Warum reagierte die DDR-Führung so hart auf Ausreiseanträge von Regimegegnern?

Dieses Thema im Forum "BRD | DDR" wurde erstellt von Griffel, 6. Juni 2021.

  1. Griffel

    Griffel Mitglied

    :) Hallo! Einen schönen Sonntag euch allen. Da ich kürzlich mal wieder eine Dokumentation über die DDR gesehen habe, ist mir das oben genannte Thema eingefallen.

    Nennt mich ruhig naiv! Das meine ich ernst. Aber warum, hat die Führung der DDR, die Ausreiseanträge von Leuten, die sie als Störenfriede, Unruhestifter oder politisch unzuverlässig bezeichnete, nicht einfach positiv beschieden? Die Antragssteller hätten ihren "Willen" bekommen. Und die DDR wäre jemanden los gewesen, den man sowieso nicht wirklich wollte.:cool:

    Auf der anderen Seite hat man ja auch mit der BRD den sogenannten Häftlingsfreikauf ausgehandelt.:rolleyes: Das war ja auch eine Möglichkeit, der DDR so manches "Problem", an sich geräuschlos zu lösen. Mal abgesehen davon, dass Erichs Kasse kräftig geklingelt hat. Aus Sicht der SED hätte man sich die Ausreise ja erstatten lassen können. Um es mal so auszudrücken.
     
  2. Clemens64

    Clemens64 Aktives Mitglied

    Die DDR hätte halt eine Gewissensprüfung einführen müssen wie bei der Bundeswehr: Nur echte Regimegegner dürfen ausreisen, wer einfach nur ein freieres und besseres Leben im Westen genießen möchte, muss hier bleiben. Sonst wären einfach zu viele, vor allem zu viele gut ausgebildete Leute weggelaufen.
     
  3. Griffel

    Griffel Mitglied

    Das wird sicherlich einer der Gründe gewesen sein. Aber! Man hätte ja auch eine Art Tauschhandel machen können. Nach dem Motto: Dissident gegen Kommunist. Heißt schlicht und ergreifend, dass ein kommunistisch veranlagter oder eingestellter Mensch, falls er oder sie das wünscht, die BRD verlässt und in die DDR zieht. Im Gegenzug, darf ein Ausreisewilliger in die BRD übersiedeln.
     
  4. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    So dolle viele waren das halt nicht, die freiwillig in die DDR wollten.
    „Das wahre Vaterland“ | zeitgeschichte | online
     
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  5. Clemens64

    Clemens64 Aktives Mitglied

    Griffel, einem Westdeutschen war es doch vonseiten der BRD unbenommen, sich in der DDR niederzulassen.
     
  6. andreassolar

    andreassolar Aktives Mitglied

    Aus ökonomischen Gründen. Sonst hätten wohl viel mehr DDR-Bürger einfach nur mal kurz 'politsch gebockt' und schwupp wären sie draußen gewesen. Was glaubst Du, wozu da in Berlin eine Mauer bestand, und sonst eine hermetische Grenzbefestigung? Ergebnis zunehmender, dann massenhafter Abwanderung, die die DDR-Wirtschaft ökonomisch in immer größere Schwierigkeiten brachte, Arbeitskräfte waren plötzlich weg, qualifizierte Leute gingen massenhaft über die noch offenen Grenzen, 1961 der Höhepunkt usw. Und Bau der Berliner Mauer im August.

    Wieder gings ums Geld - und um Kontrolle der Ausreisebewegungen, Verhinderung vielfacher Abwanderung/Ausreise/Ausbürgerung etc.
     
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  7. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Zu den wenigen gehörte der renommierte Schauspieler und Synchronsprecher Wolfgang Kieling, der 1968 in die DDR übersiedelte. Kieling war kein Kommunist, sondern abgestoßen von vielen Entwicklungen in der Bundesrepublik wollte er vor allem ein Zeichen gegen den Vietnamkrieg setzen. Kieling war 1965 für seine Rolle in Die Davidwache mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet worden, den er versteigerte und den Erlös dem Vietcong stiftete. Die Goldene Kamera, die damals von der Hörzu verliehen wurde, gab er zurück aus Protest gegen die Praktiken des Axel Springer-Verlags zurück. Wolfgang Kieling konnte sich aber in der DDR-Kulturszene nicht so recht einleben, und die Erwartungen, die er sich in der DDR erhoffte, erwiesen sich als Enttäuschung. 1970 kehrte Kieling wieder in die Bundesrepublik zurück.

    Das waren viel zu wenige Interessenten, als dass sich ein solcher "Tauschhandel" gelohnt hätte, und die wenigen, die überhaupt Interesse an einer Übersiedelung in die DDR hatten, waren zwar eher Leute, die politisch links orientiert waren, die aber alles andere als linientreue Kommunisten waren und daher in der DDR durchaus nicht unbedingt willkommen waren.

