Weimarer Republik - Entstehungsgründe

Dieses Thema im Forum "Die Weimarer Republik" wurde erstellt von michelnoe, 4. April 2012.

  1. michelnoe

    michelnoe Neues Mitglied

    Das bedeutet aus deiner Sicht ist die Anführung der Wahlergebnisse zwischen 1893 und 1912 schlichtweg überflüssig?
     
  2. floxx78

    floxx78 Aktives Mitglied

    Streichen würde ich das nicht. Allerdings würde ich einen Hinweis auf die eher begrenzte Aussagekraft der Wahlergebnisse in Bezug auf Deine Frage geben (also so etwas wie: "Die Wahlergebnisse deuten darauf hin" o. ä.).

    Auf die Gründe dafür, dass es in den letzten Kriegsjahren quasi zu einer Militärdiktatur kam, würde ich nicht unbedingt eingehen. Wenn man nach den Ursachen der Revolution fragt, muss man aber sehr wohl erwähnen, dass eine solche Diktatur herrschte.
     
  3. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Die SPD wuchs stark - aber sie war kleinbürgerlich und keinesfalls revolutionär. Bis 1912 wuchs die SPD im Reichstag auf 110 Sitze an, die anderen Parteien kamen auf rund 230 Sitze.

    Natürlich forderte die SPD in ihrem Programm die Lösung der sozialen Frage, die Errichtung von Produktionsgenossenschaften mit Staatshilfe, die Aufhebung der Ausbeutung u.ä. Einen Umsturz forderte sie nicht.

    Eine Radikalisierung mit Abspaltung der USPD und der KPD erfolgte erst gegen Ende des Kriegs und unter Eindruck der russischen Oktoberrevolution.
     
  4. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Das wird der internen Diskussion in der SPD so nicht gerecht und auch nicht ihren sozialistischen Wurzeln. Sie war mindestens in ihrer Mehrzahl in ihrer Einstellung durchaus bewußt proletarisch und auch gewerkschaftlich geprägt. Und in diesem Spektrum bewegten sich am ehesten die Befürworter einer Kooperation mit dem Kaiserreich. Aber sie war nicht explizit im sozialen Sinne kleinbürgerlich.

    In diesen Kontext würde ich den Unterschied zwischen blue vs. white collar Worker einstufen, also Personen aus dem unteren Beamtentum, Angestelltenbereich oder auch kleine Selbständige (Tante Emma Läden, Kolonialwarenhandel etc.), die kleinbürgerlich waren.

    Sie war durchaus revolutionär, zumindest in Teilen, die sich um Luxemburg oder Liebknecht, kristallisierten.

    In Ihren Reden von 1907 sympathisierte sie beispielsweise in starkem Maße mit der (eher verdängten und wenig wahrgenommenen) Revolution von 1905 in Russland. Und hielt die Zeit für eine revolutionäre Veränderung in Deutschland durchaus gekommen.
     
  5. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Das betrifft aber doch nur einen sehr kleinen Teil. Die Masse der SPD-Wähler und ihrer Abgeordneten war eine im Kaiserreich sozialisierte Gruppe, die ganz anderes als eine revolutionöre Erhebung im Sinn hatte.

    Dass es diesen kleinen Zirkel gab, der eine Revolution oder den Umsturz der Verhältnisse herbeisehnte, bleibt davon unberührt. Diese Gruppe wuchs allerdings nach Kriegsausbruch an und bis 1917 radikalisierten sich weitere Teile, vor allem unter dem Eindruck der Oktoberrevolution. Aber selbst USPD und KPD repräsentierten später nur einen kleineren und rasch abschmelzenden Kern.
     
  6. michelnoe

    michelnoe Neues Mitglied

    Wie findet ihr diese Formulierung:

    "Die Aussagekraft der Wahlergebnisse ist jedoch in dieser Fragestellung und in Hinsicht auf die Politik der Sozialdemokraten nur sehr eingeschränkt vorhanden, da diese keineswegs eine Abdankung des Kaisers forderten, sondern eher im Rahmen des Kaiserreichs Parlamentisierungen vornehmen wollten."
     
  7. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Ich würde sagen, dass die SPD im Rahmen des Kaiserreichs eher eine gesellschaftliche Reform als eine Revolution anstrebte - abgesehen von einem kleinen Zirkel um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, der eine revolutionäre Umgestaltung in Deutschland für gekommen hielt.
     
