Warum, war GB bei Hong Kong so inkonsequent?

Dieses Thema im Forum "Blockbildung und Kalter Krieg" wurde erstellt von Griffel, 15. März 2021.

  1. Griffel

    Griffel Mitglied

    Aus aktuellem Anlass möchte ich ein Gespräch über Hongkong bzw. seine Geschichte beginnen!
    (Mir ist durchaus bewusst, dass Hongkong, noch im Zeitalter der Kolonien erobert bzw. Gepachtet wurde.:rolleyes: Stichwort 2. Opiumkrieg.)

    Aber die entscheidenden Entwicklungen fanden ja im 20. Jhd. statt. Also, habe ich das mal unter Kalter Krieg eingestellt. Da Hongkong ja auch so eine Art Vorzeigeprojekt war. Das aber nicht konsequent zu Ende gedacht oder gebracht wurde!:mad: Vor allem wenn, man sich die jetzige Situation ansieht!

    Es dürfte wohl außer Frage stehen, dass Hongkong in sehr naher Zukunft, seinen Sonderstatus als Sonderverwaltungszone verlieren wird. Und ein stinknormale kommunistische Großstadt in der VR sein wird. Mit all den "Segnungen" des sozialistischen Einheitsstaates.

    Was mich zu meiner Überschrift bringt.o_O Wieso, hat Großbritannien, sich seinerzeit darauf eingelassen, die Insel nur für 99 Jahre zu mieten oder besser gesagt zu pachten. Bei anderen Gelegenheiten, wie Gibraltar oder den Falkland Islands, war man ja auch nicht so zögerlich.:cool: Sondern, hat diese "Erwerbungen" gleich auf Dauer gesichert. Man kann ja durchaus gegen Kolonialreiche sein! Und seien wir ehrlich, sie mach(t)en ihren ehemaligen Besitzern nichts als Ärger. Aber im Falle von Hongkong wäre es für die Bewohner sicherlich besser gewesen wenn, sie wie in den beiden vorigen Fällen, dauerhaft beim UK geblieben wären.

    Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich das viele wenn, nicht alle Einwohner Hongkongs jetzt sehnlichst wünschen. Da drängt sich doch eine 2. Frage gleich auf:
    Warum, hat man in Hongkong, nie eine ernsthafte Umfrage zu diesem Thema gemacht?

    Man kann natürlich einwenden, dass eine Solche sicherlich gegen den Vertrag verstoßen hätte! Aber warum hätte auf der einen Seite GB als alte Kolonialmacht sich daran halten sollen? Und warum hätte auf der anderen Seite, die VR auf dem Vertrag bestehen sollen. Immerhin wurde der ja von einem chinesischen Kaiser unterzeichnet. Wenn, auch unter Zwang. Was außer Zweifel steht. Und natürlich weiß ich, dass China bestrebt war oder besser ist, seine vollständige Souveränität wiederzuerlangen!;) Deswegen auch ja der ganze Ärger wegen Taiwan.

    Aber mal ehrlich: Hat hier irgendjemand im Forum, einen Zweifel daran, wie eine Umfrage, so es sie denn gegeben hätte, ausgegangen wäre?! Wenn, man als normal denkender Mensch, die objektive Wahl hat, kommunistisches China oder freier Westen, würde sich dann eine Mehrheit ernsthaft für China entscheiden.

    Natürlich, ist der Felsen von Gibraltar näher an England, als die Falkland Inseln oder Hongkong. Aber bei den Falklands, spielt das ja auch keine Rolle.

    Freue mich auf eure Beiträge.
     
  2. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Die Insel wurde 1841 an GB abgetreten und 1842 in eine Kronkolonie umgewandelt. Es folgte 1860 eine Erweiterung der Kronkolonie (Kowloon). 1898 wurde als nächste Erweiterung Hong Kongs lediglich die New Territories auf dem Festland für 99 Jahre gepachtet. Ebenfalls 1898 verpachtete China für 99 Jahre Guangzhouwan an Frankreich, die Bucht von Kiautschou an Deutschland und für 25 Jahre Port Arthur an Russland. Diese ungleichen Verträge waren eine Reaktion auf europäische Kanonenbootpolitik in China.
    Hier eine Übersicht über die unterschiedlichen Verträge und Abkommen, die GB mit China abgeschlossen hat, um das Gebiet von Hong Kong zu erwerben.
     
