Verzerrungen an griechischen Tempeln - eine neue Ansicht zu Entasis, Kurvatur und Vitruv

chimaera

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Ich habe noch überlegt, aber jetzt mache ich das Fass doch mal auf:

Mathematiker widerlegt alten Mythos über den Parthenon-Tempel

Mathematiker entkräftet alten Mythos über den Parthenon

Zwei Artikel von letzter Woche (mit grundsätzlich demselben Inhalt, aber nicht ganz, daher habe ich beide verlinkt). Alain Goriely, Mathematiker in Oxford (genauer Professor für mathematische Modellierung) meint, er habe Vitruv und die Archäologie widerlegt, die zahlreichen schrägen und gekurvten Linien im griechischen Tempelbau seien keine optischen Korrekturen, Zitat: er "fand dafür keine Belege".

Die Gründe sieht er anderswo, beispielsweise habe die Kurvatur der Krepis dem Abfluss von Regenwasser gedient. Zumindest in diesem Punkt kann ich seine Ansichten nachvollziehen, das wäre ja durchaus sinnvoll, was aber noch lange nicht heißt, dass es der einzige Zweck/Hauptzweck gewesen sein muss.

Nun ist es ja grundsätzlich schon interessant, was ein Mathematiker zu einem so technischen Thema zu sagen hat. Da gibt es definitiv Details, wo ein Archäologe oder Historiker oder Vitruv lesender Philologe fachlich einfach verloren ist. Allerdings geht es in den Artikel schon wieder mehr um die Deutung der unbestreitbaren Faktenlage, und da finde ich persönlich es wieder eher schwierig, wenn jetzt der Mathematiker den Archäologinnen und Archäologen etwas aus deren Feld erklären will.
Was natürlich völlig korrekt ist, sind Zweifel an Vitruv - auch wenn in seinem Werk vieles für uns wichtig ist und auch richtig und in Einklang mit der Befundlage, ist es immer noch ein theoretisches Werk mit einer Agenda und man kann nicht herangehen und nach der Lektüre sagen "so war es also".
Ansonsten sehe ich die Argumentation von Goriely in den meisten Punkten aber ziemlich schwach, obwohl ich behaupten würde, ich bin durchaus offen für neue und bessere Interpretationen alter Lehren - wenn die Argumentation schlüssig ist.

Ein Mathematiker will also antike Architekturgeschichte neu erklären mit einer Studie ohne Beteiligung von Fachleuten aus der Archäologie bzw. der archäologischen Bauforschung. Ich habe noch ein paar mehr Gedanken dazu, aber halte mich erstmal zurück. Was sagt ihr zu den Thesen und Argumenten?
 
Nun ist es ja grundsätzlich schon interessant, was ein Mathematiker zu einem so technischen Thema zu sagen hat. Da gibt es definitiv Details, wo ein Archäologe oder Historiker oder Vitruv lesender Philologe fachlich einfach verloren ist. Allerdings geht es in den Artikel schon wieder mehr um die Deutung der unbestreitbaren Faktenlage, und da finde ich persönlich es wieder eher schwierig, wenn jetzt der Mathematiker den Archäologinnen und Archäologen etwas aus deren Feld erklären will.
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Ansonsten sehe ich die Argumentation von Goriely in den meisten Punkten aber ziemlich schwach, obwohl ich behaupten würde, ich bin durchaus offen für neue und bessere Interpretationen alter Lehren - wenn die Argumentation schlüssig ist.

Ein Mathematiker will also antike Architekturgeschichte neu erklären mit einer Studie ohne Beteiligung von Fachleuten aus der Archäologie bzw. der archäologischen Bauforschung. Ich habe noch ein paar mehr Gedanken dazu, aber halte mich erstmal zurück. Was sagt ihr zu den Thesen und Argumenten?

Zu seinen Thesen und Argumenten sage ich erst mal noch gar nichts, da ich sie noch nicht gelesen habe. Aber es gibt zwei gegensätzliche Beobachtungen die ich mache.

