Weltbevölkerung im Paläolithikum

Dieses Thema im Forum "Frühzeit des Menschen" wurde erstellt von Idomenio, 19. Juli 2017.

  1. Idomenio

    Idomenio Mitglied

    Bei Schätzungen zu der Anzahl der Menschen, die im Paläo- und Mesolithikum zu verschiedenen Zeitpunkten gleichzeitig gelebt haben, lese ich oft sehr niedrige Anzahlen von etwa zwei, fünf oder sieben Millionen Menschen bzw. modernen Menschen. Von den Neanderthalern gab es angeblich nie mehr als 100,000 gleichzeitig und von Homo Habilis maximal 30,000.

    Warum waren es so wenige?

    Immerhin kann ein Quadratkilometer etwa 0,5 bis zwei Menschen bei Jäger-Sammler-Wirtschaft versorgen. Die Erde hat eine Landfläche von 150 Mio. km², von denen allerdings nicht alles gut bewohnbar ist (Wüste, Eis etc.) oder die ganze Zeit bewohnt war (die Amerikas). Trotzdem wären locker mehr möglich gewesen, oder?
     
    Zuletzt bearbeitet: 19. Juli 2017
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  2. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Wenn wir die verschiedenen Ansätze für geschätzte Populationen als gegeben setzen, ...

    (zB http://www.ufg.uni-kiel.de/dateien/...014_15_Dreibrodt_Hofmann/Shennan_2007_14C.pdf ) ...

    kommt man auf die Grundgleichung von Geburten- und Todesraten. Nur die biologischen, geologischen und klimatischen "Umgebungsvariablen" können dafür gesorgt haben, dass auf kleinem Niveau Geburten- und Todesraten im Gleichgewicht waren. Bzgl. der Todesraten also Nahrungsmangel, Krankheiten, Gewalt, "Unfälle". Als Illustration (der Vergleich hinkt selbstverständlich) die neuzeitlichen Raten an Todgeburten und Kindersterblichkeit im ersten Lebensjahr, die noch vor einem Jahrhundert in Deutschland bis zu einem Viertel der Geburten betragen haben (allein Sterblichkeit im ersten Lebensjahr 15%).

    Offenbar war die Neolithische Revolution -Faktor Nahrung und Bevorratung - Grundvoraussetzung für steigende Bevölkerungsdichte, oder auch überhaupt "größere Gemeinschaften" vor Ort, die wiederum "kritische Größenordnungen" überschritten, für weiteres Wachstum. Ebenso gab es in den darauf folgenden Jahrhunderten einzelne schwere "crashs" der Populationen.
     
  3. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Wie silesia oben schon ausgeführt hat, waren für die äußerst geringe Bevölkerungsdichte in der Altsteinzeit die extremen Umweltbedingungen und die Gefahren aus der Natur verantwortlich, denen der eiszeitliche Mensch ziemlich schutzlos ausgeliefert war. Hinzu kommt die geringe Basis an Nahrungsmitteln, denn die Jagd war nicht immer erfolgreich und an pflanzlicher Nahrung der Sammlerinnen mangelte es zuweilen.

    Das alles begrenzte eine starke Vermehrung, zu der es erst ab der Jungsteinzeit kam, die mit festen Wohnsitzen und einer einigermaßen verlässlichen Nahrungsbasis verbunden war. Zugleich gab es nun eine Vorratshaltung, die über schlechte Zeiten hinweghalf.

    Somit waren die Menschen des Paläolithikums extrem abhängig von den Produkten der Natur, was die Bevölkerungszahl und das Bevölkerungswachstum begrenzte. Eine naturbelassene Umwelt, die nicht von Menschen bewirtschaftet wird, führt zu einer geringen Bevölkerungsdichte.

    Schätzungen gehen davon aus, dass bis zum Ende des Paläolithikums, also etwa 8000 v. Chr., fünf bis zehn Millionen Menschen die Erde bevölkerten. Allerdings sind solche Schätzungen umstritten.