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  3. Griffel

    Griffel Mitglied

    Das war schon mal sehr informativ. Mir ist natürlich klar, dass GB, das nicht aus reiner Herzensgüte getan hat. Aber zumindest, hat Anfang der 70er eine gewisse Verbesserung gesehen. Vorher scheinen ja richtige Ausbeutermethoden geherrscht zu haben.

    Mir ging es vor allem darum, dass ja vor Kurzem das Wahlgesetz von Hongkong geändert wurde! Was bedeutet, dass man sich Wahlen eigentlich gleich ganz sparen kann. Mir tun besonders die Leute Leid! Sicherlich, es sind ethnische Chinesen. Jedoch haben diese Leute im Allgemeinen nicht mehr viel mit ihren Landsleuten gemein. Zumindest geistig. Natürlich, war die britische Kontrolle, eine Art von Fremdherrschaft. Aber mit der Zeit und vor allem mit dem steigenden Wohlstand, haben viele der Einwohner, ein anderes und freieres Leben kennen und auch schätzen gelernt.
    Besonders, dieses letzte Abkommen, war dann allerdings eher ein Papiertiger.

    Umso mehr wundert es mich, dass ausgerechnet die eiserne Lady Mrs Thatcher sich auf diesen Deal eingelassen hat. Es dürfte ja wohl klar sein, dass die Formel ein Land zwei Systeme, deutlich vor 2047 enden wird. Und die Zukunft von Taiwan, steht auch schon fest wenn, nicht die USA sich tatsächlich dazu entschließen, zu ihrem Wort zu stehen.

    Ich glaube kaum, dass die Mehrheit der Einwohner der Formosa Inseln, eine "Wiedervereinigung" mit Festlandchina herbeisehnt. Wenngleich, sich Letztere wohl kaum verhindern lassen wird. Es sei denn, die USA, wären bereit sich einen längeren Konflikt mit China zu liefern. Was ich mir kaum vorstellen kann.
     
  4. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Du wirfst Mrs Thatcher im Prinzip vor, dass sie 1984 nicht dasselbe Wissen hatte, wie wir 2020/21. Wenn du 1984 jemandem erzählt hättest, dass China 2021 die führende Wirtschaftsmacht ist, die auf allen Kontinenten ihre Hände im Spiel hat und ein weltweites Wegenetz baut, wo gleichermaßen der Duisburger Binnenhafen wie auch das peruanische Schmugglerdrehkreuz Juliaca eine Rolle spielen, das hätte dir vermutlich niemand geglaubt. "Die blauen Ameisen? Lachhaft!"
     
  5. Stilicho

    Stilicho Aktives Mitglied

    Ich denke hier sollte man sehen, dass ein britisches Territorium praktisch nur im Einvernehmen mit der VR China möglich gewesen wäre. Da Hong Kong praktisch keine Süßwasservorkommen und keine Landwirtschaft hat ist man auf Versorgung von außerhalb angewiesen. Das wäre im Falle einer chinesischen Blockade immens teuer geworden...
    Zudem war die britische Kolonialmacht bei den Einheimischen auch nicht unbedingt beliebt.
     
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  6. Clemens64

    Clemens64 Aktives Mitglied

    Ich denke, Mrs. Thatcher wird damals von Ihrer Admiralität gehört haben, dass für eine in Zukunft allfällige Rückeroberung Hongkongs wesentlich mehr Flugzeugträger nötig sein würden als im Falklandkrieg.
     
  7. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Die Fragestellung ist schon merkwürdig. Verwunderlich ist eher, dass eine ehemalige Kolonialmacht keine konsequente Strategie zur De-Kolonialisierung nach 1945 vollzogen hat (vgl. u.a. Suez-Krise 1956). Ein Problem, das GB mit dem völlig sinnlosen Krieg um die Falkland-Inseln dann auf die Füsse gefallen ist und dem PM einen Wahlsieg bescherte. Na so ein Zufall.

    Ansonsten ist die Diskussion m.E. eher abenteuerlich, da sie nicht ansatzweise die Bedeutung des Konfuzianismus für die Gesellschaft erkannt hat, ein operettenhaftes Verständnis von "Kommunismus bzw. Sozialismus" aufweist und die Rolle des Kapitalismus in diesem autoritär gelenkten Staat nicht richtig beurteilt.

    Es ist ein Staat entstanden, den es in dieser Kombination bisher nicht gegeben hat und dieser Staat vollbringt bemerkenswerte Leistungen bei der "Modernisierung" des Staates, der Gesellschaft und der Wirtschaft. Und es ist definitiv ein genuin chinesischer Weg, der sich nicht in die europäischen, analytischen Konstrukte eines Fukuyama "End of History" oder Giddens "Consequences of Modernity" (vgl. Wong S. 291ff) pressen läßt. Zudem wird man sich auch die Mühe machen müssen, das chinesische Verständnis von "Empire" genauer zu beleuchten.