1.) die Geschichtswissenschaften und Archäologie werden immer wieder von außen mit neuen Ideen und Methoden bereichert. Etwa die Erforschung des Nationalsozialismus zunächst durch Juristen später durch Sozialpsychologen. Oder die ur- und frühgeschichtliche Archäologie durch Biologen (Pollenanalyse) und die Naturwissenschaften insgesamt haben die Archäometrie beigesteuert.
2.) Auf der anderen Seite gibt es oft Fachfremde, die meinen die ganz große historische Erkenntnis zu haben. Sei es 300 Jahre erfundenes Mittelalter oder der die Entzifferung des Voynich-Codes als frühromanischer Dialekt, die Lokalisierung von Atlantis, die Sintflut als Volllaufen des Schwarzen Meeres, eine Uminterprätation der Via Claudia Augusta nach dem Itinearium Antonini unter Zuhilfenahme von Laurins Rosengarten etc. Da sind auch oft etablierte Wissenschaftler darunter, die aber dummerweise keine Ahnung von dem Fachgebiet haben, in dem sie dilettieren. Man merkt das meistens daran, dass sie nichts Methodisches beitragen oder sich innerhalb des Konsens bewegen, sondern dass sie immer gleich die große Sensation heraushauen.
 
Da hast du natürlich Recht - es gibt auch genug Beispiele für Fachfremde, die unter Punkt 1 fallen, die wirklich durch neue Perspektiven weiterhelfen.

Ich denke grundsätzlich auch, dass die Perspektive eines Mathematikers oder Statikers für antike Architektur hilfreich und wichtig ist. Und ein Professor in Oxford ist jetzt auch nicht irgendwer. Außerdem kommen im Artikel auch zwei drei andere Fachleute zu Wort, auch Altertumswissenschaftler. Da sind auf jeden Fall gute Punkte dabei, insgesamt bin ich trotzdem nicht überzeugt. Aber es wäre falsch, diesen Professor hier gleich abzustempeln unter den Personen aus Punkt 2, nur weil er gegen die gegenwärtige Lehre spricht. (Wenn das niemand je tun würde, würde die Wissenschaft ja auch gar nicht vorankommen.)
 
Und ein Professor in Oxford ist jetzt auch nicht irgendwer.
Tja, da gibt es leider Beispiele..... Also zunächst einmal haben Leute, die an einer Uni eine Anstellung haben, i.d.R. ja etwas ordentliches wissenschaftlich geleistet. In der Regel in dem Bereich, in dem sie ihre Anstellung haben.
Manche dilettieren auch sehr erfolgreich in anderen Fachbereichen.
Dann gibt es aber die, welche nach ihrer wissenschaftlich erfolgreichen Arbeit fragwürdiges schreiben. Da gibt es den rassistischen Geologen oder den Wirtschaftsprofessor, der über Atlantis oder die Varusschlacht schwadroniert, den promovierten Germanisten, der sich dem Katastrophismus anschließt und den Physiker mit Spezialgebiet auf Keramik, der die Ägyptologie revolutionieren will. Oder den Immunologen, der meint, mit dem Baskischen sämtliche Altsprachen neu übersetzen zu können.
 
Ich denke grundsätzlich auch, dass die Perspektive eines Mathematikers oder Statikers für antike Architektur hilfreich und wichtig ist.
Sehe ich auch so. Ein Vergleich der Ergebnisse antiker Berechnungen (falls vorhanden) bzw. antiker Bausubstanz mit modernen mathematischen Berechnungen und deren Ergebnissen kann erhellend sein. Ob man allerdings auf mathematischen Wegen andere Bauzwecke (Regenwasseranleitung etc) nachweisen kann, das vermag ich nicht zu beurteilen.

@El Quijote es gab auch andere Varianten wie Borodin (Chemie, Medizin, Musik), Nabokov (Literatur, Schmetterlingskunde), Jünger (Literatur, Käfer) wenn auch wohl deutlich seltener.
 
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