Werbung und Desertion von Soldaten im 18. Jahrhundert-How to, Motivation, Beweggründe

Dieses Thema im Forum "Absolutismus und Aufklärung (1648-1789)" wurde erstellt von Scorpio, 10. Januar 2018.

  1. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Ich denke auch das der Anteil an Kriminellen im Stammpersonal der Armeen eher gering war, denn dazu waren professionelle Gauner und Vaganten einfach zu unzuverlässig, zu schwer zu disziplinieren und zu kontrollieren. Das war Unteroffizieren und Offizieren wohl auch bekannt. Die Zwangsrekrutierung von fahrendem Volk oder von Gefangenen war eher ein Notbehelf.
    Eine improvisitäre Maßnahme, die allerdings vorkam, besonders wenn durch lange dauernde Kriege auf entlegenen Kriegsschauplätzen das Potenzial an Menschen ausgeschöpft war und Werbeoffiziere dadurch unter Druck gerieten. Die Mehrzahl der Soldaten stammte aus der bäuerlichen Bevölkerung, und durch das nach preußischem Vorbild in vielen deutschen Ländern eingeführte Kantonatsystem ließ sich ein hohes Maß an sozialer Kontrolle garantieren. Aus Rücksicht auf Familienangehörige und Nachbarn, die man bei Desertion sozusagen in Sippenhaft nahm und haftbar machte, ließen sich Desertionen auch auf weit entlegenen Kriegsschauplätzen auf ein Minimum beschränken. Bei den Hessen und anderen Söldnern im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg war sie, gemessen an den Belastungen und Entbehrungen, die man den Soldaten abverlangte doch relativ gering, jedenfalls weitaus geringer, als man vermuten könnte. Die Erwartungen der Amerikaner Hessen und andere deutsche Söldner zur Desertion oder zum überlaufen zu motivieren, wurde in vielen Fällen enttäuscht, auch wenn tatsächlich eine Menge Soldaten unfreiwillig zum Militär gekommen war. Die meisten der in Hessen geworbenen Soldaten ging, weil sie eben mussten. Viele von ihnen entwickelten im Laufe der Zeit durchaus so etwas wie Korpsgeist und Anhänglichkeit zu den Kameraden, von denen viele das gleiche Schicksal teilten. "Schließlich ärgerte ich mich nicht weiter. Wo so viele durchkommen, wirst auch du es schaffen", schrieb Seume in seiner Autobiographie. Die Truppe wurde für viele Soldaten zu einer Art Familienersatz.
     
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  2. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Werbung lief in den Armeen des Ancien Regime ziemlich ähnlich ab:

    Als eigentliche Werber fungierten in der Regel Offiziersränge, die von ihrem Landesherrn mit einem Werbepatent ausgestattet wurden, das ihnen erlaubte, selbstständig Rekruten anzuwerben. Diese Werbeoffiziere stellten aus mehreren Soldaten Werbetrupps auf, die unter Leitung eines Unteroffiziers standen, der mit einem Werbepatent ausgestattet wurde. Die ersten Kontakte zwischen Rekruten und Werbern wurden meist in einschlägigen Lokalen geknüpft. War ein Kontakt hergestellt, begannen die Verhandlungen über die Dauer der Dienstverpflichtung und die Höhe des Handgeldes.
    Die Höhe des Handgeldes richtete sich nach dem Verhandlungsgeschick des potenziellen Rekruten, nach seinem Alter, seiner physischen Konstitution und Körpergröße und ob er über Vorkenntnisse verfügte und schon in einer Armee gedient hatte. In der Regel wurde neben dem Handgeld auch ein Vorschuss auf den Sold dem Bewerber bar ausgezahlt, der den Werbertrupp in die Garnison begleitete. Dort wurde der Rekrut vom Garnisonsarzt auf Tauglichkeit untersucht und dem Kompaniechef vorgestellt. Mit diesem schloss der Rekrut dann die Kapitulation, den Dienstvertrag. Nach Erledigung dieser Formalitäten wurde der Rekrut zum Auditeur oder Beeidigungskommissar gebracht, der ihm einige Fragen zur Person und zu den Umständen der Werbung stellte, um festzustellen, ob die Werbung freiwillig oder unter Gewalt und Zwang erfolgt war. Es wurde auch genau geprüft, ob der neue Rekrut sich nicht schon bei einem anderen Regiment hatte anwerben lassen, um das Handgeld doppelt zu kassieren. Endeten die Befragungen und Nachforschungen befriedigend, musste der neue Rekrut den Soldateneid auf den Landesherren leisten. Mit Verlesung der Kriegsartikel war die Werbung abgeschlossen, und der Rekrut unterstand ab sofort dem Militärstrafrecht. Er bekam seine Montur samt Ausrüstung und bezog ein Quartier.

