Thesen zur Hexenverfolgung

Dieses Thema im Forum "Fragen & Antworten" wurde erstellt von Anastasia, 28. April 2019.

Schlagworte:
  1. Anastasia

    Anastasia Neues Mitglied

    Hello,

    ich hab meine Powerpoint Präsentation fast so gut wie fertig, das Problem dabei ist mir fehlen ca. 5 Thesen zur Hexenverfolgung.
    Hat irgendwer eine Idee?
     
  2. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Herzlichen Glückwunsch! Da wir die Fähigkeit des "Gedankenlesens" oder des "Erahnens", was gemeint sein könnte, noch nicht zur Vollkommenheit entwickelt habe, wäre die Nennung des Thema - so für den Kontext der Thesen ganz wichtig - hilfreich.

    Da das Thema allerdings - lang wie breit wie quer - im WWW bereits ausgebreitet ist, und auch im Forum heiss und innig und kontrovers diskutiert wurde, stellt sich zunächst und vor allem die Frage, welche Thesen sich aus Deiner Sicht förmlich aufdrängen.

    Nur damit nicht der Eindruck entsteht, Du würdest andere - womöglich aus Bequemlichkeit (geht ja gar nicht) - denken lassen.

    Zumal es ja leicht verständliche Literatur dazu gib.
    Behringer, Wolfgang (2015): Hexen. Glaube, Verfolgung, Vermarktung. . München: Verlag C.H. Beck
    Institoris, Heinrich; Jerouschek, Günter; Behringer, Wolfgang (2013): Der Hexenhammer. Malleus maleficarum. München: Deutscher Taschenbuch Verlag
    Levack, Brian P.; Scholz, Ursula (2009): Hexenjagd. Die Geschichte der Hexenverfolgung in Europa. München: C.H. Beck
     
    Zuletzt bearbeitet: 28. April 2019
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  3. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Wie lauten die Thesen?
     
  4. Anastasia

    Anastasia Neues Mitglied

    1. These:

    die Menschen bildeten sich den Hexenwahn so stark ein, dass er in ihren Augen Wirklichkeit wurde.

    2. These:

    Die Hexenverfolgung diente zur Domestizierung der Frauen
     
  5. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Eine grundlegende Idee wäre, endlich einmal von dem eingeschliffenen Klischee abzuweichen, die bedauernswerten Frauen, die dem Hexenwahn zum Opfer fielen, durch die unkritische Übernahme des Ausdrucks "Hexenverfolgung" als "Hexen" zu bezeichnen.

    Verfolgt wurde ja faktisch nicht Hexen, sondern Frauen, die man wahnhaft für Hexen hielt. Dieser Unterschied sollte heutzutage eigentlich jedem klar sein. Leider suggeriert der Ausdruck "Hexenverfolgung", dass es sich wirklich um Hexen handelte, also - definitionsgemäß - um mit Zauberkräften ausgestattete Frauen, die mit dem "Satan" im Bunde stehen.

    Das ist ungefähr so, als würde man in einer geschichtswissenschaftlichen Studie über Jesus diesen ohne jede Relativierung als "Sohn Gottes" bezeichnen. Ein "Sohn Gottes" aber war er - geschichtswissenschaftlich gesehen - nur für seine Anhänger.

    Analog wurden die Frauen, der der "Hexenverfolgung" zum Opfer fielen, von ihren Verfolgern zwar für Hexen gehalten, aus wissenschaftlicher Sicht aber waren sie keine Hexen.

    Also ist der Ausdruck "Hexenverfolgung" eigentlich unsinnig.
     
  6. Mashenka

    Mashenka Aktives Mitglied

    1. Natürlich stimmt das, zumindest bei denen, die an Hexerei glaubten. Sagt aber nur, dass Glaube u.U. Glaube sein kann (d.h. nicht vorgetäuscht).
    2. Die Hexenverfolgung zielte keineswegs nur auf Frauen.

    Versuch vielleicht möglichst einfache Fragen zu stellen, anstatt mit Spektakulärem punkten zu wollen.
     
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  7. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Klar, aber die Fokussierung auf Frauen ist offensichtlich. Protestantischerseits lag die "Frauenquote" besondes hoch (über 80 %), bei Katholiken bei ca. 65 %.

    Die Furcht vor vermeintlichen "Hexen" ist ein Symptom der männlichen Furcht vor dem Weiblichen, die in den sexualsadistischen Praktiken der "Hexen"-Verfolgung (die gefolterten Opfer wurden häufig auch vergewaltigt) ihren absoluten Höhepunkt erreichte.

