Traklson

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Der Totalitarismus beansprucht "uneingeschränkten Verfügungsanspruch der Herrschenden über die Beherrschten, auch im persönlichen Bereich, also über die öffentlich-gesellschaftliche Sphäre der Politik hinaus. "

In diesem Zusammenhang gibt es ein sehr interessantes Thema. Wie spiegelt sich der Totalitarismus im Traum der Beherrschten? Ein wichtiger Beitrag zu diesem Thema stammt von Charlotte Beradt, "Das Dritte Reich des Traums". Beradt hat Traumnotate einfacher Menschen im Nationalsozialismus gesammelt und kommentiert. Ich finde das sehr aufschlussreich. Den im Traum zeigt sich, wie weit ein totalitäres System in das Leben der Menschen eingreift und welche Auswirkungen es auf die Psyche des Menschen hat.

„Der Traum enthüllt die Wirklichkeit, hinter der die Vorstellung zurückbleibt.“ (Franz Kafka)

„Die Träumer sind wacher im Traum. In der Traumwelt finden sie Szenen und Bilder, die auf das verweisen, was sich jeder Darstellung entzieht.“ (Barbara Hahn)

Wer auf der Suche nach Traumnotaten ist, der wird bei Barbara Hahn fündig. Die Germanistin hat sich intensiv mit dem Thema beschäftigt und in ihrem Buch „Endlose Nacht“ eine Fülle von Notaten zusammengeführt.

 
Der gefährliche Traum

Andrei Arzhlowsky, ein Bauer aus dem Ural, machte am 18. Dezember 1936 den folgenschweren Fehler, einen seiner Träume aufzuschreiben. Er träumte, er könne Stalin treffen. Dieser sitzt stockbetrunken in einem schlichten Zimmer. Nur Männer sind anwesend und außer ihm nur ein weiterer Bauer mit einem schwarzen Bart. Ohne ein Wort zu sagen wirft sich Stalin auf den Bärtigen, bedeckt ihn mit einem Laken und beginnt ihn brutal zu vergewaltigen. „Dann komme ich dran“, denkt der Träumer verzweifelt, aber stattdessen „besinnt“ sich Stalin und beginnt ein Gespräch mit ihm.
Dieser Traum sollte nach seiner Verhaftung 1937 die staatsfeindliche Gesinnung des Bauern belegen. Er wurde im September hingerichtet.
(Hahn, S. 18)

Beradt berichtet von einer Frau, die als Häftling im Konzentrationslager gezwungen wurde, als Sekretärin zu arbeiten. Unter der Drohung schwerster Strafen war es ihr verboten, darüber zu sprechen. Aus Angst, im Traum zu sprechen und etwas zu verraten, befragt sie voll Angst ihre Schlafgenossin.

Die Angst, sich zu verraten, findet sich in vielen Träumen. Eine Putzmacherin träumt im Sommer 1933, dass sich im Traum vorsichtshalber Russisch spricht, obwohl sie gar kein Russisch kann, damit sie sich selbst nicht verstehe. Und auch niemand anderes versteht. „Falls ich etwas vom Staat sage, denn das ist doch verboten und maß gemeldet werden.“

Die Angst, sich zu verraten führt im Traum zu sinnlosem Verhalten:
Eine Frau träumt, sie wolle eine Bekannte besuchen, deren Adresse sie vergessen habe. Sie schlägt also in einer Telefonzelle nach, aber sucht statt nach dem Namen der Bekannten „aus Vorsicht“ unter einem falschen Buchstaben, was, wie sie selbst sagt, „sinnlos war“.

Ein Mann träumt, er erzähle einen verbotenen Witz, aber aus Vorsicht falsch, so dass er keinen Sinn mehr hat. Derselbe Mann träumte auch, er sende Blinde und Taube aus, Verbotenes zu sehen und zu hören, damit er jederzeit beweisen könne, sie hätten nichts gesehen, nichts gehört.

Ein junger Mann geht in seinem Traum noch weiter. Er träumte, das Träumen sei verboten. Also träumt er nur noch von Rechtecken, Dreiecken und Achtecken. Er hat sich entschlossen, aus Vorsicht gegenstandslos zu träumen.

(alle: Beradt, S 49 ff.)
 
Die Wirklichkeit dringt in den Traum, der Traum dringt in die Wirklichkeit

„Möglicherweise hat sich in einem Jahrhundert, wie alles um uns herum, auch die Traumwelt gewandelt. Nichts verbietet einem, den orthodoxen Freudianern zum Trotz, schon jetzt mit dem Gedanken zu experimentieren, dass unsere Träume nicht immer die unseren sind; dass ihre Gewalt, Obszönität und Verruchtheit nicht Spuren von Monstren sind, die tief in unserem Inneren begraben liegen,sondern von den Monstren der anderen herstammen.“
(Primo Levi, „Unsere Träume“ 1977, zitiert nach Hahn, S. 24)

Was ist passiert? Wahnsinn! Irrsinn! Ein Traum! […] Der Anwalt, der an der Spitze einer Millionenarmee steht. Anwalt und Oberbefehlshaber in einer Person! … Der typische Portier als Kontrolleur der medizinischen Verwaltung. Unter seiner Aufsicht arbeiten erfahrene Ärzte! … Unzählige solche Beispiel lassen sich finden. Solche Bilder würde man nur im Traum erwarten.“
Nikolaj Ossipow, „Revolution und Traum“, 1931, zitiert nach Hahn S. 45

