@ElQ
zunächst einmal Danke für Deinen Beitrag, aus dem ich gleich zitiere, und für Deinen vorangegangenen Beitrag!
Da muss man allerdings zwischen Musik auf der einen und der Dichtung sowie den bildenden Künsten auf der anderen Seite eine scharfe Trennlinie ziehen! Noten sind nicht antisemitisch oder rassistisch.
rein theoretisch wäre
absolute Musik mir antisemitischer Botschaft konstruierbar: dazu müssten eindeutig als jüdisch und eindeutig als arisch dechiffrierbare musikalische Floskeln verwendet werden und mit zielgerichteter Absicht kontrastiert werden, z.B. nach dem formalen Variantenmuster in Liszts Mephistowalzer (dort dominiert Thema B das Thema A in einer Kette von Doppelvariationen) -- aber ein solches denkbares Machwerk hat bislang kein ernstzunehmender Komponist verzapft.
Zwar hat man gelegentlich versucht, derartiges mit wirren Pseudoargumenten und mangelhafter Kenntnis musikalischer Mittel in Wagners und horribile dictu Mussorgskis Noten hineinzulegen, aber die Ergebnisse solcher Versuche sind gar zu dürftig. (das war vor ca. einem halben Jahr schon mal kurz in diesem Faden thematisiert)
Texte und Darstellungen können es sehr wohl sein. Da kann das handwerkliche Vermögen des Urhebers nicht alleiniges Qualitätsmerkmal sein.
möglicherweise ein Sonderfall sind die Texte von F.M. Dostojewski, deren literarische Qualität seit langem kein Geheimnis ist. Im Roman
die Dämonen finden sich en passant antisemitische, antideutsche und antipolnische Passagen - hier allerdings aus dem Mund des personalen Erzählerchronisten, der zugleich beteiligte handelnde Figur ist und ansonsten in den Personenreden diverser Protagonisten. Das kann man dem Autor, der die personalen Erzählebenen arrangiert, quasi als Zeitkolorit und damit als realistisch durchgehen lassen. Komplizierter wird es im Roman
die Brüder Karamazow, denn dieser enthält ebenfalls entsprechende Passagen, ist allerdings auktorial erzählt... Fakt ist, dass sich - wenn auch bzgl. der erzählten Ereignisse marginal - nebenbei, am Rande vereinzelte entsprechende Passagen in diesem Roman finden lassen - ich meine allerdings, dass sie nichts am Stellenwert der "Legende vom Großinquisitor" ändern.
...und dann das
Tagebuch eines Schriftstellers von eben diesem Dostojewski, wo es geradezu wimmelt von rassistischen, sozusagen "russisch-völkisch-nationalen" Vorurteilen und Ressentiments... man mag kaum glauben, dass alles das (dieses erschreckend bescheuerte öffentliche Tagebuch, die großen Romane, die erschütternde Erzählung
die Sanfte) von ein und demselben Autor stammen.
Es ging keineswegs um eine Verteidigung auch schon im 19. Jahrhundert lächerlicher Verse, sondern um eine Erklärung dafür, warum Wagner den Stabreim wählte.
ganz klar, dergleichen - egal mit welcher Absicht, sei es als archaisierend, sei es als deutschtümelnd - wirkt heute lächerlich und fand im 19. Jh. abenfalls genügend Spott (
was schabst du Schello, schäbiger Schuft)

- nicht grundlos hab ich
zuvor Dahns und Wagners Stabreime auf
z zitiert :rofl:
Fragt man in Sachen Deutschtümelei und (implizit?) völkisch-nationaler Ressentiments genauer nach, so ist beim
Schriftsteller Dahn (Kampf um Rom) die Sache offensichtlich - der
Librettist Wagner scheint da (beinahe schamhaft?) vorsichtiger zu Werke zu gehen: die Begriffe
Germane, germanisch finden sich in keinem seiner Libretti, die Stabreime finden sich einzig in den Texten des "Ring des Nibelungen" - Holländer, Tannhäuser, Lohengrin, Tristan, Meistersinger und Parsifal sind frei von Stabreimen. Eindeutig
patriotische Passagen finden sich im Lohengrin und in den Meistersingern (das kann man gegen den Verfasser lesen, das kann man auch einfach so, wie es dort ist, stehen lassen: Patriotismus muss nicht per se böse sein) -- die Deutschtümelei bei den Stabreimsachen im Ring, genauer gesagt, der Verdacht, es sei deutschtümelnd, muss von außen in den Text hineingebracht werden: klar wissen wir, dass Siegfried und Hagen Helden der germanischen Sagenwelt sind, dass Wotan und Walküren etc. dem rustikalen germanischen Pantheon entstammen, und selbstredend ist die Stabreimerei der überlieferten germanischen Heldendichtung bekannt. Und dann lesen wir eine verquere Commedia del´Arte voller lächerlicher Götter (das Rheingold ist komödiantisch!) als Anfang der Viertageoper... Ich erspare uns allen, den Fortgang der Ringgeschichte nachzuerzählen, weise nur darauf hin, dass die Handlung und ihre Figuren gar nicht zu nationalem Pathos taugen: Siegmund wird totgemacht, Siegfried ist ein ziemlich tumb-nassforscher Waldbauernbub, Brünhilde geriert sich als Zicke und Obergott Wotan ist eine Mixtur aus selbstbemitleidendem Looser und berechnendem Betrüger --- also diese Staffage als heroisch, gutdeutsch etc. sehen zu wollen, macht schon Mühe. Nimmt man dann noch die Brüche und Ungereimtheiten der Handlung hinzu, die Wagner bewußt waren, wird das nicht besser (herrlich: auf die Frage, warum der Siegfried denn nicht einfach mitsamt seinem Ring bei der Brünhilde bleibt (genau: da könnte das ganze einfach stoppen!) antwortete Wagner selbstironisch mit Blick auf den Bayernludwig "er muss sich erst ein paar Könige tributpflichtig machen"


)
Deutschtümelei im Ring? möglicherweise -- bei Dahn allerdings mehr (wenn auch nicht beim
Historiker Dahn!)
Ich hoffe, du betrachtest das hier nicht als Widerworte, sondern als Ergänzung.