    Leuchtet man in diese Dinge psychoanalytisch hinein, ergibt sich folgendes Bild: Das von Melanie Klein entdeckte frühkindliche gespaltene Mutterbild (gute Mutter vs. böse Mutter) wird auf reale Frauen projiziert und dabei ins Extrem gesteigert - einerseits hat die Frau einen quasi göttlichen Status (angebetetes Ideal im Minnekult und Marienkult), andererseits verkörpert sie das Böse an sich (die sadistisch verfolgten "Hexen"). Nicht zufällig erreichte der Marienkult im 12. und den beiden folgenden Jahrhunderten seinen Höhepunkt, also in einer Zeit, als auf dem 4. Laterankonzil die Existenz des Satans offiziell bestätigt und von Thomas von Aquin das Dogma vom Pakt zwischen "Hexen" und dem Satan etabliert wurde, nachdem die Kirche noch im 9. Jahrhundert ein Gegner von "Hexen"-Verbrennungen durch "Heiden" war.
     
    Zuletzt bearbeitet: 28. April 2019
  8. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Ein wichtiger Punkt. Die Verengung der "Hexen"-Verfolgung auf Frauen ist ein methodischer Grundfehler.

    historicum.net: Männer als Opfer der Hexenverfolgung
    historicum.net: Männer in Hexenprozessen - ein Überblick aus mitteleuropäischer Perspektive

    Bekanntlich rief noch im späten 11. Jahrhundert Papst Gregor VII. den christlichen König Harald von Dänemark zur Ordnung: "Außerdem glaubt nicht, Ihr dürftet Euch gegen Frauen versündigen, die aus dem gleichen Grund mit ebensolcher Unmenschlichkeit nach einem barbarischen Brauch abgeurteilt werden. Sondern lernt vielmehr, durch Buße das göttliche Strafurteil, das Ihr verdient habt, abzuwenden, anstatt den Zorn Gottes noch mehr herbeizurufen, indem Ihr über jene unschuldigen Frauen Verderben bringt."

    Bernhard, Roland: „Sensation statt reflektiertes Geschichtsbewusstsein“ – Deutungsmuster zu Hexenverfolgungen im Kontext von Katholizismus und Protestantismus in aktuellen österreichischen Geschichtsschulbüchern. In: Bernhard, Roland/ Hinz, Felix/ Maier, Robert (eds.): Luther und die Reformation in internationalen Geschichtskulturen. Perspektiven für den Geschichtsunterricht. Göttingen 2017.

    „Sensation statt reflektiertes Geschichtsbewusstsein“ – Deutungsmuster zu Hexenverfolgungen im Kontext von Katholizismus und Protestantismus in aktuellen österreichischen Geschichtsschulbüchern
     
  9. Zoki55

    Zoki55 Aktives Mitglied


    These 2 ist Schwachsinn.

    These 1 ist so formuliert natürlich auch unverständlich.

    Richtig wäre.

    Die Menschen waren damals davon überzeugt das es Hexen gibt und alle oder fast alle glaubten wirklich an die Hexerei.

    Ließ dir mal Gerichtsurteile zu Hexenprozessen durch, die Menschen glauben daran und glaubten das richtige zu tun.er

    Der Rest ist meist antikatholische Propaganda (und nein ich bin nicht katholisch).
     
  10. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Ein wirklicher "Grundfehler" wäre es nur, wenn das Geschlechterverhältnis bei den Opfern 50:50 wäre. Wie ich aber schon schrieb, waren bei den Protestanten zu über 80 Prozent (in der Regel ist von 85 Prozent die Rede) Frauen die Opfer und bei den Katholiken immerhin 65 Prozent (bzw. zwei Drittel).

    Im Vordergrund sollte also die Frage stehen, warum die Verfolgung ganz besonders auf Frauen zielte. Ich habe dazu in meinem vorausgehenden Beitrag einige Hinweise gegeben.

    Dass die Protestanten deutlich mehr Frauen verfolgten als die Katholiken, wird häufig mit Luthers Übersetzung von Ex. 22,17 (bzw. 22,18 in anderen Ausgaben) "Die Zauberinnen sollst du nicht leben lassen" begründet, wobei im hebräischen Originaltext der Ausdruck "mekassepah" (Zauberin) im Singular steht. In der katholischen Vulgata ist dieser Ausdruck mit dem maskulinen "Zauberer" übersetzt ("Maleficos non patieris vivere" / maleficos = Übeltäter/Zauberer).