„Es war als verrichteten die beiden großen „Werkmeister“ des Traums, Verschiebung und Verdichtung, ihre Arbeit … in der Wirklichkeit.“ (Hahn, S. 45)
Und auch das Symbolhafte findet Ossipow im Revolutionären:

„In revolutionären Bewegungen hat Symbolik eine große Bedeutung. Die Revolution verkündet: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit! Was sich in der Hinrichtung tausender und abertausender Menschen verwirklicht. Wahrhaftig eine indirekte Darstellung.“
Nikolaj Ossipow, „Revolution und Traum“, 1931, zitiert nach Hahn S. 45
 
Der spanische Widerstandskämpfer Jorge Semprún (1923–2011) hatte im KZ Buchenwald einen Traum. Während jemand in der wachen Welt mit den Fäusten gegen ein Bettgestell hämmerte, interpretierte Semprun die Geräusche im Traum. Aus dem Hämmern wurde das Zunageln des Sarges seiner Mutter. Vor einer Meereskulisse. Obwohl Semprun nicht anwesend war, als seine Mutter wirklich starb und das in Madrid in ihrer Wohnung stattgefunden haben muss. Es war eine besondere Nacht, in der er vom Sarg seiner Mutter träumte. Die Lagerverwaltung hatte nach ihm gefragt, was gewöhnlich eine Exekution zur Folge hatte. Also beschlossen die Buchenwald-Kommunisten, Sempruns Leben zu retten, indem er mit einem sterbenden Studenten die Identität tauschte. Er schlief als als Jorge Semprun ein, wachte aber als jemand anders auf. Im Schlaf machte er den Übergang von einer Identität zur anderen.

„Du bist jung, und Du gehst friedlich deinen Weg ins Kolleg; plötzlich wirst du von Pistolen bedroht und in einen nassen muffig riechenden Kerker geworfen, der Staat steht vor dir, breitbeinig und ein wenig fett, mit dem roten Stern an der Uniformmütze und sagt: Du bist mein Feind und musst vernichtet werden.“
(Horst Bienek, Traumbuch eines Gefangenen, 1957)

Horst Bienek wurde 1951 in der DDR verhaftet und nach vier Jahren Zwangsarbeit in Workuta 1955 begnadigt.

„Überall um mich sind Gitter, aber ich sehe, dass diese Gitter nur Schatten sind und dass sie ausweichen, wenn ich hindurchgehe. Ich höre die Blätter rauschen, doch nirgendwo ist ein Baum, nirgendwo ist ein Wind […] Ich setze mich auf einen Stein, der vorher nicht da war. Ich habe das Gefühl, dass es hier kein Entrinnen mehr gibt. Nicht deshalb, weil es immer finsterer wird. Das sit Täuschung. Denn schon jetzt kann ich nichts mehr sehen. Weil ich schuldig fühle. Ich bin gefangen. Hinter dem Gitter wächst ein anderes. Ich wusste dass es verboten war. Ich habe es trotzdem getan. Ich hör die Blätter rauschen.“
„Da stapft einer barfüßig durch das windgedorrte Gras. Er gleitet über das frühherbstliche Tundrakraut, über den wirr und labyrinthisch gewachsenen Gräserwald, darin metallen aufblitzend Bajonette wie Feuerlilien blühen. Mückensäulen hängen als dunkler Rauch über der Landschaft. "
(Horst Bienek, Traumbuch eines Gefangenen, 1957)
 
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Die Saat der Gewalt geht im Traum auf

