Vielleicht eine naive Frage: Mechanische "Automatik" und Taktung im 15. Jhd.?

Ich schaue mir seit ein paar Tagen die Darstellung in Theatrum Machinarum Novum, Buchzahl 70, an.
Theatrum Machinarum Novum
Nach Adam Riese und Eva Zwerg ein Pochwerk
Darauf ist nur ein einziges Wasserrad zu sehen. Reicht dieses eine Rad wirklich aus, um das ganze Werk anzutreiben, oder steckt dahinter ein System aus mehreren Funktionsbereichen
 
Moin
Meinst Du das verblaßte Bild? Kein Pochwerk, eine Sägemühle.
Ja, sollte reichen, im Museumsdorf habe ich auch mal eine Sägemühle mit unterschlächtigem Wasserrad gesehen.
 
rechts ist ein Wasserrad, rechts davon sind 4 Stempel die von einer Welle betrieben werden
schlicht beschrieben
Danke.....ich denke suchend weiter
 
Weitergedacht.....
Mir geht es um etwas anderes, und ich hoffe, ich kann es richtig ausdrücken. Das Wasserrad hat ja eine gewisse Wucht und läuft nicht völlig gleichmäßig. Meine Frage ist, ob diese unkontrollierte Kraft nicht direkt auf die Nockenwelle übertragen wird und dort eher zerstörerisch wirkt, so wie man es von wassergetriebenen Schmiedehämmern kennt. Dort sieht man ja, wie viel Rums dahintersteckt und wie stark die Mechanik belastet wird.
Ich frage mich deshalb, ob ein Pochwerk nicht eher einen geordneten, gleichmäßigen Takt braucht und ob die Darstellung bei Böckler dafür überhaupt stabil genug wäre. Ist mein Gedankengangfalsch ?!
 
Das Wasserrad läuft für eine solch wuchtige Anlage gleichmäßig genug, da sehe ich kein Problem. Eine relativ gleichmäßige Wasserversorgung des Mühlrades ist sowieso für das funktionieren nötig. (Anlage von Staubecken, Mühlkanal). Desweiteren hat ein Mühlrad tatsächlich keine große Leistung, wir bewegen uns hier, je nach Typ und Größe im Bereich von ganz grob 0,5- 2 PS. Beim Wasserrad geht es eher um die ununterbrochene Dauerleistung die tierische oder menschliche Kraft nicht leisten kann. Es muß da im Netz irgendwo Infos zum Pumpwerk aus der Seine zur Zeit Louis des 14ten geben.
 
Danke Karsten für deine Erklärung. Mir geht es aber weniger um die reine Leistung in PS, sondern um die Art der Kraftübertragung.
Ein Wasserrad hat ja eine gewisse Schwungmasse und läuft nicht völlig gleichmäßig. Ich frage mich deshalb, ob diese Wucht nicht direkt und ungedämpft auf die Nockenwelle wirkt. Bei wassergetriebenen Schmiedehämmern sieht man ja, wie stark die Schläge sind und wie sehr die Mechanik belastet wird.
Ein Pochwerk stelle ich mir dagegen eher als eine Anlage vor, die in einem geordneten, gleichmäßigen Takt laufen muss. Deshalb bin ich unsicher, ob ein unruhig laufendes Rad ohne zusätzliche Regelung nicht eher zerstörerisch auf die Nockenwelle wirken würde.
Mir geht es also weniger um die PS-Zahl, sondern um die Frage, wie die Stoßkräfte abgefangen werden
 
Wenn man die Kraft der Welle über ein Zahnrad weitergibt sollte das die Wucht dämpfen, auch kann man, denke ich den Wasserzufluß regulieren.
 
Ich habe mir das Ungetüm der Maschine von Marly mit den 14 Wasserrädern angesehen, beeindruckend, was man damals gebaut hat

Die Wucht, die über ein Zahnrad weitergegeben wird, kann man vielleicht etwas dämpfen, und auch der Wasserzufluss lässt sich ja regulieren. Trotzdem frage ich mich, wie sich die Wucht des Wasserrads und die ruckartigen Hebevorgänge der Pocher auf die Nockenwelle auswirken.
 
Die Wucht, die über ein Zahnrad weitergegeben wird, kann man vielleicht etwas dämpfen, und auch der Wasserzufluss lässt sich ja regulieren. Trotzdem frage ich mich, wie sich die Wucht des Wasserrads und die ruckartigen Hebevorgänge der Pocher auf die Nockenwelle auswirken.
Vor einigen Jahren durfte ich ein Wasserrad für eine historische Klopfsäge (technisch ähnlich einem Stampfwerk) planen/konstruieren. Daher kenne ich die Lasten, Anforderungen und Details recht gut.

Wegen der auftretenden Wechselbelastung unterscheiden sich Wasserräder für Klopfsägen oder Stampf-/Pochwerke grundsätzlich von Wasserrädern für Mühlen oder Sägen mit Pleueln. Die Speichen sind deutlich massiver und durchgehend, werden also nicht von der Welle unterbrochen. Die Welle ist massiver, da sie als Schwungmasse dient um die Schläge aufzufangen.
Eine Regulierung des Wasserzuflusses braucht es nur um die Drehzahl einzustellen, aber keine Feinsteuerung wegen der wechselnden Belastungen.