    Keine geringere Rolle dürfte bei der protestantischen Fokussierung auf Frauen Luthers "Hexenpredigt" von 1526 spielen:

    Es ist ein überaus gerechtes Gesetz, dass die Zauberinnen getötet werden, denn sie richten viel Schaden an, was bisweilen ignoriert wird, sie können nämlich Milch, Butter und alles aus dem Haus stehlen, indem sie es aus einem Handtuch, einem Tisch, einem Griff melken, das ein oder andere gute Wort sprechen und an eine Kuh denken. Und der Teufel bringt Milch und Butter zum gemolkenen Instrument. Sie können ein Kind verzaubern, dass es ständig schreit und nicht isst, nicht schläft usw. Auch können sie geheimnisvolle Krankheiten im menschlichen Knie erzeugen, dass der Körper verzehrt wird. Wenn du solche Frauen siehst, sie haben teuflische Gestalten, ich habe einige gesehen. Deswegen sind sie zu töten.

    In den Tischreden sagt Luther im Abschnitt über Milchdiebinnen, die er der Zauberei verdächtigte:

    Mit denselben soll man keine Barmherzigkeit haben. Ich wollte sie selber verbrennen.

    Natürlich, aber das widerspricht nicht dem, was ich schrieb. Die Frage ist vor allem, wieso die Kirche ab dem 13. Jahrhundert ihre Meinung änderte.

    Initiierend waren, wie ich schon angedeutet habe, die von Augustinus inspirierten Lehren von Thomas von Aquin über den sexuellen Verkehr von Dämonen bzw. Teufel mit Menschen und den Pakt von Menschen mit Dämonen.

    Besagter Verkehr geschieht auf die Weise, dass der Dämon bzw. Teufel zunächst eine weibliche Gestalt (succubus = unten liegend) annimmt und den Samen eines Mannes aufnimmt und diesen später in männlicher Gestalt (incubus = oben liegend) in eine Frau ergießt, um ein Teufelskind zu erzeugen. Heinrich Institoris hat diese Vorstellung in seinem "Hexenhammer" modifiziert.

    Der Pakt mit Dämon/Satan kann expressa geschlossen werden (ausdrücklich, durch Worte) oder tacita (implizit, durch Gedanken).

    Das alles und die auf dieser Basis weiterentwickelten theologischen Konzepte dienten in späteren weltlichen Prozessen gegen vermeintliche Hexen und Hexer als Legitimation für die Anklagebegründung. Ohne die theologischen Dogmen über die Verbindung von Satan und Menschen wären diese Prozesse gar nicht durchführbar gewesen. Häufig waren Theologen als "Gutachter" an den Prozessen beteiligt.

    Darüber hinaus basierte die Methode der "Beweisfindung" auf den Prozessen der Kirche gegen Ketzer. Da eine Verbindung von vermeintlicher Magie mit einem weltlichen Schaden, der den Angeklagten zur Last gelegt wurde, empirisch nicht nachweisbar war, bedienten sich die Richter der in den kirchlichen Ketzerprozessen seit dem 13. Jahrhundert üblichen Folter (Bulle "Ad extirpanda" von Innozenz IV.), um ein Geständnis zu erzwingen. Erst auf der Grundlage solcher Schein-Geständnisse konnte die weltlichen Gerichte ein Urteil sprechen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 29. April 2019
  11. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Bereits in der Septuaginta ist die Figur männlich: φαρμακοὺς οὐ περιποιήσετε (Apotheker und Pharmazeuten, passt also auf!). Im Hebräischen: מְכַשֵּׁפָ֖ה לֹ֥א תְחַיֶּֽה׃ Məkašephah lo təḥajäh.
    (פָ֖) trägt kein Dageš, daher [f] und nicht [p].

    Die psychologischen bzw. -analytischen Ansätze á la Melanie Klein sind mir persönlich zu monokausal, ebenso kann ich der Dichotomie von Minnekult und Hexenverfolgung nichts abgewinnen. Dafür fehlt eine chronologische und regionale Übereinstimung der Phänomene. Der Minnekult beginnt um 1200 und erreicht da schon seine erste Blüte, im 15. und 16. Jhdt. gibt es ihn immer noch. Er findet sich in ganz Europa. Die Hexenverfolgung - auch wenn du für Frauenverfolgung plädierst, eine solche ist es ja nicht, auch wenn die überwiegenden Opfer Frauen waren, aber 20 - 35 % Männeranteil rechtfertigt eben nicht von Frauenverfolgung zu sprechen - beginnt eigentlich erst mit der Reformationszeit und ist, von wenigen Ausnahmen abgesehen, ein Phänomen des deutschsprachigen Raums. Der Glaube an die Existenz von Hexen ist zwar verbreiteter, aber die Hexenhysterie (und ihre interessierte Ausnutzung!) ist doch eher ein zentraleuropäisches Phänomen. Paneuropäisch ist tatsächlich eine Dichotomie von Frauenverehrung und Misogynie (Frauenverachtung) , die sich aber nicht in der Hexenhysterie ausdrückt.