In Franz Führmanns »Der Traum von der Ausstellung«, macht der Träumer einen Spaziergang auf der Stalinallee, »die Kacheln der Hauswände werden abgeschlagen, und manchmal fallen uns kleine Brocken auf den Kopf« Schließlich betritt der Träumer einen „runden Bau mit einem spiralenförmig ins Innere führenden Gang. Der Gang ist übermannshoch und fahl beleuchtet; links die glatte Wand, rechts dunkle Strecken, dazwischen, in schwefligem Licht, tiefe vitrinenartige Räume, sehr hoch, ohne Glaswand, ohne Gitter, und durch einen Sockel vom Gang etwas abgerückt. Ich fürchte mich, den Gang zu betreten, bin aber neugierig und trete doch näher und sehe in der ersten dieser Vitrinen auf fauligem Stroh Männer mit zerschlagenen Beinen, aus denen Mark und Eiter tropft. Die Gesichter sind im Dunkeln, ich sehe nur die nackten, entsetzlich zugerichteten Waden und Knie aus den aufgekrempelten Leinenhosen: gangränös, vereitert, zerquetscht, blauschwarz gedunsen, striemig geprügelt; die Hose blut- fleckig, die Oberkörper undeutlich nackt. Kein Laut. Kein Mensch, kein Wächter, kein Arzt, kein Führer; ich gehe schaudernd zwei Schritte weiter und sehe auf reines Stroh eine riesige Pferdekeule gebettet, einen Hinterschenkel, aus dem Becken gerissen, im Knie abgetrennt, das Fell manchmal blutig, manchmal bis aufs Fleisch geschunden und mit großen Darmsaiten zugenäht. Ich überlege, was das sein soll, da zuckt der Schenkel und bäumt sich wild und wirft sich auf dem Stroh hin und her, und ich begreife entsetzt, dass da drinnen ein Mensch eingenäht ist, der zweite Grad dieser Folterskala, und aus dem Fleisch dringt so dumpfes Geheul, dass ich besinnungslos davonlaufe."
Dann findet sich der Träumer auf einer Art Tenne über oder neben dem Gang wieder. Hier findet er „Saubere Jungpioniere, meist Jungen, aber auch ein paar Mädchen dazwischen, die Hemden geflickt, die Halstücher gestopft und verwaschen, doch alles sauber, sehr kurzer Haarschnitt, saubre Gesichter, blanke Augen, saubre Hände, saubre Fingernägel.“ Sie bieten ihm Wiesenblumen und „Basteleien aus Stroh und gefaltetem Papier“ an. „Bitte kaufen Sie uns was ab, wir sind ein sehr armer Staat, wir müssen mit jedem Pfennig sparen, und so tragen auch wir Kinder ein Scherflein bei.“Als der Träumer „entsetzt“ fragt, ob sie denn wissen, was sich unter ihnen befindet, antworten sie, dort sei eine Ausstellung, die sie nicht sehen dürften. Eine Ausstellung „vom Aufbau“.
(Franz Führmann: Unter den Paranyas. Traum-Erzählungen und -Notate. Hinstorff-Verlag, Rostock 1988, Traum notiert 1965)

Das Notat "Krieg" beschreibt die Träumerin auf einem „weißgeflaggten Schiff“, wie sie auf einem Kanal fährt. „Auf beiden Ufern ist Krieg. Ich blicke nach dem rechten Ufer: alles rot von Blut. Ich blicke nach dem linken Ufer: dort schaufelt eine Mühle in ununterbrochener Umdrehung die Verwundeten auf. Karren, wie Metzgerkarren, fahren vollbeladen mit menschlichen Fleischklumpen über das Schlachtfeld Wo ich hinschaue, sehe ich nur einen einzigen Knäuel von blutigen Leibern.“
(Paula Ludwig, Traumlandschaft, 1935)

In einem anderen Notat findet sich die Träumerin in einer endlosen Schneewüste wieder. Sie sucht dringend nach Holz, den zu Hause wird sie in „großer Not“ erwartet. Dann sieht sie einen wunderschönen, grünen Baum. Dennoch schlägt sie seine Äste und Zweige ab und lädt sie auf ihren Leiterwagen. Als sie sich nach Hause wendet, liegen auf dem Wagen aber „keine Zweige und Blätter, sondern nackte Arme und Hände.“

In einem dritten Notat schreibt Paula Ludwig: „ Ich ging über einen Hof, da lag etwas Weißes auf der Erde. Ich fasste es an. Schaudernd fuhr meine Hand zurück: es war ein Tier, das noch lebte, doch schon weiß war von grauer Verwesung! Ich wusste genau, dass es noch lebte, ich wollte es töten, um dem eine Ende zu machen. Aber es war schon zu tot, um noch getötet werden zu können: die Stelle des Lebens in ihm war nicht mehr zu treffen.“
 
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Tragigrotesken der Nacht

Wieland Herzfelde,
der Bruder John Heartfields, gründete 1916 den Malik Verlag für kommunistische Literatur und Avangartkunst. Im Mai 1920 erschien hier ein besonderes Buch. Die „Tragigrotesken der Nacht – Träume". Einband und Zeichnungen stammen von George Grosz. Die aufgezeichneten Träume stammen aus der Zeit vom Sommer 1913 bis August 1919. Einer der Träume trägt den Titel die Sowjetwolke, schildert aber unterschiedliche Episoden im selben Traum:

„Nachher bleibe ich an einem Schaufenster stehen, vor dem sich schon eine Anzahl Menschen staut. Es ist die Auslage des Norddeutschen Lloyd unter den Linden, die die Neugierde der Vorübergehenden erweckt: eine riesige Landkarte von Europa am Boden des Schaufensters ausgebreitet, darüber, etwas höher als unsere Köpfe, eine Sanduhr, so umfangreich, daß wohl ein ganzer Eimer Sand aus der oberen Hälfte herabrieselt. Dieser dunkelbraune Sand rinnt aber nicht in die untere Hälfte der Sanduhr, vielmehr, da sie keinen Boden hat, hinab auf die Landkarte. Auf dieser ist die russische Sowjet-Republik in der Farbe des Sandes eingezeichnet. Die zur Zeit von antibolschewistischen Truppen besetzten Teile Sowjet-Rußlands sind durch weiße Schraffierung kenntlich gemacht. Der Sand erweitert indessen die Grenzen der Sowjet-Republik zusehends, so daß allmählich die besetzten Landstriche und bald auch noch fremde Staaten die dunkelbraune bolschewistische Färbung annehmen. Die Zuschauer werden blaß vor Aufregung, und schließlich, da die braune Sandfläche wie ein Riesentier quer über ganz Europa lagert, läuft alles entsetzt auseinander, denn: Über Berlin, mitten im blauen Himmel lastet drohend eine ungeheure dunkle Wolke in Form des Sandbildes auf der Landkarte. Vor meinen Augen dehnt sich die Landschaft. Schon liegt ganz Europa umrahmt von Ozeanen unter meinen Blicken. Trotzdem nehme ich alle Einzelheiten wahr: In Städten und Dörfern, in jedem Stall, überall hat sich der Menschen und Tiere eine deutlich sicht- bare, stetig sich steigernde Unruhe bemächtigt angesichts dieser Wolke, die nun den ganzen Kontinent beschattet, Vorbote eines Gewitters, das wie die Sintflut alles Existierende verschlingen wird. Der Leib der Wolke scheint zu leben: er dehnt und wälzt sich, als wolle er gebären. Die braune Farbe spielt mehr und mehr ins Schieferschwarze mit oliv-grünen Reflexen. Plötzlich verbindet ein ungeheurer halbdurchsichtiger Schlauch die Wolke mit der Erde. Ein Wirbelwind reißt alles, was in den Bereich des trichterförmigen Schlauchmundstücks gerät, darin hoch- kreiselnd hinauf in den Leib der immer noch anschwellenden Wolke. Gellendes Entsetzen hat die Menschen allerorts ergriffen. Sie rasen ziel- und kopflos durch zusammenstürzende Straßen. In allen Ländern sehe ich Kirchtürme, Rathäuser, Denkmäler unter der Saugkraft des Wolkenrüssels knicken wie Streichhölzer, immer mit der Spitze nach dem einen Punkte weisend, in welchem Mensch und Tier und Haus und Wald und Feld mit rasender Geschwindigkeit hochgewirbelt werden. Da packt es auch mich! Fast schwinden mir die Sinne, doch- ich bin ja schon oben auf der Wolke; wie gebadet. Neu belebt! Und sieh: Das ist gar keine Wolke, ist eine Insel des Ozeans, dunkelgrün vor üppigster Fruchtbar- keit: Tropfenbehangenes Gebüsch, feuchtduftende, alles vergrößernde Luft, wohliges Dehnen in jedem Lebendigen. Ich sehe aufs Meer, das mit leichten Wellen Ruhe nach Sturm gefunden zu haben scheint. Ein unbekanntes Glücksgefühl steigt in mir auf, wie eines Traums erinnere ich mich des Wirbelwinds, derdie Erde verschlang. Jetzt sehe ich mich genauer um daß ich ja auf,,Lindwerder" bin. - da entdecke ich, Natürlich: da stehen die Gartenstühle und -Tische mit den karrierten. Tischtüchern und der Ober dazwischen, und hier liegt unser Paddelboot!"

Im selben Traum findet sich diese poetische Episode:

„Unendlich langsam, als seien die Stunden Jahre geworden, tönt Dämmerung den Horizont leichenfahl. Da erst merke ich, daß mit mir auf der weiten Fläche zahllose Männer in gleicher Richtung stapfen. Und dicht vor mir fährt nun auch ein Wagen. Unwahrscheinlich groß, mit hohen Rädern halb versunken in den Schnee, quält er sich langsam vorwärts. Das kann nicht Schnee sein, flicht sich so zäh und gelblich in die Speichen!? Getreidefelder! Bis zum Horizont! Dicht pressen sich die Halme aneinander, so dicht, daß jeder unserer Schritte erkämpft werden muß. Verwundert wende ich mich an einen Kameraden neben mir (wir sind nun lauter Soldaten), was diese riesige Getreidesteppe zu bedeuten habe? Der lacht ein wenig über meine Frage, das sei das Korn, das auf der Welt infolge des Krieges nicht gesät und nicht geerntet worden ist. Bei diesen Worten überfällt mich Heißhunger. Ich reiße einige Ähren ab, um mir die Körner herauszupflücken. Taub! Wohin ich blicke: hochgereckte leere Halme im Morgendämmern. „

Alle Träume gemeinfrei hier:
 
@Traklson mir fällt als Traum mit grotesken Elementen noch das berühmte Schneekapitel aus Thomas Manns Zauberberg (1924) ein.

Dieser Traum hat sogar seine eigene Wikipedia-Seite. Danke für den Hinweis.

Auch Barbara Hahn geht in ihrem Buch auf Träume im literarischen Kontext ein. Etwa auf Kafka oder auf Walter Benjamins „Einbahnstraße“, wo auch Traumprotokolle zu finden sind.

