Transkript einer Handschrift (1400)

Dieses Thema im Forum "Fragen & Antworten" wurde erstellt von Yuukido, 29. Januar 2020.

  1. Yuukido

    Yuukido Neues Mitglied

    Hallo liebe Forum-Mitglieder

    Ich arbeite an einer wissenschaftlichen Arbeit im Rahmen eines Masterstudiums im Fachbereich Germanistik. Momentan befasse ich mich mit dem bibelepischen Text 'Adam und Eva' von Lutwin, welcher in der Mitte des 14. Jahrhunderts geschrieben wurde. Das Werk ist nur in einer vollständigen Handschrift in der Diebold Lauber Werkstatt überliefert. Obwohl die Handschrift bereits transkribiert wurde, so sind die beiden Buchdeckelseiten sowie ein kurzer Notizeintrag an der oberen Textseite (Bild 1) nicht transkribiert.
    Ich wollte fragen, ob jemand in diesem Forum die Fähigkeit besitzt, mir bei der Transkription der beiden Seiten sowie der Notiz zu helfen, da ich es alleine nicht schaffe aber die Transkriptionen unbedingt für die Analyse benötige. Die Texte sind logischerweise in Mittelhochdeutsch verfasst.

    Ich bin um jede Hilfestellung dankbar!

    00000071.jpg
    00000216.jpg 00000217.jpg
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ich lese da:
    Wo Pfaff, do Wein
    Wo wiber do gram (Gram lese ich nicht wirklich, eher orem)
    Wo pur(???) do neid
    Wo studenten do freid
    Wo burger do lust
    Wo hoffheit, do hunger und durst

    Pur könnten Bauern sein, wenn’s aus dem allertiefst oberdeutschem Gebiet kommt.
     
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  3. Yuukido

    Yuukido Neues Mitglied

    Hey du bist denn gut!
    "pur" könnte durchaus richtig sein (ich lese hier auch "pur"), wobei ich bezüglich der Bedeutung nicht sicher bin. Laut dem Wörterbuch Adelung lässt es sich mit 'unverfälscht, unvermischt, rein' übersetzen. Die Bedeutung könnte hier also sein: wo Reinheit ist, ist auch Neid. Andererseits könnte auch die Bauern gemeint sein, das ist mir nicht ganz schlüssig. Auf jeden Fall hast du mir schon einmal weitergeholfen! Vielen Dank!
     
  4. Divico

    Divico Aktives Mitglied

    Mit der Information fand ich dies:
    https://archive.org/stream/lutwinsadamunde00lutwgoog/lutwinsadamunde00lutwgoog_djvu.txt

    Etwas aufgeräumt und korrigiert liest sich die erste Seite so (es fehlen sechs Zeilen [Edit: aus Faksimile ergänzt, in rot]):
    [Edit: Die oberen fünf Zeilen gehören nicht zum Text und wurden später eingefügt.]

    Wo pfaff do wein
    Wo wiber do grein
    Wo pur do neid
    Wo Studenten do freid
    Wo burger do lust Wo hoffleit do hunger und durst
    .

    Ob ir armut wonet by
    Hatt sü danne reinen mut
    Den nement für groß gut
    In wurdent dicke ungemut
    Dovon nement reinen mut
    Von der wibe grossem gut

    Aber des sitten pfligt man niht
    Als man tegelichen siht
    Man nymet gut für ere
    Wer das gut über mere
    Nymet der hatt krancken mut
    Und das ist nit gut
    Wann es die lüte zu nötten treit
    Das lange zu huffen ist geleit
    Nach der hordere list
    Das zergat in kurtzer frist
    Er mangelt des gluckes rat
    Der von erbe nit eren hatt
    Von sinem gute geschieht das
    Zwor er were hie nyden bas
    Do er viel in einen myst
    Und hier der Rest als Faksimile:
    https://archive.org/details/bub_gb_ubILAAAAIAAJ/page/n45/mode/2up


    [Edit] Pur ist definiv der Bauer, wie noch im heutigen Hochalemannisch.
     
    Zuletzt bearbeitet: 30. Januar 2020
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  5. Yuukido

    Yuukido Neues Mitglied

    Hallo Divico

    Ja genau, die erste Seite (Bild 1) gibt es bereits als Transkript, da galt meine Frage nur den oberen Zeilen, welche später hinzugefügt wurden. Trotzdem vielen Dank fürs Ordnen und Aufschreiben!!
    Leider sind die beiden Buchdeckel-Einträge (Bild 2 und Bild 3) in keiner Transkription bis anhin übernommen worden. Da diese aber interessante Informationen enthalten könnten, wäre es sehr spannend, sie in der Analyse miteinzubeziehen.
     
  6. Divico

    Divico Aktives Mitglied

    Den Text der letzten Seite ("Item man soll mir gelten...") findet man hier (allerdings ohne die nachträglichen Kritzeleien):
    https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/jbksak1899/0150/image

    Ein Halbsatz ist offenbar einmal dem Zensurmesser zum Opfer gefallen. ;)

    [Edit] Auf der mittleren Seite konnte ich noch die zweizeilige Notiz ganz unten halbwegs entziffern:

    [Gewichtseinheit?] XVI guld bin ich schuldig von enthalt gelt[?]
    [Gewichtseinheit?] XXVIII guld bin ich schuldig den heilig
     
    Zuletzt bearbeitet: 30. Januar 2020
  7. Divico

    Divico Aktives Mitglied

    Diese Notiz noch:

    lutwin_1.jpg
    Hier entziffere ich vorerst Folgendes, wobei ich mir aber keinen rechten Reim darauf machen kann, was es hier mit dem "Bedarf an treuen Knaben" auf sich hat — zumal mir der Dialekt fremd erscheint (vielleicht sieht hier jemand mehr, bzw. versteht es besser):

    Ob indert unsrinner [jer her?]
    der ainß trewen knaben petorft
    zw sichken od zw roß warten zw
    wo dan [daß?] wer das wolt er trewlich
    ausrichten wer sein
    petorfft der schreib sein han
    Am ehesten verstehe ich es als eine Regieempfehlung: Wer Bedarf an einem treuen Knaben (einem Kriegsknecht/Ritter?), auch zu Ross, hat, soll ihn sich hineinschreiben — (mit ganz großem Fragezeichen).
     
    Zuletzt bearbeitet: 30. Januar 2020
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  8. Yuukido

    Yuukido Neues Mitglied

    Hey Divico

    Du bist ja echt super! Mir war/ist es unmöglich gewesen, dies zu transkribieren! Vielen Dank für deine Hilfe!
    Der Sinn erschliesst sich mir ehrlich gesagt auch nicht wirklich.. ich werde mich morgen diesem mal intensiv widmen!
     
  9. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    KDIH: handschrift/15/2/1

    Darüber: "von der heiligen ee wegen"
    Darunter: "Item"

    Ist wohl auch "Item" zu lesen.
     
  10. Divico

    Divico Aktives Mitglied

    Leider bin alles andere als ein Fachmann, und die vergleichbaren mittelhochdeutschen Handschriften die ich vor langer Zeit einmal las, waren in einer mir vertrauteren Mundart verfasst.

    Danke, das ergibt Sinn.
     

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