Einige Daten von "meinem" oberschlächtigen Wasserrad:
Wasserrad aus Lärche, Dübel aus Buche, keine Metallteile.
Durmesser 3,20 m, 24 Kammern à 40 Liter, 80 cm breit
12-16 U/min. Leistung max. 15 PS, Drehmoment über 1'000 Nm!
2 Schlägel, die das Sägegatter 2 x pro Umdrehung anheben, also 24-32 Mal pro Minute (also ca. alle 2 Sekunden ein Schlag)
Welle aus Eiche, Ø 60 cm, ca. 1'500 kg schwer.

Gruss Pelzer
 
Danke, Pelzer
das erklärt sehr gut, wie Rad und Welle die Schläge aufnehmen. Mich interessiert zusätzlich, wie sich diese wechselnden Lasten konkret auf die Nockenwelle auswirken und wie die Mechanik dort geglättet wird. Also weniger die Radkonstruktion, sondern eher die Frage, wie die ruckartige Hubbewegung in einen halbwegs gleichmäßigen Takt übergeht.
 
Die Nocken sind ja in Abständen über die Welle verteilt, untereinander versetzt. Das hat zur Folge z.B.: ein Hammer fällt gerade nieder, ein Hammer wird gerade angehoben, einer ist schon in der Mitte, einer ganz oben kurz vor dem Fall, etwas einfach dargestellt. Funktioniert mit ein/zwei/drei/vier oder mehr Hämmern.
 
Danke dir der Phasenversatz der Hämmer ist klar.
Mich interessiert zusätzlich, wie sich die wechselnden Lasten mechanisch auf die Nockenwelle selbst auswirken. Also weniger die zeitliche Verteilung der Schläge, sondern die Frage, wie die Welle die ruckartigen Kräfte verkraftet und wie die Bewegung dort geglättet wird.
 
... Mich interessiert zusätzlich, wie sich diese wechselnden Lasten konkret auf die Nockenwelle auswirken und wie die Mechanik dort geglättet wird. Also weniger die Radkonstruktion, sondern eher die Frage, wie die ruckartige Hubbewegung in einen halbwegs gleichmäßigen Takt übergeht.
Bei einer Säge gibt es bloss zwei um 180° versetzte Nocken (Schlegel). Also pro Wellen-Umdrehung zwei Hübe. Bei Stampfwerken sind es ja meistens viel mehr.
Die Schlegel sind aus Eiche und haben vorne eine Rolle aus Birnbaum dran. Diese hebt das Sägegatter hoch, bis es (bei etwa 10 Uhr) abrollt und nach unten fällt. Dabei sägt es den Holzstamm. Das Sägegatter schlägt dann unten auf das Sägemehl am Boden auf und hüpft wieder etwas hoch. Und genau in dem Moment kommt der nächste Nocken und hebt das Gatter wieder an.

Das muss gut synchronisiert sein, keinesfalls darf das Gatter auf den Nocken fallen. Insgesamt gibt das eine schöne ruckfreie Bewegung. Natürlich hilft dabei auch das hohe Gewicht Drehmoment der Welle und des Wasserrades.

Gruss Pelzer
 
Zur Verdeutlichung, worauf sich meine ursprüngliche Frage bezog, zeige ich hier die historische Zeichnung der Mechanik.
Ich bin mir nicht sicher, ob diese Darstellung tatsächlich die Art von Nockenwelle zeigt, die ich im Kopf habe.
Kann mir jemand kurz erklären, wie man diese Mechanik einordnen sollte?

digitale-sammlungen.de
 

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Ich sehe da auf den ersten Blick keine Nockenwelle.

Das sieht mir nach einer Mühlensteuerung aus, ein Hebel scheint den "Mahlgutabfluß" zeitlich zu steuern, auf-zu-auf.???
 
Pelzer, ich habe mir das größere Originalbild angeschaut, da hat man den Gesamteindruck, mit Nockenwellen/Steuerung sehe ich da nix.

Die Auf-Zu Steuerung geschieht hier wohl über die den Mahlstein antreibende Welle? Eine Steuerung scheint hier über diese Welle stattzufinden.
 
Zur Verdeutlichung, worauf sich meine ursprüngliche Frage bezog, zeige ich hier die historische Zeichnung der Mechanik.
Ich bin mir nicht sicher, ob diese Darstellung tatsächlich die Art von Nockenwelle zeigt, die ich im Kopf habe.
Kann mir jemand kurz erklären, wie man diese Mechanik einordnen sollte?

digitale-sammlungen.de
Ich musste einen Moment nachdenken, wo du auf dem Bild eine Nockenwelle siehst? Jetzt hab ichs glaub:
Das grosse Rad mit den Nocken ist keine Nockenwelle, sondern ein Kronenrad. Das treibt das Kammrad oben an - und das den Mühlstein oberhalb...

Eigentlich bloss ein hölzernes Winkelgetriebe.

Gruss Pelzer
 
Zuletzt bearbeitet:
Danke für die Einordnung. Ich bin technisch nicht bewandert und hatte das Bild nur so verstanden, dass dort eine Art Nockenmechanik dargestellt sein könnte. Gut zu wissen, dass es sich um ein Kronenrad bzw. ein hölzernes Winkelgetriebe handelt.
 
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