Warum stimmte Hindenburg einer Reichskanzlerschaft Hitlers zu?

Dieses Thema im Forum "Das Dritte Reich" wurde erstellt von Marlon, 2. November 2009.

  1. Marlon

    Marlon Mitglied

    War Hindenburg einfach zu alt, um sich gegen die Kamarilla in seinem eigenen konservativ-monarchistischen Lager zu stemmen?
    Wer intrigiert gegen ihn? Wo waren die treibenden Kräfte?
    Hindenburg hatte doch erst den "böhmischen Gefreiten" abgelehnt! Wie kam es zu dem Gesinnungswandel?
    Danke!
     
  2. Hans forscht

    Hans forscht Aktives Mitglied

    Da Hitler nicht zu den Wünschen eines "konservativ-monarchistischen" Lagers paßte, kann Hindenburg sich nicht von dort herrührenden Bestrebungen gebeugt haben, als er Hitler ernannte. Durfte er denn verfassungskonform ablehnen? Womöglich wollte er die Verfassung nicht beugen. Ihm im Nachhinein und posthum zu unterstellen, er hätte alles was danach geschah vorausahnen müssen, fände ich absurd.
     
  3. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Hindenburg hatte eigentlich keine andere Wahl. Da die NSDAP und die KPD zusammen im Reichstag über die absolute Mehrheit verfügten, war es nicht möglich, eine stabile Regierung unter Ausschluss der beiden radikalen Parteien zu bilden. Die Präsidialkabinette waren auch keine Dauerlösung.
    Rückblickend wäre natürlich alles besser gewesen als eine Ernennung Hitlers zum Reichskanzler, aber wie Hans schon gesagt hat, konnte niemand wirklich ahnen, wie schlimm es wirklich kommen würde. Das ist umso bedauerlicher, weil die Weltwirtschaftskrise, die zu Hitlers Wahlerfolgen geführt hatte, eh schon im Abklingen war. Ein paar Jahre noch, dann hätte die NSDAP vielleicht eh wieder massiv Wähler verloren.
     
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  4. Papa_Leo

    Papa_Leo Aktives Mitglied

    Dennoch bleibt eine Sache anzumerken: in der Weimarer Republik ernannte nur EINER den Kanzler - und das war der Reichspräsident. Vielleicht plakativer: Kanzler wurde nur derjenige, den der Reichspräsident haben wollte. Eine andere Möglichkeit, den Kanzler zu bestimmen und der Präsident ernennt ihn dann nur noch formal so wie in der BRD ... sowas gab es nicht.

    Die Frage, ob Hindenburg Hitler verfassungskonform ablehnen hätte können stellt sich also gar nicht, denn die Verfassung sah vor, dass allein der Präsident bestimmte, wer Kanzler wird.

    Eigentlich war die NSDAP schon wieder auf dem absteigenden Ast ...
    - Niederlage Hitlers bei den Wahlen zum Reichspräsident gegen Hindenburg
    - bei den Wahlen November 1932 (die letzten vor der Ernennung Hitlers) hatte man im Vergleich zu den ersten Wahlen im Juli 1932 4% verloren
    - Hitler hatte sich in der eigenen Partei Kritik dafür anhören müssen, dass er von seinem (evtl. von Anfang an nur taktisch gemeinten) Angebot der Zusammenarbeit mit dem Kanzler von Papen als Juniorpartner nach den erfolgreichen Juli-Wahlen nichts mehr wissen wollte, alles oder nichts spielte und nichts bekam (Papen wurde durch Schleicher ersetzt)
    - Schleichers Idee, die NSDAP in einen rechten und linken Flügel zu spalten mag zwar objektiv betrachtet wenig Aussicht auf Erfolg gehabt haben, erschreckte aber scheinbar die NSDAP und Hitler gewaltig (plötzlich war ja Hitler auch zur Zusammenarbeit mit von Papen wieder bereit, allerdings nun nicht als Vizekanzler, sondern als Kanzler ... aber im Kabinett waren neben Hitler nur 3 Minister aus der NSDAP)
     