„TIEfBAU-ARBEITEN
Im Traum sah ich ein ödes Gelände. Das war der Marktplatz von Weimar. Dort wurden Ausgrabungen veranstaltet. Auch ich scharrte ein bißchen im Sande. Da kam die Spitze eines Kirchturms hervor. Hoch erfreut dachte ich mir: ein mexikanisches Heiligtum aus der Zeit des Präanimismus, dem Anaquivitzli. Ich erwachte mit Lachen. (Ana = a~'a; vi = vie; witz = mexikanische Kirche )“
(Walter Benjamin: Einbahnstraße, 1928 Rowohlt)


Bei Hahn findet sich auch dieser Traum Benjamins:

„Im Traum- es sind nun schon drei bis vier Tage, daß ich ihn träumte, und er verläßt mich nicht - hatte ich eine Landstraße im dunkelsten Dämmerlicht vor mir. Sie war mit hohen Bäumen zu beiden Seiten bestanden, dazu von einem Wall, der sich hoch erhob, auf der rechten begrenzt. Während ich in einer Gesellschaft, von deren Zahl und Geschlecht ich nichts mehr weiß (nur, daß es mehr als einer war), am Eingang der Straße stand, trat der Sonnenball nebelweiß und ohne Strahlungskraft zwischen den Bäumen undeutlich, fast vom Laube verdeckt, hervor, ohne daß es sich merklich erhellte. Mit Windeseile stürzte ich mich - allein - die Landstraße entlang, um des freieren Anblicks teilhaftig zu werden; da verschwand die Sonne alsbald, weder versinkend noch hinter Wolken, sondern als hätte man sie ausgelöscht oder fortgenommen. Augenblicks wurde es schwarze Nacht; ein Regen, der die Straße zu meinen Füßen gänzlich erweichte, begann mit ungeheurer Gewalt zu fallen. Indessen lief ich besinnungslos vor mich hin. Plötzlich zuckte, weder vom Sonnenlicht noch vom Blitz, der Himmel an einer Stelle weißlich auf - schwedisches Licht war das, wie ich wußte und einen Schritt vor mir lag das Meer, in welches mittenhinein die Straße führte. Da lief ich, beseeligt durch die nun doch gewonnene Helle und die rechtzeitige Warnung vor Gefahr, im gleichen Sturm und Dunkel wie vorher, triumphierend die Straße zurück.“
(Ignaz Ježower: Das Buch der Träume. Berlin: Rowohlt, 1928)
 
Hubert Selby, dessen Roman Last Exit to Brookyn berühmt ist, hatte einen späteren Roman - The Room - komplett als bizarren terroristischen Fiebertraum stilisiert.
 
Der Mensch verschlingt den Menschen I

„In einem Traum, 1897 notiert, wird „bei gemeinsamer Familientafel“ im Haus eines Arztes, dem Schwager des Träumers, „versuchsweise Menschenfleisch gegessen. Die Leiche, von der es abgesäbelt war, lag sogar, ekelhaften Anblicks, mit zerfleischtem, bis auf den Knochen sichtbarem Schenkel nebendran.“ [...] Eine Leiche, die nicht auf dem Seziertisch in einem pathologischen Institut liegt, sondern im Esszimmer, bedeutet eine Grenzüberschreitung, auf die nicht nur der Träumer entsprechend reagiert: „Der Gastgeber selber musste sich während des Mahles übergeben.“ Und das weckt den Träumer auf. In Heinrich Vierordts Traumnotat ist die Welt noch in Ordnung. Menschenfleisch - durchaus kein übliches Nahrungsmittel. Ekel und Erbrechen - angemessene Reaktionen. „
(Hahn S. 91)
(Heinrich Vierordt: Das Büchlein der Träume, 1922)

Aus „Die Nationalhymne“, Herbst 1914
„Die Straßen sind menschenleer, herbstfeucht und neblig. Palastartige Wohnhäuser mit herabgelassenen Jalousien. Rasch gehend blicke ich ganz zufällig durch eine offene Torfahrt. Bleibe erstaunt stehen: Dadrinnen auf dem Hofe herrscht Lärm: Magere,schäbig gekleidete, schmutzige Menschen balgen sich zwischen den überraschend rußigen Mauern des Hofes um etwas, das sie dann in Zeitungspapier gewickelt eilig davontragen. Da wird vielleicht eine Menagerie geschlachtet und die Leute kaufen sich billiges Fleisch", denke ich zu- nächst. Bei genauerem Hinsehen entdecke ich aber, daß durch den Hof die Eisenbahn fährt (gerade wie die Stadtbahn kurz vorm Savigny-Platz in Charlottenburg). Langsam, als könne er nicht mehr recht, fährt ein Zug, der nicht enden will, über den Hof. Er kommt von der Front, überfüllt mit Kriegsgefangenen. Die hängen wie Fledermäuse an allen Stangen und Griffen, Netzen und Türen der Waggons, starr, zusammenge- krampft, leblos. Ich begreife: auf der Fahrt erfroren. Und das hungrige Volk reißt sich diesen und jenen herunter, zerschlägt ihn mit Beilen unter Fluchen und Streiten und schleppt sich die besten Stücke der Beute nach Hause. "
(Wieland Herzfelde, Tragiggrotesken der Nacht, 1920)

Aus „Die Sowjetwolke“, Juli 1919
Da sehe ich hinter einem Schaufenster die herrlichsten Delikatessen und Früchte gebreitet: Aal, Lachs, Riesenwalnüsse, Hummer, Trauben, Bananen, Gänse und Puten, Pasteten und Würste was man sich denken kann. Lange stehe ich davor, mit den Augen genießend; vor allem den Gipfel eines Berges aus Kokosnüssen und Ananasfrüchten: eine Platte, auf der, garniert mit Zitronenscheiben und dunkelgrüner, krauser Petersilie, ein gespickter Rücken liegt. Kein Hasen- oder Kaninchenbraten! Ein Kind mit abgezogener Haut, am dunkelbehaarten Schädel deutlich erkennbar, auf den Bauch gelegt, einladend zum Kauf mit gespreizten, an den Knien amputierten Schenkelchen und appetitlich rotem gespicktem Fleisch.. - ,,Wer hätte früher sowas für möglich gehalten" denke ich bei mir -,,heute lässt das alle Leute kalt."
(Wieland Herzfelde, Tragiggrotesken der Nacht, 1920)