     
    Zuletzt bearbeitet: 19. Juli 2017
  4. steffen04

    steffen04 Gesperrt

    Ich würde mal davon ausgehen, dass die oben genannten Zahlen konservative Schätzungen auf Basis von Funden sind.

    Die HSS Funde der letzten Wochen in Kroatien und Portugal müssten die Schätzung über die Gesamtpopulation daher nach oben treiben. Oder haben die alten Schätzer schon eingepreist, dass HSS womöglich viel älter und viel verbreiteter war, als bis vor einem halben Jahr bekannt?

    Long Story short: alle diese Schätzungen bewegen sich wahrscheinlich am untersten Ende des möglchen
     
  5. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Die "0,5 bis zwei Menschen" werden wohl eher bei optimalen Bedingungen anzusetzen sein.
    In der letzten Eiszeit war halb Europa von Gletschern bedeckt, der Rest ähnelte dem heutigen Sibirien. Da gab es nur wenige Monate im Jahr etwas Essbares zu sammeln. Für das Überleben war man auf die Großwildjagd angewiesen.


    Auf der Basis von Funden werden sich wohl kaum Schätzungen für paläolithische Verhältnisse vornehmen lassen. Dazu sind Siedlungsfunde vonnöten.
     
  6. steffen04

    steffen04 Gesperrt

    Du hast sicher recht. Aber wenn ein Siedlungsfund kein Fund ist? Was ist er denn dann?
     
  7. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Warum soll ein Siedlungsfund kein Fund sein? Ich verstehe Deine Frage nicht ganz.

    Siedlungsfunde setzen voraus, dass es mal Bauwerke gegeben hat, die sich zumindest durch Erdverfärbungen noch nachweisen lassen. Wieviele solcher Funde gibt es aus dem Paläolithikum?
     
  8. steffen04

    steffen04 Gesperrt

    Das wäre meine nächste Frage gewesen. Wahrscheinlich nicht viele.
     
  9. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Und es darf nicht von Gesellschaften des 18. bis 21. Jahrhunderts ausgegangen werden. Die sog. Naturvölker stellen ja nicht einfach eine heutige Version von Kulturen der Steinzeit dar.
     
  10. Lukullus

    Lukullus Aktives Mitglied

    @Idomenio
    Zudem, mal spontan locker aus dem hohlen (paläolithisch: hungernden) Bauch geschossen, die 150 Mio. qkm Landfläche der Erdkugel relativieren sich, wenn folgender Vergleich auch etwas hinken mag, wird in Betracht gezogen, dass meines Wissens selbst heutzutage gerade mal ein Drittel davon unter landwirtschaftlicher Nutzung stehen.
    So folge ich Sepiola, bei weitem nicht jeder potentiell nutzbare Quadratkilometer wird Nahrungsgrundlage für 0,5 bis 2 Individuen geboten haben.
     
  11. steffen04

    steffen04 Gesperrt

    Die erste Frage, die sich stellt, ist doch, wie die Zahlen die Idomenio oben nennt, berechnet werden. Wenn man das weiss, kann man darüber dikutieren, ob ide Zahlen zu hoch, zu niedrig oder totaler Mist sind.

    Im von Silesia verlinkten Artikel stecken einige Hinweise. Die Autoren bewerten die Verlässlichkeit der Radiocarbon-Methode. Datenbasis sind 511 "Archaeological Sites" oder " 2.311 !$c-Results".

    Zur Population weltweit oder auch nur in den untersuchten Ostsee-Anrainerstaaten steht im Artikeln leider nichts. Aber man kann vielleicht herauslesen, das historische Demografie zuerst mal auf Funden beruht.

    Das heisst im Umkehrschluss: jeder neue relevante Fund verändert die Schätzungen.
     
  12. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Nur geht es da ums Mesolithicum und Neolithicum.
    Wobei die Befundlage fürs Mesolithicum schon sehr problematisch ist.

    Für Bevölkerungsschätzungen zum Neandertaler oder Homo Habilis finde ich da keine Hinweise. Oder habe ich da beim schnellen Drüberlesen etwas übersehen?
     
