Von der Bauernmagd zur städtischen Prostituierten - ein Ausweg im zaristischen Russland?

Dieses Thema im Forum "Russland | Sowjetunion | Osteuropa" wurde erstellt von Nathan, 18. März 2019.

  1. Nathan

    Nathan Neues Mitglied

    Liebe Foren-Mitglieder,

    ich bin total verzweifelt und brauche Eure Hilfe!

    Ich muss eine Hausarbeit (20-25 Seiten) für ein Seminar der Osteuropäischen Geschichte verfassen und finde einfach keine gute Gliederung für meine Forschungsfrage! (Habe große Angst bereits getätigte Forschung einfach wiederzugeben)

    Meine Forschungsfrage ist: War für Bäuerinnen der Berufsstand der Prostituierten ein Weg in ein selbstbestimmtes Leben?

    Zeiteingrenzung ist die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts.
    Räumliche Eingrenzung ist Russland.

    Ich habe Fragen formuliert, die mir eigentlich bei der Gliederung hätten helfen sollen. Aber ich habe den Eindruck, dass es ausufert. Nun habe ich den Blick verloren und denke alles ist wichtig (Hilfe!)

    Frauen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

    Wie waren die Lebensbedingungen von Frauen im Dorf?

    Welche Stellung hatten sie in der Familie?

    Wie waren die Lebensbedingungen in der Stadt?

    Wie konnten Frauen in die Stadt? Passport, ständewechsel


    Wie waren die Arbeitsbedingungen von Frauen Allgemein?

    Wie waren die Arbeitsbedingungen als Prostituierte?

    Arbeitszeiten, Gehalt, Arbeitsdauer.

    Wie wurde die Prostitution rechtliche geregelt? Mit dem historischen Hintergrund.

    Welche Frauen arbeiteten als Prostituierte?

    Aus welchen Motiven heraus entschieden sich Frauen als Prostituierte zu arbeiten?



    Die Forschungslage zur Prostitution in Russland ist sehr übersichtlich: Offizielle Statistiken aus dem 19. Jahrhundert, die mir im Rahmen von Sekundärliteratur vorliegt; Gesetzeslage; die meiste Forschung dazu fand in den 80er und 90er Jahren statt. Leider kann die damalige Prostitution nur aus der Perspektive der Außenstehenden betrachtet werden (keine Ego-Dokumente).

    PS: Für meine Dozentin ist es besonders wichtig, dass ich formuliere, warum die Forschungsfrage wichtig ist bzw. relevant. Kann ich das auch bei einem Thema tun, das bereits fast komplett beleuchtet wurde?

    Ich bin verzweifelt und hoffe auf Eure Ratschläge.
     
  2. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Wenn ich das richtig verstehe, konzentriert sich das auf Statistikquellen und Gesetzesquellen, beides in der Literatur untersucht.

    Die Kernprobleme dürften doch dann darin liegen (Literatur mal vorerst beiseite geschoben):
    Welche Merkmalsausprägungen beschreiben den "Weg"?
    Welche Merkmalsausprägungen für Frauen 1850-1900 sollen "selbstbestimmtes Leben" beschreiben?

    Das verlangt mE die Herausstellung von "Variablen" für Frauen in Russland 1850/1900.
    Bildung (selbst/Kinder), Ehestand, Mobilität, Haushaltseinkommen, Altersunterschiede in der Ehe, Srandesunterschiede ...
    Zusätzlich die Frage der Verfügbarkeit von Statistiken dazu.
    Oder gesetzlichem Kontext.

    Was ist zB mit zeitgenössischer Literatur und deren Darstellung (Dostojewski etc.)?
     
  3. Nathan

    Nathan Neues Mitglied

    Vielen Dank für deine Antwort Silesia.

    meinst du mit "Variablen" herausarbeiten die gesamte Gruppe der Frauen?

    Zeitgenössische Literatur gibt ein romantisiertes Bild wieder, das je nach politischer Lage die Prostituierte als "Gefallene Frau" und Opfer der Umstände, die selbst erlöst oder erlöst werden soll, darstellt (19. Jahrhundert) oder als Täterin, die mit Lastern handelt (18. Jahrhundert).
     
  4. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Ein klein wenig Literatur der Zeit kenne ich. Daher erschien mir der Vergleich interessant.

    Gemeint waren oben empirisch-statistisch greifbare Merkmale, die für die in der Themenstellung genannten Aspekte Anhaltspunkte darstellen könnten. Ich halte das für schwer greifbar (soziologisch, bin da aber nicht der Experte, sondern andere hier...).
     
  5. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Man kann ja durchaus das romantisierte Bild in der Literatur mit dem aus anderen Quellen vergleichen. Die Relevanz des Themas ergibt sich aus dem Heute.
     