„Violette Endivien. Ich trat in ein üppiges Schlemmergeschäft ein, weil eine im Schaufenster ausgestellte, ganz besondere, violette Art von Endivien mir aufgefallen war. Es überraschte mich nicht, daß der Verkäufer mir erklärte, die einzige Sorte Fleisch, für die dieses Gericht als Zukost in Frage komme, sei Menschenfleisch - ich hatte das vielmehr schon dunkel vorausgeahnt.
Es entspann sich eine lange Unterhaltung über die Art der Zubereitung, dann stiegen wir in die Kühlräume hinab, in denen ich die Menschen, wie Hasen vor dem Laden eines Wildbrethändlers, an den Wänden hängen sah. Der Verkäufer hob besonders hervor, daß ich hier durchweg auf der Jagd erbeutete und nicht etwa in den Zuchtanstalten reihenweise gemästete Stücke betrachtete: 'Magerer, aber - ich sage das nicht, um Reklame zu machen - weit aromatischer.' Die Hände, Füße und Köpfe waren in besonderen Schüsseln ausgestellt und mit kleinen Preistäfelchen besteckt.
Als wir die Treppe wieder hinaufstiegen, machte ich die Bemerkung: 'Ich wußte nicht, daß die Zivilisation in dieser Stadt schon so weit fortgeschritten ist' - worauf der Verkäufer einen Augenblick zu stutzen schien, um dann mit einem sehr verbindlichen Lächeln zu quittieren.“
(Ernst Jünger: Das abenteuerliche Herz, 1938)
 
Der Mensch verschlingt den Menschen II

„Komme mit Ursula in ein saalartige Zimmer, einen völlig leeren fensterlosen Raum mit weißgetünchten Wänden, der mir auf eine ungute Art bekannt erscheint. Wir sind durch eine Tür in der Rückwand eingetreten, stehen zögernd hinter der Schwelle und mustern das Zimmer: keine Spur von Benutzung, keine Spur von Verschleiß und doch nicht neu. Langes, beklommenes Schweigen, schließlich sage ich: Du, ich glaube, hier haben meine Eltern gewohnt! Ursula schüttelt den Kopf, und auch ich glaube nicht recht an meine Behauptung, aber ich tue forsch einen Schritt in den Raum und strecke dabei tastend, wiewohl es doch hell ist, die Hände aus, da streife ich Spinngewebe. Vorsicht, eine Falle! sagt Ursula. Unsinn, sage ich, schau her, da sind Spinnweben, das ist ein Zeichen, daß lange niemand hier war, wir können unbesorgt reingehen! Ursula schüttelt stumm wieder den Kopf, aber ich gehe weiter ins Zimmer, und gar nichts passiert. Plötzlich sehe ich vorn an der weißgetünchten Wand einen weißen Ofen, auch seine Kochplatte und seine Türen und sein Aschekasten sind weiß. Ich trete näher und fasse die Klinke der Ofentür an: Sie ist kalt, auch die Platte ist kalt, und ich denke: Na siehst du: unbenutzt! Ich öffne die Tür und sehe dahinter einen zweiten Ofen, ebenfalls gänzlich weiß, und klinke auch ihn auf, doch seine Tür ist nun nicht mehr so kalt. Da ich das spüre, überkommt mich Angst, doch ich öffne auch die zweite Tür und sehe im zweiten Ofen einen dritten, ebenfalls weiß, doch statt der Platte ein Rost, darunter Glut, und auf dem Rost ein Topf mit einer schwappenden Brühe, darin grau-weiße Fleisch- und Fettstücke schwimmen. Menschenfleisch, weiß ich sofort und fahre entsetzt herum und sehe, daß ich im Zimmer allein bin und die einzige Tür sich lautlos schließt.“
(Franz Führnann. Unter den Paranyas. Traum-Erzählungen und -Notate, 1988)

„Meine eigenen Träume wurden geradezu kannibalisch erotisch. Liebe und Hunger kehrten zu ihrer gemeinsamen biologischen Wurzel zurück, und vor mir entstanden Bilder von Frauen, die aus Teig geknetet waren und in die ich voll Lust und Gier hineinbiẞ, bis Blut und Milch aus ihnen hervorquoll und sie ihre Arme, die wie frisch gebackene Brote duftenden, um meinen heißen Kopf legten. In diesem Augenblick erwachte ich meist, erschöpft und in Schweiß gebadet, und gerade dann brauste der Moskau-Archangelsk-Express zwei Kilometer vom Lager entfernt vorüber.«
(Gustaw Herling-Grudzinki: Welt ohne Erbarmen, sein Buch über sein Leben in sowjetischen Arbeitslagern)
 
Mensch und Tier

Noch 1904 wird nicht der Mensch zum Tier, sondern das Objekt zum Tier belebt.