  8. michelnoe

    michelnoe Neues Mitglied

    ungefähr so?:

    Die Aussagekraft der Wahlergebnisse ist jedoch in dieser Fragestellung und in Hinsicht auf die Politik der Sozialdemokraten nur sehr eingeschränkt vorhanden, da diese keineswegs eine Abdankung des Kaisers forderten, sondern eher im Rahmen des Kaiserreichs Reformen vornehmen wollten.
    Insgesamt betrachtet, wurde das Kaiserreich bis kurz vor Ende des 1. Weltkrieges von der größten Mehrheit des Volkes unterstützt, was nicht zuletzt daran lag, dass der Ausbruch des 1. Weltkrieges auf große Euphorie des Volkes stoß. Einzig der linksradikale Flügel der SPD, der sowohl das Ende des Kriegs, als auch eine Räterepublik nach russischem Vorbild in Deutschland forderte. Diese Gruppe bestand allerdings nur aus ein paar tausend Anhängern.
     
  9. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

  10. michelnoe

    michelnoe Neues Mitglied

    ähm..... :D ja!

    mh, aber du selbst sprichst von einem "kleinen Zirkel"...also ersetze die "paar tausend Anhänger" durch deinen "kleinen Zirkel" dann passt es!
     
  11. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Nö, Dieter sprach von einem "kleinen Zirkel".

    Die SPD war eine ideologisch geprägte sozialistisch, marxistische Partei bis Kriegsbeginn. Sicherlich in der Mehrheit nicht revolutionär, aber schon distinguiert "proletarisch" mit einer eigenständigen "Arbeiterkultur" und einem klaren Bild auf die Klassenunterschiede.

    Das gilt beispielsweise auch für eine Person wie Bebel. Und wichtige Theoretiker der SPD, wie Kautsky, waren ebenfalls marxistisch in ihren Positionen geprägt, obgleich sie durchaus eigenständige inhaltliche Positionen zu Marx entwickelt haben.

    August Bebel ? Wikipedia

    Karl Kautsky ? Wikipedia

    Am stärksten kamen revisionistische Positionen aus den Gewerkschaften und den Teilen der SPD, die ihr nahestand, wie Bernstein (SPD) und Legien für die Gewerkschaften.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Eduard_Bernstein

    http://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Legien
     
    Zuletzt bearbeitet: 25. April 2012
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  12. michelnoe

    michelnoe Neues Mitglied

    Die überarbeitete Fassung?

    Die Weimarer Republik – Ein Kind der Niederlage des 1. Weltkrieges oder ein Kind des revolutionären Verlangen des Volkes nach Demokratie und Freiheit?