    Es wäre an der Zeit die überfliegerhafte Besserwisserei zu beenden, das problematische Erbe des Kolonialismus zu verstehen und anzuerkennen und nicht noch heute ohne wirkliche Expertise irgendwelche vermeintlich richtigen Urteile zu fällen.

    Dann bleiben immernoch mehr als genug Aspekte, die man aus westlicher Sicht oder aus chinesischer - immanenter - Sicht kritisieren könnte.

    Wong, R. Bin (1997): China transformed. Historical change and the limits of European experience. Ithaca: Cornell University Press.
     
    Zuletzt bearbeitet: 15. März 2021
  8. hatl

    hatl Premiummitglied

    Jung Chang stellt die Frage übrigens anders herum.
    Warum hat nicht bereits Mao Hong Kong eingenommen?
    Schließlich wäre es ihm ein leichtes gewesen und hätte seinem Anspruch, globaler Führer im Kampf gegen den Kolonialismus/Imperialismus zu sein, Auftrieb gegeben.
    "Mao entschied sich aus rein pragmatischen Gründen dafür Macao und Hong Kong nicht zurück zu erobern. Hong Kong war Chinas größte Quelle für harte Währung und ein unverzichtbarer (vital) Kanal für den Erwerb westlicher Technologien und Ausrüstungen, die unter das strenge Embargo der USA fielen."
    S. 690 - Übersetzung durch mich.

    Chang, Jung; Halliday, Jon (2007): Mao. The unknown story. London: Vintage Books.
    (Das Buch gibt es auch in deutscher Übersetzung.)
     
  9. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

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  10. Griffel

    Griffel Mitglied

    Was Mrs Thatcher angeht, bin ich davon ausgegangen das Sie bzw. GB, etwas das man als wertvoll betrachtet, nicht einfach so wieder hergibt. Weil, dies eigentlich nicht dem Vorgehen von Mrs Thatcher entspricht bzw. entsprach. Es ist durchaus möglich, dass ich was Hongkong angeht, einer Fehleinschätzung unterliege. Aber ich habe mal gelesen, dass die meisten Festlandchinesen die Bewohner Hongkongs eher als sogenannte "Bananen" betrachten. Also Menschen, die zwar äußerlich chinesisch aussehen, aber im inneren weiß also europäisch sind.

    Wie auch immer, es ist nicht zu leugnen, dass Hongkong nun endgültig den Normen Festlandchinas angepasst wird. In allen Bereichen. Für die jungen Aktivisten tut mir das zwar leid. Aber die haben nur eine Chance auf ein sicheres Leben wenn, sie auswandern. Sofern sie nicht schon irgendwo in einem Gefängnis sitzen. So eine Entwicklung war ja zu erwarten! Eine machtbewusste Partei wie die KPCh, kann es auf die Dauer nicht tolerieren, dass es Kräfte gibt, welche den Machtanspruch der Führung infrage stellen! Das würde im Endeffekt bedeuten, dass die KPCh ihre Macht verliert. Und das wird man aus politischen und historischen Gründen niemals zulassen.

    Abgesehen davon, dass man in China keine wirkliche Erfahrung mit einer demokratischen Regierungsform hat. Und wenn, dann keine gute! Der Zeitraum zwischen 1911 und 1949, war ja alles andere als ruhig, stabil oder erfolgreich. Man wird sehen, was die Zukunft bringt.

    PS: Danke für die Daten!
     
  11. hatl

    hatl Premiummitglied

    Frau Thatcher war realistisch genug gemäß der vorhandenen Möglichkeiten zu handeln.
    Ich folge mal ihrer Darstellung (The Downing Street Years - S. 488ff)
    Nach ihrem Chinabesuch 1982 gibt es mehrjährige Verhandlungen über einen Übergang Hong Kongs an China 1997.
    Dieser sollte "smooth" sein, die wirtschaftlichen Interessen des UK wahren und auch einen Sonderstatus der Kronkolonie nach der Rückgabe.
    Was dabei im Wesentlichen herauskam war die Anglo-Chinesische "Joint Liaison Group".
    Das Ergebnis "war kein Triumph: Und konnte es auch nicht sein, angesichts der Tatsache, dass wir mit einer kompromisslosen Macht von überwältigender Überlegenheit verhandelten." (S. 492 - Hervorhebung und Übersetzung durch mich)
     
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