Tony Clunn und die drei Schleuderbleie

Das ist generell ein Problem bei Plänklern (wie auch Speerwerfern), dass sie relativ nahe an den Feind heranmüssen. Sie sind zwar leicht genug, um der gegnerischen schweren Infanterie zu entkommen, aber mangels Panzerung selbst anfällig für gegnerischen Beschuss, vor allem aber auch für die gegnerische Kavallerie.
Das ist ein nicht ganz einfaches Problem, Langbogenschützen im Masseneinsatz sind durchaus in der Lage gegnerische Reiterangriffe ( solange die geschlossen sind) zu stoppen, allerdings sind sie praktisch schutzlos sobald gegnerische Einheiten sie erreichen. Auch sind die witterungsabhängig und brauchen ( wie Schleuderer) viel Übung und Kraft.
Der Einsatz von Distanzwaffenträgern muß vom Kommandierenden gut geplant werden, sonst ist der fast sinnlos.
 
Den Treffer auf den Kopf hatte ich noch gar nicht erläutert, ich habe als Arzt immer mit Sorge auf Schädelverletzungen achten müssen. Das Üble ist, dass aber de facto jeder Treffer am Körper kampfunfähig macht.

Es gibt noch eine weitere Sendung des ZDF in der Sendung Terra X (die ich mir sonst nur mit der Kneifzange anfasse), mit demselben Filmmaterial. "Kampf gegen Germanien: Wie kamen die Römer über die Alpen?"

Dort ist noch einmal eine eher überraschte Feststellung des Kantonsarchäologen Peter-Andrew Schwarz, in der er über die Legio XII "Fulminata" sagt:
"Von dieser Legion wissen wir, dass sie bis 20 v.Chr. in der Provinz Syrien, der heutigen Türkei / Kleinasien stationiert gewesen ist, wo die Schleuderei eine große Tradition hat."
  • Die Schleuderbleie sind aber als Eigentum einer Legion markiert!
"Das war für uns total überraschend, und wir können uns das nur so erklären, dass gewisse Legionen einzelne Zenturien (Hundertschaften) oder Kohorten hatten, etwa 500 Mann, die eine Spezialausbildung als Schleuderer bekommen hatten."

Er spricht von einer Task Force, die aus verschiedenen Legionen zusammen gezogen wurden.
Wir haben ja hier Schleuderbleie mit Stempeln von 3 Legionen.

Und in Haltern? Centurio Ohnemichnix sagt "Der Sack bleibt hier, diese 81 Kugeln brauchen wir nicht." Mal hatte man sie dabei, mal nicht.

Ach so: Die ostwestfälischen Kalkriesegegner haben gerade die geringe Zahl der Schleuderbleie als Argument gegen Kalkriese verwendet.

Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Germanicus war im Krieg, im Feldzug, ausgerüstet für offenen Kampf geschlossener Verbände, er hätte Massen an Schleuderbleien verschossen haben müssen.
Also, wo sind die Schleuderbleie des Germanicus?
 
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Schleudern sind sehr schwierig zu beherrschende Waffen, für deren effiziente Verwendung es eine Menge Übung Bedarf. Auch sind sie gegen ungerüstete Gegner Recht effektiv, aber jede Form von Rüstung mindert das erheblich; mehr als bei Pfeilen oder Wurfspießen.
 
Deswegen sollte man nicht die KI recherchieren lassen:
Die Schrift „Über die Wunden im Kopfe“ ist zwar „hippokratisch“, stammt aber wahrscheinlich – wie die meisten „hippokratischen“ Schriften – nicht wirklich von Hippokrates. Die Aussage, dass Hippokrates in ihr etwas beschreibt, ist also wahrscheinlich falsch.
 
Schleuderbleie sind vor allem logistisch hoch effizient:
  • 35 g Transportgewicht
  • Es kann jederzeit nachgegossen werden.
  • Es wirkt auch gegen die Kettenhemden!
  • durchaus Fernwaffe
  • Im Flug kaum Abbremsung (130 km/h sowohl auf 30 m als auch 100 m Entfernung)
  • Es kann jenseits der Wirkung gegnerischer Waffen eingesetzt werden
  • bleibt nicht im Schild stecken
Pilum:
  • Ein verschossenes Pilum ist weg,
  • nicht wiederverwendbar
  • Es ist schwer (1 - 2,5 kg)
  • Es muss entweder vom Legionär getragen oder auf dem Maultierkarren transportiert werden.
  • Es ist trotzdem praktisch, es wurde (s. Trajanssäule) auch zum Tragen des Gepäcks verwendet, vielleicht auch zum Zeltbau
  • niedrige Reichweite
  • Es kann im Feld nicht repariert oder neu geschmiedet werden
Torsionsgeschütze, Balliste, Katapulte:
  • schwer
  • müssen mit dem Karren transportiert werden
  • bei Regen eingeschränkt wirksam
  • brauchen freies Schussfeld, erhöhte Schussposition
  • Pfeile und Katapultbolzen sind hoch wirksam,
  • höchste Durchschlagskraft,
  • zugleich aber leicht
  • hohe Feuerrate, damit abschreckend


Zu den Balearen, den Inseln der Schleuderer: Die Balearen hatten wenig Einwohner, aber natürlich eine lange Tradition der wehrhaften Ziegenhirten.