    Die Weimarer Republik war die erste deutsche Demokratie - wird aber oft auf als unvollendet und improvisiert bezeichnet. Diese Äußerungen stützen sich auf die Instabilität während den 14 Jahren der Republik, die in der Machtergreifung des NS-Regimes unter Führung Adolf Hitlers mündete. Die Republik musste von Anfang an die Schuld des 1. Weltkrieges durch den Versailler Vertrag tragen, was dazu führte das die Bedingungen für die erste Demokratie sehr bedrückend für die Bevölkerung war. Die Verfassung der Weimarer Republik besaß außerdem einige Verfassungsschwächen. Nicht zuletzt die fast monarchische Stellung des Reichspräsidenten, der die Macht über wichtige politische Organe und über das Militär besaß. In diesem Zusammenhang stellt man sich unter anderem die Frage, ob die Weimarer Republik ein Kind der Niederlage des 1. Weltkrieges oder des revolutionären Verlangens nach Demokratie und Freiheit ist. Dies würden Kenntnisse über die Möglichkeiten der ersten deutschen Demokratie sein.
    Die Frage, ob das Volk schon vor Ende des 1. Weltkrieges eine Forderung nach einer demokratischen Staatsform entwickelte, kann man unter anderem durch die Wahlergebnisse im Kaiserreich beantworten. Im Jahre 1893 sind Konservative, Zentrum und Sozialdemokraten relativ ausgeglichen. Dies änderte sich bereit 1898 als die SPD 4% zulegte (27,2) und die Konservativen ungefähr diese Wähleranzahl verlor (-3,8). Bis zum Jahre 1912 legte die SPD insgesamt rund 11% zu. Die Wahlergebnisse könnten darauf hindeuten, dass das Volk nicht grundsätzlich gegen die Ansichten einer Demokratie war . Unter anderem um diese Entwicklung nicht bestimmend für die Kriegspolitik zu machen, führte Kaiser Wilhelm II. die Politik des Burgfriedens ein, indem er sagte, dass er keine Parteien mehr kenne, nur noch Deutsche. Die Tagespolitik war folglich nur noch mit der Kriegspolitik und der Bewilligung sogenannter Kriegskredite beschäftigt.
    Die Aussagekraft der Wahlergebnisse ist jedoch in dieser Fragestellung und in Hinsicht auf die Politik der Sozialdemokraten nur sehr eingeschränkt vorhanden, da diese keineswegs eine Abdankung des Kaisers forderten, sondern eher im Rahmen des Kaiserreichs Reformen vornehmen wollten.
    Insgesamt betrachtet, wurde das Kaiserreich bis kurz vor Ende des 1. Weltkrieges von der größten Mehrheit des Volkes unterstützt, was nicht zuletzt daran lag, dass der Ausbruch des 1. Weltkrieges auf große Euphorie des Volkes stoß. Einzig der linksradikale Flügel der SPD, der sowohl das Ende des Kriegs, als auch eine Räterepublik nach russischem Vorbild in Deutschland forderte. Diese Gruppe umfasste jedoch zu dieser Zeit nur einen kleinen Zirkel.
    Doch wie sahen die innenpolitischen Voraussetzungen für die neue Staatsform aus?
    Die militärische Lage Deutschlands war spätestens 1918 aussichtslos. Das Volk litt immer mehr unter hohen Opferzahlen und Hungersnöten. Man sehnte sich nach Frieden und einem möglichst schnellen Ende des Krieges. Währenddessen kam es zu einer immer größer werdenden Machtverschiebung zugunsten der OHL, da der Kaiser eine politische und militärische Unfähigkeit aufwies. Das Volk litt durch die Militarisierung der Gesellschaft unter dieser „quasi“ Diktatur, das führte dazu, dass die Regierung die Gunst des Volkes verlor. Die überlegenen Gegner Deutschlands, angeführt vom US-Präsidenten Wilson verfolgten eine eindeutige Politik, die sich unter anderem auf dem 14-Punkte-Programm von Wilson stützte. Dieses Programm bestand unter anderem aus der Forderung, dass Deutschland seine autokratische Staatsform ablegen soll, um Friedensverhandlungen zu ermöglichen. Eine eindeutige Forderung, die den Grundsatz des außenpolitischen Drucks auf Deutschland bildete und unter anderem zur Abdankung des Kaisers führte. Diese Politik begrüßte die innenpolitischen Entwicklungen in Deutschland in Hinsicht auf die Forderungen des Volkes. Nach dem 1. Weltkrieg war die Politik des Burgfriedens beendet, was den, an Stärke gewonnen, politischen Partei (SPD), ermöglichte die neue Regierung zu bilden. Die bevorstehende Niederlage Deutschlands sah die OHL als Grund dafür an, eine „Revolution von Oben“ durchzuführen, um ihr militärisches Ansehen zu bewahren. Diese Revolution von Oben drängte auf die Demokratisierung der Verfassung und ermöglichte somit die Machtübernahme der SPD. Der Plan der OHL war es, die demokratische Staatsform zu destabilisieren, um so, an einem späteren Zeitpunkt, wieder an die Macht zu kommen. Die SPD als demokratische Partei erlangte die Macht als nicht durch das revolutionäre Verlangen des Volkes, sondern durch die Bedingungen der militärischen Lage.
    Betrachtet man die Entwicklungen bis zu diesem Zeitpunkt, fragt man sich, ob ein revolutionäres Verlangen des Volkes überhaupt nötig war, um eine Demokratie zu erlangen. Weiter fragt man sich, ob eine Art Revolution überhaupt durchgeführt wurde.
    Als die OHL einen letzten Vergeltungsschlag gegen die englische Flotte befahl, meuterten Hunderte von Matrosen in Kiel, dem Standort der deutschen Flotte, da die Admirale einen besonderen Ehrencodex besaßen. Sie wollten lieber das Leben der Matrosen opfern als die Waffenstillstandsbedingungen des amerikanischen Präsidenten Wilson zu akzeptieren. Die Meuterei entwickelte sich zu einem deutschlandweiten Aufstand. Dieser wurde nun von der breiten Bevölkerung unterstützt und von Soldaten- und Arbeiterräten angeführt, die die regionalen Monarchen stürzten. Als die revolutionäre Bewegung am 9. November 1918 Berlin erreichte, versuchten gleich zwei politische Akteure, sich an die Spitze der Revolution zu stellen und somit die Bevölkerung zu beruhigen. Philipp Scheidemann (MSPD) und Karl Liebknecht (USPD) riefen, unabhängig voneinander, eine Republik aus. Scheidemann rief eine parlamentarische Demokratie, Liebknecht eine Räterepublik aus.
    Um ein Fazit zu ziehen: ist das eine vom anderen nicht zu trennen: Ohne den Ersten Weltkrieg hätte es keine Weimarer Republik gegeben, denn erst die nahende Niederlage, die ungeheuren Opfer an Menschen und die Notlage der zivilen Bevölkerung führten zur Novemberrevolution 1918, die, zusammen mit dem außenpolitischen Druck durch die „Wilsonsche“ Politik,den Zusammenbruch des Kaiserreichs nach sich zog. Alle weiteren Ereignisse wie die Aufstände im Dezember 1918, das Schwanken zwischen Räterepublik und demokratischer Staatsform und schließlich die Einberufung der Nationalversammlung leiten sich davon ab.
     