    Ein zusätzliches Problem: Wenn wir es auf die Statistik verengen - hat sich wirklich jemand mal die Mühe gemacht, alle dokumentarisch überlieferten Hexenprozesse nach Geschlechtern aufzugliedern? - dann übersehen wir leicht regionale Unterschiede. Zweifelsohne waren es meist Frauen die verfolgt wurden, jedoch kehrt sich das Quotenverhältnis in manchen Regionen auch um bzw. lokal mögen sogar ausschließlich Männer verfolgt worden sein. Wenn ich mich recht entsinne, müsste das in Osnabrück der Falle gewesen sein, dass dort mehr Männer als Frauen der Hexerei bezichtigt wurden (bin mir aber nicht sicher).
     
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  12. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Bei dem völlig richtig festgestellten „Grundfehler“ in Chans Ausführungen geht es um die Verwechslung von Korrelation und Kausalität.

    Dabei kommt Unsinn heraus.

    Hier eine Korrelation von 70% zwischen Schuhgrösse und Einkommen, für Chans Katholiken-Koeffizienten von 65% : 5DE0E92E-6235-4EC4-9426-A6DA7EE98E3B.jpeg
     
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  13. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Da hast du mich etwas ungenau gelesen. Ich plädiere nirgendwo für den Ausdruck "Frauenverfolgung". An einer Stelle schreibe ich, dass nicht Hexen verfolgt wurden, sondern Frauen, die man dafür hielt. Das hat NICHTS damit zu tun, dass ich "Hexenverfolgung" begrifflich durch "Frauenverfolgung" ersetzen würde, was auch unlogisch wäre. Schließlich wurden nicht Frauen per se verfolgt, sondern Frauen, die man der Hexerei verdächtigte.

    Seltsamerweise haben jene User, die den männlichen Anteil bei den Opfern betonen, mit dem Ausdruck "Hexenverfolgung" kein Problem, obwohl dieser Ausdruck doch (fälschlich) suggeriert, dass NUR Frauen verfolgt wurden, denn "Hexe" = weibliche Zauberin, während "Hexer" = männlicher Zauberer.

    Diese Inkonsequenz ist unlogisch.

    Eine präzise zeitliche Koinzidenz von Minnekult und theologisch unterstützter "Hexen"-Verfolgung (an einem adäquateren Ausdruck arbeite ich noch) habe ich ebenfalls nicht behauptet.

    Fakt ist, dass schon vor dem Einsetzen des Minnekultes auch im christlichen Kulturbereich Frauen als "Hexen" verfolgt wurden (wofür Sepiolas Zitat von Gregor VII. vs. König Harald ein Beispiel liefert). Die Frage eines theologischen Kontextes ist dabei irrelevant, da auch die Minne in keinen solchen Kontext stand. Es geht nur um die Frage, ob die evidenten Phänomene der Frauenidealisierung und der statistisch vorwiegend gegen Frauen gerichteten Verfolgungen psychoanalytisch in einen Zusammenhang gebracht werden können, z.B. durch eine Theorie wie die von M. Klein, die Mutterhass und Mutterliebe als im Unbewussten koexistierende Affekte versteht, die sich nicht gegenseitig ausschließen, sondern via Projektion auf verschiedene Objekte verteilt werden können. Das ist in individuellen Fällen psychoanalytisch nachgewiesen und auf die kulturelle Ebene übertragbar. Ich verweise nur auf den Nebeneinander von Marienkult und negativem Frauenbild (Ur-Sünderin Eva) in der mittelalterlichen Theologie. Die beiden theologisch mit Abstand wichtigsten Frauenfiguren stehen in einem krassen Gut-Böse-Gegensatz, der psychoanalytisch mit Kleins Theorie perfekt erklärbar ist.