  13. steffen04

    steffen04 Gesperrt

    Und außerdem geht es nur um die Ostsseanrainer. So richtig weiter hilft der Artikel nicht, aber er zeigt zumindest wie Paläontologen ticken. Bleibt also die Frage, wie kommen die im Eingangsthread angeführten Zahlen in die Welt? Das muss doch irgendeiner hier wissen.

    Wie werden solche Zahlen berechnet? Auf Basis von Sites, Siedlungsfunden? Und wenn es die nicht gibt, wie dann?
     
  14. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Es ist trotzdem die einzige Möglichkeit, zu realistischen Einschätzungen über die Lebensverhältnisse in paläolithischer Zeit zu gelangen.

    "Zur Festlegung der Personenanzahl, die einer solchen Jäger- und Sammler-Gruppe zugeordnet werden kann, werden ethnographische Gruppengrößen von rezenten Wildbeutern herangezogen. Dabei werden, basierend auf Daten zur Wirtschaftsweise im Magdalénien, nur Jäger- und Sammler-Gesellschaften mit entsprechenden Subsistenztechniken ausgewählt (Anteile an der Nahrungsbeschaffung von minimal 50% Jagd, maximal 30% Fischen oder Sammeln, unberittene Gesellschaften etc.). Die hierbei ermittelte Personenzahl wird durch Informationen zu Behausungen und Größen jungpaläolithischer Fundstellen verifiziert..."

    https://www.academia.edu/27207216/K...was_zählt._Festschrift_für_Andreas_Zimmermann
     
  15. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Nur ist es ein großer Unterschied, ob wir Wohnhäuser haben oder Feuerstellen.
    Wenn ich drei Wohnhäuser finde, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie gleichzeitig besiedelt waren - auch wenn sie im Abstand von mehreren Jahren gebaut wurden. Und der Hausgröße sehe ich an, ob da dreißig Personen reingepasst haben könnten - oder doch eher nur fünf.

    Wenn ich drei Feuerstellen finde, die möglicherweise im Abstand von mehreren Jahren angelegt wurden, was lässt sich da herauslesen?


    Das glaube ich eher nicht. Die Informationen eines einzelnen paläolithischen Fundplatzes sind so indirekt, dass da auch mehrere Einzelfunde kaum ins Gewicht fallen.
     
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  16. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    So wird das auch in Publikationen beschrieben:
    Human population dynamics in Europe over the Last Glacial Maximum
     
  17. Heine

    Heine Aktives Mitglied

    Auch genetische Untersuchungen können Auskunft über Bevölkerungsgröße bzw. -dichte zu bestimmten Zeitpunkten in der menschlichen Geschichte geben. So ergab die Untersuchung der in der Denisova-Höhle auch gefundenen Neandertaler-DNA, dass die Eltern des Individuums nahe Verwandte waren, woraus man auf eine geringe Bevölkerungsdichte schließt [1][2]. Die geringe genetischen Variabilität des modernen Menschen lässt darauf schließen, dass zu bestimmten Zeitpunkten nur wenige Individuen des HSS auf der Erde lebten (genetischer Flaschenhals) [3]. Aus der Verteilung der europäischen mtDNA ergibt sich die Wiederausbreitung des modernen Menschen nach dem letzten Kältemaximum aus dem franko-kantabrischen Rückzugsgebiet [4].

    Dies nur beispielhaft. Man könnte diesem Aspekt weiter nachgehen.

    [1] https://www.welt.de/wissenschaft/ar...ei-sibirischem-Neandertaler-nachgewiesen.html
    [2] Genome of Neandertals Reveals Inbreeding | Science | AAAS
    [3] https://de.wikipedia.org/wiki/Genetischer_Flaschenhals#Genetischer_Flaschenhals_beim_Menschen
    [4] http://www.cell.com/ajhg/fulltext/S0002-9297(07)63798-7
     
    Zuletzt bearbeitet: 19. Juli 2017
  18. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Darum schreibe ich ja, dass es dort etwas hinkt.
     
  19. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

  20. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

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