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  13. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Ich lass mich ja gern eines besseren belehren, Thane! Aber die allermeisten SPD-Rechstagsabgeordneten waren doch ganz bürgerliche Leute und keine Revutionäre. Trotz des Parteiprogramms der SPD, das ganz sozialistisch daherkommt. In der Theorie galten marxistische Grundsätze, aber in der Praxis wurde pragmatisch verfahren und eher eine Reform als eine Revolution angestrebt. Wenn sich die SPD später mit ganz großer Mehrheit gegen eine sozialistische Räterepublik aussprach so, spricht das Bände.

    Dazu passt der Satz im von dir verlinkten Bebel-Artikel: "Auch wenn Bebel in grundsätzlichen Fragen insbesondere mit Engels übereinstimmte, wurden seine Positionen weniger durch die marxsche Theorie, als vielmehr durch die Erfahrungen der praktischen politischen Arbeit bestimmt."
     
  14. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Völlig richtig. Ich wollte auch nur lediglich auf eine zu stark vereinfachte Position der SPD zum damaligen Zeitpunkt hinweisen. Einen Konflikt, der auf der einen Seite durch ideologische Ansprüche gekennzeichnet war und andererseist durch die Frage der Wähler, ob sie durch radikale ideologische Forderungen mehr "Netto vom Brutto" haben ;)

    Und den revisionistischen Politikern ging es im wesentlichem um die Verbesserung der Situation der Arbeiter zur damaligen Zeit. Eine sehr ehrliche, ehrenwerte und honorige Zielsetzung!, wie ich glaube.
     
  15. michelnoe

    michelnoe Neues Mitglied

    Habe ich eure Kritikpunkte nun im einzelnen gut umgesetzt? oder fehlt es der Ausarbeitung noch an irgendetwas?

    Danke im Vorraus
     
  16. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Das ganze erinnert mich stark an die Situation der SPD nach 1945, die ebenfalls ein marxistisch-sozialistisches Parteiprogramm hatte. Das wurde mit dem Wirtschaftswunder und zunehmendem Wohlstand der Bürger zum Ballast, sodass man es schließlich 1959 durch das Bad Godesberger-Programm ersetzte. Statt Verstaatlichung gab's nun ein Bekenntnis zur Marktwirtschaft und damit wurde die SPD regierungsfähig.
     
  17. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Ja, diese Parallelen sehe ich auch so. In beiden Fällen gab es durch den Krieg eine gewisse Radikalisierung, die allerdings unter den friedensmäßigen Bedingungen, vor allem nach 45, schnell an allgemeiner Unterstützung eingebüßt hatte.

    @michelnoe: Es kann Dir niemand einen Stempel bieten, so wie der TÜV, auf dem: "Geschichts-Forum geprüft" steht. :) Du hast es geschrieben, es sind Deine Gedanken und Du must dafür einstehen. Ideen wurden Dir ausreichend geliefert, finde ich. Also hau rein!
     
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