte [clavijas], Zapfenlöcher [mortajas] (in die Kanten der Planken gebohrte Löcher), und Zapfen [espigas] (aus den Zapfenlöchern herausragende Holzstücke) härtere Hölzer wie Wacholder, Olivenbaum oder Lorbeer zum Einsatz kamen. Um die Ladung während der Reise zu schützen, verwendete die Schiffsbesatzung zudem Weinreben und andere Pflanzen als Füllmaterial."

"Dank des hervorragenden Erhaltungszustands des Rumpfes, der Ladung sowie der bereits erwähnten Inschriften auf den Amphoren wird dieses Schiffswrack von Experten als einzigartiger Fund im Mittelmeerraum angesehen, da es äußerst wertvolle Erkenntnisse über die Handelsaktivitäten in der Spätantike geliefert hat. Für die Zukunft ist eine wesentlich umfassendere Untersuchung geplant, die die vollständige Ausgrabung der Fundstelle sowie eine detailliertere Untersuchung der baulichen Konstruktion des Schiffes und seiner Ladung umfasst."

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Wir immer, Superlative. Mir gefällt dennoch einiges:
  • Ein gut erhaltenes und dokumentiertes Schiffswrack aus einer Zeit, in der wir nicht so viele Funde haben.
  • Ein neuer Typ der Amphoren ("Ses Fontanelles I"), der sich nach Inhalt und Produzent zuordnen lässt, und den man vielleicht auch andernorts finden wird.

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Es gibt noch einen anderen Bericht dazu:


"Darüber hinaus gilt der Fundbestand dieses Schiffswracks bereits als die umfangreichste Amphoren-Sammlung, die jemals in Spanien entdeckt wurde, und als eine der interessantesten aus der Römerzeit. Es handelt sich zweifellos um einen Fund, der Mallorca sowohl in wissenschaftlicher als auch in akademischer Hinsicht auf die internationale archäologische Bühne bringen wird."


¹ ein richtiger Modename, so eine Art Kevin der Spätantike
 
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Ich bin natürlich, interessehalber, an Handelsverbindungen vom Neolithikum über Bronzezeit, klassische Antike und Römisches Reich bis zur Spätantike interessiert.

Bevor es gleich wieder mit Römer verstopft ist, fällt mir noch das Boot von Zambratija vor Istrien ein. Ein genähtes Boot aus dem 12. bis 10. Jahrhundert BC und zählt als „Prototyp“ der bisher gefunden genähten Boote.

Bei Fernreisen fällt mir immer das Portfolio von Folker Reichert ein, aber der ist mehr bei Kulturkontakte auf dem Land interessant.

Peter Feldbauer Die Portugiesen in Asien 1498-1620. Magnus. Essen 2005
Claudia von Collani Von Jesuiten, Kaisern und Kanonen. WBG. Darmstadt 2012

Feldbauer hatte ich schon Jahre nicht mehr in der Hand, aber bei Collani meine ich auch viel über Tonnagen und Güter im 16. Jahrhundert gelesen zu haben.
 
Deswegen finde ich @pietFFMs Vorsicht und @dekumatlands Spott so gut...

Also, das Diatret-Garumfläschchen des Varus, mit Widmung "VAR(o) VER(o) AMIC(o) ARM(inius) FID(elius) LIB(enter) DONAV(it), gefunden am Ufer der Lippe, meine ich natürlich nicht. Das stellen @Opteryx und @Hermundure in einem separaten Themenstrang über 400 Seiten vor.

Das erscheint hier nicht.

Aber, ganz im Ernst, die Abgrenzung der Epochen sollte hier nicht so streng sein.
 
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Also, das Diatret-Garumfläschchen des Varus, mit Widmung "VAR(o) VER(o) AMIC(o) ARM(inius) FID(elius) LIB(enter) DONAV(it), gefunden am Ufer der Lippe, meine ich natürlich nicht. Das stellen @Opteryx und @Hermundure in einem separaten Themenstrang über 400 Seiten vor.

Aber doch nicht am Ufer der Lippe!
Varus und (auf seinen Spuren) Germanicus trieben sich ausschließlich an Elbe, Saale, Unstrut und Luppe herum. Den Raum zwischen Rhein und Weser haben sie nie betreten!

Es gibt ja die Funde des Germanicus-Horizont, nur nicht an Lippe und Ems.

Und es gibt bis heute keine Funde des Germanicus- Horizont in deinem aufgezeichneten Raum. Warum wohl? Weil Germanicus nie dort wahr.
 
Mein Vorgänger im Verein berichtete in den 70er oder frühen 80er von einem römischen Bootsfund im Main bei Frankfurt-Höchst. Er sollte aus dem 3. oder 4. Jahrhundert stammen, konnte aber wegen der Erhaltung nicht geborgen werden. Im Text war es nicht ganz klar wer an der Fundstelle gearbeitet hat, aber es waren keine Hobbyforscher.

Wer also Infos hat, her damit. TIA
 
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