    Wer dann allerdings in der DDR sozusagen politisches Asyl fand, waren einige RAF-Mitglieder, die durch die Stasi eine neue Identität bekamen, wenn sie politische Agitation in der DDR einstellen. Silke Maier Witt lebte mehrere Jahre in der DDR, wo sie 1990 verhaftet wurde.
     
  8. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Bsp.: Familie Merkel, wenn auch aus seelsorgerischen Gründen, die Merkels waren ja gerade keine Kommunisten.

    Überzeugte Kommunisten: Familie Rapoport. Die zogen 1952 aus Österreich in die DDR, hatten den Zweiten Weltkrieg in den USA überlebt. Bertholt Brecht...

    Ein Gutteil der RAF-Fraktion nutzte die DDR wohl weniger als Rückzugsraum, wie man lange vermutete, sondern eher, um aus dem Untergrund heraus wieder in ein geordnetes, bürgerliches Leben einzutauchen. Öffentlich wurde das erst nach 1990, aber es gibt zumindest den Verdacht, dass die Regierung Kohl darüber informiert war.

    Aber es gab auch Kommunisten, die das Leben in der DDR bewusst hinter sich ließen und zwar sind nicht solche gemeint, die für die Stasi in den Westen gingen, sondern Leute, die von der Ernsthaftigkeit der Bemühung der Ostblockstaaten, die Ideen von Marx und Engels umzusetzen nicht überzeugt waren.
     
  9. Ralf.M

    Ralf.M Aktives Mitglied

    Wenn so ein Thema hochkommt geht einen als ehemaliger DDR Bürger so einiges durch den Kopf.
    Zum Beispiel erinnert man sich da auch an die dünnen Informationen die man aus den DDR Zeitungen wie z.B. „ND“ oder „Das Volk“ hatte und ergänzend dazu das Westfernsehen (ARD oder ZDF).

    Thema Zwangsausweisungen.
    Da denke ich sofort auch an die Aktion „Gegenschlag“ der DDR Stasi am 18.03.1983.

    Innerhalb von 3 Tagen schob Mielkes Tschekisten 40 Personen aus Jena in den Westen ab.

    https://www.jugendopposition.de/themen/145387/aktion-gegenschlag?video=145108

    Herausgeber dieser Web-Seite ist die „Bundeszentrale für politische Bildung“ und die "R. Havemann Gesellschaft."
     
  10. Ralf.M

    Ralf.M Aktives Mitglied

    Ja...
    Einer davon ist Wolfgang Leonhard.
    Seine kommunistische Mutter emigrierte 1935 nach Moskau. Sie war auf der Fluch vor den Nazis.
    Der >große Georgier< ließ sie in Moskau verhaften und sie bekam völlig unschuldig 12 Jahre Arbeitslager in Sibirien.
    Ihr Sohn Leonhard – auch genannt Wladimir – blieb in Moskau.
    Er wurde zu einem Kommunisten erzogen und im April 1945 wurde er als zuverlässiger Kader mit der Gruppe Ulbricht nach Ostdeutschland gebracht.
    Wem es interessiert, sollte man lesen was bei Wikipedia zu seiner Person steht.
     
  11. Griffel

    Griffel Mitglied

    Dass der DDR daran gelegen war, möglichst viele gute ausgebildete Leute zu behalten, ist verständlich. Mir ging es auch eher darum, dass man auf diese Weise, viele in Anführungsstrichen PROBLEME, ohne großes Tohuwabohu hätte lösen können! :cool: Wobei ich hier mal ganz klarstellen möchte, dass ich die Art, wie der Menschenhandel zwischen der DDR und der BRD abgewickelt wurde, als solches ablehne!

    Sicherlich, dadurch wurde es Menschen ermöglicht, ein freies und sicheres Leben zu führen. Allerdings stören mich die Umstände.:( Man hat Menschen schlicht zu einer Handelsware gemacht und das im 20. Jahrhundert. Für die Betroffenen war das sicher ein Segen. Moralisch und rechtlich war die Sache dennoch fragwürdig.

    Allerdings sehe ich auch nicht ein, warum dieser "Luxus" nur enttarnten und einsitzenden Spionen zustehen sollte.
    Und selbstverständlich stimmt die Anmerkung mit den westdeutschen Linken. Man erinnere sich nur an die sogenannten RAF-Aussteiger!;) Die meisten dieser Leute waren nach kurzer Zeit sehr ernüchtert.
    Das Märchen, dass die westdeutsche Regierung, angeblich nichts vom Verbleib der RAF-Leute wusste, glaube ich nicht einen Moment! Wahrscheinlicher ist, dass man in Bonn nach der Devise verfuhr: "Aus den Augen aus dem Sinn."
     

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