Die Schleuderer im römischen Reich werden sich aber zum größten Teil nicht aus den Balearen rekrutiert haben. Der beste Emmentaler kommt ja schließlich auch nicht aus der Schweiz.

Schleudern sind sehr schwierig zu beherrschende Waffen, für deren effiziente Verwendung es eine Menge Übung Bedarf.
Und das ist ja das Besondere an den römischen Legionären:
  • Sie haben geübt, geübt, geübt.
 
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Schleuderbleie sind vor allem logistisch hoch effizient:
  • 35 g Transportgewicht
  • Es kann jederzeit nachgegossen werden.
  • Es wirkt auch gegen die Kettenhemden!
  • durchaus Fernwaffe
  • Es kann jenseits der Wirkung gegnerischer Waffen eingesetzt werden
  • bleibt nicht im Schild stecken
Ist das Gewicht nicht etwas zu niedrig? Ich habe gerade eine Musketenkugel von rund17mm Durchmesser ausgewogen, etwas über 29 gr.
Waren denn die Schleuderbleie so klein?
 
Ich habe, @Sepiola möge mir verzeihen, auf die Schnelle in Wikipedia nachgeschaut:

"Die Gewichte der Schleuderbleie schwanken erheblich. So wurde am Dünsberg ein Geschoss vom Typ I mit einem Gewicht von 23 Gramm gefunden, während der gleiche Typ in Haltern 129 Gramm aufwies. Bei Typ II verhält es sich ähnlich. Ein Fund vom Dünsberg mit 26 Gramm steht einem Fund aus Haltern mit 155 Gramm gegenüber. Das Gros der Geschosse liegt bei 40–70 Gramm, wobei es eine Entwicklung zu größerem Gewicht hin gegeben zu haben scheint."

Die Schleuderbleie, ob leicht oder schwer, werden beim Loswerfen die gleiche Geschwindigkeit gehabt haben, aber dann unterschiedliche Anstrengung des Schleuderers, und v.a. unterschiedliche Feuerrate.
 
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Das ist ein nicht ganz einfaches Problem, Langbogenschützen im Masseneinsatz sind durchaus in der Lage gegnerische Reiterangriffe ( solange die geschlossen sind) zu stoppen, allerdings sind sie praktisch schutzlos sobald gegnerische Einheiten sie erreichen. Auch sind die witterungsabhängig und brauchen ( wie Schleuderer) viel Übung und Kraft.
Der Einsatz von Distanzwaffenträgern muß vom Kommandierenden gut geplant werden, sonst ist der fast sinnlos.
azincourt
 
Und das ist ja das Besondere an den römischen Legionären:
  • Sie haben geübt, geübt, geübt.

Legionäre haben keine Schleudern verwendet, das waren Waffen von Hilfstruppen. Und zwar in erster Linie von Hilfstruppen, die in Gegenden ausgehoben wurden, in denen die Verwendung von Schleudern sehr verbreitet war und eine große Tradition hatte.
 
Legionäre haben keine Schleudern verwendet, das waren Waffen von Hilfstruppen. Und zwar in erster Linie von Hilfstruppen, die in Gegenden ausgehoben wurden, in denen die Verwendung von Schleudern sehr verbreitet war und eine große Tradition hatte.
Und das ist das, was ich in der von mir zitierten Aussage des Schweizer Kantonsarchäologen (Beitrag #62) bemerkenswert fand.

Gestempelte Schleuderbleie von 3 Legionen, aber waren denn an dem kleinen Hügel 3 komplette Legionen (Legio III, X und XII) + Auxiliartruppen gegen rätische Stämme eingesetzt?

Unabhängig von unserer aktuellen Fragestellung: Was machte denn so ein Schleuderer den ganzen Tag, das ganze Jahr? In einer Schlacht sind die Schleuderer ja nur wenige Minuten im Einsatz.
Die Vielseitigkeit der Legionäre im Arbeitsalltag wird immer hervorgehoben. Die Auxiliareinheiten werden, so denke ich, auch vielfältige Aufgaben in der Logistik und in den Baueinheiten gehabt haben.