„Ich halte meine Taschenuhr in der Hand und sehe den großen Zeiger sich seltsam bewegen, insektenartig sich dehnen und recken; meine Freunde sagen, es sei ein ganz gewöhnlicher Uhrzeiger, aber ich glaube es nicht, öffne das Glas und nehme ihn heraus. Da wird er in meiner Hand zu einem kleinen, goldengrünen Salamander, von der herrlichsten Form, mit den wundervollsten kleinen Armen und Beinen; der Körper schimmernd im Wechselspiel von Grün und Gold, schwer, wie aus massivem Metall. Und wie er sich jetzt bewegt, die kleinen Arme dehnt und reckt, müssen auch meine Freunde zugeben, daß ich recht gehabt.“
(Friedrich Huch: Träume, 1904)

„Ich bin mit vielen Tieren in einen Keller eingesperrt. Es sind alles insektenartige, vielfüßige Tierchen mit flachen schwarzen Körpern, laus- oder wanzenähnlich. Ich bin selbst eines davon. (Es scheint, als wären wir alle in diese Tierchen verwandelte Menschen. Wir müssen unaufhörlich an den Kellerwänden entlang im Kreise herumkrabbeln. Eine unsichtbare anonyme Aufsicht wacht über uns..[...] Ein Ausbruchsversuch scheitert. Ich habe weiterhin Angst, sowohl vor der unsichtbaren Aufsicht, den Beherrschern, die uns töten oder zertreten können, als auch vor den flacheren, größeren, mehrfüßigen Exemplaren der eigenen Gattung, die mir schaden und das Gefangenen- leben noch qualvoller und schwerer machen können.“
(Wolfgang Bächler: Traumprotolkolle, 1972)

„Während ich - das letzte Licht der Dämmerung noch ausnutzend - versuchte, das düsterste Kapitel meiner Erinnerungen zu schreiben, wurde ich ununterbrochen gestört, von einem rhythmisch sich wiederholenden Wehlaut. Es war wie das Aufschluchzen von Grundwasser - oder wie das Seufzen eingeschlossener Luft in Eisenröhren- oder wie das Ächzen von Holz, das, zu lange der Sonne ausgesetzt, sich nun am Abend schmerzlich zusammenzieht.“ Aber die Geräusche stammen von keinem Ding, sondern von einem „ wunderlichen Tier“, so etwas wie ein „Löwenäffchen“. Das Wesen flößt der Träumerin „unüberwindlichen Widerwillen“ ein und lässt sich nicht verscheuchen. Kein Händeklatschen, kein drohender Schürhaken, selbst das heraufziehende Gewitter lassen „mein Tier von seinem Platz weichen“ […] „Man kann ja kein Geschöpf - selbst wenn es einem noch so zuwider ist bei einem solchen Unwetter in das Ungewisse hinaushetzen.“ […] „Plötzlich war das Fenster ein Spiegel und Aug in Auge mit dem Tier erkannte ich mich selbst und rief aus: ›Das bin ja ich das bin ja ich!“
(Paula Ludwig. Träume. Aufzeichnungen aus den Jahren zwischen 1920 und 1960, erschien. 1962)

„Aber jetzt habe ich einen furchtbaren Geschmack im Munde, ganz hinten, und ich merke, ich bin nicht mehr Mensch, sondern Antilope, ich merke, ich bin nicht mehr Mensch, sondern Delphin, ich bin nicht mehr Mensch, sondern Anemone. Ich glaube, das ist immer so, wenn man stirbt. […] Ich bin in einem Käfig eingesperrt. Draußen im Freien. Der Himmel ist über mir, der Regen, der Wind, der Frost. Manchmal flattert ein einsames Blatt durch die Gitterstäbe. Es ist schon gelb, und ich lese darin vom Leid kommender Zeiten. Dann kaue ich es, und es schmeckt bitter. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich mich schon in diesem Gefängnis befinde, aber ich weiß, daß ich nicht mehr Mensch bin. Ich bin ein Tier. Ein Hund vielleicht. Noch eine Zeit und ich werde ein Reh sein, und noch eine Zeit und ich werde eine Ratte sein. Vielleicht auch eine Ameise oder eine Assel.“
(Horst Bienek. Traumbuch eines Gefangenen)
 