    Dazu R. Howard Bloch von der Yale-Universität:

    (aus "Medieval Misogyny and the Invention of the Western Romantic Love")

    The ritual denunciation of women constitutes something on the order of a cultural constant, reaching back to the Old Testament as well as to Ancient Greece and extending through the fifteenth century. Found in Roman tradition, it dominates ecclesiastical writing, letters, sermons, theological tracts, discussions and compilations of canon law; scientific works, as part and parcel of biological, gynaecological, and medical knowledge; and philosophy. The discourse of misogyny runs like a rich vein throughout the breadth of medieval literature.

    Ich denke nicht, dass man die katholische Frauenquote bei den Verfolgungen mit der Relation von Schuhgröße und Einkommen analog vergleichen kann :) Du scheinst anzudeuten, dass diese Quote (oder dieser Koeffizient) rein zufällig ist.

    Nun kann man ein Verhältnis von 2 Frauen / 1 Mann statistisch nicht als zufällig ansehen, wenn die Samples in die Tausende gehen, das wäre nur zulässig bei einer geringen Samplezahl, sagen wir, 10 oder 20. TV-Einschaltquoten werden z.B. mit einer Samplezahl von ca. 2000 ermittelt, wonach sich dann die Höhe der Werbeeinnahmen richtet. Diese Samplezahl ist aber immer noch gering gegen die Zahl der von Katholiken verfolgten Frauen und Männer.

    Also ist das Verhältnis von 2 zu 1 als signifikant anzusehen - und nicht als zufällig - und bedarf deshalb einer Gender-orientierten Erklärung.

    Bestätigt wird das durch das noch höhere Verhältnis bei den Protestanten: 6 Frauen / 1 Mann. Wo bleibt da dein Schuhgrößen-Vergleich?
     
    Zuletzt bearbeitet: 29. April 2019
  14. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Richtig, explizit hast du nicht Frauenverfolgung geschrieben, aber:

    Nun kann man streiten, wo die Betonung liegt. Natürlich meinst du auf dem zweiten Satzteil, das haben auch alle verstanden und dem hat niemand widersprochen. Aber Männer blendest du aus, obwohl du selber weist, dass auch Männer - wenn auch in einer Minderheit, aber trotzdem in einer erheblichen Zahl - verfolgt wurden.

    Und so setzt sich dein Beitrag fort:

    Auch dein Versuch in die Hexenverfolgung (schon wieder, aber hast du einen besseren Begriff?) "psychoanalytisch" hineinzuleuchten - von dem ich schon aus anderen Gründen wenig hielt - ist schon deshalb unbefriedigend, weil er die männlichen Opfer geradezu ausklammern muss:

    Auch in dem zweiten Beitrag klammerst du die Männer, und es dürfte sich auch bei denen um einige tausend Opfer handeln, gewissermaßen aus, wenn du sachlich vollkommen richtig schreibst, dass

    Du wirst also eingestehenn müssen, dass man deine Ausführungen so lesen kann, ich ich sie gelesen habe.


    Die Betonung des männlichen Opferanteils, die du sehen willst, ist eher eine Reaktion auf deine Argumentation (gleichwohl ich anerkenne, dass du Zahlen genannt hast, die ich nicht bestreite, gleichwohl ich mich wundere, dass es eine solche Statistik gibt) als alles andere. Obwohl ich tatsächlich untersuchenswert fände, warum wir Hexereivorwürfe immer wieder als Genderproblematik präsentiert bekommen. Also keine Überbetonung der männlichen Opfer, sondern warum wir die Opfer fast ausschließlich als weiblich wahrnehmen, obwohl der männliche Opferanteil zwar erheblich geringer, aber eben doch alles andere als eine Ausnahme war.

    Wenn ich die Maus, die Gans oder die Katze höre, habe ich auch nicht speziell das weibliche Tier vor Augen. So wie es das generische Maskulin gibt, so gibt es eben auch - seltener - das generische Feminin.

    Da liest sich dein "psychoanalytisches" Hineinleuchten aber ganz anders, ich zitiere es, da anderer Zusammenhang, erneut:

    Wenn du nicht so hättest verstanden werden wollen, dass es eine zeitliche und räumliche Parallele gegeben hätte, dann hättest du die Minne besser nicht ins Spiel gebracht. Mit "Nicht zufällig erreichte der Marienkult..." betonst du ja gerade eine zeitliche und räumliche Parallelität. Es mag sein, dass das nicht intendiert war, aber wenn du deine eigenen Beiträge liest, darfst du dich doch nicht wundern, dass du so verstanden werden musst.

    Das ist gleichzeitig(!) richtig und falsch.
     