So oder so, Germanicus hatte, da auf Krawall gebürstet, guten Grund Schleuderer mit sich zu führen. Varus nicht.

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Zurück noch einmal zu Peter Kehne und seiner Kritik am Fundmaterial in Kalkriese:
  • Am Harzhorn, obwohl dort ganz sicher römische Verluste waren, gibt es weder römische noch germanische Skelettfunde.
  • Im Weserbergland 782 n. Chr. die Niederlage der Franken in der Schlacht auf dem Süntel,
  • Im Lippischen gab es auf dem doch geographisch klar umgrenzten Sintfeld 794 n. Chr. eine große Schlacht von Karl dem Großen gegen die Sachsen, ebenso eine Schlacht bei Battenberg/Eder und Laisa. Bei allen genannten Schlachten keine Waffenfunde, keine Massengräber.
  • Auf dem Lechfeld 955 n. Chr. gab es bis 2013 keine Funde.

All das nur, um die Ansprüche an die archäologischen Funde etwas gerade zu rücken.
 
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Legionäre haben keine Schleudern verwendet, das waren Waffen von Hilfstruppen. Und zwar in erster Linie von Hilfstruppen, die in Gegenden ausgehoben wurden, in denen die Verwendung von Schleudern sehr verbreitet war und eine große Tradition hatte.
Ich denke mal, offiziell sicher nicht, aber ich schließe es nicht aus,das einige von ihnen durchaus damit umgehen konnten. Es ist als Soldat nie von Nachteil an möglichst vielen Waffentypen ausgebildet zu sein, bzw. damit umgehen zu können.
Ich könnte mir hier eventuell ein "privates" üben vorstellen. Zumindest war das bei uns beim Bund ( Greni) eher üblich.
 
In seinem Buch Auf der Suche nach den verlorenen Legionen (1998, S. 51) schreibt Clunn:

Drei ovale Objekte, die ich getrennt voneinander ausgemacht und mit einer Menge anderer Dinge abgeliefert hatte, lösten bei Dr. Schlüter und seinem Team große Begeisterung aus: sie erkannten, daß es sich um Schleuderbleie handelte - dies war der erste untrügliche Beweis von militärischer Präsenz oder Aktivität oder gar einer Schlacht im Raum Kalkriese.​
Also: nach eigener Aussage von Clunn nicht an einem Ort gefunden. Nach Clunns eigener Aussage (implizit), wusste er nicht, um was es sich handelte.
Die Stelle kann man so lesen, als haben Schlüter und sein Team die Schleuderbleie sofort als solche erkannt, aber das ergibt sich nicht zwingend aus dem Text, Bodo Zehms Darstellung, dass ein Besucher im Büro sich über die römischen Schleuderbleie wunderte, ist damit nicht vom Tisch. Clunn selber schreibt im Absatz davor (S. 50) etwas von römischen Rüstungsteilen, die er gefunden habe. Wann die als solche erkannt wurden, ist dem Text nicht zu entnehmen.
 
Uta Schröder schreibt in ihrer Dissertation Kalkriese - Ort der Varusschlacht? Eine quellenkritische Analyse anhand der Kleinfunde der Kalkriese-Niederwedder Senke. Wiesbaden 2026, S. 71 Sp. 2:
Die Provinienz einzelner Artefakte ist fraglich. Drei bekannte Schleuderbleie wurden erst lange nach ihrer Auffindung als solche erkannt, nachträglich verortet und sind bisher die einzigen Stücke ihrer Art in Kalkriese. Die Artefakte sollen zudem auf unterschiedlichen Feldern zutage getreten sein, auf denen bisher so gut wie keine weiteren kaiserzeitlichen Funde dokumentiert werden konnten. Es ist folglich möglich, dass die drei Geschosse nicht aus der Senke stammen.​
Der letzte Satz entspricht dem, was @Zhane vergangenes Jahr schon mal geschrieben hatte und was @Groenegauer auch schon angedeutet hat.
Mir scheint die Schlussfolgerung allerdings seltsam. Also die Schleuderbleie wurden zunächst - laut Schröder sogar "lange" nicht als solche erkannt. Wir können demnach also ausschließen, dass Clunn sie untergeschoben hat. Ihre Funddokumentation ist durch Clunn offenbar mangelhaft erfolgt. Warum sie in einer ansonsten auf die entsprechende Zeitstellung bezogen fundarmen Feldern gefunden wurden (mutmaßlich, wegen der mangelhaften Dokumentation durch Clunn), darauf muss man doch eine Antwort finden. Ggf. weil sie zwar doch abgeschossen wurden, aber kein hartes Ziel trafen?
 
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