    Die Gründe, sich anwerben zu lassen, waren vielfältig: Abenteuerlust, Neugier, materielle Not, Schulden, Existenzprobleme, Angst vor Strafen, (Familien)Tradition u. a.
    Der Gastwirt Caspar Wettlaufer schickte seinen Sohn Herrmann zum regiment Ditfurth, in dem er selbst gedient hatte, und ähnlich verfuhr Johann Heinrich Siegner, der seinen Sohn nach Kassel in sein ehemaliges Regiment schickte.
     
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  3. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Der sogenannte Soldatenhandel war Ende des 17. Jahrhunderts und im 18. keineswegs eine Garantie für einen Anbieter tatsächlich ein gutes Geschäft zu machen. Es galt gut zu kalkulieren und zu organisieren. Landgraf Karl I. von Hessen-Kassel, der seine Truppen an die Venezianer, Großbritannien die Generalstaaten der Niederlande und einige andere Mächte, darunter auch ein Kontingent an Schweden vermietete, musste bei einem seiner ersten Subsidienverträge draufzahlen. Gewinn erwirtschaftete Karl erst, als seine Regimenter sich bereits auf mehreren Kriegsschauplätzen ausgezeichnet hatten und damit für Interessenten attraktiv geworden waren.

    Um attraktiv für Mieter zu sein und zu bleiben, war ein Territorium, das sich als "armierter Reichsstand" etablieren und behaupten wollte, gezwungen, aufzurüsten. Die Landgrafschaft Hessen-Kassel dürfte im 18. Jahrhundert 300-350.000 Einwohner gehabt haben und leistete sich ein stehendes Heer von mehr als 15.000 Mann. Im Verhältnis zur Einwohnerzahl war das eine enorme Menge, und Hessen-Kassel hatte, gemessen an der Einwohnerzahl sogar noch mehr Soldaten, als Preußen. Eine solche Armada ließ sich aus der Wirtschaftskraft der eigentlich relativ strukturschwachen Region Nordhessen nicht finanzieren. Die Landgrafschaft wurde so abhängig von Subsidien. Die Schattenseiten der Politik der Landgrafen zeigten sich im Siebenjährigen Krieg, als Hessen Aufmarsch- und Kriegsgebiet wurde. Marburg und Kassel wechselten beide ein Gutes Dutzend Mal den Besitzer. Die zahlenmäßig starke hessische Armee stand zur Verteidigung der Landgrafschaft nicht zur Verfügung, sondern stand unter dem Herzog von Braunschweig am Rhein und an der Weser. Der Erbprinz (Friedrich II.) galt intern nicht zuletzt wegen seiner Konversion zum Katholizismus als "unsicherer Kantonist". Nur in der Schlacht von Wilhelmsthal hatte er ein größeres Kommando, ansonsten residierte er, kaltgestellt in Braunschweig und widmete sich militärischen Spielereien, die von Großbritannien großzügig finanziert wurden. Als Wilhelm VIII. starb, war aber das Misstrauen gegen den neuen Landgraf so groß, dass Prinz Ferdinand von Braunschweig ein hannoversches Bataillon in Kassel stationieren ließ, da er Friedrich zutraute, die Allianz zu wechseln und Kassel den Franzosen zu übergeben. Hessen-Kassel blieb dann aber im britischen Lager, und es wurden die Subsidien noch über die Kriegszeit hinaus weitergezahlt.