  15. Armer Konrad

    Armer Konrad Aktives Mitglied

    Die Meinung der Kirche zu den Hexen hat sich geändert, als sie die Hexen zu Ketzern machte. Was vorher "Magie" (was es nach Meinung der Kirche eigentlich nicht geben konnte) war, war neu "Ketzerei". Eine Ketzerei, die sich durch die Anwendung von Zauberei nachweisen liess. Zwar war die Kirche nach wie vor überzeugt, dass Hexen nicht zaubern konnten - aber der Teufel konnte es durchaus.
    Papst Gregor hatte 1233 erstmals, auf Veranlassung seines Inquisitors Konrad von Marburg den Tatbestand der Teufelsbuhlschaft / Teufelsanbetung als besondere Form der Häresie definiert. Insofern waren Hexenprozesse ursprünglich nicht anderes als Ketzerprozesse der besonderen Art. Man hatte Ketzern (z.B. den Katharern) bereits vorher ebenfalls abwegige Rituale (Katzenhintern küssen etc.) vorgeworfen.
     
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  16. Dion

    Dion Aktives Mitglied

    Das meine ich auch. Man darf nicht vergessen, dass zumindest die katholische Kirche noch heute glaubt, dass es den Teufel wirklich gibt – siehe Katechismus. Mit diesem „Kniff“ wird alles von den Menschen verursachte Böse in der Welt erklärt und Gott, der ja eigentlich ein liebender sein sollte, gewissermaßen entschuldigt.

    Es ist richtig, dass es Hexenglauben schon immer gegeben hat, aber die Hexenverfolgung in diesem Ausmaß war erst möglich, nachdem die Kirche die theologische Begründung dafür lieferte. Dass nicht überall in Europa Hexen mit gleicher Intensität verfolgt wurden, mag mit der „Gründlichkeit“ zusammenhängen, die den Menschen nördlich der Alpen bei ihren Angelegenheiten an den Tag legen, während südlich davon eher laissez faire bevorzugt wird.

    Die Marienverehrung wurde gerade in der Zeit der Gegenreformation – und der Hexenverfolgung! – seitens der katholischen Kirche forciert, um leuchtendes und zugleich unerreichbares Beispiel der Tugend, d.h. der Keuschheit, zu geben, was natürlich im Gegensatz zu den Hexen stand, die es fleischlich! mit dem Teufel trieben.

    Natürlich spielten hierbei auch andere Aspekte mit, aber das würde in diesem Thread zu weit führen.
     
  17. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Zentren der katholischen Marienverehrung sind Polen, die iberische Halbinsel und Italien. Gerade dort fand aber so gut wie keine Hexenverfolgung statt.
     
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  18. Dion

    Dion Aktives Mitglied

    Nicht zu vergessen sind Bayern und Österreich, beide katholisch. Was ich sagen will: Der Arm der katholischen Kirche reichte nicht überall hin.
     
  19. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Vor allem reichte der Arm des Papstes nicht bis in die von Hexenverfolgung betroffenen Gebiete. Der Papst verbot zwar die Hexenverfolgung nicht direkt, verfügte aber, dass bei Hexereiverdacht ein Arzt hinzugezogen werden sollte, der zunächst den Gesundheitszustand der der Hexerei verdächtigen Person feststellen sollte. Fortan gab es in Kirchenstaat keine Hexenverfolgung mehr (insgesamt hat es im Kirchenstaat 4 (vier!) Opfer der Hexenverfolgung gegeben, eben bis der Papst verfügte, dass ein Arzt hinzuzuziehen sei). Die Hexenverfolgung ist ein Phänomen hauptsächlich des deutschsprachigen Raums, dabei aber überkonfessionell.
     
  20. Dion

    Dion Aktives Mitglied

    Na ja, Skandinavien und England standen nicht gerade abseits, aber überkonfessionell, das stimmt. Deswegen müssen die Gründe für die Hexenverfolgung auch außerhalb der Konfessionen gesucht werden, wenn auch sich die beiden einig waren, dass der Teufel der eigentliche Schuldige ist.

    Den Anfang sehe ich in der Pest, der Agrarkrise in der kleinen Eiszeit, der Glaubenskrise (wer hat nun recht: Papst oder Luther?) und in den Verheerungen des 30-jährigen Krieges. Dafür musste es Schuldige geben und nachdem man die einmal gefunden hat, hat sich die Sache verselbstständigt, d.h. man nahm überall abweichendes Verhalten wahr.
     

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