Intermezzo mit Freud

„Mir träumte, daß ich nach Neufundland schwimme; das Meer lag still, nur vom Lufthauch gekräuselt, ein wohliges, gütig grünes Unterfangen, und über mir flog in verschmelzenden Schwärmen ein Regenbogen rötlicher Fische.“ „Plötzlich“stellt der Träumer fest, dass er nicht allein ist. Sigmund Freud begleitet ihn. „Wer sollte denn sonst nach Neufundland schwimmen“ Prominent im Traum auch Freuds Brille. „diese massig gewölbten, blitzenden Gläser, die er, dann im Wassertreten paddelnd, sorgsam immer wieder trockenreibt“ Freud versucht mit dem Träumer in einen Rhythmus zu kommen. Dann spürt der Schwimmer einen Biss in die Schulter. Es handelt sich zwar nur um „ein gutmütiges Knabbern“ aber „ziemt es sich nicht“ “ Freud erklärt „leise, fast flüsternd“ was der Biss zu bedeuten hat. Zweierlei gelte es zu leisten: „ein gedankliches Durchdringen und gleichzeitig ein seelisches Sich-Feien.“ Der Träumer weiß „als dunkle, unaussprechliche Ahnung“, was er durchdringen soll. „Indes wird der Wellengang härter und wüster.“ Freud „schreit, auf die schäumenden Wasser weisend, mit hallender Stimme: Wo Es war, soll Ich sein!“ Der Träumer kann „der Versuchung nicht widerstehen“. Er reißt Freud die Brille herunter und schleudert sie ins „malmende Wasser“. „Er lernt verstehen!“, so die Antwort. Der Träumer ergreift Freud, „einen Abscheu überwindend““, und drückt ihn unter Wasser. „Und da ich spüre, wie der Alte ins Grundlose sinkt, schwillt der Sturm zu seiner wütendsten Stärke und eine ungeheure Woge wirft mich an die Küste von Neufundland, wo, seine blitzende Brille reibend, Sigmund Freud mich schon erwartet.“
(Franz Fühmann. Unter den Paranyas. Traum-Erzählungen und -Notate)
 
Zurück im Lager

Otto Kulka, 1933 in Mähren geboren, wurde als Kind nach Theresienstadt und dann 1943 nach Auschwitz deportiert. Er überlebte die Nacht im Jahr 1944, in der seine Familie und Jugendfreunde ermordet wurden, nur, weil er die Nacht in der Krankenbaracke verbrachte. Von 1991 bis 2001 hat Otto Dov Kulka im Schlaf aufgestiegene Bilder seiner Erinnerung aufgeschrieben

„1978 reiste Otto Dov Kulka zu einer Tagung nach Warschau und anschließend nach Auschwitz. Zum Krematorium in Birkenau, dem „Ort, an dem ich damals und bis zum heutigen Tag gleichsam wohnte und immer geblieben bin, wie ein lebenslänglich Gefangener, in Ketten geschlagen, die sich nicht lösen lassen. Wenn es nicht so anmaßend klingen würde, würde ich sagen: wie Prometheus in Ketten. Aber ich war doch ein Kind, einer, der als Kind in diese Ketten gelegt worden war, und ich blieb in ihnen gebunden in allen Stadien meines Wachstums, bei den Märschen, bei der Flucht, bei der Befreiung und bei allem, was danach kam. Ich sage, ich bin gefesselt gewesen und gefesselt geblieben, und das deshalb, weil ich gerade dort nie gewesen bin, weil meine Füße dieses Gelände, diese Gebäude nie betreten haben. Ich habe sie umkreist, wie ein Nachtfalter die Flamme. Ich wusste, es war unausweichlich hineinzustürzen.“
Die Nacht in der Krankenbaracke, in der alle Insassen des Familienlagers ermordet wurden, »kommt in Bildern zurück, die ich nicht mit eigenen Augen gesehen habe, die ich aber ständig wieder erfahre: Wie sie die Gaskammern betreten und ich mit ihnen, weil ich zu ihnen gehöre. Wie sie und ich den Korridor betreten und danach die Gaskammern und ich mit ihnen. Wie ich, im letzten Moment, Umwegen fliehe, einmal durch eine Öffnung, die entsteht, als sich eine kleine rostige Eisentür öffnet, ein anderes Mal durch eine Art unterirdischen Wasserlauf – und ich komme aus dem Krematorium heraus und grabe mich unterhalb des Stacheldrahts hindurch. Endlose Situationen dieser Art.““
(Hahn, S. 118)
( Otto Dov Kulka: Landschaften der Metropole des Todes, 2013)

„In einer undatierten Aufzeichnung findet sich die Träumerin zusammen mit ihrer deutschen Großmutter - einer nach Frankreich emigrierten Jüdin - zu Besuch in Auschwitz, von wo aus sie weiter in die USA reisen will. In Auschwitz, »dans le chambre de gaz«. Ein seltsamer Raum in einer Art Mausoleum. Außen auf den Wänden ein paar weiße Schalter, wie man sie an Herden findet. So, das versteht die Träumerin sofort, so geschah es: Mit dem Betätigen dieser Schalter wurden die Menschen in undurchdringliche Dunkelheit geschickt - und ins Gas. Weinend, trauernd bereiten die Besucher ein Picknick, packen Brot und Butter aus. Die Träumerin sucht ein Versteck - in einer Nische im Beton, während sich die anderen auf einer großen Treppe niederlassen, »avec celle d'aujourd'hui celle d'hier, dans un double deuil, dans l'angoisse d'hier revivée«.
(Hahn, S 64)
(Hélène Cixous. Rêve, je te dis. Paris 2003)

Zu Träumen und Konzentrationslager auch interessant:
1) Zenon Jagoda, Stanislaw Klodzinski, Jan Maslowski:
„Die Nächte gehören uns n i c h t . . . "Häftlingsträume in Auschwitz und im Leben danach,
in Die Auschwitz-Hefte, Bd. 2, Beltz 1978

2) Der Traum von der Lagerrückkehr: Primo Levi, Charlotte Delbo, Werner Fritsch, Jean Cayrol, Georges Perec und Jorge Semprún
 
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