In meinem Falle: Was man halt mit Altmetall so macht.
Man schmeißt es weg?
Nordhessen war eigentlich immer schon ein recht armer Landstrich, bäuerlich geprägt. Arme Bauern sind aber bauernschlau, und sie werfen erst dann etwas weg, wenn sie hundertprozentig sicher sind, dass sie es wirklich nicht mehr brauchen können.
Bis sich ein Nordhesse dazu entschließen kann, das "aale Gelerr" wegzuschmeißen, da muss schon die Welt gehörig aus den Fugen geraten, und selbst dann wird er sich nur schwer davon trennen können, denn man weiß ja nie, was noch kommt und ob man es nicht doch noch gebrauchen kann.
Meine Großeltern hatten eine Büste vom Führer. Meine Oma das war nun wirklich keine Nationalsozialistin, auch keine Nordhessin. Sie stammte aus dem Sauerland, aber dort ist man genauso praktisch gesonnen.
Mein Großonkel war Ritterkreuzträger. Er hatte als Feldwebel den Orden für die Einnahme einer Höhe bekommen. Mit der Dotation feierte er seine Hochzeit, ein legendäres Bachanal, von dem man noch lange sprach. Er gehörte zu den wenigen Ritterkreuzträgern mit relativ geringem Dienstrang, die den Krieg überlebten.
Vielleicht hatte es jemand den Amis gesteckt, dass auf diesem Hof ein "Ritter" wohnte. Er selbst war noch in Kriegsgefangenschaft, und meine Großtante versteckte die belastendsten Devotionalien im Misthaufen, zusammen mit einer wunderschönen Parabellumpistole und einer Mauser 1914.
Die Amerikaner erwiesen sich als faire Sieger, Frauen, Kinder, Fahrräder und selbst das Familiensilber waren völlig vor ihnen sicher. Dafür waren sie mindestens so heiß auf Nazi-Devotinalien wie die nordhessischen Eingeborenen scharf waren auf Nylons, Nescafe, Kaugummi und Camel.
Auf dem Hof meines Großonkels wurden sie so richtig glücklich gemacht. Die Parabellum fanden sie nicht, auch nicht die kleine Mauser, aber dafür Christbaumkugeln mit Hakenkreuzen, einen HJ-Dolch und viele andere schöne Dinge aus dem Reich der Finsternis.
Anscheinend haben sie den Miniatur-Adolf vergessen über all den schönen anderen Funden.
Meine Oma erzählte immer, dass sie kamen als finstere Krieger mit der MPI im Anschlag, und sie gingen wie fröhliche Kinder, die soeben weihnachtlich beschert wurden.
Oma war der Ansicht, dass Adolf ihre Bibliothek vor Verwüstung bewahrt habe. Es kamen Währungsunion, Wiederbewaffnung, der Kalte Krieg und die Wiedervereinigung.
In all den bewegten Jahren hat sich meine Oma nie entschließen können, ihn wegzuschmeißen. Als eine Erinnerung an ein bizarres Abenteuer blieb er.
Wo genau er sich jetzt befindet, weiß ich gar nicht mehr sicher, aber irgendwo muss er noch sein, denn auch meine Eltern waren Nordhessen, und sie konnten sich nie entschließen, das wirklich belastende "aale Gelerr" wegzuschmeißen, denn man weiß ja nie.
Auch ich bin Nordhesse, und auch ich halte die Traditionen meines Volkes heilig. Man weiß nie, ob man es nicht doch eines Tages noch gebrauchen kann.