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  6. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Ich würde zunächst mit der Beschreibung des Lebens auf den Dörfern beginnen. Ein hervorragender Einstieg wäre das folgende Buch, aus ethnografischer Sicht. Eines der wenigen zu dem Thema aus der damaligen Zeit.

    Semyonova Tian-Sanskaia, Olga (2008): Village life in late tsarist Russia. 8. [print.]. Hg. v. David L. Ransel. Bloomington, Ind.: Indiana Univ. Press (Indiana-Michigan series in Russian and East European studies).

    Und angesichts der Darstellungen in dem Buch bin ich mir nicht so sicher wie intensiv Du Dich mit dem Thema auseinander gesetzt hast. Es war eine derbe Zeit und die Frauen waren: "not to mention the treatment of women, whose lot as a brutalized work horses and chief preservers of social bonds in the family and community...." (ebd. Pso 230) war.

    Als weitere generelle Beschreibungen für die damalige Situation im zaristischen Russland würde ich Dir drei weitere Bücher empfehlen, die relativ leicht zugänglich sind.

    Figes, Orlando (1998): Die Tragödie eines Volkes. Die Epoche der Russischen Revolution 1891 bis 1924. Berlin: Berlin-Verlag.
    Geyer, Dietrich (Hg.) (1975): Wirtschaft und Gesellschaft im vorrevolutionären Russland. Köln: Kiepenheuer & Witsch (Neue Wissenschaftliche Bibliothek, 71).
    Pipes, Richard (1995): Russia under the old regime. 2. ed. London: Penguin Books.

    Darüber hinaus liegen spezielle Publikationen vor zur "Sexualität" im zaristischen Russland, deren normativen Rahmenrichtlinien und der gesellschaftlichen Praxis.
     
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  7. Nathan

    Nathan Neues Mitglied

    In wie fern ergibt sich die Relevanz aus dem Heute?
     
  8. Nathan

    Nathan Neues Mitglied

    thanepower danke für deine Antwort.

    Probleme mit der Literatur habe ich keine. Die von dir genannten Werke kenne ich.
    Eher fürchte ich das bereits sehr ausgiebige Buch "Sonias Daughters" von Bernstein zu paraphrasieren.
    Sie hat mit ihrem Buch ein unglaubliches Buch über Prostitution im 19. Jahrhundert herausgebracht, die vorhandenen Quellen ausgiebig diskutiert.

    Ich habe gestern Abend eine Gliederung erstellt. Was denkt ihr? Ist das zu allgemein?


    1. Einleitung

    2. Ständegesellschaft im genannten Zeitraum
    2.1. Berufsspektrum
    2.2. Operationalisierung selbstbestimmtes Leben innerhalb des genannten Zeitraums (Indikatoren: Gehalt; Bildung)

    3. Prostitution
    3.1. Stellung innerhalb der Ständegesellschaft
    3.1 Finanzielle Aspekte

    4. Selbstbestimmtes Leben als Prostituierte in einer Ständegesellschaft (Aspekte: Selbstbestimmung durch Stellung und durch Geld?)?

    5. Schluss, Resumé
     
  9. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Geschichte wird immer aus der Gegenwart betrachtet, das lässt sich gar nicht vermeiden. Natürlich kann man Geschichte sinnfrei betrachten, das ist das, was hier im Forum relativ oft passiert. Und das ist nicht einmal so negativ gemeint, wie es klingt. Es ist halt eine Passion der Teilnehmer am Forum. Und die müssen sich für ihr zum Teil sinnfreies Interesse an Geschichte nicht rechtfertigen.
    Als Historiker dagegen, wenn du Geschichte professionell betreibst, kann und darf das kein Selbstzweck mehr sein. Es geht darum, dass du als Geisteswissenschaftler einen gesellschaftlichen Mehrwert erbringst, denn am Ende ist es die Gesellschaft, die dich bezahlt. Entweder, weil du als Lehrer (Sekundarbereiche, Hochschulen etc.), WiMi im Museum, Archivar etc. von Steuergeldern bezahlt wirst oder aber, weil du als Autor oder Journalist deine Texte an den Mann bringen musst. (Die meisten Historiker verschlägt es freilich an die Regelschule oder sie haben im Berufsleben überhaupt nichts mehr mit Geschichte zu tun.)
    Naiv gefragt: Was können wir aus der Geschichte für die Gegenwart lernen?
    Wie ist es um die Rolle und das Bild der Frau in Russland heute bestellt? Gibt es da Entwicklungslinien zwischen deinem Untersuchungszeitraum und dem Heute?
     
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  10. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ich kenne mich mit der Geschichte der Prostitution im Allgemeinen und Russlands im Speziellen nicht aus. Aber Prostitutierte als selbstbestimmt lebende Frauen, das scheint mir doch eher eine euphemistische Sichtweise zu sein. Ist das nicht eher der Gang vom Regen in die Traufe?
     
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