  5. Papa_Leo

    Papa_Leo Aktives Mitglied

    Meine Interpretation des Gesinnungswandels:
    - Hitler war Vorsitzender der stärksten Partei
    - Papen und Schleicher waren als Kanzler gescheitert
    - natürlich gab es Alternativen - aber als Vorsitzender der stärksten Partei war Hitler selbstverständlich ein Kandidat
    - Papen wollte zurück ins Rampenlicht der Politik und sich an Schleicher für seinen damaligen Sturz rächen ... Papen hatte schon 1932 die Idee, mit der NSDAP zusammen zu arbeiten. Das scheiterte (vgl. oben) daran, dass Hitler, nachdem er den Wunsch nach Neuwahlen erfüllt bekommen hatte, bei denen die NSDAP von ca. 18 auf ca. 37% kletterte, von einer Juniorpartnerschaft nichts mehr wissen wollte. Papen war der Ansicht, dass man Hitler "zähmen" könnte, als Marionette benutzen ("In zwei Monaten haben wir Hilter in die Ecke gedrückt, dass er quietscht"), wenn man ihn "einbettet" in eine ansonsten von konservativen Politikern dominierte Regierung.
    - von Papen hat seinen Einfluss auf die konservativen Kreise und Hindenburg genutzt, um Hitler "salonfähig" zu machen
    - möglicherweise spielte folgender Gedanke bei Hindenburg auch eine Rolle: Obwohl Monarchist, fühlte sich Hindenburg als Reichspräsident doch verpflichtet, diese Aufgabe auch pflichtbewusst zu erfüllen. Die Präsidialkabinetten waren ihm evtl. zuwider und er wollte wieder einen funktionierenden Reichstag - das wäre zu schaffen, wenn man um die NSDAP herum eine Koalition der rechtskonservativen Parteien schaffen könnte - aber diese Koalition hatte nur Aussicht auf Zustandekommen mit einem Kanzler Hitler.
     
  6. naty

    naty Neues Mitglied

    Entscheid Hindenburgs

    Hallo Leute, ich habe eine Frage:

    Hindenburg war ja von Hitler überhaupt nicht begeistert. Er sprach ja von ihm als "diesen böhmischen Gefreiten" und wollte ihn auf keinen Fall zum Reichskanzler ernennen.

    Doch warum hat er es dann trotzdem gemacht? bzw. Warum hat dann Hindenburg zugestimmt, als von Papen ihm Hitler als Reichskanzler vorschlug?

    Danke für eure Hilfe..

    LG
     
  7. Rodriguez

    Rodriguez Aktives Mitglied

    Noch nach der Reichstagswahl vom 31. Juli 1932, bei der die NSDAP rund 37% der Stimmen gewann, sagte Hindenburg: "Diesen Herrn Hitler würde ich nicht einmal zum Postminister machen". Doch obwohl Hindenburg Reichspräsident der ersten deutschen Demokratie war, hasste er diese, er war und blieb Monarchist und träumte von der Wiedereinführung der Hohenzollern-Monarchie. So gesehen hielt er 1933 - nach etlichen Kabinetten und bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen auf der Strasse - Hitler inzwischen für das geringere Übel als die verhassten Roten (Sozialdemokraten), schliesslich regierten mit Hitler wenigstens die Nationalen.

    Auch liess sich Hindenburg durch seinen Sohn Oskar, Papen und anderen bedrängen, nur Hitler sei in der Lage, einen Bürgerkrieg zu verhindern. Hinzu kam, dass einflussreiche Industrielle, Kaufleute und Bankiers eine Petition an Hindenburg sandten, mit dem Ersuchen, Adolf Hitler zum Kanzler zu berufen ... aus Angst vor der KPD ;)



    Saludos!
     
  8. Klaus

    Klaus Neues Mitglied

    Was hätte er denn machen sollen ?

    Kann man vom Reichspräsidenten verlangen, einen Kanzler gegen die Mehrheit im Reichstag, das heisst, gegen das Votum des Volks, einzusetzen ?

    Natürlich kann man argumentieren, dass ein Reichspräsident als Hüter der Verfassung niemanden zum Kanzler ernennen soll, der die Verfassung abschaffen will, aber dann muss er selbst die Demokratie abschaffen, sich selbst zum Diktator ausrufen und dann so lange wählen lassen, bis ein ihm genehmes Resultat herauskommt.

    Das Problem der Weimarer Republik war es eben, dass es eine "Demokratie ohne Demokraten" war. Eine Demokratie kann nun mal nicht garantieren, dass etwas Vernünftiges passiert, sondern nur, dass das, was passiert, von den Leuten auch gewollt wird.
     
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  9. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Wer hat denn eigentlich Hindenburg gezwungen beispielsweise Brünning oder Schleicher zu entlassen oder ein Hitler zum Reichskanzler zu ernennen.

    Und die Reichstafsmehrheit interessierte Hindenburg überhaupt rein gar nicht, denn er hat überaus üppig in den vorvergangenen Jahren vom Artikel 48 Gebrauch gemacht.

    Hindenburg hätte ruhig zuwarten können, denn die Nazis hatten den Zenit in der Wählergunst bereits überschritten.

    Und Hindenburg hat in der Reichskanzlerschaft Hitlers aktive beihilfe zum Aushöhlen der Verfassung geleistet. Seinem Amtseid hat er wohl nicht sonderlich ernst genommen; ähnlich wie viele Reichswehrangehörige.
     
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