    Berichte über Übergriffe der Werber und illegale Praktiken bei der Werbung, die bis zu offener Gewalt und Kidnapping reichten, sind zahlreich. Statistiken über gewaltsame Werbung und Übergriffe sind natürlich nicht zu erwarten. Ich denke aber, dass man im Großen und Ganzen eher damit rechnen kann, dass es bei der Anwerbung der meisten Armeen zumindest formaljuristisch mit rechten Dingen zuging. Nackte, willkürliche Gewalt, Kidnapping auf fremdem Territorium verursachte einfach zu viel böses Blut. Es gab Beschwerden, Prozesse, Verwicklungen mit Anrainerstaaten, auf deren Wohlwollen etwa bei der Zusammenarbeit im Kampf gegen das Bandenwesen oder bei der Auslieferung gesuchter Delinquenten/Deserteure man womöglich mal wieder angewiesen war und die sich bei passender Gelegenheit "revanchierten", den eigenen Werbetruppen das Land verboten, den Truppendurchmarsch verweigerten oder beim nächsten Bettelschub unerwünschte Zeitgenossen, Bettler und Gauner im eigenen Territorium entsorgte.

    Den schlechtesten Ruf hatte Preußen, und von preußischen Werbern sind vor allem Übergriffe bis zum Kidnapping überliefert. Diese Übergriffe erwiesen sich aber auch als schwere Hypothek, etliche Territorien wie Hannover verboten Preußen das Land, und wenn einer Armee ein allzu schlechter Ruf vorauseilte, musste das den Werbern die Arbeit erheblich erschweren, zumal wenn sie in Gegenden mit vielen benachbarten Herrschaften werben mussten. Um eine geordnete Werbung zu garantieren, war die Einhaltung zumindest von elementaren Spielregeln notwendig. Das heißt, es musste zumindest äußerlich der Schein der Rechtmäßigkeit aufrecht erhalten werden.
    Gewaltsame Werbung war u. a. in Hessen verboten und wurde durchaus auch bestraft. Allerdings war der Druck auf Werbeoffiziere sehr hoch. Nur wenn ein Werber auch genau die exakte Zahl an Rekruten auf Garnison ablieferte, bekam er den Auftrag bezahlt.
    So wie es zahlreiche Berichte über betrügerische oder gar gewalttätige Werber gab, gab es auch zeitgenössische Fälle von Rekruten , die sich mehrfach anwerben ließen, um das Handgeld zu kassieren. Der Druck auf die Werber war groß, besonders wenn die Nachfrage nach Soldaten größer wurde, als das Angebot.
    Ich halte inzwischen Seumes Bericht, der in Vacha (Thüringen) von hessischen Werbern zwangsrekrutiert wurde im wesentlichen für glaubhaft und authentisch. Seume, der sich viel zugute hielt dafür, dass er keinen Tabak nahm und sehr wenig Alkohol trank, war sicher nicht der Typ, sich abfüllen und dann zwangsrekrutieren zu lassen. Seume hatte nichts gegen das Militär und war nach abgebrochenem Theologiestudium auf dem Weg zur Artillerieschule von Metz. Sein Studienbuch, die einzige Legitimation, wurde ihm zerrissen. Seume schreibt in seiner Autobiographie schließlich habe er sich nicht weiter geärgert und sich getröstet damit, wo so viele andere durchkommen, werde auch er nicht umkommen.
    Jedenfalls konnte Seume sein Schicksal kaum ändern, und wie viele andere hat er sich mit seinem Schicksal arrangiert. Nach tagelangem Marsch über Kassel kam Seume in Ziegenhain an. Nach den Umständen der Werbung gefragt, wird Seume wie andere Rekruten angegeben habe, er sei freiwillig Soldat geworden. Im Rekrutendepot Ziegenhain und anderen Garnisonsstädten wurden Rekruten in mehrere Klassen eingeteilt. Je nach Einteilung hatten Rekruten mehr oder weniger Rechte, durften in Begleitung von Unteroffizieren oder allein die Kaserne verlassen, um ein Wirtshaus aufzusuchen oder mussten in der Kaserne bleiben.
    Mehr oder weniger offene Gewalt und physischen Zwang anzuwenden, wie es bei Seume anscheinend geschah, konnten sich Werber aber kaum erlauben, solange die örtlichen Obrigkeiten nicht bereit dazu waren, Übergriffe zu dulden. Im Unabhängigkeitskrieg ließ sich der Truppenbedarf aus der Landgrafschaft selbst kaum mehr decken, und Hessen-Kassel rekrutierte bevorzugt in Thüringen und vor allem in der freien Reichsstadt Frankfurt, wo die Obrigkeit anscheinend wohlwollend das Treiben der hessischen Werber begleitete.
     

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